Sosialdemokrat

ZENTRALORGAN

DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK

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14. Jahrgang

HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR : WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG .

Mittwoch, 25. Juli 1934

Die Schutzbündler Gerl und Anzböck

Revolutionäre Helden vor dem Standgericht der Mörderchristen

zum Tode verurteilt

Die Mörderregierung Dollfuß hat ihre Drohungen, gegen die weiteren Sabotageakte mit aller Schärfe vorzugehen, wahr gemacht. Trotzdem in der letzten Zeit die Urteile gegen angeklagte Nationalsozialisten sehr milde ausgefallen sind, hat heute das Standgericht in Wien gegen zwei am Samstag verhaftete Schutzbündler, von denen der eine nur an cinem geringfügigen Sprengstoffanschlag beteiligt war und der andere in der Notwehr auf den ihn bedrohenden Polizisten schoß, Todesurteile gefällt, die zweifellos unter der österreichischen und der Arbeiterschaft der ganzen Welt eine ungehenre Empörung auslösen und sicher den Widerstand gegen die Blutregierung in den weitesten Kreisen der revolutionären Arbeiter wach rufen werden. Obwohl der Schutzbündler Gerl erklärte, die Tat allein ausgeführt zn haben, wurde auch sein Gefährte Anzböck dem Galgen überliefert.

Die Tobesnrteile sind wohl erschütternd, aber sie werden nicht umsonst sein. Gerl stand, dem Tode mntig entgegenschend vor den Doll fußschergen, er sagte ruhig, daß er wußte, wel­ches Schicksal er zu erwarten habe, aber" fügte er bei: Meine Idee stand mir höher, als mein Leben". Diese heldenmütigen Worte cines Todgeweihten werden gehört und ver­standen werden. Gerlund Anzböd werden nicht umsonst gekämpft und gelitten haben.

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( einschließlich 5 Heller Porto)

Im Im Auto Henleins

Nr. 171

Bei den Anhängern Konrad Henleins, des selbsternannten und von noch unbekannten aber Nach dem Verhör des zweiten Angeklagten leicht zu erratenden Hintermännern geförderten Rudolf Ausböd wurde das Urteil des Standge- vühters der Sudetendeutſchen ", ruft es gewiß richtes gefällt. Beide Angeklagte wurden im Sinne jedesmal eine stille aber innerlich umso stärkere der Anklage zum Tode durch den Strang ver­

urteilt.

Gerl hingerichtet

Wien , 24. Juli. Der wegen des Anschlags auf die Donau - Uferbahn zum Tode durch den Strang verurteilte Josef Gerl ist am Dienstag um 20 Uhr 45 Minuten hingerichtet worden. Um Ruhestörungen zu vermeiden, wurde eine Kom­pagnie Infanterie zur Absperrung des Geländes rund um das Gerichtsgefängnis eingesetzt. Anzböck wurde im Gnadenwege zu lebens­länglichem Kerfer verurteilt.

Seiterkeit hervor, wenn er sich zum Staat, zur Staatsform und zur Demokratic" bekennt. Diese Anhänger sind so gut orientiert, sie rekrutieren sich ja im wesentlichen aus zwei Gruppen: den chemaligen Mitgliedern der aufgelösten Nazi. partei und aus der früheren Domäne Henleins, dem Deutschen Turnerbund. Wert und Nutzen der Tarnung haben die einen wie die anderen ebenso kennen gelernt, wie die Bedeutung der neudeutschen Hitlermoral, derzufolge das Lügen und Schwindeln, soferne es im Interesse der Bewegung liegt, von höheren" Gesichtspunkten betrachtet, durchaus erlaubt ist. Sie begreifen also, warum ihnen der Führer" ein für ein Il vormacht und sie schmunzeln überlegen über jene, welche das ernst nehmen. Die deutschen Turner wissen, wie sie ihren Henlein einzuschät Wien , 24. Juli. Da nach dem Schreckens­zen haben aus der Zeit, da er als Obermacher urteil zu erwarten war, daß es zu Demonstrativ­nen kommen werde, wurden alle öffentlichen Ge- des Deutschen Turnverbandes sich in seiner Ver­bäude und die wichtigsten Blätze unter verstärkte bandszeitung frank und frei als Verächter der Bolisciaufficht gestellt. Es fam auch an einigen Demokratie und als Verherrlicher des Dritten Stellen her Stadt, wie um Mitternacht gemeldet Reiches ausleben konnte. Die ehemaligen Nazis wird, zu Proteſtfundgebungen, gegen welche die dagegen haben schon unter Krebs und Jung ge­Bolizei mit brutaler Gewalt vorging und eine lernt, daß es der wahren Gesinnung nicht schadet, Reihe Verhaftungen vornahm.

Die Arbeiter demonstrieren

Wien , 24. Juli. Vor dem Standgericht in Nationalsozialisten vereitelt werden follte. Denn Wien hatten sich heute unter dem Vorsitze des wenn sich die Regierung mit den Nationalsoziali Oberlandesgerichtsrates Offio zwei Angehörige sten ausgeföhnt hätte, so wäre die Sozialdemo der aufgelösten sozialdemokratischen Partei und fratic in die Minderheit geraten. Der Angeklagte| ehemalige Mitglieder des republikanischen Schutz- stellt diesen Gedanken nicht in Abrede. Als der bundes Josef Gerl und Rudolf Anzböck zu ver- Vorfivende darauf hinweist, daß die Sozialdemo­antworten. Die beiden wurden nbekanntlich Sams- fratic die gewalttätigen Methoden der National­tag früh im 10. Bezirk am Kepplerplat von dem fozialisten abgelehnt habe, zuckt der Augetlagte Bolizisten Ferdinand Forstner angehalten, wobei mit den Schultern und fagt: Mir find die Na­fie ihn auf der Flucht durch mehrere Schüffe tionalſozialiſten ſympathischer als die Regierung." schwer verletzten. Nach ihrer Verhaftung gestan- Damit war das Verhör des Angeklagten den fic, furz vorher ein Sprengstoffattentat auf Gerl erledigt. die Donannfer- Bahn verübt zu haben, wobei ein großer Materialschade entstanden war. Der Ange­flagte Anzbörk ist ein in Wien lebender tschecho= flowakischer Staatsangehöriger. Die Anklage ver­tritt der erste Staatsanwalt Dr. Nahrhaft, als Verteidiger fungieren Dr. Sperber und Doktor Schäffernegger. Der Staatsanwalt schilderte in der Anklage die schon bekannten Ereignisse am Repplerplatz und das Sprengattentat auf die Tonaunfer- Bahn und verlangte für beide Ange­flagte eine strenge Strafe. Der Verteidiger Schäf= fernegger beantragte die Delegierung der Ange­legenheit an ein ordentliches Gericht und eine Ueberprüfung des Geisteszustandes des Angeklag­ten Gerl. Das Gericht wies beide Anträge ab. Der Angeklagte geftand im Berlaufe des Ber­höres im wesentlichen die Tat ein, weigerte sich jedoch mitzuteilen, von wemer die Waffen und die Sprengmittel habe. Der Vorsitzende stellt an den Angeklagten die Frage: Warum haben Sie das Attentat ver= übt?" Der Angeklagte Gerl: Das Attentat war gegen die Regierung gc= richtet." Vorsitzender: So ein Kerl mit 20 Jahren hat ruhig zu sein. So find wir erzogen worden."

Schweizer Protest

in Berlin

Wegen des Sprengstoffschmuggels mit dem Motorboot

Bern , 24. Juli. ( SDA.) Der Vorsteher des eidgenöffischen Justiz- und Polizeideparte­mentes, Bundesrat Baumann erstattete in der heutigen Sitzung des Bundesrates einen Bericht über die Sprengstoffschmuggelaffäre von Staad .

Baumann bestätigte und vervollständigte die bereits in den Zeitungen erschienene Version. Es wurde festgestellt, daß das Motorboot, das mitsamt den Bomben beschlagnahmt wurde, einem SA- Führer gehörte und daß es bereits mehrmals über den See gefahren war und wahrscheinlich Schmuggelware mit sich geführt hatte. Dn­durch wurde die Aufmerksamkeit auf das verdächtige Treiben gelenkt und die Polizei zur Beobachtung angewiesen.

Angesichts des attenmäßigen Beweises erachtet der Bundesrat eine Demarche in Berlin als notwendig. Das Datum und die Modalitäten des zu unternehmenden Schrittes wird er erst später festsetzen.

Auf jeden Fall gelangt Artikel 2 des Sprengstoffgesetzes zur Anwendung. Es muß noch geprüft werden, ob auch Artikel 39 des Bundesstrafgefches in Betracht kommen wird, wer die Untersuchung führen soll und welches Gericht mit der Behandlung der Angelegenheit betrant werden soll, ein fantonales Gericht oder das Bundesgericht.

Kabinett Doumergue bleibt

wenn man sich im gegebenen Augenblick, da es die Verhältnisse erheischen, eine Maske vorhängt, haben doch auch diese Nazigrößen, als es nach dem Volfssportprozeß brenzlich zu werden be­gann, wiederholt ihre Staatstreue und Loyalität bis zur Erregung physischen Efels befeuert und jich als treue Demokraten vorgestellt.

Auch bei der Heerschau seiner Getreuen des Böhmisch Leipaer Wahlkreises in Karltal bei Schluckenau hat Henlein keine Ausnahme gemacht und sich wohl zum verständnisinnigen Gau­dium seiner Zuhörer als waschechten Demo­fraten vorgestellt und er hat sogar dafür gesorgt, daß unter den hunderten Henleinfahnen in schwarz- rot- schwarz sich auch eine Staatsflagge be­finde. Das scheint auch auf den anwesenden Re­gierungsfommissär den Eindruck nicht verfehlt z11 haben, da er übersah, daß die neuen Henleinfah. nen behördlich noch nicht bewilligt sind und für Senlein sogar soviel Sympathien faßte, daß er nach dem Defilé in Schluckenau im Auto mit Hen­ lein nach Karltal fuhr, wo dieser die Führer­rede" hielt. Es hat lange Jahre gegeben, in denen jede Regung, jede Forderung der Deutschen im Staate, auch solche der deutschen Sozialdemokra ten nach einem größeren Stück nationaler Gerech tigfeit bei den Regierenden und ihren Organen höchstem Mißtrauen begegnete, nun scheint das bei einigen maßgebenden Faktoren ganz anders geworden zu sein. Man kann heute eine Bewe­gung organisieren, welche die Mitglieder der

Auch im weiteren Verlauf der Verhandlung lehnt der Angeklagte Gerl jede Mitteilung darüber ab, woher er die Sprengstoffe erhalten habe. Ei wiederholt nur, daß er durch den Terroratt gegen die Regierung demonstrieren wollte. Der Vor­fitende fragt: Warum?" Angeklagter Gerl: Weil die Regierung das Volk vernichtet." Bor­sitzender: Herr Gerl erklärt also, daß die Ne­gierung das Volk vernichte." Angeklagter: ll n d Paris , 24. Juli. Zirka um 20 Uhr ver- Außer der Erklärung Doumergues gab der wegen Staatsfeindlichkeit aufgelösten Parteien die Arbeiterschaft unterdrückt. breiteten Extraausgaben der Pariser Blätter die Führer der radikalen Partei, Minister Herriot , restlos aufsaugt, in Stil, Ton, Tendenz und Geist Vorsitzender: Unterdrückt die Regierung auch Nachricht von dem Beschluß des heutigen Kabi- noch eine Sondererklärung ab, welche lautet: völlig die Hitlerbewegung nachäfft, in der eigenen Sie?" Angeklagter: Ja, und sie läßttein nettsrates, durch den der Konflikt, der die inner­freies Wort zu." ,, Die radikalen Mitglieder der Regierung Partei, wo doch die Anhänglichkeit an die Demo­politischen Verhältniffe in Frankreich im Laufe Auf weitere Fragen erklärt der Angeklagte, der letzten Tage bedroht hat, in friedlicher Weise nehmen den Zwischenfall zur Kenntnis, der ihnen fratie beginnen müßte, jede Demokratic aus­daß er von der Berhängung des erledigt wurde. eine Verlegung des Burgfriedens der Parteien schaltet, und für die nationalsozialistische Ideolo­Standrechtes und der Todesstrafe Der Ministerpräsident fagte in einer Er- zu sein schien. Da fie unter den gegenwärtigen gie wenn auch unter etwas abgeänderten Symbo­Bewußt habe, und die Tat a utlärung, die er im Ministerrat abgab: ernsten Umständen dem Verlangen des Minister- len Stimmung macht, bei einiger Geschick­cigenem Antrieb verübte. Das At- Entweder wird die Regierung in ihrer hen- präsidenten entsprechen und feine Maßnahmen lichkeit und Heuchelei kann man dennoch auf tentat fei nur seine eigene Idee gewesen. Auf tigen Zusammensetzung bleiben oder es erfolgt hervorrufen wollen, wie die Einberufung des weitgehendste Duldung rechnen. Nicht nur bei die Frage des Borsitzenden, wie er fein Leben eine Kollektivbemiffion mit allen ihren Folgen Parlaments, befchloffen fic, auf ihren Posten zu manchen Regierungsfaktoren, sondern bei der lei. ristieren konnte, erwiderte der Angeklagte ruhig und es wird eine neue Regierung gebildet werden verbleiben, aber die Situation, welcher gegen= der sehr verbreiteten Ahnungslosigkeit über die Meine Idee kand mir höher als mit einem anderen Miniſterpräsidenten an der über sie sich nach den lehten Ereigniffen fchen, Dinge und wahren Vorgänge unter den Sude­wird im Oktober dem Kongreß der Radikalen und tendeutschen auch bei manchen links orientierten Der Vorsitzende betont, daß der Angeklagte bei mus aller meiner Kollegen, um diese Eventualität Madikalſozialiſtiſchen Partei unterbreitet wer- Tschechen. So konnte denn die Heerschau Hitlers ben." ( jako kdyby se nechumelilo) in schönster Unge­feiner früheren Einvernahme zugegeben habe, zu verhindern und Frankreich die Ruhe zu sichern, daß er sich darauf verließ, daß er nicht hingerich- Seren es so sehr bedarf." Nach dieser Entschließung ist es nicht mehr niertheit unter den Klängen alter Reiter- und tet werden würde und daß das Attentat den Na- Dieser Erklärung folgte die Regierung notwendig, für morgen den Ministerrat einzube­Militärmärsche und bei Heilrufen mit dem Sit­tionalsozialiſten zur Last gelegt werden würde, uno wird in ihrer bisherigen Zusammenschung rufen, der unter Vorsit des Präsidenten der Re- ergruß verlaufen. Alles was bei den deutschen webusch eine Berföhnung der Regierung mit den weiter im Amte verbleiben. publit stattgefunden hätte. Nationalsozialisten so verpönt erschien, man fann

mein Leben."

Spite als mir.

Ich wende mich deshalb an den Patriotis­