Die Frene Welt

Nr. 34

( Fortsetzung.)

A

Illustrirte Unterhaltungsbeilage.

m nächsten Tage gleich nach der Vesper, wäh rend Beret Klöften im Ruhstall beschäftigt war, glitt Agestin lautlos auf Sti durch den Birkenwald. Wenige Sekunden darauf flog er in voller Fahrt schräg durch ein Wegloch, drehte geschickt nach und sezte seinen Weg nach Osten fort. Hin und links wieder schoß er durch eine Oeffnung im Zaun, glitt schräg über ein Feld, arbeitete sich mühsam die An­höhen empor und gelangte in den Fichtenwald. Er wollte auf den Flyberg, wollte sich selbst überzeugen, ob es wahr sei, daß der große Berggeist dort oben im Mondscheine mit seinen Jungfrauen tanze. Ab und zu sah er sich um, ob Niemand ihm folge, aber der Wald war einsam, Niemand folgte ihm, und Niemand begegnete ihm. An demselben Vormittage war Schnee gefallen, keine Spuren waren zu ent­decken, der Wald war wie ausgestorben.

Beim Dunkelwerden erreichte er den Hof Fly, der wie der letzte vorgeschobene Vorposten der Kultur schon halb im Hochgebirge lag. Die armseligen kleinen Häuser waren fast ganz eingeschneit. Auf dem Hof­play stand ein ruppiger Gaul mit aufgelegtem Ge­schirr und stahl Heu aus dem Futtersack, der in einem ausgespannten Schlitten lag.

Agestin schnallte seine Sti ab und stellte sie gegen die Hauswand, stampfte den Schnee von seinen Stiefeln und stieg die aus hohen unbehauenen Steinfließen ge­bildete Treppe des Wohnhauses hinan. Er wollte sich hier wärmen und ausruhen, bis zum Mond­aufgang hatte er noch Zeit. Ohne anzuklopfen ging er in die Küche. Randi Fly, eine große rothhaarige Frau, hob gerade den Kaffeekessel vom Herd, auf dem ein helles Feuer loderte. Er blieb an der Thür stehen und nahm die Müße vom Kopfe.

Gott segne die Arbeit," sagte er.

" Ich danke," erwiderte Nandi und musterte den Angekommenen. Du bringst wohl Nachrichten vom Thale ?"

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" Jawohl. Ich bin Agestinus Klöften und komme von Solhaug."

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,, Bist Du der kleine Agestin?" Nandi schlug verwundert die Hände zusammen, fast hätte ich ge­glaubt, daß ich einen Erwachsenen vor mir habe." " Ja, der bin ich," sagte Agestin und steckte selbst­bewußt die Hände in die Hosentaschen.

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Wie alt bist Du denn jezt, mein Junge?" Vierzehn Jahre."

O nein, ist nicht möglich. Du wurdest doch in demselben Jahre geboren, als ich heirathete, und das ist erst zwölf Jahre her."

Agestin fühlte, wie das Blut ihm in die Wangen schoß, er war froh, daß kein anderes Licht vorhanden war als das unstät aufflackernde Feuer auf dem Herde.

Zwei Menschen..

Roman von H. Fries- Schwenzen.

,, Du wirst Dich wohl verrechnet haben, Randi," sagte er, und, um auf ein anderes Thema zu kommen, fuhr er rasch fort: Habt Ihr hier oben bei Euch nicht unsere gelbe Stute gesehen? Sie ist uns forts gelaufen, mußt Du wissen."

,, Ach nein, ist sie fortgelaufen?"

1898

nachdenklich geworden. Der starke Kaffee und der schlechte, billige Branntwein thaten bald ihre Wirkung. Wie flüssiges Feuer durchströmte es seine Adern.

" Ich habe die gelbe Stute von Solhaug doch mal gesehen," sagte Nandi, ich dachte, sie wäre Ja, und nun hat Knud Solhaug mich geschickt, so ein gutes Thier?" sie zu suchen." Gut? Ja gut ist sie- sie wie der Teufel!"

,, Nein, ich habe sie nicht gesehen. Schade, daß Hans nicht zu Hause ist, er kommt erst gegen Abend wieder. Seze Dich, Agestin, Du trinkst doch eine Tasse Kaffee?"

Der Knabe segte sich auf eine hölzerne Bank. Etwas Warmes könnte nicht schaden," sagte

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er und schlug die Hände gegen einander.

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Es ist gerade keine günstige Tageszeit, die Du gewählt hast, um hier oben auf dem Berge Deine Stute zu suchen," bemerkte Randi." In einer halben Stunde ist es dunkel." Sie warf einen fragenden Blick auf den Knaben.

,,, der Mond wird wohl gegen Acht aufgehen." Der Mond? Du willst doch den Gaul nicht bei Mondschein suchen?"

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Warum nicht? Ich denke, wir bekommen noch Nordlicht dazu."

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Du bist wohl nicht ganz bei Trost, Junge! Wenn es nun Schneegestöber giebt, und Du verfehlst den Weg?"

,,, ich laufe ja nicht so weit."

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" Nein, das thu um Gotteswillen nicht." Sie zündete ein Talglicht an und stellte es auf den Küchentisch.

,, Hast Du denn etwas Proviant mitgenommen?" Nein."

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Soll ich Dir ein Paar große Butterbrote schmieren, die Du in die Tasche stecken kannſt?"

" Ja, ich danke. Nandi that es und stellte dann zwei Tassen auf den Tisch, hob den Kessel vom Fener und goß den brühwarmen Kaffee in die Tassen. Ein gutmüthiges Lächeln glitt über ihre Züge, während sie den zwölfjährigen Knaben auf­merksam betrachtete.

" Wärst Du nicht ein reines Kind, würde ich Dir einen Schnaps anbieten, damit Du Dich für Deine Fahrt stärken könntest."

Das kannst Du doch thun," erwiderte Agestin überlegen und streckte die Beine von sich. Sie sah ihn lächelnd und doch besorgt an, füllte aber schließ­lich doch ein Spizglas mit Branntwein und ſegte es dem Knaben vor. Er trant es mit einem Schluck aus.

Zum ersten Male trank er Branntwein. Seine Augen füllten sich mit Thränen, aber geschickt stüßte er den Kopf in die Hand, als wäre er plößlich

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denn rennen kann

" Ach, was Du sagst, aber wie willst Du sie nun einfangen, wenn sie so riesig rennen kann?" Agestin erhob sich mit glühenden Wangen.

Wie ich das thue? Pah, Kleinigkeit- wenn ich auf Ski renne, wette ich mit Dir, daß ich das Rennthier einhole."

" Das wäre! Nun, dann wird es Dir ja eine leichte Arbeit, wenn Du nur auf der rechten Fährte bist."

" Ja, das bin ich; ein Wegarbeiter, den ich unten im Walde traf, erzählte, daß er sie auf dem Fly- Berg gesehen hatte. Uebrigens ist es zu arg, was diese gelbe Mähre uns Burschen auf Solhaug zu schaffen macht."

,, Uns Burschen?" rief lachend die Bäuerin. Wie sagtest Du? Uns Burschen?"

Ja, das sagte ich," erwiderte Agestin troßig, ich bin ebenso stark wie die Anderen, und was die Stute betrifft, so kennst Du sie eben nicht! Reiten fann sie einer außer mir.

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Nandi schüttelte lachend den Kopf und verließ die Küche, aber Agestin ging mit langen mannhaften Schritten auf und ab. Dann ging er an das Fenster. Die heiße Stirn gegen die Scheibe gedrückt, beobachtete er, wie das Nordlicht draußen auf der Schneefläche spielte. Ob es nicht bald Zeit wäre? Randi Fly hatte gemeint, es sei gefährlich pah! Er sollte wohl am Ende noch umkehren- jezt, nachdem er der Frau allerlei von seinem Muth und seiner Geschick­lichkeit vorgeprahlt hatte? Sie hatte ihm seine Ge­schichten nicht geglaubt, hatte ihn ausgelacht. Er griff nach seiner Müze und schritt auf die Thür zu, da wurde dieselbe geöffnet und Randi trat herein.

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Höre, ich will Dir was sagen, mein Junge," sagte sie in mütterlich besorgtem Ton, Du bist hier mein Gast, und ich kann nicht erlauben, daß Du von hier fortgehst, um im Mondschein auf dem Berge herumzuirren. Bleibe Du ruhig die Nacht hier, morgen früh magst Du dann Deine Stute suchen." Geht nicht, muß noch vor Tagesanbruch zu Hause sein."

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Aber das ist ja ganz unmöglich!" rief sie. All ihre Vorstellungen halfen nichts, Agestin war nicht zu überreden. Er nahm Abschied, schnallte die Schneeschuhe wieder an und setzte seinen Weg fort.