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Bosialdemokrat

ZENTRALORGAN

DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI

IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK

ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRUH. REDAKTION UND VERWALTUNG PRAG XII., FOCHOVA 62. TELEFON 53077. ADMINISTRATION TELEPON 53076, HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR : WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG .

15. Jahrgang

Arbeitsbeschaffung

und Neuwahlen

Der Standpunkt der tschechischen Sozialdemokraten

Prag . Der Parteivorstand der tschechischen Sozialdemokraten befaßte fich Mittwoch eingehend mit der innerpolitischen Situation und den Auf­gaben der Regierung. Eisenbahnminister Genosse Bechyně berichtete über eine unter den Kvali­tionsparteien erzielte Berständigung, den regulä­ren Berfaffungstermin für die parlamentarischen Neuwahlen einzuhalten, die Wahlen also erst im Herbst zu absolvieren. Der Minister gab wei­ter bekannt, daß die Verhandlungen über die Ein­führung der Vierzigstundenwoche un­mittelbar vor dem Abschluß stehen, daß ferner auch die Verhandlungen über das Arbeitsver= mittlungsgesetz und den Ausbau der produktiven Arbeitslofen für= forge günstig fortschreiten und dieses Programm ausammen mit den landwirtschaftlichen Angele­genheiten noch vor den Neuwahlen ausgetragen werden wird. Fürsorgeminister Dr. Meißner erstattete einen ausführlichen Bericht über die in den letzten Tagen vereinbarte Vorlage betreffend die Sanierung der Selbstverwaltungsfinanzen und über einige sozialpolitische Angelegenheiten, wobei er sich besonders mit der sozialen Seite der He­bung der Investitionstätigkeit be­faßte. Er gab bekannt, daß die Berständigung über die Erschließung der zur erhöhten Investitions tätigkeit erforderlichen Geldquellen in ihren Grundzügen bereits erzielt ist.

Schwierigkeiten

bei der Saar - Uebergabe

Der Dreierausschuß soll entscheiden

Base. Die französisch- deutschen Berhand­lungen über das Saargebiet wurden Mittwoch bormittags beendet, ohne daß eine end­gültige Vereinbarung über die strit­tigen Punkte des Eisenbahnabkommens erzielt worden wäre. Die Mitglieder der französischen Delegation Rueff und Lacour- Gayet sind nach Rom abgereist, um Baron Aloist über die Anträge der Vereinbarung zu berichten. Zwischen den Delegationsmitgliedern wird die Diskussion fort­

gesetzt.

Basel . Wie die Schweizer Telegraphen­

Agentur meldet, wurden die französisch- deutschen Schwierigkeiten bei den Saarberatungen dadurch verursacht, daß die französische Delegation die Er­gebnisse dieser Beratungen als bloße Empfehlung ansieht, während sie die deutsche Delegation als endgültigen Vertrag betrachtet. In informierten Streisen glaubt man, daß die Beratungen des Dreierausschusses für die Saarfragen am Don­nerstag abgeschlossen sein, werden und wahrschein lich zu einer Aenderung der Vorschläge führen

werden.

Donnerstag, 7. Feber 1935

Deutschland

macht Schwierigkeiten

Einzelpreis 70 Heller

( einschließlich 5 Heller Porto

Nr. 32

Zuviel Menschen?

Das Statistische Staatsamt veröffentlicht eine Reihe von Ziffern über die Entwicklung un­serer Auswanderung, die zu ernstem Nachden­ten anregen. Mit dem Verlauf der Krise schrump­fen nicht nur die inländischen Arbeitsmöglichkeiten zusammen, es wird zugleich für unseren Menschen­

Zögernde Haltung zu den Londoner Vereinbarungen überschuß immer schwerer, außerhalb der Grens

"

Prag . Die Londoner Vereinbarungen scheinen für die Berliner Regie rung eine harte Nuß zu bedeuten. Die vorliegenden Berichte stimmen darin überein, daß die Reichsregierung keine Eile zeigt, ihre Friedens­beteuerungen bei diesem Anlaß zu unterstreichen. Der Völkische Beob achter" veröffentlicht einen sehr unfreundlichen Artikel über die franzö sisch- englischen Anträge, worin wieder die Ablehnung des Ostpak. tes recht deutlich ausgesprochen wird. Deutschland hat nach den Ausfüh­rungen dieses recht maßgebenden Parteiblattes seine eigene Vorstel. Iung von der Lösung des Sicherheitsproblems. Aus dem ,, Völkischen Be­obachter" geht weiter hervor, daß das heutige Deutschland sehr wenig Nei gung verspürt, sich in ein europäisch es Sicherheitssystem einzugliedern.

Simon nach Berlin

oder Göring nach London ?

London.( Reuter.) In politischen Kreisen nimmt man an, daß man erst nach Eintreffen sämtlicher Antworten der interessierten Mächte, Deutschland inbegriffen, entscheiden werde, ob Sir John Simon nach Berlin zu den Beratungen über die englisch - französischen Bereinbarungen reisen

wird. Man erwartet, daß die deutsche Regierung die formelle Antwort auf die neue Friedensinis

tiative etwa in zehn Tagen erteilen wird

Daily Mail" teilt hiezu mit, daß sich, falls kein britischer Minister nach Berlin kommt, der preu­Bische Ministerpräsident Göring in seiner Eigen­schaft als Reichsminister für Luftschiffahrt nach London begeben wird, um dort über den Vorschlag bezüglich eines Flugabkommens Verhandlungen zu pflegen,

Frankreich hält am Ostpakt fest

Die Prager Presse" meldet aus Paris : Entgegen gewiffen in der sowjetrussischen Presse geäußerten Befürchtungen, daß die Londoner Abkommen das Ostpakt- Profett gefährden tönnten, wird an Pariser diplomatischen Kreisen in der bestimmtesten Weise betont, daß a Ile geplanten internationalen Bakte und Verträge ein un te il bares Ganze s bilden und es daher ausgeschlossen ist, daß beispielsweise ein einzelner Pakt, wie das Luftabkommen, zu­standekommt, ohne daß gleichzeitig auch die anderen Verträge, welche die Sicherheit Europas garantieren sollen, unterzeichnet würden.

Fascistische Schreckensherrschaft

Todesurteil wegen kommunistischer Propaganda

in Lettland

Massenprozesse 13jährige als Angeklagte

Das Kriegsgericht in Dünaburg ( Lettland ) verurteilte den 27jährigen Angestellten Salman Muhrin, der wegen kommunistischer Propaganda angeklagt wurde, zum Tode durch den Strang.

Die Anklage gegen Muhrin stützte sich ausschließlich auf Aussagen der Bolizeispitzel und die bei Muhrin gefundenen verbotenen Drucksachen. Es ist das erste Todesurteil, das in Lettland wegen politischen Vergehend ver­hängt wird. Im Lande herrscht darüber große Aufregung. Die Gerichts. verhandlung verlief bei geschlossenen Türen. Die lettischen Blätter durften bloß in wenigen Zeilen über das Urteil berichten.

Der Fall Muhrin ist bloß der Anfang. In der nächsten Zeit findet im Rigaer Kriegsgericht ein großer politischer Prozeß statt;

Schwere Verstimmung Amerikas gegen Rußland gegen Rußland unter den 22 angeklagten befinden sich zwei 13jährige Kna.

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Washington . Als Folge des Abbruchs der amerikanisch = sowjetrussischen Schuldenver­handlungen hat das Weiße Haus am Mittwoch eine demonstrative Einschränkung der diplomati­schen Beziehungen zur Sowjetunion angeordnet. Der Marineattaché sowie der Luftfahrtattaché wer­ben aus Moskau zurückgezogen. Das amerika­ nische Generalkonsulat in Moskau wird vollkom­men aufgelöst, und das Personal der amerikani-| schen Botschaft wird erheblich eingeschränkt.

ben. Die politische Polizei bereitet zwei Prozesse gegen 20 frühere Mitglieder der sozialdemokratischen Partei vor, die man wegen illegaler Fortführung der verbotenen Partei beschuldigt. Auch diese Leute kommen wahrscheinlich vor das Kriegsgericht, auch ihnen droht wie es der Fall Muhrin zeigt die Todesstrafe.

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Fast sämtliche Verhaftete werden in der politischen Polizei sch wer mißhandelt. Selbst im Dritten Reich oder im fascistischen Italien ( von einem Kulturstaat zu schweigen) wurde noch niemand wegen Aufbewah­rung verbotener Druckschriften, oder selbst wegen Propaganda zum Tode verurteilt. Der lettische Diktator, Herr Ulmanis , hat augenscheinlich sei­nen Stolz darauf gesetzt, Hitler und Mussolini zu übertrumpfen. Einer energischen Protestwelle gegen die fascistischen Barbarei würde es vielleicht

Wahlen in Jugoslawien gelingen, Muhrin und die anderen Opfer des fafciftischen Terrors in Lett­

Wendung zur Demokratie?

Belgrad.( Tsch. P.-B.) Mittwoch wurde durch einen Ukas des Regent schaftsrates die gegenwärtige Skup schtina aufgelöst, die Neuwahlen wer­den für den 5. Mai ausgeschrieben. Die neue Skupschtina wird zu einer außer ordentlichen Tagung für den 3. Juni laufenden Jahres einberufen.

land zu retten.

Politischer Mord in Russland

Moskau . Jn Stalino wurde die Kommu-| handelt sich um einen politischen Mord. Die Pri nistin Priwalichina erſchoffen aufgefunden. Die walichina war in Stalino als eine der eifrigsten Beamten des Bundeskommissariats nahmen meh. Kommunistinnen bekannt und leitete die dortige rere Personen fest, darunter den Arbeiter Polja Organisation der Gottlosen- Bewegung.

tow, der den tödlichen Schuß abgegeben hat. Es

zen einen auch noch so bescheidenen Eristenzboden zu finden. Im Konjunkturjahr 1928 sind aus der Tschechoslowakei noch 29.000 Personen ausgewan­dert, im Krisenjahr 1933 nur noch 4831. Das Jahr 1934 verzeichnet einen mäßigen Anstieg auf 5047 Auswanderer, was aber an der allgemeinen Tendenz der europäischen und Weltabschnürung nichts ändert. Die Zusammenschrumpfung der Einwanderungsmöglichkeiten ist gleichermaßen auf den Kontinent, wie in Amerika drüben festzustel len. Wenn die Vereinigten Staaten im Vorjahre nur noch 843 tschechoslowakische Staatsangehörige aufnahmen und Kanada 881, so fällt das praktisch überhaupt nicht mehr ins Gewicht. Südamerika , lendet erscheint, vermag für diese verlorenen dessen wirtschaftliche Aufschließung noch nicht vol­Chancen feinen nennenswerten Ersaz zu bieten.

Auch die europäischen Länder verschließen sich immer mehr dem Zustrom fremder Arbeitskräfte. Frankreich hat 1933 noch 1957 Tschechoslowaken aufgenommen, 1934 nur mehr 1432. n anderen Staaten kommen höchstens einige Dutzend Qualis tätsarbeiter unter, die von dort aus die heimische Exportindustrie tonturrenzieren. Sehr bedeutend ist die Verringerung der Zahl der landwirtschaft­lichen Saisonarbeiter, die alljährlich von der Slo­ wakei und von Mähren aus zum größten Teil nach Desterreich, zum geringeren Teil nach Deutsch­ land auf Erntearbeit gingen. 1928 bis 1930 waren ihrer noch durchschnittlich 20.000 Personen, 1934 nur mehr 7000. In diesen Ziffern spiegelt sich die technische Rationalisierung der Landwirt­schaft und die Reorganisierung Mitteleuropas , welche die landwirtschaftliche Leutenot" in den Industrieländern allmählich überwindet.

Das Heer der Arbeitslosen und des jungen Nachivuchses findet ſonach auf der Eristenzsuche nicht nur verschlossene Fabrikstore, sondern auch versperrte Grenzen vor. Die Verschärfung der so­zialen Spannungen, die daraus erwächst, soll nicht übersehen werden. Es darf nicht vergessen werden, daß die Provinzen der heutigen Tschechoslowakei schon in den Jahrzehnten vor dem Kriege einen bedeutenden Teil ihres Menschenüberflusses in das Alt- und Neuausland abströmen ließen. Auch in den Zeiten der industriellen Aufblüte ergoß sich aus Böhmen und Mähren ein Strom von Aus wanderern und Saisonarbeitern nach Wien und Deutschösterreich, in die Industriezentren Deutsch­ lands und nach Nordamerika hinüber. Die Tsche chen und Slowaken sind durch ihre Wanderlust be­fannt und gerade in der Slowakei hat die Aus­wanderung nach Amerika eine bedeutende Rolle gespielt. Daneben suchten auch die Sudetendeut schen gerne auswärtige Arbeitspläße auf. Für viele unserer deutschböhmischen Grenzbezirke ist die Wanderarbeit eine wirtschaftliche Haupteinnahms quelle gewesen. Die südböhmischen Fortgeher und die Sachsengänger des Egerlandes und des Erz­gebirges. sind jedes Frühjahr zu vielen Tausenden ausgeschwärmt. Von den Arbeitsstätten in Wien oder Deutschland sandten sie ihre Ersparnisse heim, die sie über den Winter mit den Familien verzehra ten, in der berechtigten Hoffnung auf neuen Sai­fonverdienst. Längs der böhmischen Grenze waren weitere Tausende in den bayrischen Forsten, in den sächsischen und schlesischen Fabriken beschäftigt.

Diese Möglichkeiten sind nun bis auf füm merliche Refte verschüttet. Die Welt ist flein ges worden. In knapp zwei Jahrzehnten hat sich der soziale Aktionsradius unserer arbeitenden Men­schen unerhört eingeengt und es flingt für die Nachkriegsgeneration recht unglaubwürdig, wie biele vollbeladene Arbeiterzüge vor dem Striege durch die Bahnhöfe von Eger , Gmünd oder Luns denburg gerollt sind. Das Kapital hat trop aller Devisenmaßnahmen im wesentlichen seine Freis zügigkeit behauptet. Kapital und Maschinen können auswandern, die überflüssigen Menschen müssen daheim bleiben.

Aus diesem tragischen Tatbestand sind einige politische Folgerungen zu ziehen. Er spricht vor allem gegen die Scharlatane im sudetendeutschen Lager, welche den Hauptteil der Krisennot auf nationale Ursachen zurückführen möchten. Gewiß