Einzelpreis 70 Seller.

Einschließlich 5 Seller Porto)

Zentralorgan d.Deutſchen ſozialdemokratischen Arbeiterpartei i.d.Tſchechoslowakischen Republik.

13. Jahrgang.

Erscheint mit Ausnahme des Montag täglich früb.

Redaktion u. Verwaltung: Prag II, Nekázanka 18 Telepb.: 26795, 31469, Nachtredakt.( ab 21 Uhr): 33858 Boridedamt: 57544

Bedeutende deutsche Rundfunkrede Dr. Dérers:

Gamstag, 13. Mai 1933

Für Wahrheit, Arbeit und Duldsamkeit, für Volkstreue und Völkerverständigung!

Der tschechoslowakische Schulminister stellt der fascistischen Gewaltkonzeption die Konzeption der Humanität und Demokratie gegenüber!

Gestern hielt Unterrichtsminister Genosse Dr. Dérer im tschechoslowatischen Rundfunk eine deutsche Rede, die wohl vor allem an das judetendeutsche Volt gerichtet war, die aber auch für alle Nationen, die diesen Staat bewohnen, von größter Bedeutung ist und die zudem auch über die Grenzen dieses Staates hinaus größte Beachtung finden sollte. Wir veröffentlichen im Nachstehenden einen Auszug aus dieser Rede, der vor allem die allgemein gültigen Gedanken Dérers wiedergeben soll. Sowohl was er an die Adresse Deutschlands richtet, als auch die Schlußfolgerungen, die Dérer für die Tschechoslo­walei, für das Zusammenleben der deutschen mit der tschechischen Nation zieht, und insbe sondere seine Gedankengänge über die Aufgaben der deutschen Schule und Lehrer. schaft in diesem Staate, sind von höchster kultur- und allgemein politischer Aktualität. Wir verzeichnen diese Rede, auch wenn die eine oder andere Wendung nicht restlos nach unserem Sinne sein sollte, mit unverhohlener großer Freude über die aus ihr sprechende Gesamt­anschauung, die, gerade angesichts des Geschehens in Deutschland , alle demokratisch bewuß­ten Menschen in der Tschechoslowakei , welcher Nation immer fie angehören, mit tiefster Be­friedigung erfüllen wird.

Die Ereignisse in unserer Nach­barschaft haben der Politif ihren entscheiden. den Einfluß wieder zurüdgegeben. Nicht durch wirtschaftliche, reale, der Bernunft zugängliche, die Interessen und Bestrebungen afler in entspre chendem Maße berücksichtigende Erwägungen und Maßnahmen sollen die Gegenwartsprobleme der leidenden Menschheit einer Lösung zugeführt werden, sondern durch eine geradlinige, fompro­mißlose, auf dem Recht des Stärkeren basierende, die Interessen der Schwächeren mißachtende,

und wissenschaftliche Werke dem Scheiter­haufen überantwortet, der Geistesarbeiter nur deshalb verpönt, weil sie anderer Her funft sind, der alles, was nicht auf Grund mechanisch lasernierter Regel dem eigenen Bolfsstamme entspringt, für minderwertig, verwerflich, berachtungswert erflärt, der die Freundschaft und Verbindung eigenen Blutes mit dem Blute anderer Menschenrassen für volksfeindlich und als Verrat am eigenen Bolle deklariert, der Maffenhaß, religiöse Unduldsamkeit schon in die junge Kinder­seele hineintragen und die Jugend nicht zur Wahrheit erziehen will, sondern zur rüd­fichtslosen Förderung egoistischer Rassen­interessen, wenn notwendig, auch durch Fäl schung, Entstellung und Unterstellung hiſto­rischer Tatsachen.

alle Andersdenkenden und Andersfühlenden niedertretende politische Gewaltfonzeption. 3wei Konzeptionen fämpfen heute in Europa . Die eine, die die inneren und äußeren Schwierigkeiten der Staaten und Nationen durch rücksichtslose Gewaltanwendung in der inneren Politik meistern will, und naturge­mäß auch in der äußeren Politik Drohungen Als verantwortlicher Leiter des tschechoslowati und Strieg als die heiligsten Mittel des natio- schen Unterrichtswesens erfläre ich mit schärfstemt nalen Erivachens betrachtet. Nachdruck, daß ich nicht dulden werde, daß solch ein Geist der nationalen, religiösen und Rassen Unduldsamkeit in unsere Schulen einziehe.

Ein jeder Versuch, die Schule komenslys in eine Schule des Gewaltgeistes umzuwan­deln, wird mit den allerschärfsten Mitteln im Reime erstickt werden.

menschlichen Körpers durch die Krankheit des

Nr. 112.

Bergens ergriffen, fo gibt es faunt eine Rettung Wem dient der Venkov?

bor Siechtum und Tod. Durch den Widerstand der übrigen Organe kann aber auch das kranke Herz geheilt werden.

Die Mission des tschechoslowakischen Deutsch tums besteht im friedlichen Zusammenleben und Zusammenarbeiten mit dem tschechoslowakischen leicht 3eiten, wo diese Funktion der Grenzdent Bolte aus beiderseitigem Intereffe. Es gibt viel schen im Herzen des Gesamtvolles verkannt, mißdeutet, verurteilt werden. Es werden aber Zeiten fommen, wo die Gesamtnation nach er langter Selbstbesinnung, die Ausdauer und Nüchternheit der die Nachbarstaaten bewohnen­den Stammesgenossen rühmend und dankbar zur Kenntnis nehmen wird.

Der Koalition

oder dem Hakenkreuz?

Als Hitler am 30. Jänner 1933 sein Gratulanten, die über die Grenzen hinüber, Amt angetreten hatte, befand sich unter den dem neuen Diktator die Hand schüttelten, der Benkov", das Organ der Partei des ,, repu­blikanischen Landvolks", der größten Koali­tionspartei, der Partei des Ministerpräsiden ten der Tschechoslowakischen Republik. Das hat die politische Deffentlichkeit nicht einmal Die deutsche Schule der Tschechoslowalischen sonderlich überrascht, denn durch politische Republik muß sich bewußt sein dieser nationalen Weitsicht hat sich dieses Blatt, für das der Miffion jenes Boltsteiles, dem fic zu dienen hat Herr Senator Vraný als Chefredakteur im Sinne der großen Traditionen Goethes und

anderer, der ganzen Menschheit ergebener deuteichnet, von dem die Polititer erzählen, er scher Geistesheroen. Diese, des Deutschtums schreibe gute Romane und den höchstens die wahre Größe begründenden edlen Kulturwerte Romanschriftsteller als einen Politiker bezeich hochzuhalten, ist Pflicht und Schuldigkeit eines nen werden, niemals hervorgetan. Die politi­jeden Lehrers und Kulturarbeiters. Den Geist schen Grundsäße oder wenn man will die dürf­der Liebe, der Arbeit, der gegenseitigen tige Weltanschauung" des agrarischen Blat­Achtung und des gemeinsamen 3utes, läßt sich in einem Satze wiedergeben: fammenlebens zu fördern, ist auch gleidhm mer gegen die Sozialdemo bedeutend mit der Pflege der großen humanita tratie und das mit jedem Bundes­ren Traditionen des tschechoslowakischen Volkes und seiner Staatsideen.

Auf diese Weise vereinigt die deutsche Schule der Tschechoslowakei deutsches Volks- und tschechoslowakische Staatsinteressen. Eine Schule, die eines dieser Momente vertach lässigen würde, wäre nicht vereinbar mit den Interessen des Staates und des Volkes. Diefe Feststellung bezieht sich nicht mur auf Bolts, Mittel und Fachschulen. Sie hat Gel tung auch für die Krone alies Schulwefens, für die

Hochschulen.

genossen! Seit Jahren fann der Leser des Venkov" die Beobachtung machen, daß der Herr Vraný und seine Gehilfen mit liebe­voller Aufmerksamkeit das Rudé Pávo", das Blatt der Kommunisten lesen und von dort alles Gift beziehen, in das sie die Spitzen ihrer Pfeile tauchen, bevor sie diese gegen die Sozialdemokratie schleudern. Da erzählen uns immer die Agrarphilosophen, daß nur der Bauer, der auf seiner Scholle oder vielmehr der Agrarier, der auf seinem Restgut sißt, ein guter tschechoslowakischer Patriot sein fann.

Aus ihnen heraus sollte die wissenschaftliche Er Aber wenn es gegen die Sozialdemokratie fenntnis der wahren Lage und der wahren Begeht, dann nehmen die Asphaltagrarier, die dürfnisse des deutschen Volkstums der Tschecho in der Redaktion des Bauernblattes" sitzen, flowafischen Republik hineingetragen werden in Kommunisten und Hakenkreuzler brünstig in die weitesten Kreise des Volkes, immer betonend ihre Arme auf. Die Hitlerbegeisterung des und verbreitend, daß wahre Wissenschaft nie der Herrn Vraný fann sich nur deshalb nicht ganz Exklusivität und leberhebung, sondern immer nur den Ideen der Liebe, des Verstehens, der Verbindung, der Gemeinsamkeit dienen kann.

Um unser Schulwesen in diesem Sinne er halten und gestalten zu können, bedarf es der Mitarbeit und Hingabe der Seele der Schule, der Lehrerschaft.

austoben, weil die Hakenkreuzler Deutschlands die Lausitzer Serben, welche sich al schwächste Zweig der slawischen Völkerfamilie stets der Sympathie der Tschechen erfrent haben, in ihrer Existenz bedrohen und weil die Außenpolitik der Nazis gegen die Tschecho­jlowakei gerichtet ist. Wäre das nicht der ell, würde der Herr Vraný auf seinem Restgut vielleicht noch mit einem braunen Send be fleidet, an sonnigen Tagen in die blaue Luft gucken, dem Rauch seiner Zigarre die Form eines Hafenfreuzes geben und im übrigen ſtill vergnügt sein.

Die andere Konzeption, aufgebaut auch auf wirtschaftlichen Erwägungen, beseelt von dem großen Kulturgedanfent, das Gute, Schöne und Nüßliche wäre auch bei den Schwächsten und Unansehnlichsten der Menschen und Nationen zu finden und zu för­dern, hält die Gesundung der großen politi- Die Schule der Tschechoslowakei hat zwei schen, wirtschaftlichen, sozialen und moralischen Gedanken zu dienen: dem eigenen Wolfe Krise der Gegenwart nur durch Mittel der und dem eigenen Staate. Die deutsche gegenseitigen Verständigung, Ach- Schule der Tschechoslowakei hat zu dienen dent tung, Duldsamleit, Kultur, Demokratie eigenen deutschen Volke und dem eigenen tschecho Nicht nur in der Schule selbst, auch außer und Kompromisse für durchführbar. Slowakischen Staate. Lange Jahrhunderte leben halb derselben in öffentlicher und privater Be­Für die Tschechoslowakei fann es Tschechen und Deutsche nebeneinander, wenn tätigung. Es ist selbstverständlich, daß in einem nicht im geringsten zweifelhaft sein, welcher Ron- auch in stark wetteifernden, so doch. im Grunde demokratischen Staatswesen, wie es die Tschecho seption sie sich anzuschließen hat. Nicht das wirt genommen, in friedlichen Beziehungen. Seit slowakische Republik ist, im Rahmen der gelten schaftliche, flturelle und politische Autarkicprin- Jahrhunderten sind sie verbunden durch das ge- den Gesetze Freiheit der Ueberzeu sip, mit all seinen Auswüchsen und Gewalttätig meinsame Staatswesen und gemeinsame Landes gung gewährleistet bleiben muß. Die Schule iſt teiten, sondern die Befolgung des Grundsatzes organisationen. Diese Tatsachen können nicht aber nicht freies Betätigungsfeld für beliebige Wie viel treue Freundschaft das Herz der Notwendigkeit des demokratischen 3uverdrängt werden durch neugeschaffene, nicht Anschauungen und Ideen einzelner Lehrpersonen. jammenlebens, ist am meisten geeignet, eigenen Interessen dienende, fremde Macht und Der Geist der Schule muß bestimmt werden des Herrn Vraný für die Hafenkreuzler birgt, die Interessen der kleinen Völker und fleinen Raffenideologien. Die Lebens und Volksinter- durch das Staats- und Voltsinter troßdem die braunen Herren in Berlin nicht Staaten am besten zu wahren.

-

essen des sudetendeutschen Volkes sind in erster esse und nur in diesem Rahmen fann sich die sehr auf das Wohl der Č. S. R. bedach: sind, Linie bestimmt durch das tatsächliche, alltägliche, Freiheit des Einzelnen voll ausleben. Diesem lehrt eine Noti; im gestrigen Venkov", die Die Schule historischtraditionelle Zusammenleben mit dem Geiste muß der Lehrer treu bleiben auch in sei den jauchzenden Titel trägt: 20 bis 25 Pro­einer Nation kann sich natürlicherweise dem all- richechischen Bolte. Wer das deutsche Volk in der ner Betätigung außerhalb der Schule. Wer in zent der Mitglieder der deutschen Sozialdemo gemeinen Einflusse des Nationallebens nicht ent- Tschechoslowakei dem böhmischen Ganzen entrei seiner öffentlichen und privaten Betätigung dem ziehen. Die Schule ist ja dazu da, damit sie dem fen wollte, der verginge sich nicht nur an den staats- und demokraticfeindlichen Gewalts und tratie bei uns läuft zu den Hafenkreuzlern". Staate und der Nation selbstbewußte, tatfräf Staatsinteressen der Tschechoslowakei , sondern in Raffengeist huldigt, fann in der Schule nicht Darin wird erzählt, daß die Grenzfer", ins­tige, arbeitsfreudige Bürger und Mitglieder her nicht geringerem Maße auch an den Interessen Lehrer sein. Unsere Schule braucht ganze Leh besondere aus Teplitz und Reichenberg ( gleich­anzicht. Die Schule der Tschechoslowakei muß des deutschen Volksganzen. Nicht nur im Inter- ter mit voller Singebung. Mit der Singebung zeitig!) der Redaktion mitteilen, deutsche So­den großen Traditionen des tschechoslowakischen effe diefer Nachbarvöller, auch im Interesse des ihrer ganzen Seele für die Sache des Staates, zialdemokraten und zwar 20 bis 25 Pro­Volfes dienen. Diese Traditionen allein find im großen Millionen- Boltes ist es, daß die nachbar- der Demokratie und des Volkes. 3 wei Sergent, wie sie genau und gewissenhaft zählen ftande, ein friedliches Zusammenleben der Tiche- fichen Beziehungen in friedlicher und friedferti- zen wird und kann in der Tschecho choslowaken mit ihren Nachbarvöllern zu ermög- ger Weise abgewickelt werden. Das Verbleiben ilowakei nicht gedient werden. lichen und auf diese Weise den großen Gedanken von Deutschen in unserem Staate ist nicht nur Ich bin feft überzeugt, daß der überwiegende des Völkerfriedens dort zu verwirklichen, wo die Staatsinteresse der Tschechoslowakei , es ist auch Teil aller chrlich Denfenden unserer Republik Menschheit den Frieden am meisten braucht, d. ein Interesse der friedlichen Entwicklung Euro- cins ist mit mir in der Anschauung, i an jenen Stellen, wo viele, kleinere und grö- pas und es ist, und dies ist besonders zu be dak die Schule der Tschechoslowakei republi­fanisch und demokratisch bleiben muß, here Nationen zusammenfließen und Reibereien ionen, auch eine Notwendigkeit des Gesamt­und Streitigkeiten am leichtesten entstehen und deutschtums. In allen diesen Fällen handelt es fest ergeben der Staatsidee und den Volksnot. große Brände verursachen können. fich um Grenzdeutsche, die einesteils den etni wendigkeiten und Im Kampfe zweier wetteifernder und schen Kern des Gesamtvoltes zu schüßen haben, Europa zerspaltender Ideologien und Stonzep andernteils aber den Uebergang, die friedliche tionen, lann sich die Schule der Tschechoslowakei Zusammenarbeit mit den Nationen der Nachbar- Diese Bestrebungen müssen und werden wir mit nur in den Tienst jener ftellen, welche förderlich fchaft zu gewährleisten berufen sind. Würden aller Festigkeit weiter verfolgen und alle ent­find dem Geiſte der Stultur, der Völferverstän- diese Grenzdeutschen sich den jeweiligen wechseln gegengesetten Strömungen und Ver­digung, der Anwendung friedlicher Mittel bei den Strömungen des Volksganzen anpassen, so suche von der Schule strengstens fernhalten und Erledigung von Streitigkeiten im Innern und wäre das nicht nur Gewalt in ihren Traditionen

Aeußern.

Es ist ausgeschlossen, daß die Schule der Tschechoslowakei einem Geiste diene, der die höchste Unduldsamkeit gegen Andersden­lende zur Regel erhebt, der dem herrschen­den Parteigeiste nicht genehme literarische

und Interessen, sondern es würde das Volks­

Hanze hell Gefahren ausseßen. Gerade in Zei­ten von Gärungen im Volksganzen müssen die Grenzteile fich nicht hinreißen lassen zu Band lungen, die im Widerspruche mit ihren natür­lichen Aufgaben sind. Werden alle Organe des

frei von jeder Gewalt- und Rassenideologic.

niederzwingen.

Nur auf diese Weise können wir gerecht

werden der einzig, richtigen Schulpo

Erziehung der Jugend zu Wahrheit, Ehr­lichkeit, Arbeit, Jdealismus, Duldsamleit, Staatstreue, Vollszugehörigkeit und Völker­verständigung.

treten aus ihrer Partei aus und bleiben entweder unorganisiert oder gehen gar zu den Hakenkreuzlern über. In der Notiz selbst machen alle Ausgetretenen- einschließlich jener, die zu den Nazis gehen 20 bis 25 Prozent unserer Parteimitgliedschaft aus, im Titel aber erreichen schon diejenigen allein, welche ins Hitlerlager abgeschwenkt sind, diese 20 bis 25 Prozent. Die Begeisterung des

-

Redakteurs des Benkov", der anscheinend erst die Notiz und dann den Titel geschrieben hat, ist in wenigen Minuten um eine beträchtliche Anzahl von Prozenten gewachsen- in dem

selben Grade als seine Urteilskraft nachließ und er sich forsch von der Wahrheit entfernte.

Wir bedauern sehr, daß wir dem Herrn Braný und Konsorten die Freude stören und feststellen müssen, daß troß der Krise unsere Parteiorganisationen nicht nur gefestigt sind,