Die reue Welt
Nr. 49
( Schluß.)
Illustrirte Unterhaltungsbeilage.
sschneite. Die fleinen, trockenen Schneeflocken wirbelten vor dem Haupteingang der kleinen Kapelle, in deren Mitte ein kostbarer, von Blumen ganz bedeckter Sarg aufgebahrt stand. Alle Glocken der Stadt läuteten. Viele schwarz gekleidete Menschensaßen längs der mit Tannengriin geschmückten Wände. Viele standen um den Sarg; einige in aufrichtiger Trauer, andere bemüht, sich den Anschein zu geben, als ob sie trauerten. Viele Blumen wurden gebracht. Zwei schwarz gekleidete Damen und eine Frau vom Begräbnißbureau hatten vollauf zu thun, die ankommenden Kränze in Empfang zu nehmen, die an hnen befestigten Karten abzunehmen, die Blumen auf dem Sarg anzubringen und die Karten in eine kleine Urne zu legen. Die Urne war schon voll, und noch immer wurden Kränze gebracht. Es tamen immer mehr Menschen, alle waren sie weiß von Schnee, den sie vor der Kapelle abklopften oder von den Regenschirmen schüttelten.
Im Hintergrunde der Kapelle stand noch ein Sarg; es war ein roh gezimmertes, ärmliches, nur flüchtig mit schwarzer Farbe getüinchtes Brettergehäuse. Ein einziger Kranz schmückte den Deckel. Da waren feine schwarz gekleideten, leise sprechenden Menschen, keine Karten, feine Urne nöthig. In einer dunklen Ecke saß eine barmherzige Schwester; sie schien die einzige Leidtragende zu sein.
Die Beerdigung der beiden Todten war zu derselben Stunde angesagt. Ein ganz junger, dürftig gekleideter Geistlicher wartete auch schon im Hintergrunde; er sollte die Zeremonie bei der Beerdigung des Armen verrichten. Aber der andere Prediger war noch nicht da, und es war nicht daran zu denken, den Armen hinaus zu tragen, ehe der Reiche fort war. Der junge Geistliche mußte auf seinen älteren, mehr begünstigten Bruder im Amte warten.
Da kommt durch's Schneegestöber ein junger Mann, der einen Kranz trägt. Er bleibt vor der Kapelle stehen, etwas verwundert über die große Anzahl von Menschen. Dann erblickt er in dem Dann erblickt er in dem Gewühl einen Bekannten.
11
Wer wird hier begraben?" fragt er leise und zeigt auf den mit Blumen reich geschmückten Sarg. , Wissen Sie das nicht?... Ich denke, Sie kommen zur Beerdigung?"
"
, Gewiß komme ich zur Beerdigung, aber sagen Sie mir doch, wer liegt da?"
" 1
-
Zwei Menschen.
Roman von H. Fries- Schwenzen.
Der Gefragte legt den Zeigefinger auf die Lippen:„ Hyß.. man weiß es nicht genau. Er war ganz gesund, als er am Mittwoch Abend zu Bette ging, aber auf dem Nachttisch vor seinem Bett fand man am Morgen eine geleerte Morphiumflasche.
W
1898
möglich? Was wollte sie hier und wie kam sie zu dem Kleid? Er war hierhergekommen, um der armen Lovisa das letzte Geleit zu geben, und kaum hatte er die Kapelle erreicht, so folgte eine Ueberraschung der anderen. Welch' eigenthümlicher Zufall, dies mit Großhändler Danielsen!... Der Gesang der Chorknaben drang durch die schneeArne Bing schüttelte den Kopf:" Sie ist in schwere Luft von seinem Grabe zu ihm herüber; er Paris ... mit Peter Lie."
" Ah! Ist Frau Babbi hier?"
Agestin fragte nicht mehr, er wußte genug. Jezt kam der Prediger mit eiligen Schritten. Er ging in die Kapelle, gefolgt von Denjenigen, die vor dem Eingang gestanden hatten. Auf ein Zeichen des geistlichen Herrn sette ein Choral, von zahlreichen Chorknaben gesungen, ein. Darauf hielt der Prediger eine lange Rede. Man sah weiße Taschentücher in Bewegung, hörte das Schluchzen einiger Frauen. Die Herren nahmen die Hüte ab: der Prediger ertheilte den Segen der Kirche. Noch ein Choral wurde gesungen. Dann faßten acht Männer den Sarg und trugen ihn aus der Kapelle, Männer den Sarg und trugen ihn aus der Kapelle, gefolgt von der zahlreichen Schaar. Als der lange Zug an Agestin, der während der Zeremonie vor der offenen Thür gestanden hatte, vorbei war, ging er in die Kapelle und entdeckte jetzt erst den zweiten Sarg, an dem außer sechs Leichenträgern nur der junge Pastor und eine barmherzige Schwester standen. Er grüßte die Anwesenden, doch ohne sich ihre Gefichter genau anzusehen; ein Pastor und eine barmherzige Schwester, das waren so ganz indifferente Personen, eine Amtstracht und eine Ordenstracht, nichts war natürlicher als das. Er legte seinen Kranz auf den Sarg und stand einen Augenblick der Schwester gegenüber. Auf ihr von dem schwarzen Tuch und der weißen Binde der Ordenstracht eingefaßtes Gesichtsoval fiel ein schwacher Lichtschimmer. Agestin glaubte eine Vision zu haben. Die Schwester da vor ihm... War eine solche Aehnlichkeit möglich?
Unterdessen hatte der Prediger schon sein Gesangbuch geöffnet und mit wohlflingender Stimme einen bei Begräbnissen üblichen Psalm zu singen begonnen. Als der eine kurze Vers zu Ende war, faltete er die Hände und betete ein Vaterunser, worauf die sechs Männer den Sarg anfaßten und zur Kapelle hinaustrugen. Der Prediger lud die Der Prediger lud die Schwester durch eine Handbewegung ein, neben ihm zu gehen und schritt mit ihr den Männern nach. Agestin ging hinterdrein. Er befand sich in einer äußerst aufgeregten Stimmung. Soeben meinte er eine Vision gehabt zu haben. Die Schwester, die Schwester!... War es nicht Ragnhild? Allerdings hatte die Ordenstracht, die nicht das ganze
„ Unser Freund, der Großhändler Danielsen." Agestin sieht sich betroffen im Streise um und entdeckt mehrere bekannte Gesichter; er wechselt hier einen stillen Gruß, dort einen Händedruck und zieht sich wieder durch den Haupteingang zurück. Da draußen steht Arne Bing. Er geht auf Gesicht frei ließ, ein bestimmtes Erkennen erschwert. Woran starb Herr Danielsen?"
ihn zu.
"
Und doch war sie es!... Aber wie war das nur
sah das zahlreiche Gefolge sich schwarz von der weißen Landschaft abheben. Welch' sonderbarer Gegensatz zwischen diesen zwei Beerdigungen und doch doch welche Uebereinstimmung! Dort hatten die Menschen Alles aufgewandt, was nur in Menschenmacht liegt, um dem Verstorbenen die lezte Ehre zu erweisen; hier hatte man nichts gethan, und doch war der Eine nicht besser und nicht schlechter daran, als der Andere. Beide sollten sie zehn Fuß unter die Erde, das war das Einzige, was er mit Bestimmtheit wußte....
Die Leichenträger bogen vom Wege ab und wateten durch den lockeren Schnee zwischen lauter Grabhügeln bis an eine gähnende Grube, über der zwei verschneite Bretter und zwei Taue lagen. Der schwarze Sarg war in den wenigen Minuten weiß geworden. Die Zeremonie war bald zu Ende. Der junge Geistliche drückte den zwei Leidtragenden die Hände und ging fort, Agestin und die barmherzige Schwester zurücklassend. Sie standen, Giner an jeder Seite der gähnenden Deffnung, und sahen einander sprachlos an, tief ergriffen von dem Ernst des Augenblicks. Agestin betrat zuerst den Rand des Grabes, unmittelbar darauf that Ragnhild es auch von ihrer Seite. Dann reichten sie einander schweigend die Hände über dem offenen Grab.
,, Auf ewig," sprach er mit gedämpfter Stimme. " Auf ewig," fliisterte sie.
XXIV.
An der östlichen Seite des Fjords, nur zehn Minuten Eisenbahnfahrt vom Ostbahnhof, liegt das liebliche„ Baekkelaget", eine Ansammlung von Villen, Pensionaten, Sanatorien und Miethshäusern, die den steilen Berg emporklettern. Von Jahr zu Jahr wächst ein neues Haus empor, das über das leßtgebaute hinweg sich reckt. Hoch oben auf dem Berge, in der offenen Thür einer kleinen Hütte, die früher einem armen, buckeligen Schuster gehörte, steht Ragnhild und beschattet mit der Hand die Augen; die Abendsonne steht tief und scheint ihr gerade in's Gesicht. Sie schaut nach ihrem Mann aus; schon vor einigen Minuten hat sie sein vergnügtes Jodeln gehört, dasselbe Jodeln, dem sie einst auf der Solhaugalpe lauschte, wenn er den steilen Gebirgspfad zu ihr emporkletterte. Jezt war sie sein Weib, seit vier Monaten. Sie