Titl.
Dělnická akademie
II.
Praha Hybernská ul.7.
Sustnicomotrat
ZENTRALORGAN
DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK
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14. Jahrgang
Freitag, 5. Jänner 1934
Einzelpreis 70 Heffer
( einschließlich 5 Heller Porto)
Hundertvierzig Opfer
Jede Hoffnung geschwunden
Dijegg, 4. Jänner. Die Grubenkatastrophe am Nelsonschacht hat sich nach den letzten Meldungen zu einer menschlichen Tragödie gestaltet, wie sie im Augen blick der verhängnisvollen Explosion niemand anch nur im entferntesten vorauszu ahnen vermocht hätte.
Die Rettungsmannschaften arbeiteten in fieberhafter Anstrengung die Nacht hindurch bis in die heutigen Nachmittagsstunden, um in die Tiefe vorzudringen, in der die Opfer der Katastrophe eingefchloffen sind. Das ausgebrochene Fener, welches die Grube mit dichten Gasschwaden erfüllte, verwehrte den todesmntigen Rettern, die unter Einsatz ihres Lebens vom Förderschacht bis zur etwa hundert Meter entfernt liegenden Kopfstation vorzndringen vermochten, schließlich jedes weitere Vordringen.
Wie furchtbar die Wirkungen der Explosion gewesen sein müssen, geht daraus hervor, daß menschliche Glieder in den erreichbaren Schachtgängen zerstrent umherlagen. Die Streden mit ihren demolierten Schienen, Hnnten und zer
Rettungsarbeiten eingestellt
splitterten Hölzern zeigten dasselbe schreckliche Bild der Verwüstung wie obertags beim Förderschacht.
Die Situation gestaltete sich infolge des immer mehr um sich greifenden Grubenbrandes für die Rettungsmannschaften schließlich so gefahrvoll, daß von einer weiteren Fortführung der Rettungsversuche überhaupt Abstand genommen erfüllten Grube kein lebender Mensch mehr befinden. werden mußte. Nach menschlichem Ermessen kann sich in der von Feuer und Rand)
Im Lanje der Nachmittagsstunden wurde daher die Absperrung und Verbereits vorher die Schächte VII und VIII hatte abdecken müſſen. Die Maurer und manerung der Strecken in den Schächten II und III vorgenommen, nachdem man Rettungslente konnten diese traurige Aufgabe nur unter größter Lebensgefahr
durchführen.
Der Schacht, in dem noch 130 brave Berglente begraben sind, wird nunmehr einige Tage ruhen müssen, bevor an die Fortsetzung der Bergungsarbeiten gedacht werden kann.
Hundertzweiunddreißig Männer eingeschlossen in einer Hölle! Hundert zweiunddreißig Menschen, um die wir bangten und auf deren Rettung wir, aller Stepsis der Fachleute zum Troy, zu hoffen wagten bis zum letzten Augenblide
bis zur Schreckensnachricht von der Abmauerung des Schachtes, die uns sagte. daß die Eingeschlossenen verloren sind. Wir haben ja nur noch gehofft wie auf ein Wunder! Menschenbrüder, Klassengenossen, Arbeitshelden dicht vor dem Tode was war da anderes möglich als das Anflammern an letzte Hoffnungsmöglich feiten! Heiße Segenswünsche, flehentliche Wünsche vieler, vieler begleiteten die letzten verzweifelten Rettungsversuche, die todesmutigen Bemühungen, den Ein geschlossenen vielleicht doch noch Hilfe bringen zu können.
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Die Segenswünsche hunderttausender. Es gibt keinen Proletarier, der ru hig blieb bei dem Empfang der Schredensbotschaft von Ossegg , feinen, den nicht der Schreck faßte, dem nicht wehes Mitgefühl das Herz zusammenpreßte. Denn so mannigfach die Gefahren der Arbeit sind, so viele gefahrenreiche Berufe es gibt und so sehr es zehntausenden fast zur Selbstverständlichkeit geworden ist, ihr farges Brot nicht nur im Schweiße ihres Angesichtes, sondern auch angesichts ständig drohender Gefahren zu verdienen,- jeder Proletarier weiß, daß der Beruf des Bergarbeiters der gefahrenreichste ist, daß der Tod des Grubenarbeiters steter Gefährte ist. Jeder Proletarier weiß, daß Härte und Mühe und Gefahr ihrer Arbeit die Bergarbeiter zu einer Stameradschaft zusammengeschweißzt haben, die trotz allen politischen Gegensäten in Stunden der Entscheidung nie versagt, so daß die Grubenproletarier zu Vorbildern ihrer Selassengenossen werden mußten. So selbstverständlich es ist, da den Opfern der Ossegger Katastrophe sich die Teilnahme aller Menschen zuwendet, daß in diesen Stunden doch eine allmenschliche Solidarität lebendig geworden ist und Bangen und Hoffen von Millionen den Nelson- Schacht umkreiste niemand konnte doch so sehr, so mit ganzem Herzen. und ganzer Seele zittern um sie wie die Arbeiter!
Wie rasch folgte der letzten bangen Hoffnung die Trauer! Schon sind Tote geborgen, schon liegen verstümmelte Leichen auf Bahren. Und verbrannt. verstümmelt, tot auch die Eingeschlossenen! Frauen flagen um den Geliebten, Kinder um den Vater! Tränen fließen, die kein Trosteswort zu hemmen vermag, Leid, das nie mehr zu bannen ist, ist in nordwestböhmische Arbeiterwohnungen eingezogen. Das Glück, das arme bescheidene Glück vieler Proletarierfamilien ist für immer zerstört. Die nordwestböhmische Arbeiterschaft, mit ihr die Arbeiterschaft des Staates, ist eine einzige große Trauergemeinde geworden.
Die Grubenkatastrophe von Ossegg , das opferreichste Unglück seit dem Bestande des Staates, trifft deutsche und tschechische Proletarier. Denn nebeneinander und miteinander arbeiten tschechische und deutsche Grubenproleten, gleich) schwer verdienen sie ihren Lebensunterhalt und müssen in dieser Zeit der Massennot sich glücklich schätzen, diese schwere und gefahrenreiche Arbeit leisten zu dürfen! - und so wenig der Kapitalismus darnach fragt, in welcher Sprache Arbeiter über Lohnkürzungen fluchen oder über Arbeitslosigkeit klagen, so wenig fümmert es den Tod, ob letzte Schmerzensschreie in deutscher oder tschechischer Sprache ausgestoßen werden. Tragische Offenbarung der Schicksalsverbundenheit deutscher und tschechischer Proletarier! Gleiche Trauer der deutschen und der tsche chischen Arbeiter, der deutschen und der tschechischen Bevölkerung an den Bahren der Opfer. Das Grubenunglück von Offegg ist ein großes, ist das furchtbarste tschechoslowakische Nationalunglüd seit dem Bestand der Republik .
Arme Opfer! Ihr armen Angehörigen! Stann euch das Mitgefühl von Millionen ein wenig Trost geben? Kann es euch Frauen, euch Eltern, eud) Stindern helfen, das Schreckliche zu tragen, ohne unter der Leider.slast zusammenzubrechen, wenn alle, alle Klassengenossen, wenn alle Arbeitsbrüder und Schwestern mit euch trauern? Ihr müßt, in wehem Gedenken an die Verlorenen, in stummer Zwiesprache mit ihnen, ja doch allein euren Schmerz tragen, euch aufrichten an den Pflichten, an den heiligen Pflichten gegen die, die euch verblieben, die eurer noch bedürfen, denen ihr nun auch die Toten ersetzen müßt. Was aber vermögen wir anderen zu tun?
Die Disegger Katastrophe ist ein Nationalunglück. Dann hat aber aud) der Staat die Pflicht, die Ehrenpflicht, daß für die Hinterbliebenen der Opfer wirklich gesorgt wird. Wer wagt zu verlangen, daß schmerzverwirrte, seelisch wunde Mütter allein die Sorge für Kinder tragen, denen die Väter so jäh, auf so grau sige Art entrissen wurden? Doch auch an andere Pflicht ist zu mahnen: so selbst. verständlich es ist, daß bei jedem Unglück nach der Ursache geforscht wird hier ist die Pflicht gebieterischer denn je! Gibt es menschliche Schulddann muß sie gefühnt werden! Und dafür muß gesorgt werden, daß, soweit dies menschlicher Vorsorge möglich ist, soweit es dafür technische Voraussetzungen gibt, fünftige Katastrophen solcher Art verhindert werden!
Daß den Hinterbliebenen das Beileid ausgesprochen wird, daß es ausge sprochen wird von hohen Staatsfunktionären auf weithin sichtbarer Tribüne, daß den Hinterbliebenen Staatshilfe zuteil wird das darf nicht alles sein! Man darf nicht, wenn die allgemeine Erregung sich gelegt hat und die Tränen der Witwen versiegt sind, sich der Ruhe der Gleichgültigkeit hingchen, bis wieder einmal die Detonationen einer Grubenerploſion ſie ſtören! Das wollen wir geLoben: daß wir auf der Erfüllung dieser Pflicht bestehen werden!
Das ist Pflicht des Staates. Unsere Pflicht die Pflicht der Arbeiter: eifriger, beharrlicher, drängender, leidenschaftlicher denn je zu arbeiten an der Umgestaltung der Gesellschaftsorganisation und der Produktionsordnung. Wir wissen schon, daß nie die Naturkräfte so gebändigt werden können, daß Katastrophen unmöglich werden. Wohl aber wird eine nicht auf Profiterzielung einzelner aufgebaute Gemeinschaft, die bei keiner Schußmaßnahme nach den Kosten fragen wird, in ganz anderer Art drohenden Gefahren entgegenwirfen. Arbeitsmenschen vor ihnen schüßen können. Und es werden in einer vernünftig organisierten Ge sellschaft nicht diejenigen, die gefahrenreichste Arbeit zu leisten haben, zu den schlechtest entlohnten Menschen gehören.
Aber von allen Erwägungen über unsere Pflicht und die des Staates tehren unsere Gedanken, unsere trauernden Gedanken immer wieder zurück zu unseren Brüdern, um deren Schicksal wir bangen. Und immer wieder- bis zum äußersten Augenblicke der Hoffnungsmöglichkeit werden wir hoffen, werden unfere, werden aller Arbeiter flehentliche Rettungswünsche den Nelson- Schacht umkreisen!
Aber von allen Erwägungen über unsere Pflicht und die des Staates kehren unsere Gedanken, unsere trauernden Gedanken immer wieder zuriid zu unseren verlorenen Brüdern, zu den Eingeschlossenen im Nelson- Schacht. Ihnen und ihren Angehörigen gelten alle unsere Gedanken. In tiefer Ehrfurcht grüßen wir die Opfer der Arbeit, grüßen wir ihre Lieben. Auch von den Toten vom Nelson- Schacht gilt das Wort von Karl Marx wir wissen kein schöneres und fein tröstenderes: Sie sind eingeschreint im großen Herzen der Arbeiterklasse!
Nr. 3