Einzelpreis 70 Heller. ( Einschließlich 5 Heller Porto)

Sozialdemokrat

Jentralorgan d. Deutschen sozialdemokratischen Urbeiterpartei i.d.Tschechoslowakischen Republik

12. Jahrgang.

Erscheint mit Ausnahme des Montag täglich früh.

Redaktion u. Verwaltung: Prag II, Relájanta 18 Telepb.: 26795, 31469, Nachtredakt.( ab 21 Uhr): 33858 Boltfcedamt: 57544

Zum 1. Mai 1932.

Gamstag, 16. April 1932

Nr. 91.

Genossinnen und Genossen! Arbeiterjugend!

Jnmitten der größten Wirtschaftskatastrophe, die die Geschichte kennt, rufen wir euch zur Feier des 1. Mai, zur Feier des Kampf- und Festtages der Arbeit auf.

Eine fürchterliche Wirtschaftskrise erschüttert die Welt, eine Krise der Industrie und der Landwirtschaft. Zu Füßen der Trümmer der alten Burgen, der Denkmäler des ehe­maligen Feudalismus, sehen wir heute stillgelegte, geschlossene Fabriken als Denkmäler des verfallenden modernen Kapitalismus. Die letzten drei bis vier Generationen der Menschheit haben Zeiten einer bewunderungswürdigen Entwicklung der Wissenschaft und der Technik durchlebt, deren Ergebnis zur Vervollkommnung des Produktionsprozesses ver­wendet wurden. Siegreich ist der Kapitalismus von Erfolg zu Erfolg geschritten, ange­trieben von den Kräften der ungeheueren Revolution in Industrie, Landwirtschaft, Handel und Verkehr, im Verkehr zwischen den Nationen. Nach dem Weltkrieg hat sich das Tempo dieser Entwicklung noch beschleunigt.

Aber das innere Bewegungsgesetz des Kapitalismus führt immer wieder von der Konjunktur zur Krise.

Auch nach der letzten stürmischen Entwicklung hat sich die Krise eingestellt, eine umso wil­dere Krise, je größer der fapitalistische Fortschritt war. Der Sturm, welcher die Welt­wirtschaft erfaßt hat, reißt die Behaujungen der armen Menschen ebenso nieder wie die Bankpaläste und Herrschaftssiedlungen. Der reiche Segen, der uns durch die moderne Zivilisation gebracht werden könnte, verwandelt sich in Verwüstung und Vernichtung. Anstatt des Jubels über den Erfolg menschlichen Geistes hören wir das Weinen hum­gernder Kinder, verzweifelnder Mütter und den Rotschrei darbender Arbeiter.

Heute ist die Erkenntnis schon all gemein, daß der moderne Kapitalismus abge­wirtschaftet hat, weil er außerstande ist, seine Funktion als wirtschaftlicher Führer der menschlichen Gesellschaft zu erfüllen. Heute sprechen auch schon die Gegner des Sozialismus der Planwirtschaft in der Produktion das Wort, heute rufen auch schon Liberale, welche ehemals jeden Eingriff des Staates in die Produktion abgelehnt haben, nach Staatshilfe, und die ehemals stolze Bourgeoisie, die den Staat als ihren Diener angesehen hat, flopit heute an die Tore der Staatskassen und ist gewillt, ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Staate gegen staatliche Sanierung einzutauschen.

Genossen und Genossinnen! Arbeiterjugend!

Das ist nicht unsere Krije, das ist ihre Krise, die Krise der anderen! Das ist die Krise der Vertreter der kapitalistischen Ordnung, der Gegner des Sozialismus! Das ist eine Krije, für welche jene die Verantwortung tragen sollen, welche die politischen Bar­teien geführt oder unterstützt haben, die auf dem Boden des Privatfapitalismus stehen und den Kampf geführt haben gegen uns Sozialdemokraten, die gegen den Marrismus kämpfen, der vor acht Jahrzehnten schon aufgedeckt hat, daß die kapitalistische Wirtschafts­ordnung naturnotwendig begleitet wird von periodischen Krisen und daß sich einmal eine derartige Krije einstellen wird, aus welcher es für die alte Welt des Kapitalismus feine Rettung geben wird. Wenn diese Krise der fapitalistischen Ordnung nicht begleitet wäre von einem so ungeheuren Leid der arbeitenden Menschen in Stadt und Land, könnten wir Sozialdemokraten aus ihr die Genugtuung ableiten, daß unsere so oft verhöhnten, durch Verleumdung und Ignoranz bekämpften Grundsäße sich bewahrheitet haben.

Die heutige Wirtschaftskrise stellt außerordentlich schwere und strenge Ansprüche an alle von ihr betroffenen Staaten. Aber troßdem wird der Weg zur gegenseitigen Hilfe, nicht beschritten, sehen wir, daß auch noch heute alle Versuche zur Herstellung eines inter­nationalen Einvernehmen über die Abrüstung, über engeres wirtschaftliches Zusammen­wirken der Nationen stocken und scheitern. Das Ansehen des Völkerbundes sinkt wegen seiner Unfähigkeit bei der Ausgleichung der Konflikte zwischen den Staaten.

Die Abrüstungskonferenz, die im Feber dieses Jahres durch so beachtenswerte Rundgebungen und Anträge eingeleitet wurde, ist über die Anfangsformalitäten hin­weg zu feiner Arbeit gekommen, die die Hoffnung auf ein günstiges Ergebnis recht­fertigen würden.

Von der Idee einer wirtschaftlichen Annäherung der europäischen Nationen sind wir heute weiter entfernt, als an dem Tage, an dem diese Idee zum ersten Male ausge­sprochen wurde. Die ganze Welt ist noch zerrüttet durch die Folgen des Weltkrieges und troydem ist ein Einvernehmen über die Abrüstung nicht zu erzielen. Die Nationen sollen weiter stöhnen unter den militärischen Lasten, die heute um 70 Prozent höher sind als vor dem Kriege, es sollen weiter 26 Millionen Soldaten im aktiven Dienst und in der Reserve gehalten werden und es sollen die Staaten, welche durch die gegenwärtige Strije verarmt sind und in den finanziellen Verpflichtungen, die aus dem Weltkriege entstanden sind, zu ertrinken drohen, weiter 200 Milliarden Kronen jährlich für Militärzwecke auf­bringen! Die Diplomaten der tapitalistischen Regierungen, die Militärs, die Kapi talisten der Rüstungsindustrie und die Armeelieferanten wehren

sich dagegen, daß sich die Nationen verbrüdern und daß die Regierungen den feierlich unterschriebenen Akt über den Völkerbund, nach welchem alle Konflikte zwischen den Staaten auf friedlichem Wege geregelt werden sollen, endlich zur Grundlage ihrer Politik machen und ebenso den gleich feierlich unterschriebenen Kellogg- Pakt, durch welchen der Krieg als Verbrechen abgelehnt wird und durch welchen sich die Staaten des Krieges als eines Mittels ihrer nationalen Politik entschlagen.

Genossinnen und Genossen! Arbeiterjugend! Es wird feine Krisen, es wird keine Rüstungen, es wird keine Feindschaft zwischen den Natio­nen geben, wenn der Kapitalismus überwunden sein wird! Wenn wir nach Beseiti gung der Kriege rufen, müssen wir vor allem den Ruf nach Beseitigung des Kapita­lismus erheben, denn so lange der Kapitalismus besteht, wird es Kriege geben. Wenn wir nach Beseitigung der Krise rufen, müssen wir vor allem den Ruf nach Beseitigung des Kapitalismus erheben, denn so lange der Kapitalismus besteht, wird es Krisen geben, die seine ureigenste Krankheit darstellen. Wollen wir den Kapitalismus besei­tigen, dann müssen wir eine starke Sozialdemokratie in allen Staaten haben. Eine starke Sozialdemokratie auch in der Tschechoslowakei ! Eine einheitilche Arbeiterbewegung mit dem Programm der Sozialdemokratie, erfüllt mit sozialistischer Erkenntnis, mit Kampilust und gegenseitigem Vertrauen!

Seit mehr als vier Jahrzehnten manifestieren wir am 1. Mai für den Weltfrieden und für die Verbrüderung der Nationen. So wollen wir es auch im heurigen Jahre halten. Wir wollen nach Genf den Ruf nach einer erfolgreichen Arbeit der Abrüstungs­fonferenz senden, wir wollen unsere brüderlichen Grüße den mit uns fämpfenden Arbei­tern, den Mitgliedern der sozialistischen Arbeiter- Internationale senden. Wir rufen auf zum Stampfe gegen die Militaristen bei uns in der Tschechoslowakei , gegen jene, welche den fort­schrittlichen Reformen der Armee, der Herabsetzung des Budgets des Ministeriums für Nationale Verteidigung, der Verkürzung der Militärdienstzeit, die unter unserem Drucke gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt in den gefeßgebenden Körperschaften verhandelt wird, widerstreben! Wir werden sowohl den Widerstand der Militaristen gegen diese Bestrebungen brechen, als auch den Widerstand der Aktienbesitzer unserer Waffenfabriken und Armee­lieferanten, welche ihre Erwerbsinteressen mit patriotischen Phrasen verdecken und sie durch Verbreitung einer Kriegspsychose unterstüßen.

In diesem Zeichen feiern wir heuer den Arbeiterfeiertag, den 1. Mai! Durch eine große Teilnahme an den Maiveranstaltungen unserer Parteien werdet ihr auch euere Zu­stimmuung mit dem Vorgehen der Sozialdemokratie auf unserem heimischen politischen Kampfplatz, auf dem Boden der republikanischen Demokratie aussprechen. Die Partei führt schwere Kämpfe mit den bürgerlichen Koalitionsparteien über die Richtung der Staats­politif, über ihren sozialen und Friedensch arakter, über die Gesetzwerdung der Vorlage über die Vierzigstundenwoche, über die sozialpolitischen und Schuh­gesetze für die Arbeiter, über die Erfüllung der Verpflichtungen des Staates und der Industriellen gegenüber den Arbeitslosen, über den Schutz der kleinland­wirte und Häusler, die unter Zinsen, Steuer- und Pachtlasten zusammenbrechen, um den Schutz der Kleingewerbetreibenden, über den Ausbau der Kon­trolle in den Banken und die Tätigkeit der Kartelle, um die Verminderung der Krise durch Investitionen im Staate und in den Selbstverwaltungskörpern, um die Be­Ia stung der Vermögenden und nicht des Volkskonsums durch neue Steuern, unt Regulierung der Preispolitik für Gegenstände des menschlichen Bedarfes, um günstige Sandelsverträge.

Je mächtiger die Unterstüßung der sozialdemokratischen Parteien durch die Volksmassen sein wird, um so mehr und wirkungsvoller werden die Parteien durch ihre Vertreter in der Regierung und in den gesetzgebenden Körperschaften ihre Pflicht zu erfüllen vermögen!

Sammelt euch am 1. Mai unter unsere roten Fahnen! Schreitet Seite an Seife mit uns in den sozialdemokratischen Kundgebungen, manifestiert mit uns in Versamm­lungen für die Forderungen der Arbeiterklasse und für eine neue sozialistische Gesellschaft, die so lange vielen nur Utopie schien und die heute als einziger, wirklicher und endgültiger Ausweg aus der schweren, mit fapitalistischen Methoden unlösbaren wirtschaftlichen Krise erkannt wird! So rufen wir euch zu: Vorwärts! Vorwärts, heran an die Fahnen der Sozial­demokratie in der Tschechoslowakischen Republik, heran an die Fahnen des inter­nationalen Sozialismus! Vorwärts für die Befreiung der arbeitenden Klaffe, für den Aufbau einer neuen Ordnung auf den Trümmern des kapitalistischen Systems!

Es lebe der 1. Mai! Es lebe die Sozialdemokratie! Es lebe die Sozialistische Arbeiterinternationale!

Prag am 12. April 1932.

Der Parteivorstand der deutschen und der tschechoslowakischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei