Nr. 211 Dienstag, 10. September 1935 15. Jahrgang (•Imchllatlick S Haller Fort®) IENTKALOBGAH DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH, Redaktion und Verwaltung frag xii., fochova«. Telefon atm. HERAUSGEBERi SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEURS WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEURi DR. EMIL STRAUSS, PRAG . In Erwartung des Angriff$ Addis Abeba. (Reuter.) Die Mittellungen der Regierung über die Bewegung der italienischen Truppen in Erptrüa lassen erkennen, daß die Offensive gegen Abessinien nahe ist. Aus verschiedene» Provinzen Abessiniens einlangende Telegramme besagen, daß italienische Truppen an verschiedenen Stellen der Grenze Erhthräas konzentriert find. Der Gouverneur der Provinz Arusfi erhielt Befehl, mll 25.000 Mann «ach O g a d e« zu marschieren, um dort ans schnellstem Wege Verteidigungsstellungen zu beziehen. Der Marsch der abesfinischen Truppen wird etwa zehn Tage in Anspruch nehmen. Der Korrespondent des Havasbüros meldet, haß fast die Hälfte der abeffinischen Militärabtri- lunge« mobilisiert sei. Es find dies hauptsächlich Nomaden und Krieger von Beruf. Sämtliche strategischen Punkte find von Jnfanterieregimrn- trrn, Kavallerie- und Kamelreiter-Abtrilungen besetzt. Die übrigen bewaffneten Streitkräfte, di« die abessinische Armee noch zur Lerfügung hat, bestehe« aus Bauern und Handelsleuten, denen be- reits mitgeteilt wurde, wie sie im Falle einer Mobilisierung vorzugehen habe«. Gerüchte... Paris ..Jntransigeani* Mert einen Bericht d«S Londoner Blattes„Daily Expreß ", demzufolge in Rcm Nachrichten verbreitet werden. daß die britische Kriegsflotte beabsichtige, probeweise die Meerenge von Gibraltar zu schließen. Mit unbekanntem Ziel Haifa . Aus England sind hier zwei Torpedobootzerstörer«ingetroffen, die sieben andere Echife ablösen sollen, die mit unbekanntem Ziel abgedampft sind. Auch Frankreich verstärkt Garnisonen In Ostafrika . Paris . Samstag abends hat eine Abteilung des 2. Kolonial-Jnfanterie-Regiments Brest verlassen, um sich, nach Dschibuti in Französisch- Somaliland einzus<5iffen, wo sie die dortige Garnison verstärken soll. Die Aussichten des Guerillakrieges j für die Abessinier Im.Journal des Dsbats"-schreibt der französische General Duval über die Schwierigkeiten, die dem oftafrsianifchen Krieg bevorstehen. Die Panzerwagen seien fast überall unverwendbar. Die Flugzeuge würden zwar in Erythräa eine ausgezeichnete Basis vorfinden, aber keine Objekte zum Bombardement haben. In den Dörfern werde der Schaden kein ernsthafter sein. Der moralische Eindruck werde daher lokalisiert sein und keinen Einfluß auf die abessinische Widerstandskraft haben. Nur die großen Biwaks, die geivöhnlich von den Truppen des NeguS gebildet würden, könnten mit Nutzen angegriffen werden. Die Abessinier seien aber zu Meistern in der Ausnutzung des Terrains geworden. Sie würden es verstehen, sich zu zerstreuen und alle Unebenheiten des Bodens aus- z»nutzen. Die Abessinier wurden auch nicht an- greifen, sondern warten, bis die italienischen Truppen weit genug in ihre Berge vorgedrungen seien und dann ihre Verbindungslinien erschweren. Unter Ausnützung der Zerklüftung des Bodens könnten dann die einzelnen Kolonnen umzingelt und die Italiener in kleinen Gruppen vernichtet werden. In einem solchen Gebirge sei ein an den Krieg gewöhnter und geschickter Gegner nicht zu fassen. Selbst die Größe der italienischen Effektivkräfte werde eine Schwierigkeit für den Angriff bilden. Es sei zweifelhaft, ob in einem solchen Lande 100-biS 150.000 Italiener manövrieren lönnten. Man müsse sich, selbst- wenn die Fehler von 1898 nicht wiederholt würden, daran erinnern, daß 10.000 Packtiere nicht genügten, um die 15.000 Mann des Generals Ba- ratieri zu verpflege». Iwei Niederlagen des Fascismus Schweiz gegen reaktionäre Verfassungreform Bern . Das Volksbegehren um die von den faseistischen Fronten beantragte Totalrevision der schweizerischen Bundesverfassung ist mit rund 510.000 gegen 1SZ.000 Stimmen verworfen worden. Neunzehn Kantone sprachen sich dagegen, nur drei dafür aus. Eine besonders große Stimmenmehrhett für die Verwerfung war namentlich in den Grenzkantone« Zürich , Basel Schaffhausen, Appenzell und Aargau zu beobachten. Für die Annahme des Antrages sprachen sich die katholisch-konservative Partei, ein Test der Bauernpartei, die westschweizerische« Föderalisten und einige Gruppe», darunter die Nationale Front, aus, welche die sogenannte„Erneuerung" des Landes fordern. Gegen de« Entwurf agitierten die Radikale« Demokraten der deutschen Schweiz , die Sozialdemokraten und ei« Großteil der Bauernpartei. Wahlniederlage der polnischen Oberstenclique Warschau . Auf der Grundlage der neuen faseistischen Verfassung, welch« den oppositionellen Parteien jede Bewegungsfreiheit nimmt und ihnen auch das Aufstelle« von eigenen Kandidaten unmöglich machte, fanden am Sonntag in Polen Sejmwahlen statt. Das Ergebnis ist eine sensationelle Niederlage der Regierung. Der Regierungsblock hatte alle Agitationsmöglichkeiten in der Hand und deshalb wiegt sein klägliches Abschneiden um so schwerer. Selbst«ach den provisorische« amtlichen Angaben habe« nur 7,576.681 Wähler von 16,583.000 Wahlberechtigte« Personen ihre Stimmen abgegeben. Die Wahlbeteiligung betrug also 46,5 Prozent gegenüber einer Wahl- beteiligung von 75 Prozent im Jahre 1930. Selbst dieses kläglich« Dnrchschnitlsresultai ist aber nur dadurch erzielt worden, daß i« Ober schlesien die rechtsstehenden deutschen Wähler auf Geheiß ihrer Parteiinstanzen geschlossen zur Wahl gingen, und daß auch die dem herrschenden Regime alles anders als freundlich gesinnten Ukrainer zur Wahl gingm, weil sie die Möglichkeit hatten, Kandidaten ihrer Stammeszugehörigkeit durchzusrtzen. In Oderschlesien wurden Wahlbeteiligungen bis zu 82 Prozent erzielt, in den ukrainischen Gebieten von 60 Prozent. Um so schlechter Haden natürlich die eigentlich polnischen Wahlkreise abgrschnitten, vor allem die L a n d d e z i r k e, wo nur 26 dis 30 Prozent der Wähler überhaupt zur Urne gingen. Etwas größer war die Wahlbeteiligung in der Hauptstadt mit etwa 40 Prozent. In den polnischen Kerngebielen des Staates hat also die Oberstenrlique» die gegenwärtig Po len beherrscht, nicht einmal ein Drittel der Bevölkerung überhaupt zur Wahl dringen können. Man kann sich leicht vorstellen, wie dies« Wahlen ausgefallen wären, wenn di« Opposition die Möglichkeit gehabt hätte, eigene Kandidatenlisten aufzustrllen und einen regulären Wahlkampf zu führen! Im ganze« Lande fanden aw Wahltage blutige Zusammenstöße statt, die eine noch geheimgehattene Zahl von Tote» und Verwundeten kosteten. In Bromberg und Brzezniea wurden in die Wahllokale von der Opposition Bomben geworfen. In mehreren Wahlbezirken konnten die Wahlen nicht durchgeführt werden, weil die empörte Bevölkerung die Wahllokale stürmte und demolierte. Dr. Benes Vorsitzender der Völkerbundversammlung Gensi Außenminister Dr. Benes wurde zum Vorsitzenden der 16. Session der Bölkerbundver- sammlung mit 49 Stimmen ohne Opposition gewählt. Die Wahl des Ministers Dr. Benes wurde von der Versammlung mit langan- haltendem Beifall' ausgenommen und die einzelnen Delegierten gratulierten persönlich dem Minister Dr. BcneS. Dr. Benes hielt sodann eine längere Ansprache, in welcher er über daS Werk und die Aufgaben des Völkerbundes berichtete. Dr. Benes, von der ganzen Völkerbundsversammlung akklamiert, betrat nach seiner Wahl die Präsidententribüne und hielt'«ine Ansprache, worin nach er nach einem Dank für die Wahl u. a. erklärte: Der Vorsitzende des Rate? hat Ihnen in feiner Ansprache die ganzen Schwierigkeiten der heutigen Zeit allseitig dargelegt. Sie sind sehr ernst und es wäre ein großer Fehler, die große Gefahr des heutigen Augenblickes sich verbergen zu wollen. Lassen Sie uns also, wie es schon.einigemal unter ähnlichen kritischen Umständen der Fall war, versuchen, der Welt durch die Tätigkeit dieser Versammlung, durch ihre Ruhe und Kaltblütigkeit, durch ihren guten Willen und versöhnlichen Geist, durch ihre Ergebenheit und Treue zu der großen Mission des Völkerbundes nicht nur neue Hoffnung, sondern auch die Sicherheit zu geben, daß wir imstande sind, diese Schwierigkeiten zu überwinden, Zusammenbrüche und Katastrophen zu verhindern und mit Hilfe der Ergebnisse dieser Session neue Wege zur wirklichen Pazifizierung der Nachkriegswelt vorzubereiten. Was mich anlangt, habe ich den festen Glauben, daß dies alles nicht außerhalb der Grenzen unserer Möglichkeit liegt. Denken wir nur daran, welche Schwierigkeiten wir während der vergangenen Jahre durchgemacht haben und wie wir sie trotzdem alle überwunden haben. Geben Sie der Welt Hoffnung, das ist die Hauptaufgabe der gegenwärtigen Versammlung. Dr. Benes fungiert zum erstenmal als Vorsitzender der Völkerbundversammlung, nachdem er bereits mehreremale die Versammlung als Vorsitzender des Bölkerbundratez eröffnet hat. Vorsitzender des Völkerbundrates war Dr. Benes siebenmal.. Z« der heutigen Bölkrrbundsvrrsammlung sind dir Vertreter aller Mitglied«rstaaten in außerordentlich großer Zahl eingetroffen, denn man erwartet, daß sehr wichtige politisch« Fragen beraten werden. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß am Schlüsse auch der italienisch-abessinische Konflikt der Bölkerbundsversammlung zur Erledigung vorgelrgt werden wird. Di« fascistische Reaktion hat am Sonntag in Europa im Osten und Westen je eine Schlacht verloren. Die demokratischen Schweizer haben in einer Volksabstimmung mit 510.000 zu 193.000 Stimmen das Verlangen nach einer Totalrevision der Verfassung verworfen. Für diese Revision hatten sich die schweizerischen Fascisten, die sogenannte„Nationale Front" und die klerikale Partei eingesetzt, in deren Reihen die in der päpstlichen Enzyklika verlangte ständische Gliederung propagiert wurde. Dagegen traten auf die Sozialdemokraten, welche die- Führer in dem Kampf gegen alle faseistischen Bestrebungen sind und ein Teil der Bauernschaft. Innerhalb der Bauernschaft selbst ist in den letzten Monaten eine gewisse Scheidung der Geister eingetreten. Gegen die konservative Führung der Partei tritt die demokratische Richtung der sogenannten Jungbauern auf. Während noch vor einigen Wochen zwei dieser jungbäuerlichen Deputierten aus der Nationalratsfraktion der bäuerlichen Partei ausgeschlossen worden sind, hat es sich am Sonntag gezeigt, daß ein großer Teil der Partei dem demokratischen Jungbauernflügel angehört. Aber selbst die Klerikalen waren nicht imstande, ihren ständigen Wählerkader an die Urnen zu schleppen, ein Teil der klerikalen Wähler hat den Parolen der Partei nicht Folge geleistet und gegen die Totalrevision gestimmt. Die Parole von dem Kampfe gegen den Marxismus, welchen die Fascisten, die Klerikalen und der konservative Teil der Bauernpartei verkündet haben, hat nicht gezogen, die demokratische Verfassung der Schweiz ist durch die gewaltige Mehrheit der Gegner einer Totalrevision gesichert, es hat sich insbesondere gezeigt, daß die festeste Stütze der schweizerischen Demokratie die Arbeiterschaft ist, denn gerade die hochindustriellen Bezirke, in denen die Sozialdemokraten starken Einfluß besitzen, haben sich alle mit gewaltiger Mehrheit gegen den Fascismus ausgesprochen. Empfindlich ist auch die Niederlage, welche das herrschende Regime in Polen erlitten hat. Im Juli hat die neue polnische Verfassung Rechtskraft erlangt, in welcher von Demokratie keine Rede mehr ist und in der die beiden Häuser des Parlaments den Namen„Volksvertretungen" nicht mehr verdienen. Für die Wahlen in den Sejm stellen nicht etwa die Parteien Kandidaten auf, sondern in Wahlkreisversammlungen» an denen ein« eng begrenzte Anzahl von Personen, Vertreter der Selbstverwaltung, beruflicher und wirtschaftlicher Organisationen teilnehmen, werden vier Kandidaten bestimmt, unter denen di« Wähler die Auswahl zu treffen haben. Zwei davon, welche'die meisten Stimmen auf sich vereinigen» gelten als gewählt. Noch weniger demokratischen Charakter trägt der Senat, von dem ein Dttttel durch den Präsidenten der Republik ernannt wird und in den nur wahlberechtigt ist, wer eine Auszeichnung besitzt, wer Offizier ist, wer bestimmte Aemter innehat oder wer über eine höhere Schulbildung verfügt. Grotesk geradezu ist an dieser Verfassung die Tatsache, daß der Präsident seinen Nachfolger selbst bestimmt und die „Volksvertretung" nur das Recht der Bestätigung hat. Es ist kein Wunder, daß die oppositionellen Parteien,' darunter die Sozialdemokratie, angesichts einer solchen Verfassung, welche einen Hohn auf die Demokratie darstellt, sich an solchen „Wahlen" nicht beteiligt haben. Trotzdem die Regierung alle Machtmittel in Händen hat, trotzdem sie den stärksten Terror ausübte— in einer Reihe von Orten ist Blut geflossen— hat sich nur ein Drittel der Bevölkerung an den Wahlen beteiligt. Der Prozentsatz wäre noch geringer, wenn nicht in einzelnen Gebieten, wo nationale Minderheiten wohnen(Ukrainer , Weißrussen , Juden) die Wahlbeteiligung dieser Minderheiten größer gewesen ist, weil sie ihre Kandidaten gegen die polnischen Wahlwerber durchzubringen bestrebt waren. Der Ausfall der Wahlen bedeutet eine moralische Ohrfeige, welche die polnische Regierung vor den Augen ganz Europas von der Mehrheit des polnischen Volkes versetzt bekommen hat und es ist anzunehmen, daß sich diese moralische Niederlage der polnischen Regierung über kurz oder lang in eine politische Niederlage verwandeln wird.
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15 (10.9.1935) 211
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