Bosialdemokrat

ZENTRALORGAN

DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI

IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK

ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TAGLICH FRUH. REDAKTION UND VERWALTUNG PRAG XII., FOCHOWA 62. TELEFON 53077. ADMINISTRATION TELEFON 53076. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR : WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG .

14. Jahrgang

Hitler läßt seinen Stellvertreter reden

Ein verlogener Friedensappell

Berlin , 9. Juli( Tfch. P.-B.) Nach ein­wöchigem Schweigen der entscheidenden deutschen Persönlichkeiten ergriff am Sonntag in Königs­ berg der Stellvertreter Hitlers , Rudolf Hck, das Wort. Wenn erwartet wurde, daß endlich ein offenes Wort über die geheimnisvollen Er­cigniffe des 30. Juni gesprochen werden würde, so bedeutet die Kundgebung Heß eine Ent= tuschung. Miniſter Heß wiederholte nur das, was bereits aus den amtlichen Nachrichten be­fannt ist, ohne sich näher mit dem Charakter der vorbereiteten Revolte zu beschäftigen und ohne aufzuklären, warum die Er= greifung diefer drastischen Ma- nahmen notwendig war, deren Opfer bisher nicht alle bekannt sind.

Im übrigen begnügte sich seß damit, Hitler we gen seiner soldatischen Energie" zu beweibräuchern. Jeder Deutsche hätte angeblich Benge des 30. Juni sein sollen, wie Hitler in einer ,, unerhört gewaltigen Leistung seinem Wollen Gestalt und Form gegeben habe. Hitler habe dem Volt einen gelvaltigen neuen Impuls in dem Wissen gegeben, daß von seinem Tun allein Glück und Glücksgefühl, Hoffnung und Wille der Deutschen abhängt."

Hef legte in feiner Nede den größten Nach= bruck auf den Teil, der sich mit der Außen politik beschäftigt. In feinem Appell an die Generation der Frontkämpfer in der ganzen Welt und in feiner fuggeftiven Schilderung, als ob eine Kriegsgefahr vor der Tür stünde, kann bas Streben erblickt werden, die Aufmerksamkeit der deutschen Deffentlichkeit von den innerpolitischen Fragen auf die auswärtige Bolitik abzulenten.

In dem außenpolitischen Teil beteuerte Seß den Friedenswillen Deutschlands und gab der Meberzeugung Ausdruck, daß auch Barthou den Frieden mit Deutschland wolle trok mancher Rede wendungen, die Verständigungsbereiten unschön ins Ohr flingen. Sci doch Barthou ein Mann, der po­litischen Weitblick mit persönlicher Kultur verbinde. Nach Verständigung mit seinen Nachbarn könne Deutschland sich mit einem Mindestmaß an Rüstung begnügen, das zu seiner Sicherheit nötig sei. Deshalb appelliere er an die Frontkämpfer in an= deren Staaten, ihre Regierungen bei ihren Friedensbemühungen zu unterstützen.

Dienstag, 10. Juli 1934

Mächtiger Ausklang der Olympiade:

Einzelpreis 70 Heller

( einschließlich 5 Heller Perto)

Nr. 158

Freiheitsjubel in der Hauptstadt

Ein halbes Hunderttausend im Umzug

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Vicle Zehntausende im Spalier Internationaler Aufmarsch- 5000 sudetendeutsche Männer und Frauen Triumphzug der tschechischen Sozialdemokratie!

Diese letzten Prager Tage wären für jeden unter den Höhepunkten der strahlendste: die Ver- während drüben und drunten Konzentrations. Sozialisten zu jeder Zeit ein ganz großes wirklichung des internationalen Gedankens, die lager, Scheiterhaufen, Berge von Leichen, die Erlebnis gewesen; aber in dieser Zeit stell. Selbstverständlichkeit der rauschenden Brüder Schreie Gefolterter und alle Leidensstationen ten sie ein fast unfagbar glückliches Ereignis dar. grüße zwischen Tschechen und fremdsprachigen blutig erpreßten Schweigens die Meilensteine auf dessen Vedeutung übrigens in dieser Stunde sich Gästen! Welchem Sozialdemokraten, darüber dem Weg in Schmach und Untergang bilden; hier vielleicht noch nicht einmal ganz übersehen läßt hinaus welchem international Fühlenden, wel der Name Masaryks als des Vorbilds der Darüber wird aber wohl noch manches gespro- chem staatspolitisch demokratisch Denkenden Menschlichkeit, der Kultur, der Einzel- und Mas­chen werden. Zunächst jedoch, noch völlig unter mußte nicht das Herz aufgehen angesichts der sen- Erziehung auf tschechischen, deutschen, slowati­dem Eindruck des Geschauten, Erlebten und Er. Tausende judetendeutscher Turner, die da auf schen Lippen dort das Granen des Barbaris. fühlten, wünschten wir, daß in diese Zeilen mit dem Boden Prags einherschritten und empfangen mus, des Führerwahns um Gestalten, die die einfließen könnte die Begeisterung, die Beglük wurden nicht wie Gäste Prahas, sondern als eben Weltgeschichte wie Neros und Borgias belasten! fung der vielen Zehntausende, die dabei waren; beheimatet in diesen Reihen, in denen dann der Hier ein freies Gemeinwesen, in dem der sozia­denn nur die Beredtsamkeit dieser Glücklichen endlose Bug der Tschechen die gigantische Haupt- listische Arbeiter Respekt abringt dem poli­könnte den Hunderttausenden, die leider nur aus säule bildete! tischen Gegner und diesen nun erst recht der Ferne ihr Fühlen mit dem unseren vereini- Kraft, Selbstbewußtsein, Klarheit, Freude. zud demokratischen Ueberwindung der Tages. gen konnten, eine immer noch unzulängliche Stolz, Freiheitsgefühl, Freiheitsluit, Freiheits- probleme koaliert- dort die mörderische Vorstellung von dem wahrhaften Glanz, von vertrauen dies die inneren und äußeren Zei- und selbstmörderische Vergottung einer ein der überwältigenden Größe und der eben nicht chen des denkwürdigen Prager 8. Juli und dieser zigen, von der rohen, rückwärtsgerichteten hoch genug einzuschätzenden Wirkung dieser Olympiade überhaupt! Freie Kraft einer den Gewalt getriebenen Bewegung! Auch über sie Olympiale geben. demokratischen Staat erhaltenden, die Demokra- aber ist mit der Olympiade mehr als ein ideel. tie der klaffenlosen Gemeinschaft bauenden, in- ler Sieg erstritten mit dieser Olympiade. ternational denkenden und handelnden Arbeiter- deren innerer Wert weiter mächtig ausstrahlen schaft! Historische Manifestation unter den roten wird in Prag , an den Grenzen und darüber Bannern des vermenschlichenden Sozialismus- hinaus!

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Allein schon die Fülle der Geschehnisse und Bilder macht eine zulängliche zusammenfassende Würdigung an dieser Stelle unmöglich. Womit Sollten wir beginnen? Mit der Schilderung die fes Prag , das vielleicht niemals vorher so sehr Volksstadt gewesen war? Mit seiner Ueberflu tung durch das Rot der Stimmung, des Willens. der Fahnen, der Festzeichen? Mit den immer wieder brüderlich sich berührenden Massen ver­schiedener Zunge? Vielleicht würde da unser Blick zu stark abgelenkt von den Massenwundern im Stadion, von den alle Erwartungen über treffenden Leistungen am Feld, von der beispiel­losen Anteilnahme, von dem immer wieder sich entzündenden Jubel im Amphitheater. Theater? a, Theater war es, unübertreffliches Schau­spiel des Gefühls für Disziplin, eisernen Willen. unverbrüchliche Zusammengehörigkeit, aber auch Schauspiel der Bewegung, der Aktionsfähigkeit spielt keine Rolle und-Bereitschaft, erobert durch Erkenntnisse und Aufmerksamkeit erregte die Erwähnung des Seelenfraft, die sich zu Licht und Luft, zu Far. Ministers Heß, daß bei Militärrevolten jeder benpracht und Sinnesfreude, zum Glück- Erleben sehnte Mann erschossen wird, ohne und-Verbreiten durchkämpft, allen Nöten, allen Rücksicht darauf, ob er schuldig oder unschuldig Bedrängnissen, allem Elend zum Troß! ift. Aus diesem Ausspruch kann man den Schluß ziehen, daß keineswegs die Schuld aller erwiesen war, die vor einer Woche hingerichtet wurden.

Ob schuldig oder nicht,

Auch Habichts Herrlichkeit zu Ende

Wien , 9. Juli. Die Reichspost" melbet aus München , daß sich unter den in den letzten Tagen in Deutschland verhafteten Personen auch Theo Habi ch t. der Landesinspektor der österreichischen nationalsozialistischen Bartei", be­finde.

Nein, das waren nicht mehr die Hinter­sassen" der Nationen, die dort spielten, übten, turnten; das waren man braucht nur etwa an den beispiellosen, unvergeßlichen Aufmarsch und Aft der Pilsner Turner zu denken die Vorkämpfer der Nation, wahrhaftig ihre besten Söhne, den Aufstieg der Klasse ver­sinnbildlichend, die Ueberwindung der Klassen durch das Ethos des sozialistischen Arbeiters ver­heißend, fast schon sichernd!

Und doch muß das scheinbar unübertreff. liche Bild vom Stadion einem noch grandioseren, bedeutenderen Gemälde Plaß machen: der Erinnerung und Würdigung dieses sonntäglichen Massenzuges durch die sonnige, frohe, jubilie­Auch der bekannte Kommandant der Tiroler rende Stadt, dieses zweieinhalbstündigen An­Nationalsozialisten, of er, der aus dem Ge= fängnis in Innsbruck nach Italien und von dort wechselnde Symphonie der Farben, das eherne fängnis in Innsbruck nach Italien und von dort marsches auf den Altstädter Ring! Diese ewig weiter im Flugzeug nach München flüchtete, wurde verhaftet, als er aus München flüchten und doch beschwingte Defilé, der Liebreiz der

wollte.

Jungturnerinnen, die strahlende Bewußtheit der Männer, die Rufe der Marschierenden und das Die Landesleitung der NSDAP . Dester­reichs, die sich nach wie vor in München zu befinden Eche aus dem Spalier, auf den Straßen, von der scheint, bezeichnet zwar die Meldungen, daß nam- Tribüne, die lauten Bekenntnisse zur Demokratic, hafte Führer der NSDAP . Desterreichs an der zum Sozialismus, zur Partei, zu Masaryk - Revolte Roehm beteiligt waren, als völlig erlo- fürwahr: ein Film des Lebens und Wollens in gen". Bezüglich Habichts wird jedoch lediglich die der Republik und in der Arbeiterschaft, wie ihn Meldung von seine: Erschießung dementiert. eindrucksvoller, imposanter, zwingender und be. Das scheint die Nachricht von seiner Verhaftung deutungsvoller kein Gehirn erfinnen oder aus eher zu bestätigen.

bem rein Künstlerischen gestalten könnte. Und

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Der Zug der 58.000

Herrlich schön ist der Anblick des Wenzels, ler, die Jugend, die Parteisektionen... Sic reiß plazes in den frühen Sonntag- Vormittagsstun- nicht ab, die Ouvertüre des gewaltigen Feſtzuges. den. Das Bunt der Fahnen schlingt sich wie eine Es ist keine Kleinigkeit, dieses Massenheer. Girlande vom gewaltigen Abschlußstück des das jetzt noch chaotisch durcheinanderzufließer Museums tief herunter zum Wenzelsplaß. Ein scheint, in gestraffter Ordnung vorbeidefilieren zu leichter, erfrischender Wind fährt durch die Tücher lassen. und läßt sie sich feierlich aufbauschen. Flammen- Und doch, es gelingt! Was sich am Georgs. des Rot, unterbrochen vom Blauweißrot der Staatsfahnen, soweit das Auge rechit. Die Stadt ist bereit, die Arbeitersportler zu empfangen.. Anmarsch der Massen

plaß, dem Sammelpunkt des Festzuges, vorerst im unentwirrbarem Sinäuel zusammenzuballen scheint. entwickelt sich im Laufe von zwei Stunden zu jenem planvoll und mit viel ästhetischem Sinn zu sammengestellten Bild der Disziplin und der Ges schloffenheit.

Lebende Triumph- Mauer

Schon um sechs Uhr früh flanieren die ersten Schlachtenbummler durch die Straßen, beginnt die Massenwanderung in die Durchmarschstraßer: des Inzwischen ist es halb zeh Uhr geworden... großen Festzuges, der den Vormittag Prags be= herrschen wird. Und dazwischen bereits Musit. viel In der Fochova, auf dem Wenzelsplay, am Ma ujit, immer neue Trupps, die die engen Strafaryt- hai warten schon die Massen in dishtem Ben hinauf in die Weinberge ziehen. Die Sport Spalier. Der Straßenbahnverkehr in den Durch­

nuk die aand got tam.]( 1

ES LEBE MASARYK

Atus- Turner auf dem Wenzelsplatz