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IE NT RALOR GAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK BESCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xii., fochova«. telefon sm. Administration Telefon sw«. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB . CHEFREDAKTEUR : WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG .

14. Jahrgang

Dienstag, 27. November 1934

Nr. 278

Drei unruhige Tage Nicht das Volk- die Gasse Pie Insignien tiberaeben

Prag . Seit drei Tagen lebte Prag in einer Fieberstimmung, die von unverantwort­lichen Elementen zu einer skrupellosen nationalen Hetze mißbraucht wurde und darüber hinaus zu einer bedauerlichen Demonstration reaktionärer Faktoren ansartete. Die aussichtslose Protestaktion der deutschen Universität gegen die durch das Gesetz aas dem Jahre 1920 angeordnete Herausgabe der Universitätsinsignien an die tschechische Universität endete damit» daß am Montag diese Insignien von der deutschen Universität ausgefolgt und von den Vertretern des Unterrichtsministeriums übernommen wurden. Aus dem Ministerium wurden sie dann vom Rektor der Karlsuniversität, Dr. Drachsiovskh

Deutsches Industriellengeld demonstriert für den tschechischen FascismusI Jterr Jlodai dirigiert die Gasse An.den Demonstrationen am Samstag, in deren Verlauf im Slawistischen Institut der Deut­schen Universität Einrichtungsgegenstände zer­trümmert, im VolksbildungshausUrania Schei­den eingeschlagen wurden, an diesen Demonstra­tionen verantwortungsloser, unreifer und wie Augenzeugen berichten teilweise sogar ange­heiterter halbwüchiger Burschen, haben anschei­nend auch einige sehr verantwortli­ch e Leute teilgenommen. Wir meinen nicht den G a j d 1, der in die Gesellschaft paßte. An der Spitze eines der Züge marschierte aber der Sekretär des Industriellen­verbandes dr JVodal der auch eine Ansprache an die demonstrierende Und demolierende Zlatä generace, die goldene Jugend des tschechischen Fascismus hielt. Herr Dr. Hodä£ bezieht als Angestellter des tschechisch-deutschen Industriel­lenverbandes ein nachweisbares Jahres­einkorn m e n von 300 000 JCl die mindestens zu ei ne m V iertelvon deutscher Industriellen a u f g e b rächt werden. Was sagen die deutschenlndustriel- len zu diesem Angestellten? Was.sagt das tschechische Volk zu diesemnationalen Vorreiter, dessen Sporen nach deutschem Gold klingen? Was sagt Henlein zu solcherVolksge­meinschaft? Hat Hodää die Kundgebungen dirigiert, so hat der Direktor der Zivnobank, Dr. Freies (Verehrer Hitlers ) sie immerhin inspiziert Er stand am Wenzelsplatz, als die von der Polizei streng verbotene Zusammenrottung am Montag erfolgte. Preise, Hodäd, die Zivnobank hier haben wir die wahren Interessen­ten an den Krawallen. Die Dornin und San Ni- colö sind bloß die Statisten, die das Stichwort liefern.

Als sich Henlein vor 14 Tagen in W a l- lern und B.-Krumau von seinem Adjutanten S a n d n e r einführen ließ, glaubte dieser, zu seinen üblichen Angriffen auf die Sozialdemo­kratie noch die unerhörte Provokation hinzufügen M dürfen, daß er das Wort von demsozialdemo­kratischen Gesindel" gebrauchte. Vielleicht meinte dieser Renegat, daß die geduldige Arbeiterschaft des Böhmerwaldes die Beschimpfung ruhig ein- stecken werde. Aber Henlein, und seine Trabanten täuschten sich: die Partei rief das arbeitende Böh- Merwaldvolk zu einer Kundgebung für Freiheit Und Brot; gegen den getarnten Fascismus auf und innerhalb zehn Tagen erreichte diese Kunde den ganzen südlichen Böhmerwald und fand überall begeisterten Widerhall. So wurde in einigen Tagen die mächtigste so­zialdemokratische Kundgebung organisiert, die B.-Krumau in den letzten Jahre« überhaupt gesehen hat. Zwei Sonderzüge, die von Wallern aus abgefer­tigt wurden, brachten an die tausend Personen Nach Kriimau und daneben eilten auch aus den Entferntesten Bezirken des südlichen Böhmerwal­des unzählige Menschen in Autobussen,, auf Rä­dern und zu Fuß herbei. Alsbald stand die ganze Stadt unter dem Eindruck, der sozialdemokrati­schen Invasion. Nach halb zwei Uhr nachmittags bewegte sich vom Bahnhof-Vorort durch die ganze Stadt der imposante Demonstrationszug, in dem die Teilnahme der Frauen und vieler Jungarbeiter besonders freudig auffiel. Das Kommen des Zuges kündigte eine, große Standarte mit der Aufschrift »Es lebe Masarykl" und je eine Staats- klagge und eine rote Fahne an. An der Spitze mar-

«nd den Dekanen feierlich eingeholL Prag hat drei erregte Tage hinter sich drei Tage bedauerlicher nationalistischer Ausschreitungen. Es begann am Samstag, als bekannt wurde, daß die deutsche Universität die Herausgabe deralt­ehrwürdigen Upiversitätsinsignien", die bereits vor 14 Jahren im Universitätsgesetz. festgesetzt worden war, mit einem aussichtslosen Demonstrationsstreik beantworten wolle. Unter verschiedenen Ausschmückun­gen kursierten die phantastischesten Gerüchte von Barrikaden der deutschen Studenten^ im Caroli- nimn n. dgl. Die sattsam bekannte Hetzpresse griff wirkungsvoll ein. Die Folge war, daß sich verschiedene, tschechische studentische Organisationen, bei denen die Vertreter desintegralen Rationalismus" ein ge­wichtiges Wort zu sprechen haben, Versammlungen einberiefen, bei denen eine wenig wählerische natio­nale Hetze entfaltet wurde, die zu bedauerlichen Ent­ladungen führen mußte. Die deutschen , nationalistisch eingestellten Hoch­schüler blieben hinter diesem löblichen Beispiel nicht zurück. Sie besetzten das deutsche Rektorat und Teile des Carolinums, fest entschlossen, diealtehrwür­digen Insignien" nicht auszuliefern. Der Appell der sozialistischen Studenten zu Vernunft und Besinnung blieb vergeblich. Die Folge dieses Entschlusses der nationalistischen Studenten waren sehr unakademische Prügeleien und Raufszenen. Denn die tschechischen

schierten die strammen Republikanischen Wehrleute aus Prag und ihnen folgten unsere Wehrleute aus den Böhmerwaldbezirken und die großen Scharen der demonstrierenden Proletarier. Einige Orte hatten ihre eigenen Musikkapellen mitgebracht. Auf Standarten wurden die wirtschaftlichen und sozialen Forderungen der Partei und der entschlos­sene Wille unserer braven Arbefter verkündet, Schluß mit dem Henlein -Fascismus zu Machen. Eine große Standarte rief es weit hinaus: Der Böhmerwald bleibt rot! Eine nicht anzuzweifelnde Feststellung angesichts dieses großartigen Aufmarsches, an dem sich 2500 bis 3000 Menschen beteiligten! Zwei Massenversammlungen Nach dem Demonstrationszug füllten die Masten der sozialdemokratischen Arbeiter, Klein­bauern, Frauen und Jugendlichen sämtliche Säle desNeuwirtshauses"-und dieSchießstätte". An den Kundgebungen haben sich bestimmt mehr als dreitausend Menschen beteiligt. Im Neuwirtshaus sprach. Abgeordneter Genosse de Witte aus Karlsbad , in derSchießstätte" Genosse Ernst Paul aus Prag . Beide Redner fanden leiden­schaftliche Worte gegen den Arbeiterbetrug. der Henlein -Fascisten und forderten mit nachdrück­lichem Ernste von den verantwortlichen Faktoren des Staates, daß auch den hungernden und dar­benden Menschen im Böhmerwald Arbeit und Brot gegeben werden. Die Leitung der einen Kundge- bung hatte Genoste Zapf, der zweiten Genoste Pfahl inne. Auf beiden Kundgebungen wurden unter großem Beifall Begrüßungstelegramme an den Staatspräsidenten befchloffen.

nationalistischen Studenten hatten es"ch in den Kopf gesetzt, das von ihren deutschen Gesinnungsgenossen besetzte Rektorat zu. stürmen, was zu solchen Aus- schreitungen führte. Daß die Polizei den von den aka­demischen Bürgern selbst entwürdigtenakademischen Boden" mit Gummiknüppeln säubern mußte. Im weiteren Verlaufe des Samstags fanden dann vereinzelte Demonstrationen kleinerer Gruppen vor verschiedenen deutschen Gebäuden statt(wie: Deutsches Haus, Urania , Deutsches Theater, deutsche Reaktionen ü. dgl. m.) die.aber im.galizen harmlos verliefen, d. h. ohne größere Gewalttätigkeiten. Wie nicht anders zu erwarten, zeigten die am Sonntag fortgesetzten Demonstrationen ein ganz anderes Bild. An diesem Tage wuchsen sich die Kundgebungen zu regelrechten Ausschreitungen aus, bei denen nicht mehr die Studentenschaft» son­der» die Prager Gaste den Ton angab. Die be­ruhigenden Aufrufe des Rektors Dr. Drach- novsky hatten offenbar keine Wirkung gezeitigt. Schon am Vorabend hatten die Demonstranten stellenweise nicht nur ein deutschfeindliches, son­dern ein antisozialistisches und antisemitisches Gepräge angenommen. Nicht nur vor demPrager (Schluß auf Seite 2)

Professor Barth entlassen Der Professor für evangelische Theologie an der Universität Bonn , Dr. K a r l B a r t h, ist suspendiert worden, weil er sich weigerte, den Eid auf Hitler zu leisten. Außerdem wurde em Diszi­plinarverfahren gegen ihn eingeleitet. Die Ver­fügung hat der seinerzeit wegen Irrsinn von sei­nem Amt als Mittelschullehrer beurlaubte Mini­ster R u st getroffen. Professor Barth ist seit Harnacks Tod der führende evangelische Theologe Deutschlands . Er hat unmittelbar nach dem Machtantritt der Nazi eine wissenschaftlich-theologische Streitschrift er­scheinen lasten, die in drei Wochen in einer Auf­lage von Zehntausenden' Exemplaren verbreitet war.-

20 Prozent 6er Stimmberechtigten angefochten Saarbrücken. (Havas.) Bon den 107.000 von Bürgern der Saarregierung eingebrachten Reklamationen gegen die Wählerverzeichnisse haben die Inspektoren der Plebiszitkommission 83.000 Beschwerden abgewiesen. Die Berufungs­frist ist am Sonntag abgelaufen. Dem Obersten Plebissitgericht gingen noch 3000 Berufungen zu. Diele Ziffer dürste sich jedoch noch erhöhen. DasVolksgericht** wütet Berlin. (DNB.) Dkr Volksgerichtshof ver­urteilte den 39jährigen ehemaligen Instrukteur des Zentraläusschustes der KPD Hans Pfeiffer wegen Vorbereitung zum Hochverrat zur zuläs- sigen Höchststrafe von drei Jahren Zuchthaus, den 29jährigen Hugo Paul aus Remscheidt zu zwei Jahren sechs Monaten Zuchthaus . den 39jährigen Rudolf Hennig aus Düffeldorf zu zwei Jahren Gefängnis* und die Mitangeklagte 28jährige Ellen Ltzeg, die Pfeiffer als Schreibhilfe zur Verfügung gestanden hatte, zu einem Jahr drei sssionaten Ge- jängnis.

Schach dem fascistischen Treiben! Als vor kurzer Zeit das Parlament zusam­mentrat und Abgeordnete ebenso wie die Regie­rung sich mit den zu lösenden Aufgaben befaßten, da war die Auffassung allgemein, daß kein drin­genderes Problem vorhanden sei, als die B e l e- bung der darniederliegenden W i r t s ch a f t und die H ilfe für die Opfer der Krise im sechsten Krisenwinter. Wer an die hunderttausenden Arbeitslosen denkt, an die Männer und Frauen, Greise und Kin­der, die hungern und frieren, inuß zu der Ueber- zeugung gelangen, daß die Hauptaufgabe der Regierung und Verwaltung die Lage für die unverschuldet in Not Geratenen ist. Gerade jetzt ist auch in tschechischen Kreisen die Erkenntnis durchgedrungen, daß d i e H i l f e d o r t ge­leistet werden muss, Nfo die Not am g r ö ß t e n i st und"das sind die indu­striellen Gebiete des Staates,, deren Be­wohner in der Mehrh eit Deutsche s i n d. Der Ministerpräsident hat in seiner Rede dies soziale Moment betont, die Minister für öffentliche Arbeiten und soziale Fürsorge haben in wirkungsvollen Darlegungen all die Fülle von soziale)! Aufgaben Hervorgehabewan die wir Her­antreten müssen, der Landespräsident von Böh­ men hat eine Reise nach dem Nordwesten des Lan­des unternommen, um auch den Verwaltungs­apparat den sozialen Bedürfnissen der Bevölke­rung stärker anzupassen.' Diese Einstellung der Regierungspolitik aus die Durchführung bedeutsamer sozialer Maßnah­men hat aber jenen nicht gepaßt, die sich trotz der lange» Dauer der Krise weigern, Opfer zu brin­gen. Das sind die Vertreter der Großindustrie und deren Hauptangestelller, der Herr Abgeord­nete H o d ä i, sowie diejenigen, welche es als ihre besondere nationale Aufgabe erwählt haben, dem Bank- und Industriekapital die Kastanien aus dem Feuer zu holen, das ist die von Herrn Stribrnh geführte Menge. Einem Großteil jener, welche auf den Prager ^ Straßen Schmährufe gegen die Deutschen und Juden ausgestoßen, Fensterscheiben nicht nur an deutschen, sondern auöhan anderen Objekten eingeschlagen haben, ist vielleicht gar nicht bekannt, was die Insignien Her Universität, um die der Streit ging, sind und sie haben wohl für diese altertümlichen Symbole sehr wenig Interesse. Für den Herrn Strlbrnh bedeutet jeder Straßenauflauf, mag es sich worum immer handeln^ nur eine Gelegenheit, die Stimmung einzelner Elemente, auf deren Zuge­hörigkeit keine Partei stolz zu sein braucht, gegen die demokratischen Parteien zu lenken. Von den­selben Absichten ist der Generalsekretär des Jn» dustriellenverbandes, Dr. Hodak erfüllt, der die denkbar traurigste Rolle gespielt hat, als er an der Spitze der johlenden Menge über die größte Straße Prags gezogen ist und der noch vor einem Fahre die Gemeinschaft mit jenen Leuten, bei denen er sich heute wohlfühlt, mit Entrüstung abgelehnt hätte. Die Verbindung de§ Fndustriellenverbandes mitder AnhängerschaftStkibrnHs in den Prager Straßen, ist ein Zei­chen dafür, wes s e n die Industrie im Zeitalter-des Zusam m enb tu. ches ihrer Wirts ch a ft h i g ist. Wie die tschechische Bevölkerung, jene Be­völkerung, die arbeitet und schafft, und auf der der tschechoslowakische Staat ebenso beruht wie die tschechoslowakische Wirtschaft, gesinnt ist, hat man in den letzten Tagen zu erkennen Gelegen- heit gehabt. Es ist festzustellen, daß, sich die a»ständige tschechische Bevölke­rung Prags von dem Treiben der tschechischen Fascisten fern- g e h a l t e n hat und daß auch die anständige tschechische Presse Worte der Verurteilung der Drahtzieher der Demonstrationen gefunden hat. Wichtig ist. daß die tschechischen Linksparteien sich

Roter Aufbruch im DOhmcrwuld Imposante Kundgebungen der Partei In B.-Krumau