Sonntag, S. Juni 1935 15. Jahrgang Einzelpreis 70 Hilter (*lnichlio6lich S Hella, Porto) ZENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK, ERSCHEINT NUT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xii m fochova«. Telefon SS077. Herausgeber« Siegfried taub. Chefredakteur« Wilhelm niessner. Verantwortlicher Redakteur« dr. emil strauss, frag. Japans Raubzug geht weiter MuKde«. Das Oberkommando der Kwantung-Armee tritt mit, daß in­folge der veränderten politische« und militärischen Lage in der entmilitarisier­ten Zone die japanischen Truppen den Befehl erhielten, den von ihnen am 23. Mai unterbrochenen Vormarsch wieder aufzunehmen. Auf Veranlassung des japanische« Oberkommandos werden alle Gebirgs­pässe an der Großen Mauer im Laufe der nächsten 24 Stunden von japani­sche« Truppen beseht. {. Damit wird der Unsicherheit ein Ende ge­wacht, die über Japans Absichten bis zum letzten Moment bestanden. Kurz vorher war noch aus Nanking gemeldet worden, daß sich eine bewaff­nete Intervention Japans in Nordchina ver­meiden lassen werde, da die Verhandlungen in Tientsin zwischen den japanischen Behörden Und dem Kommandanten der chinesischen Truppen in Nordchina mit einem Abkommen geendet hät­ten. Diese Meldung ist offenbar überholt; dafür ist mit einem offiziellen japani­schen Ultimat um zu rechnen, das eine ausführliche Liste der japanischen Forderun­gen enthalten soll. Die Japaner verlangen ins­besondere die Auflösung aller gegen Japan ge­dichteten Organisationen. Sie fordern ferner, daß alle chinesischen Trutzven P e i p i n g und Tientsin zu räumen haben. Die japanischen Besatzungen in Rrdchina sollen von Osaka aus verstärkt werden, u. zw. soll eine Erhöhung auf, das Dreifach.e des bisherigen Standes krfolgen. Der japanische Generalstab sandle am den lkmnmandanten der japanischen Garnison in Tientsin di« Instruktion, s e l b st zu entscheiden» »b es notwendig sei, eine bestimmte Frist für die Antwort Chinas auf die japanischen Forderungen zu legen, insbesondere bezüglich der Forderung, daß in Nordchina sämtliche japanfeindlichm Or­ganisationen sofort aufgelöst werden. Washington . Das Borgehen Japans in Nordchina wird in maßgebenden amerikanischen Kreisen mit großer Mißbilligung verfolgt. Es wird hier allgemein angenommen, daß die ameri­ kanische Regierung England und möglicherweise auch andere Mächte konsultieren dürfte, falls eine Verschärfung der Lage in Nordchina eintritt oder falls China selbst an andere Mächte appelliert. vu sollst nicht stehlen... Wien . Die Bundespolizeidirektion hat die endgültigeBeschlagnahme des Vermögens der Wiener Volksbuchhandlung Skaret sc Co., im Gesamtwerte von 80.000 bis 90.000 Schilling angeordnet. Gleichzeitig hat die Bun­despolizeidirektion die offene Handelsgesellschaft Saft, Sportwaren und Sportbuchhandlung im V. Bezirk aufgelöst. Verunglückter Pflngstausflug Wien . Die Jugendorganisation der Heimwehr -.Iung-Baterland" veranstaltete in zwei Lastkraftwagen einen Pfingstausflug nach Admont . Ungefähr auf halber Paßhöhe verun­glückte eines derAutoS, wobei dreiJnsassen getötet, acht schwer und sechs leicht verletzt wurden. Unter den Teilnehmern befindet sich auch 'der Sohn des Ministers Fey. Der Minister wurde sofort von dem Unglück verständigt und unterbrach daraufhin seine Reise von Budapest nach dem Plattensee , um sich an die Unglücksstelle zu begeben. Warnung Ein Mann» namens K o h lst r u n k, der sich als politischer Flüchtling ausgibt, besucht«n- ser« Organisationen und verlangt Unterstützungen. TieferEmigrant" ist überall abzuweisen, da er bereits seit vielen Jahren nicht mehr der fatal« demokratischen Partei angehört. 1200 Verhaftete Dis Bache für die Fabrikswahlen. Kommen wird, was kommen muO! Die Erfolge der Opposition bei den Der- trauensratwahlen im Dritten Reich sind mit einer neuen Entfesielung des Gestapoterrors beantwor­tet worden. Ein Sonderbericht des.D a i l y Herald" spricht von 1200 bereits verhafteten Sozialisten und Kommunisten, besonders in Ber­ lin , Hamburg , Chemnitz uyd dem Ruhrgebiet . Bereits v i e r der Verhafteten sind t o t ge­prügelt worden. Viele werden demdritten Grad" unterworfen, jenen bestialischen Martern, von denen immer noch manche Leute im Ausland glauben, daß sie nur in der ersten Zett der brau­nen Herrschaft geübt worden sind, während sie doch die eigentliche und originale Blubomethode dieses Regierens sind. In einer b a d.i s ch e n Zwingburg wur­den Gefangene abgcholt, um erschoßen zu wer­den. Man trieb sie auf den Exerzierplatz, verband ihnen die Augen, nachdem das Henkerkommando aufmarschiert war, stellte sie an die Mauer und nun hörten sie alle Kommandos nur das letzte blieb aus, jenes»Feuer!", das im Poiemkin» film in immer größerer Schrift auf uns zuspringt. Diese Komödie, so recht nach dem Herzen der braunen Schurken, wird öfters wiederholt mit dem Erfolg, daß einige Gefangene wahnsinnig geworden sind. Viele vost den zehntausenden einfachen Arbei­tern, die nichts anderes als die selbstlose Hin­gegebenheit an die Sache der Armen und Unter­drückten dazu treibt, sich für ihre Klassen- und Leidensgenoßen einzusetzen, für sie in den Betrie­ben oder bei den öffentlichen Stellen Erleichterun­gen und Verbesserungen durchzusetzen, viele von der treuen sozialdemokratischen Arbeitergefolg- schast werden in den zurückliegenden Wochen die härteste Prüfung ihres Lebens bestanden haben. Sie sind gewiß nicht von der Art, daß sie ein .Kampf weich machen, oder daß gar die Furcht vor "ihm sie erschüttern könnte. Nein, alle die in den Städten und Dörfern des sudetendeutschen Ge­bietes leben, haben gesehen, daß sie im Kampf um die Interessen der Arbeiterschaft, im Kampf gegen die Unternehmer, gegen den Klassenfeind über­haupt, stets in vorderster Front gestanden sind. Ohne Rücksicht auf den Haß, mit dem das Unter­nehmertum und sein williger Anhang sie verfolgte. In diesen Kämpfen und durch ihr mutiges Aufrecht st eh en wur­den sie die Vertrauensmänner nicht nur ihrer organisierten Arbeitsbrüder und Ar­beitsschwestern, sondern aller Arbeiter, allerBesitzlosen und Hilfs­bedürftigen ihres Wirkungsbereiches. Und Herzlicher Empfang Dr. Beness in Moskau Moskau. (Taß.) Del seiner Ankunft in Moskau wurde Außenminister Dr. Benes am Bahnhofe vom Volkskommissar für auswärtige Angelegen­heiten Litwinow mit Gemahlin, dessen Vertreter Krestinskij , dem Vorstand der Westabteilung im Außenkommiffariat Stern, dem Chef des Protokolls des AußenkommifsarioateS B a r k a, dem Vorsitzenden der Mos­ kauer Sowjets Bulganin , dem Vertreter des Moskauer Garnisonskom- mandanten Gerbatschew, dem Vorstand des Pressedepartements des Außenkommiffariates Umanskij, dem Vorstand der Abteilung für die De» Ziehungen mit dem Ausland im Kommissariat für Rationale Verteidigung G e ck e r, dem tschechoflowakischen Gesandten Bohdan P a v l ü mit dem Personal der Gesandtschaft, dem französischen Botschafter C i«» t« und Vertreter« der sowjetrusfische« und ausländische» Presse begrüßt. DaS Bahnhofsgebäude war mtt Flagge« in tschechoflowakischen und rnsflschen Farbe« geschmückt. Bei der Ankunft des Zuges begrüßte Außenkommissär Litwinow Minister Dr. BeneS im Eisenbahnwaggon, worauf Dr. DeneS die Meldung des Kom­mandanten der Ehrenabteilung, die längs des Perrons Aufstellung genom­men hatte, entgegennahm und die Mttglieder der Rote« Armee begrüßte. DaS Orchester spiette die tschechoflowakische und die sowjetrussische Hhmne. DaS Publikum, das sich auf dem Bahnhofe versammelt hatte, begrüßte Dr. Benes und seine Begleitung mtt herzlichem Applaus. Vom Bahnhöfe fuhr Dr. Benes in die ihm vom Außenkommiffariat zur Verfügung gestellte Villa. Austausch der Ratifikationsurkunden Minister Dr. Benes besuchte Samstag nachmittags den Dolkskommiffär für Aeußeres L i t w i n o w. Bei dieser Gelegenheit fand der Austausch der Ratifikationsurkunden zum Vertrag über gegensettige Hilfeleistung statt. Gleichzeitig tauschten Litwinow und Dr. BeneS die Ratifikationsurkunden znm Handels- und Schiffahrtsvertrag und zu dem Abkomme« über den ge­werbliche« Rechtsschutz auS und unterzeichneten das Abkommen betreffend de» Austausch von Postpaketsendungen zwischen den beide« Länder«. Hierauf fand zwischen Litwinow und Dr. DeneS eine längere frenndschaft- liche Unterredung.statt. Die freundschaftliche Unterredung Litwi­nows mit dem tschechoflowakischen Außenminister Dr. Benes dauerte zwei Stunden und war um 17 Uhr beendet. Wie verlautet, wurde in dieser Unterredung insbesondere über den Abschluß eines Kulturvertrages verhandelt. Dieser Vertrag wird die gegenseittge Organisierung von Kunstausstellungen und von Uebersetzungen lite­rarischer Arbeiten, sowie den gegensrttigen Schutz der Autorenrechte bezwecken. Am Abend gab Litwinow zu Ehren des GasteS ein Diner. In seinem Trinkspruch sprach Litwinow sein« herzliche Freude über die mit der Tschechoflowakei geschlossenen Abkomme« auS, von denen er feststellte, daß sie die gegen­seittge Freundschaft der beiden Länder und die Meinungsübereinstimmung in bezug auf die Sicherung deS euripäischen Friedens bestätige« und auch festige«. Dr. Benes sprach in seiner Erwiderung aus diese Kundgebung die Ueberzengung aus, daß sein Besuch in Moskau den Beginn einer immer ver­trauensvolleren Zusammenarbeit beider Länder bedeute.Unsere gemeinsame Polittk ist eine Po­litik deS Friedens ", sagte Dr. Benes. sie rechtfertigten dieses Vertrauen in der schönsten Weise: sie haben ungezählten Tausenden wixkliche Hilfe gebracht und blieben selbst die einfachen, armen Soldaten in der großen internationalen Front derer, die für eine neue Welt kämpfen, in der es keine soziale Not und keine Berfllavung der Arbeit geben wird. Und. doch: in den zurückliegenden Wochen ttafen sie haßerfüllte Blicke nicht nur von den be­sitzenden Klassenfeinden, sondern von den eigenen armen Klassengenossen, von Arbeitern und Arbeits­losen; waren sie das Ziel niederträchtiger Be­schimpfungen und nicht selten tätlicher Angriffe. Sie, die wahrhaftig keineBonzen" sind, die keine Schätze gesammelt haben, deren Leben durch ihre soziale Gesinnung aber arbeitsreicher und schwerer ist als das der anderen, sie wurden in den ver­gangenen Wochen verschrien als die.Volksfeinde" undVerräter". Und unter denen, die sich dabei hervortaten, waren nicht selten die die ärgsten, denen sie wiederholt die Uneigennützigkeit ihres Wirkens bewiesen, denen sie mehr als einmal Hilfe -gebracht hatten. Die lange Menschlichkeitsgeschichte ist seit frühen Zeiten schon eine Auflehnung, ein Kampf der Armen und Entrechteten gegen ihre Bedrücker. Sie erzählt, daß alles schon einmal dagewesen ist. Die vom Elend gemarterten Unterdrücken können aus ihr erfahren» daß dann, wenn irgendwo die Not der ausgebeuteten Menschen am schlimmsten wurde, wenn sie nach durchgreifender Hilfe schrie, falsche Freunde sich in das Vertrauen per ge- auälten, grollenden Massen einschlichen. Sie täusch­ten vor, für die von der Not gepeinigten Menschen zu sein, ihnen helfen und sie von den Ursachen ihrer unerträglichen Lage befreien zu wollen. Da sie bisher keine Leistungen aufweisen konnten, die das berechtigte Mißtrauen der Massen hätte besie­gen können, da sie niemand kannte und niemand wußte, woher sie kamen, so begannen sie zuerst da­mit, das Vertrauen zu den Vertrauensmännern des Volkes der Armut zu zerstören. Das Gift der Lüge und der Verleumdung wurde verspritzt; es tut in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit, des Hun­gers und des Elends seine besondere Wirkung. Die Klarheit des Denkens wird getrübt, die Fähigkeit des Erkennens und die Widerstandskraft geht vie­len Menschen verloren und der Feind, in der Maske des Freundes mitten unter ihnen, findet" seine Opfer. Ihm folgen sie, seinen Versprechungen glau­ben sie und mtt ihm-brüllen siesteinigt, kreuziget ihn" und rennen dabei hinter Männern her, die bisher ihr Vertrauen hatten und die nie etwas getan haben, um dieses Berttauen zu erschüttern. So haben die-Herrschenden früher die Einig­kett deS Handelns der von ihnen bedrückten Völ­ker hintertrieben. Und die Kapitalisten unserer Tage können sagen, daß ihnen der gleiche Erfolg geworden ist. In unserem Lande ist es ihnen ge, lungen, hunderttausende Menschen, die gerade jetzt in der fatalistischen Front zusammenstehen müßten, für das Fortbestehen der Ursache allen gesellschaftlichen Elends der privatkapitalistischen Wirtschaft zu gewinnen. Die Besitzenden haben damit vorübergehend ihre Position gefestigt. Abersietäüschen sich, wenn sie sich der Meinung hingeben, sie hättendamitendgültigdengroßen Kampf, der die Gesellscha stund die Geschichte vorwärts bewegt, zu ihrem Gunsten entschieden. Diese Entscheidung ist nur um etwas mehr Zett hinaus­geschoben wordenaufgeschoben ist sie nicht. Gestützt auf seine überragende Machtstellung, begünstigt durch die Umstände unserer Zeit, ver­mochten die Kapitalisten unter Aufbietung aller Mittel in breiten Massen das Bewußtsein zu trü­ben, sie mit ihrem Denken und Handeln von dem Mutterboden ihrer Klasse fortzuführen. Aber da das dazu geschehen ist, die kapitalistische Wirtschaft und ihre ganzeOrdnung" aufrechtzuerhalten, so wird damit vom Augenblicke des Erfolges an der Erfolg auch schon wieder untergraben! Alle Anstrengungen, den Kapitalismus zu retten, die noch immer wachsenden Produktions- verhältniffe seinen HerrschaftSbedürfniffen zu unterordnen, müssen die soziale Zerklüftung im Volke immer tiefer aufteißen, einer kleinen Schicht von Kapitalisten stets neuen Reichtum zuschauzen