.

Sosialdemokrat

ZENTRALORGAN

DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI

IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK

ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRUH. REDAKTION UND VERWALTUNG PRAG XII., FOCHOVA 62. TELEFON 53077. ADMINISTRATION TELEFON 53076. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR : WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG .

14. Jahrgang

Sonntag, 3. Juni 1934

Einzelpreis 70 Helfer

( einschließlich 5 Heller Porto)

Nr. 128

Genf? Kein Ausweichen vor der Aufgabe!

Umschwung in Genf ?

Befriedigung der französischen Presse

Paris , 2. Juni. Der Verlauf der Freitag- Besprechungen in Genf hat in der gesamten französischen Preffe die größte Genugtuung ausgelöst. Sowohl der Abschluß der Ver­handlungen über die Saarabstimmung als auch die Wendung in der Abrüstungsfrage scheinen die französischen Wünsche vollauf zu befriedigen. Die Blätter weisen allgemein darauf hin, daß Frankreich in der Saar - Abstimmungsfrage nicht mehr habe erreichen können, als es erreicht habe.

Die Annäherung zwischen Sir John Simon und Barthon wird begrüßt. Beide Minister beharren trotz der scharfen Kritiken, die sie sich in Genf rückhaltlos fagten, und trotz der Ver­stimmung der englischen und der französischen Presse auf der Notwendigkeit freundschaftlicher Zusammenarbeit. Eine baldige Reise Barthous nach London sei nicht ausgeschlossen.

Eine Million Arbeiter

vor dem Streik

Amerikanische Arbeiter im Kampfe um Koalitionsfreiheit

Zu den Agrarplänen Dr. Hodžas

Dieser Tage hat der Landwirtschaftsmini- scheint die Weckung eines gegenseitigen Verständ­ster Dr. Hodža der Deffentlichkeit ein weit- nisses und eine Klarstellung darüber, ob ein gehendes agrarisches Strisenprogramm angefün- weitreichender Interessenausgleich zwischen Ar­digt. Unter dem Titel der Erntesicherung beitern und Bauern bei den kommenden Krisen. ist geplant, den Landwirten erhöhte Gelösungen möglich ist. treidepreise zu garantieren u. ein Vo II. Die Vorschläge Hodžas setzen eine wa d)- monopol für Getreide einzuführen, welches jende Kauftraft der industriellen Konfu mit Hilfe der landwirtschaftlichen und konfum- mentenmasse voraus. Ist diese Annahme gerecht. genossenschaftlichen Zentralen den Absatz von fertigt? Eine gewisse Besserung der Industrie­Getreide, Mehl, Mahlprodukten sowie einiger beschäftigung und des Industrieerports ist nach Futtermittel zu regeln hätte. Ferner fündigte den letzten Währungsmaßnahmen zweifellos ge­der Minister eine baldige Aktivierung des geben. Man muß aber ernstlich warnen vor einer Mildhausgleichsfonds an, Maßnah Ueberschäßung der sozialen Auswirkungen nnsc men zur Entschuldung der Landwirt. rer wahrlich bescheidenen Industriebelebung. Die schaft und eine Reorganisierung der offiziellen Ziffern, welche von einem erheblichen Landeskulturräte. Rückgang der Arbeitslosenzahl sprechen, sind lei­Solange die wichtigsten dieser Maßnahmen der zum Teil irreführend. Nach den Ausweisen nur in großen Umrissen bekannt sind, ist eine der Zentral- Sozialversicherung waren im März nähere Beurteilung ihrer Zweckmäßigkeit noch d. I. im ganzen Staatsgebiete nur um 5766 nicht möglich. Jedenfalls deuten sie auf eine Personen mehr versichert als zur gleichen Zeit grundsätzliche Wendung unserer Agrarpolitik von des Vorjahres. Der weit größere Rückgang der den bisherigen liberaliſtiſchen zu kollektivistischen offiziellen Arbeitslosenziffern scheint daher ent Methoden hin, wobei den Urhebern dieses Front scheidend durch die vielfach sehr rigorose Sichtung wechsels eine Kombination zwischen genossen- der Bezieher von Ernährungskarten und durch die definitive Aussteuerung gewerkschaftlicher ledo( Ohio ) wurde der Generalstreit abgesagt, mus vorschwebt. In dieser Hinsicht sind die füh. Unterstützungsbezieher erzielt worden zu sein. nachdem den Arbeitern der Elettromuerte, zuge renden Männer der tschechischen. Agrarpartei Im ersten Stadium ist sonach die Industrie. sichert worden war, daß der Lohnabbau um 20 ihren Partnern auf deutscher Seite weit voraus. belebung zumeist durch eine bessere Ausnützung Prozent nicht durchgeführt wird. Hinsichtlich des Sowohl bei uns, als auch in Desterreich und der Stapazität aufgefangen worden, oder sie hat Stahl- und Baumwollſtreiks werden die Verſtän- Deutschland sind die Bauernführer über eine bestenfalls Kurzarbeiter in Vollarbeiter verwan digungsbemühungen fortgesetzt. Die bisher vorge allgemeine Ablehnung des Liberalismus wie des delt. llebereinstimmende Berichte besagen, daß nommenen Abstimmungen über den Textilarbei­terstreit ergaben in verschiedenen Bezirken eine Sozialismus nicht hinausgekommen. Ihr Man bei den wenigen Neuaufnahmen in den selten­Mehrheit für den Streit. In Unternehmerkreisen gel an Stonſtruktivität hat sie dem Ansturm fascisten Fällen Dauererwerbslose an die Reihe kom­besteht die Absicht, die Textilwerte sofort zu schlie- ſtiſcher Abenteurer wehrlos ausgeliefert, oder, men; meistens kommen die zuletzt Entlassenen ßen, falls der Streit unvermeidlich sein sollte. wie bei uns, in eine unhaltbare Zwitterstellung wieder zuerst daran. Das Notstandsproblem un­gedrängt. Die Beurteilung der Reformpläne serer Industriegebiete besteht daher in vollemt Hodžas muß daher in eine Erörterung münden, Umfange weiter, ja es verschärft sich noch durch) zu kaufen, das sie zur Bezahlung ihrer Kriegs- welche Rolle die Bauernschaft bei demokratisch). das nahezu vollständige Brachliegen jeder Bau­schulden verwenden sollten. Aus dem Wortlaut follektivistischen Krisenlösungen zu spielen hat tätigkeit, durch die katastrophale Einschränkung der Botschaft es klar, daß der Präsident sicher­ti cine tatliche Abrüsum auſtelle großer und wie weit dabei ein Zuſammengehen mit den kommunaler und ſtaatlicher Inveſtitionen und lich Selbstmord des Genossen Svoboda bereitwillig einen großen Teil der Schulden für und Angestelltenmassen möglich ist. Selbstmord des Genossen Svoboda Ratenzahlung auf die Kriegsschuld annehmen und organisierten Sträften der industriellen Arbeiter- nicht zuletzt durch die fortschreitende physische In Wien allein befinden sich nach der Be- einen Erfolg in dieser Richtung in Genf streichen gnadigungsaktion" noch 600 Menschen unschuldig in Haft. Man kann ihnen nur vorwerfen, daß sic die Verfassung schützen wollten. Viele Hunderte

Washington , 2. Juni. ( Reuter.) Präsident| nen, durch das Arbitrageräte gegründet und die Roosevelt will durch persönliches Eingreifen Betriebs- Gewerkschaftsorganisationen aufgehoben die Gefahr neuer Riesenstreits abwenden. Am werden, in denen die Arbeitgeber das lleberge 4. Juni sollte ein Streit der Tertilarbeiter und wicht haben. am 15. Juni ein Streit der Stahlarbeiter begin= Die Lage hat sich etwas gebessert. In Toschaftlichem Syndikalismus und Staatskapitalis nen. An dem Streit würden an eine Million Ar­beiter teilnehmen. Die Stahlarbeiter verlangen gemeinsam mit den übrigen Metallarbeitern die Einräumung des ihnen durch den Plan zur Be­Tämpfung der Wirtschaftskrise( NINA) zuge­sicherten Rechtes, direkt durch Vermittlung ihrer Gewerkschaftsorganisationen und der unabhän­gigen Föderationen mit ihren Arbeitgebern So I Teftivverträge abzuschließen. Es ist mög­lich, daß der Kongreß seine Tagung verlängern wird, um das Wagner- Gesetz annehmen zu kön­

Noch immer überfüllte Gefängnisse in Oesterreich !

würde.

Die Schuldner schweigen

Die Sozialisten auch dieses Landes können heute mit Genugtuung feststellen, daß sie mit ihren Argumenten gegen die schablonistische Zollpolitik des Agrarismus, mit ihrer Charafte Landwirtschaft weitgehend recht behalten haben.

werden in den Konzentrationslagern festgehalten. Washington , 2. Juni. ( Reuter.) Der Unter- risierung der chaotischen Preisverhältnisse in der Die Zustände, die in ihnen herrschen, spotten jeder Beschreibung. Im Konzentrationslager Wöl­

staatssekretär teilte heute mit, daß keine der

Bergangenheit aufzuwärmen. Viel wichtiger er

lersburi hat ber ehemalige Stafringer Gemeinde- Schuldnerregierungen bisher mitgeteilt habe, was Es wäre aber müßige Zeitvergeudung heute rat Genosse Svoboda durch das Schlucken von ſie in Angelegenheit ihrer Kriegsschulden zu tun einen Streit über die Fehler und Irrtümer der beabsichtige. Tintenstiften Selbstmord verübt. Er starb unter den entsetzlichsten Qualen. Die Heimwehrbewa= chung des Lagers in Wöllersdorf ist übrigens durch Soldaten des Bundesheeres abgelöst worden.

In verschiedenen Orten krachten wiederum Bomben. Die Regierung unterdrückt die Nach­richten darüber.

Die Stimmung der österreichischen Arbeiter ist ausgezeichnet. Die illegale Arbeit breitet sich immer mehr aus. In Wien spricht sich neben der Parole cine Nuhe in Desterreich unter Doll fuß und Fey" noch das Wort herum: Wenn der letzte Fremde Desterreich ver­läßt, geht auch Dollfuß ". Tatsächlich ist die Lage des Fremdenverkehrs katastrophal. Es getraut sich niemand mehr auf die österreichischen Bahnen.

Die Wiener Genossen haben das Schimpf= wort Rote Hunde", mit dem sie von den Kanonenchristen und Spießern belegt wurden, mit grimmigem Humor akzeptiert. Sie tragen kleine rote Hunde als Abzeichen.

Baut nicht Kanonen, sondern zahlt eure Schulden!

Roosevelt an die Schuldnernationen. Washington , 2. Juni. Präsident Roosevelt wandte sich gestern an den Kongreß der Vereinig­ ten Staaten mit einer Botschaft, die zwar an den Songreß adressiert, aber eigentlich für die Schuld­nernationen bestimmt ist. Präsident Roosevelt fordert die Schuldnerstaaten auf, sie möchten auf­hören, Geschüße und Striegsschiffe für das Geld

Godal

Kohlrübe erwache!

Deutschlands Rückkehr zur Kriegswirtschaft durch Umstellung auf Ersatzprodukte

Verelendung der betroffenen Menschen, die be­reits einen himmelschreienden Grad erreicht hat.

Sier liegt ein unüberwindliches Hindernis einer Wirtschaftsankurbelung durch einseitige Sebung der landwirtschaftlichen Kauffraft vor. Auch wenn es der Fall wäre, wie es leider nicht der Fall ist, daß die noch in Arbeit stehenden Arbeiter und Angestellten bedeutend erhöhte Agrarpreise bezahlen können, so muß doch be dacht werden, daß über zwei Millionen direkt von der Arbeitslosigkeit betroffene Menschen anch schon bei den heutigen Lebensmittelpreisen in der Gefahr des Verhungerns sind. Für diese breite Bevölkerungsschicht wäre eine Preissteige. rung, hervorgerufen durch eine schlechte Ernte und die angekündigten Monopolmaßnahmen eine soziale Statastrophe.

Innenminister Dr. Černý hat die Ar. beitslosigkeit als ein großes Staats. problem bezeichnet, welche nicht nur die Ar­beiterparteien, sondern alle verantwortlichen Faktoren angeht. Wer in diesem Staate schöpfe. rische Agrarpolitif machen will, wird sich diesen fortschrittlichen Standpunkt zu eigen machen müssen. Ohne gleichzeitige Linderung der Ar­beitslosennot gibt es feine wirksame Lösung für die dringendsten Agrarprobleme. Nur den land. wirtschaftlichen Sektor der Wirtschaft aus der Krise herauszuführen, hieße nach dem volkstüm. lichen Sprichwort handeln: Hilf mir, damit es mir nicht so schlecht geht, wie Dir."

Würde sich die Regierung die Anträge des Landwirtschaftsministers zu eigen machen, ohne gleichzeitig einschneidende sozialpolitische und in­dustriepolitische Hilfsmaßnahmen zu ergreifen, dann wäre dieser Vorgang nur ein Ausweichen vor der gestellten Aufgabe: den Kampf mit der Totalität der Krisenerscheinungen auf allen Fronten aufzunehmen. Auf der Tagesordnung steht nicht nur Agrarentschuldung und Ernte­