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W 19,

Nr. 16

( Fortsetzung.)

Bllustrirte Unterhaltungsbeilage.

Dilettanten des Lebens.

ena hatte wohl den Lärm, das Krachen im Atelier ihres Mannes gehört; einen Augen­blick fam ihr der Gedanke, hinüberzugehen und zu fragen, was geschehe. Aber sie war müde und matt; eine starre Gleichgültigkeit lähmte ihre Glieder und machte ihr schon das Aufstehen vom Play, wo sie nun einmal saß, lästig. Das war jezt immer so.

Sie hatte ja auch so wenig zu thun. Frau Allenstein kam alle Tage, stöhnte über die Treppen und ihre Angegriffenheit; aber sie fam doch. Sie führte den Haushalt; am ersten Oktober war Grete abgezogen, Frau Allenstein hatte die neue Magd in's Haus gebracht, eine Unschuld vom Lande, die mit schweren Schuhen trappste, nichts verstand und Alles hinwarf.

Aber sie war ehrlich und ließ sich von Frau Doktor willig kommandiren.

Es war eine ungemüthliche Eriſtenz. Täglich war das Fleisch angebrannt und die Suppe ver­falzen. Bredenhofer's empfindlicher Hals litt dar­unter, er hörte auf zu essen, aber Lena sagte nichts. Sie hatte ja nichts mehr im eigenen Haushalt zu

befehlen.

"

"

Wie kannst Du Dir das gefallen lassen?" jammerte Frau Langen. Diese unverschämte Frau! Sie herrscht ganz und gar, sie kommandirt nicht nur das Mädchen, sie kommandirt Richard, sie kommandirt Dich! Da hört Alles auf entsetzlich, traurig!"

" Ja, traurig," sagte Lena eintönig. Laß nur, Mutter, laß sie nur; mir ist Alles egal."

Frau Allenstein behandelte die Schwägerin, wie man ein unmindiges Kind behandelt, das noch dazu trant ist. Sie sagte: Liebe Lena, laß Dieses, laß Jenes, Du verstehst es nicht, mein Kind; ich mache das schon!" Und dann rauschte sie in die Küche, gab Anweisungen und regierte- bis in's Zimmer hörte Lena jeden Ton der scharfen Stimme und fuhr zusammen und kam mit hochrothen Wangen wieder herein und ließ sich erschöpft in die Sophaecke fallen. Zuweilen auch strich sie Lena über's Haar; diese erschauerte jedesmal unter der Berührung der kalten Finger. Frau Allenstein hatte der Schwägerin ge­reizte Ausfälle nicht nur verziehen, nein auch ver­geffen.

"

Richard zuliebe," wie sie sagte, denn was bermag die Liebe nicht?"

" 1

Susanne's Nerven bedurften der Abwechselung. Es war ihr etwas Neues, im Hause des Bruders 3 wirthschaften; sie that es mit Gifer und regte fich gern über Kleinigkeiten auf. Sie gewann die Schwägerin ordentlich lieb, die ihr diese Emotion verschaffte und selbst so still in ihrem Sessel tauerte. Der alte, leberbezogene Sessel aus dem Eltern­hause, der war Lena's Lieblingsplatz. Da fauerte

Noman von Clara Viebig .

sie auch heute, hatte die Wange an das Seitenpolster geschmiegt und hielt die Augen geradeaus gerichtet. Frau Allenstein war heute schon dagewesen, die kam nicht wieder! Sie hatte das Mittagessen eingerichtet und einen ganzen Pack Besorgungen mitgebracht. Lena wäre gern ein wenig ausgegangen und hätte in den hübschen Läden kleine Einkäufe gemacht; aber erstens bedachte schon Frau Allenstein das Nöthige, und zweitens hatte sie selbst gar kein Geld, nicht eine einzige lumpige Mart. Gestern schon hatte sie Richard um Geld gebeten, vorgestern und vorvor­gestern gestern er hatte sie vertröstet. Und die Mutter mochte sie nicht mehr bitten.

"

-

Du brauchst ja auch nichts, liebe Lena," hatte die Schwägerin gesagt, Du siehst ja, ich sorge für Alles. Ich werde mit Richard schon abrechnen."

Lena langweilte sich; sie gähnte und rang dann die Hände ineinander. Die Handarbeit, die unbenugt auf ihrem Schooß gelegen, fiel zur Erde; sie merkte es nicht. Sollte sie singen? Ach nein, ach nein! Seit dem Erlebniß mit Lavallo, seitdem man ihr so schnöde die frohe Hoffnung genommen, war ihre Stehle vertrocknet, ihre Stimme vergangen wie eine Blume, der man das Wasser entzieht.

" Ich weiß garnicht, warum Du nicht singst?" hatte Susanne gemeint. Du könntest Dir dadurch so hübsch die Zeit vertreiben."

"

Lena ballte die kleine Hand zur Faust .0" und ließ sie schwer niederfallen. Singensingen!" Sie lachte, ihre Stimme hatte den Klang einer un­geschickt berührten Violine. Ich soll singen? Ich kann nicht mehr!" Sie schittelte traurig den Kopf, ihre Augen starrten nicht mehr mide und traum­verloren geradeaus, ein Strahl des Hasses glomm in ihnen auf. So blickt ein Thier, das man tritt, das nicht Kraft hat, sich zu wehren.

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, Arme Lena', fauchte der Wind im Schornstein Die Jalousien und stieß seltsame Slagetöne aus. ratterten. Immer flang's:, Arme Lena arme'! Die junge Frau schauderte; wie ein furchtsames Rind hob sie beide Hände an die Ohren. Arme Lena," sagte auch sie.

Es hallte in dem einsamen Zimmer wider und fam als böses Echo aus jeder Ecke zurück. Arme Lena', fnarrte der alte Sessel. Und im Ticken der Uhr waren die gleichen Worte.

Es war nicht mehr zu ertragen! Lena stand auf; langsam, fast widerwillig, und doch mächtig angezogen, näherte sie sich dem Flügel. Jene Worte betäuben, andere Klänge heraufbeschwören- Hülfe, Hülfe, Musik!

Gebrochen ließ sie sich auf den Klavierstuhl fallen; ihre Hände legten sich schwer auf die Tasten. Wie lange hatten die Finger hier nicht geruht!

1899

Afford auf Afford ertönte, sanfte, wehmuthsvolle Klänge. Aus den Tasten stiegen heimliche Klagen und reihten sich aneinander zu einer langen, langen Kette. Als Geiſterreigen tauchte es auf aus dem Nebel der Vergangenheit; die Mädchenstunden kamen, winkten und schüttelten dann traurig die Häupter sie waren zu Ende, vorbei für immer. Andere Er­innerungen famen und gingen im wechselnden Spiel; glückselige Hoffnungen, bittere Enttäuschungen die Hoffnungen enteilten, die Enttäuschungen blieben. Aus Lena's Augen flossen Thränen, ste rannen nieder auf die Klaviatur.

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Dunkler wurde es in der Stube. Draußen flog die Dämmerung vorbei und lullte Alles ein. Un­gewiß schimmerten nur noch die Umrisse der schlanken Frauengestalt, immer weicher und träumerischer wurden die Klänge. Jezt lenkte das Spiel in eine bekannte Melodie.

Lena's Lippen öffneten sich; die ersten Töne entrangen sich ihrer Kehle, unsichere Laute, durch­zittert von tiefster innerer Bewegung.

Daß Du so frank geworden, Wer hat es denn gemacht? Kein kühler Hauch aus Norden Und feine Sternennacht.

Kein Schatten unter Bäumen, Nicht Gluth des Sonnenstrahls, Kein Schlummern und fein Träumen Im Blüthenbett des Thals

Lena hielt erschreckt inne.

"

" Singe weiter," sagte plößlich eine Stimme.

In der Thür stand ihr Mann; in der Dämme­rung konnte sie sein Gesicht nicht erkennen, sie hörte nur seine halbgeflüsterten Worte, die einen eigen­thümlich gepreßten Klang hatten.

Sie drehte den Kopf wieder ganz nach der Tastatur.

,, Daß ich trag' Todeswunden, Das ist der Menschen Thun ; Natur ließ mich gesunden

Sie lassen mich nicht ruhn."

Zu einer schneidenden, durchdringenden Wehklage hob sich die Frauenstimme; fort der verschleiernde Hauch, flar wie Krystall, in unverhüllter Deutlich­feit, jeder verschönernden Weichheit bar, steigerte sich der Ton. Es war eine Auflage, herausgeschleudert mit einer wilden, heftigen Verzweiflung:

"

" Daß ich trag' Todeswunden, Das ist der Menschen Thun"

Lena!" sie hörte den Nuf nicht. Geächzt, gemurmelt starb das Lied:

Sie lassen mich nicht ruhn."

Von der Thür her ein erstickter Laut. Der Sängerin sanken die Hände matt in den

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