Die reue Welt
Nr. 51
( Schluß.)
Bllustrirte Unterhaltungsbeilage.
C.
o gingen sie des Weges, Hans und der Geselle, Einer hinter dem Anderen, über die Brücke, durch das Neue Thor und die Straßen entlang. Vor dem Schloß nahm der Bauer den Hut ab und befreuzigte sich, in der Meinung, es sei die Kirche. Vor dem Bernhardinerkloster hätte ihn beinahe ein Omnibus überfahren.
In den Straßen Lärm, Wagengerassel, Menschengewühl. Dem Einen wich Hans aus, die Anderen hätte er beinahe über den Haufen gerannt, so daß er Angst bekam, durchgeprügelt zu werden. Schließlich war es ihm ganz wirr im Kopfe und er verlor den Gesellen aus den Augen.
„ Herr!... Herr!..." schrie er, verzweifelt durch die Straßen jagend. Jemand hielt ihn auf, indem er sagte:„ Still, Du Hund, hier darf nicht geschrieen werden!"
„ Ist mir doch mein Herr verloren gegangen!" " Was für ein Herr?"
„ Ein Maurergeselle!"
" Auch ein Herr! Wohin willst Du denn?" Dorthin, wo ein Haus gebaut wird!"
"
"
Was für ein Haus?"
Ein solches... aus Ziegeln!" entgegnete der Bauer.
" Ist das ein Dummkopf!... Sieh' mal, auch hier wird ein Haus gebaut... auch da... und dort!"
" Ich sehe ja garnichts!"
Man faßte ihn an der Schulter und begann ihm die Häuser zu zeigen., So sieh' doch, hier wird ein Haus gebaut... dort ein zweites!"
"
" Aha, aha!" sagte Hans und ging auf das lettere los, um nicht die Straße hinüberlaufen zu missen. An Ort und Stelle angelangt, fragte er nach dem Gesellen. Da er ihn hier jedoch nicht antraf, ward ihm ein anderes Haus gezeigt. Aber auch hier wußte man nichts vom Gesellen Franz, und der Bauer mußte unverrichteter Sache weiter gehen.
So hatte er viele Straßen durchwandert und viele angefangene Bauten gesehen. Bei letzteren stellte er sich die Frage: Wo wohnen denn die Leute, denen die Häuser erst gebaut werden missen?
Nach und nach hatte er sich von der inneren Stadt entfernt. Der Straßenlärm nahm ab, die Passanten wurden seltener, Wagen waren fast keine mehr zu sehen. Desto größer aber wurde die Zahl der Geriiste, der Ziegelhaufen und der rothen Mauern.
Der Bauer, der die Hoffnung, den Gesellen zu finden, bereits aufgegeben hatte, dachte nunmehr an die Suche nach Arbeit.
Er trat in den ersten Neubau, den er traf, ein, stellte sich unter die Arbeiter und schaute zu. Zuweilen mengte er sich in's Gespräch oder verrichtete
Der dumme Hans.
Von Boleslav Prus.
irgend eine Dienstleistung. Dem Einen half er beim Ziegellegen, dem Anderen reichte er den Stübel, und Denen, die anstrichen, sagte er, daß es nicht so gemacht werde, sondern anders. Und das zeigte er so anschaulich, daß er den Meister von oben bis unten bespriẞte.
1898
Haus schwieg still und der Schreiber fuhr fort: , Du Bauernliimmel! Glaubst Du etwa, ich hätte Dich betrogen?"
"
" Nein, aber...
"
“
Nun wohl, folge mir auf die Polizei, und dort will ich Dir schwarz auf weiß zeigen, daß Du ein
,, Was treibst Du Dich hier herum, Du Tölpel?" Dieb, ein Landstreicher bist!" fragte ihn der Schreiber.
„ Ich suche Arbeit, Herr!"
" Hier giebt's feine für Dich!"
,, Wenn's jetzt keine giebt, dann vielleicht später, und den Herrschaften kann's nicht schaden, wenn ich ein Wenig mithelfe!"
Der Schreiber, ein Pfiffifus, merkte gleich, daß der Bauer nicht nach Geld roch. Er zog Büchlein und Bleistift hervor, begann zu streichen, zu rechnen und nahm schließlich Hans auf. Die Leute sagten, daß er an dem neuen Arbeiter extra zwanzig Groschen täglich verdiene.
Auf diesem Bau blieb der Bauer bis zum Herbst. Er starb nicht Hungers, zahlte nichts füir's Nachtlager, aber kaufte sich auch nicht ein Paar Stiefel. Sein einziges Vergnügen bestand darin, sich am Sonntag kannibalisch zu betrinken, und einmal grade als er im Zuge war, etwas zum Besten zu geben Besten zu geben noch vor Beginn der„ Vorstellung" hinausgeworfen zu werden.
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Der Bau schoß in die Höhe. Noch war das Innere nicht fertig und schon wurde das Dach gedeckt, die Fenster mit Glas versehen, ja, die Leute fingen bereits an einzuziehen.
Gegen Ende September begann das Regenwetter. Die Arbeit ward unterbrochen und den Gesellen ge= fündigt, unter ihnen befand sich auch Hans.
Unter dem Vorwande, ihm bei der Schlußrechnung die ganze Summe einzuhändigen, hatte ihm der Schreiber allwöchentlich etwas vom Lohne abgezogen. Als es aber zur Auszahlung kam, da merkte der Bauer, trotzdem er des Lesens und Schreibens nicht kundig war, daß er betrogen werde. Er bekam nämlich nur drei Rubel, während ihm fünf gebührten.
Hans nahm das Geld, zog die Müze, kratzte sich hinter den Ohren und trat dabei von einem Fuß auf den anderen. Der Schreiber war so sehr in sein Buch vertieft, daß er erst nach geraumer Weile den Bauer gewahr wurde und ihn in strengem Tone anfuhr:„ Nun, was hast Du hier noch zu schaffen?"
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" Ich glaube... Herr... Mir scheint... ich sollte mehr bekommen." stotterte der Bauer. Krebsroth vor Zorn ging der Schreiber auf ihn los und ihn vor die Brust stoßend, schrie er:„ Hör' mal, hast Du einen Paß? Wer bist Du eigent lich? He?!..."
Durch den Gedanken an Paß und Polizei auf's Höchste beunruhigt, sagte Hans:„ Mag mein Schaden dem Herrn Schreiber zu Gute kommen!" und ver= ließ den Bau. Und da es auch den Herrn Schreiber nicht sonderlich zur Polizei hinzog wo er übrigens gut bekannt war, so war Hans mit dem bloßen Schreck davon gekommen.
Aber wie einsam und verlassen fühlte er sich jetzt. Er durchwanderte Straße für Straße, überall vorsprechend, wo sich nur rothe Mauern und aufgeschlagene Gerüste blicken ließen. Doch die Arbeiten waren entweder schon vollendet oder schritten der Vollendung zu, und so oft er fragte, ob man ihn da oder dort nicht aufnehmen wolle, nirgends würdigte man ihn einer Antwort.
So schleppte er sich einen Tag nach dem anderen hin, überall den Schußleuten ausweichend, aus Furcht, um den Paß befragt zu werden. Warmes Essen konnte er nicht finden, und so lebte er von Blutwurst, Speck, Brot, Häring, und löschte seinen Durst mit Branntwein.
So hatte er schon einen Rubel ausgegeben, ohne etwas Gutes genossen zu haben. Er schlief hinter Zäunen und sehnte sich nach menschlicher Gesellschaft, denn er hatte mit Niemandem zu reden. Plößlich kam ihm der Gedanke, ob es nicht besser wäre, nach Hause zurückzukehren, und er fragte die Vorübergehenden, wo die Eisenbahn sei. Ihren Angaben folgend fam er wohl zu einem Bahnhof, aber es war nicht der richtige. Er erblickte eine große, belebte, mit vielen Häusern umgebene Station, doch ohne eine Spur von Eisenbahnschienen in der Nähe. Das verwirrte und erschreckte ihn, und er wußte nicht, was mit ihm vorgehe, bis schließlich irgend eine mitleidige Seele ihm erklärte, es gäbe noch andere Bahnhöfe, aber hinter der Weichsel .
Jezt erinnerte er sich, daß er schon einmal iiber die Brücke gegangen war. Er übernachtete in einem Graben und fragte am anderen Morgen nach dem Wege zur Brücke. Man erklärte ihm genau, wo man geradeaus, wo nach links oder nach rechts gehen müsse, und wo einzubiegen sei. Er merkte sich Alles, ging und bog ein, kam auch wohl zur Weichsel , fand jedoch keine Brücke.
Er kehrte daher zur Stadt zurück. Zu seinem Unglück begann es zu regnen. Die Leute suchten Schu's unter den Regenschirmen und wer keinen hatte,