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Die Seue Welt

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( Fortsetzung.)

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Illustrirte Unterhallungsbeilage.

Celestyne.

Novelle von Jan Lier. Autorisirte Uebersetzung aus dem Böhmischen von Franta Hájek.

elestyne blieb mit dem Ingenieur allein. Eine Weile schien es, als überlegte sie, ob sie nicht auch aufbrechen und den Kindern folgen sollte. Inzwischen schlief jedoch Frau Chladek wirklich ein, und ihr Troubadour, der Rechnungsführer, schloß sich den Kleinen an, jagte und tollte mit ihnen, dabei alle ihre Schritte mit überängstlicher Aufmerksamkeit be­wachend. Die Kinder waren somit in guter Hut. Celestyne verblieb auf ihrem Plaz und versank in Gedanken. Eine leichte Wolfe lagerte sich auf ihrer Stirn, und die Lippen, wie im erwachenden Selbst­bewußtsein oder Troze, schlossen sich fester. Der Ausdruck warmer Erregung und aufrichtiger Mit­theilsamkeit, der ihr Antlik so lieblich belebte, ver­schwand.

Der Ingenieur erröthete, und in seinen Augen glühte es heiß auf, als er die Entfernung all' der läftigen Zeugen wahrgenommen. Kaum fünfzig Schritte von ihnen, liefen zwar die Kinder herum, und seitwärts in Rufweite schlummerte Frau Chladek, und dennoch fühlte sich der junge Mann hier in der berlassenen Ruine inmitten der mittaglichen, todten Stille so einsam und mit dem Mädchen allein, wie auf einem Schiffchen im Meere.

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Den Gipfel aller Triibsal erreichte die hiesige Gegend unter Wenzel IV. ," sezte der Ingenieur das angefangene Gespräch fort, allerdings nicht in der Absicht, bei dem Thema lange zu verweilen. lag ihm nur daran, einen llebergang zu finden, welcher ihm ermöglichte, dasjen'ge hervorzubringen, was seine Brust zum Sprengen erfüllte. In jener Zeit, wo der Fürst der abtriinnigen Vasallen und hochgeborenen Strauchritter im Königreich, mein Namensvetter ruhmilosen Andenkens, Herr Mikesch Baul von Oftredet, die Burg Duba und die be­nachbarte Komorni Hradek an sich riß...

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und als der Erzbischof Zbynek von Hasen­burg mit dem föniglichen Heere die Gegend über­schwemmte, den Zaul belagerte und die Burgen wieder zuriick eroberte wollen Sie wahrscheinlich sagen." Erlauben Sie, mein Fräulein, daß ich wieder­holt bekenne, wie mir die Aufmerksamkeit, mit der Sie meinen begleitenden Text gelesen haben, über alle Maßen schmeichelt. Es ist wohl möglich, daß die königlichen Söldner hier eben so unmenschlich gehauft haben, wie die räuberischen Horden selbst, immerhin aber haben sie hier Ordnung geschaffen und das Volk befreit.

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Wovon denn, mein Herr? Oder huldigen Sie der Ansicht, daß der geraubte Sklave frei wird, wenn man ihn dem sogenannten rechtmäßigen Herrn zurück giebt? Ich vermuthe, daß der Tyrann Zaul dem Volke gleich lieb war wie die Tyrannen aus

dem Geschlechte der Duba. Und wer weiß, ob nicht vielleicht noch lieber, denn die Räuber pflegen mit dem armen Volke, in dessen Mitte sie leben, gute dem armen Volke, in dessen Mitte sie leben, gute Kameradschaft zu halten. Herr Mikesch Zaul wurde gehenkt, weil er die Güter Gleichgestellter gebrand­schatzt hatte. Hätte er sich an dem gemeinen Volke vergriffen, Niemand hätte ihn daran gehindert. Auch die Geschichte würde heute nichts mehr davon wissen, und Herr Mitesch fonnte ein reines Epitaph haben, sogar Messen wären für ihn als den Seligen ge­lesen worden, wenn er ein Kloster gestiftet hätte."

Zum Dessert geben Sie wohl dem Obst den Vorzug," bemerkte der Ingenieur, Celestyne das Körbchen mit dem Obst hinreichend, indem er selbst ein Stückchen Käse nahm.

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Herr Zaul, sind Sie nicht unachtsam?"

, Gott bewahre, Fräulein! Ich suche nur Ihre Aufmerksamkeit auf die Gegenwart zu lenken, da ich es für unrecht halte, wenn Sie sich ausschließ­lich mit der Vergangenheit und den allgemeinen Interessen befassen.

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Wollen Sie mir erlauben, Ihnen zu gestehen, wie ich Ihre Verdienste hochschäze? Ich bin gerne aufrichtig, und heute ich weiß selbst nicht, was mich dazu treibt, heute drängt sich mir geradezu heute drängt sich mir geradezu die Wahrheit auf die Zunge, reine, scharfe, unge­schminkte Wahrheit..

,, Und gewiß auch schöne Wahrheit! Aus Ihrem Munde kann eine andere garnicht fließen."

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Sie werden für Ihre Schmeicheleien sofort bestraft werden, wenn ich Ihnen sage, daß Sie mehr als unachtsam ja, daß Sie frivol sind. Sie sind ein ebenso gemeinschädlicher Mensch, wie es Ihr Vor­fahr gewesen."

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1899

Doch laffen wir solche Muthmaßungen bei Seite. Der Grund für meinen Ausspruch liegt in Ihrer persönlichen Thätigkeit, welche der Unternehmer von jeher, auch in meiner Gegenwart, nicht genug rühmen kann, zu welcher Sie sich mit Stolz bekennen und die Sie auch zu einem würdigen Repräsentanten des Namens Zaul stempelt. Ich hörte schon so Vieles von Jbnen, leider nichts Gutes. Wundern Sie sich nicht, daß ich gegen Sie eingenommen bin und daß ich mit Ihnen spreche, wie mit einem alten Bekannten, gleich zum ersten Male mit solch' einer bewußten, absichtlichen... sagen wir Rücksichtslosigkeit. Ist doch die Wahrheit immer rücksichtslos. Auch haben Sie es mir erlaubt, sie zu sagen, von mir Alles herunterzuwälzen, was mich gleich bei unserem Zu­sammentreffen in Adalchin drückte, mich erregte und gegen Sie immer mehr aufbrachte."

Ich bin am Ende meiner Fähigkeit, Sie zu verstehen, angelangt."

Sie werden mich gleich verstehen.... Erinnern Sie sich, daß Herr Mitesch Andere auspliinderte und sie zum Danke dann noch todtschlug. Gestehen Sie sich selbst, daß Sie, im Grunde genommen, dasselbe thun, nur mit dem Unterschiede, daß Ihr hoch­geborener Vorfahre den Raub selbst behielt, während Sie, dazu gedungen, es für einen Anderen verrichten?" " Ich diene treu meinem Herrn. Wollen Sie es mir zum Vorwurf machen?"

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Ja. Sonst zehrte aus der robottenden Mensch­heit die Aristokratie, jezt thun es die" Brotgeber". Sie haben vorhin ganz richtig die eisernen Kassa­schränke als die modernen Burgen bezeichnet. In solch einer Burg sind Sie der bezahlte Burgvogt, der erste Diener. Aus den in der Burg verwahrten Schäßen warfen Sie eine Hand voll Brosamen aus, als Lockspeise für die hungrigen Parias, deren ein­ziges Gut ihr Magen ist, für den sie im Schweiße ihres Angesichts sorgen müssen. Beißen sie nun auf die ausgeworfene Lochspeise an, so erweisen Sie ihnen die Gnade, ihre Arbeit anzunehmen. Diese Arbeit verwandelt sich in Werthe, welche Sie ihren Händen entwinden und sie in der Burg Ihres Herrn auf­speichern. Aus dem Ertrage ihrer Arbeit gönnen Sie ihnen zur Erhaltung ihres Lebens so viel, als geniigt, um sie den Hunger nicht allzusehr fühlen zu lassen, die bequemste Peitsche, die sie immer wieder unter Ihr Joch treibt und den arglosen Gemüthern noch Lobgefänge erpreßt, welche sie zu Ihrem Ruhme anstimmen. Und hat Ihr Herr einmal genug, so jagt er Sie und die Anderen fort, mit dem Nathe: Gehet hin und suchet Euch einen anderen Herrn, der sich durch Eurer Hände Arbeit ernähren läßt, sucht Each eine andere Kasse, die sich aufschließt, um die Früchte Gurer Arbeit aufzunehmen."

" Fräulein beliebt zu scherzen," lachte verlegen der Ingenieur. Sie sagen da mit ernster Wiene einen Scherz, ein Wortspiel, dessen scheinbare Spize an der Rüstung meiner Unschuld abbricht. Ich heiße wohl Zaul, aber so weit das Gedächtniß meines Vaters, der ein Töpfer, meines Großvaters, der ein Kirchendiener war, und des Urgroßvaters, der ein Schneider gewesen, reicht, stamme ich keineswegs von dem blauen Blute des hochgeborenen Strauchritters." Das Gedächtniß Ihrer Väter reicht nicht sehr weit zurück; in der Beschreibung von der Burg Duba sagen Sie, daß Herr Mitesch Zaul mit seinem Bruder Johann hingerichtet wurde und daß die königliche Kammer ihre Giiter konfiszirte. Es ist somit nicht erwiesen, daß sie keine Nachkommen hinterlassen hätten. Und diese Nachkommen können leben, ver­armt, ohne Prädikat und Familien- Chronik noch heute, und Sie können einer von ihnen sein, viel­leicht ein diretter Aguat des Herrn Mitesch."

Ich dan e für den Stammbaum."