Sosialdemokra

ZENTRALORGAN

DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK

ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TAGLICH FRUH. REDAKTION UND VERWALTUNG PRAG XII., FOCHOVA 62. TELEFON 53077. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB , CHEFREDAKTEUR: WILHELM NIESSNER, VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG ,

15. Jahrgang

Sonntag, 15. September 1935

Mussolini treibt zum Bruch

Kompromiẞ ,, unmöglich"- Austritt aus dem Völkerbund erwogen

Rom.( Reuter.) In der Sitzung des italienischen Kabinetts erstattete Ministerpräsident Mussolini einen eingehenden Bericht über die militä. rische und politische Lage.

Ueber die Ministerratssitzung wurde ein amtlicher Bericht ausgegeben, welcher besagt, daß die Minister die Umstände prüften, unter welchen es Italien unmöglich wäre, Mitglied des Völkerbun­des zu bleiben:

" Die Minister", heißt es in dem amtlichen Bericht, erachteten es als ihre Pflicht, in der klarsten Weise neuerdings zu bekräftigen, daß das italienisch­abessinische Problem nach den riefigen Bemühungen und Opfern, welche Italien gebracht hat, keine Kompromißlösung zulasse."

Mussolini erklärte#. a.:

Vom militärischen Gesichtspunkte aus schrei­tet unsere Vorbereitung in Ostafrika miter= höhter Intensität fort, um uns grö­sere militärische Streitkräfte zu sichern, als es die abeffinischen Streitkräfte find. Zur Vertei­digung der italienischen Kolo nie Lybien find Verstärkungen

im Anmarsch.

An der Hand detaillierter Daten führte Mussolini aus, daß die Gesamt stärke der italienischen Wehrmacht zu Lande, zu Wasser und in der Luft so groß ist, daß auf jede Drohung, von welcher Seite fie au ch kommen möge, geantwor tet werden könne.

Die Kriegsvorbereitungen und Lieferungen schreiten intensiver, aber in einem regel­mäßigen Tempo fort.

Zur politischen Lage erklärte Muffolini, die Reden Hoares und Lavals hätten nicht anders sein können, als sie waren, da die Stellung Eng­lands und Frankreichs zum Völkerbundpakte aus einleuchtenden Gründen gegeben war. Sie feien daher von den verantwortlichen Kreisen Italiens und von den breiten Massen des italienischen Vol­fes mit der größten Ruhe aufge= nommen worden. Die französisch- italienische fen, nicht nur im Interesse der beiden Länder, Freundschaft wolle Italien entwickeln und stär­sondern auch in dem der europäischen Gesamt­arbeit, die nicht durch einen Konflikt kolonialer Kultur oder durch die Anwendung von Sank­tionen zerschlagen werden könne, wie sie in frü­heren, viel schwereren Streitigkeiten zwischen Mitgliedern des Völkerbundes niemals an­gewandt worden seien.

Neue Angriffe gegen Rußland

auf dem Nürnberger Parteitag

Nürnberg . Nach Goebbels hat nun auch der Leiter des Reichsrechtsamtes der NSDAP ,

rant, in einer Parteitagsrede Angriffe gegen Sowjetrußland gerichtet. Der Nationalsozialis­mus, führt Frant aus, sehe im Bolschewismus ..nichts anderes als ein organisiertes Verbrechertum, das zur Schande der Welt auf das russische Bolt losgelassen werde". Daher werde Deutschland an keiner zivischenstaat­lichen Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Strafrechtspolitik oder des Gefängniswesens teil­nehmen, sofern ein bolschewvistischer Vertreter an dieser Gemeinschaft teilnehmen wird.

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Erregung in Genf

net, daß die entschiedene, zugleich jedoch gemäßigte Rede des Ministerpräsidenten 2 a va 1, die in den Kreisen des Völkerbundes mit einem Gefühl der Erleichterung der bisherigen Spannung aufgenommen wurde, auch in Rom ein günstiges Echo finden würde. Wenn die verantwortlichen Repräsentanten Italiens die Beziehungen zum Völkerbunde abbrechen würden, müßte dieses italienische Vorgehen in klarer Weise einen u n= günstigen Einfluß auf die weiterer: Verhand lungen in Genf ausüben. Schon der Umstand, daß die italienische Regierung die Möglich keit erwogen hat, aus dem Völkerbund auszu= treten, ruft in Genf wahrhafte Enttäuschung bei allen Delegationen hervor, die immer noch auf eine friedliche Lösung gehofft hatten, wenn dies auch aller Wahrscheinlichkeit widersprach.

Genf.( Havas.) Die Meldung, daß der italienische Ministerrat in Rom die Frage er­wogen habe, in welchen Fällen Italien ein wei­Es bleibt abzuwarten, ob Italien feine an­teres Verharren im Bölkerbund unmöglich wäre, gekündigte Absicht in die Tat umsetzen wird, falls wurde in Genf zu Beginn der Nachmittags- dieser oder jener Umstand eintritt, oder ob die fihung der Bölferbundsversammlung bekannt. römische Meldung, daß Italien die Möglichkeit des Erwartungsgemäß rief sie eine sehr große Austrittes aus dem Völkerbund erwäge, nicht der Versuch eines letten Drudes Erregung hervor. Französischerseits hatte man dami gerech auf den Fünferansschuk darstellt.

Die Zwiespältigkeit

der Moskauer Beschlüsse

In der Sozialdemokratie ist Zersetzungsarbeit zu fördern In den kommunistischen Partelen geht die Parteieinheit über alles Allen Arbeitern, die sich mit dem Sinn und den möglichen Auswirkungen der Reden und Beschlüsse des VII. Kongreffes der Komintern befaffen, unterbreiten wir eine lehrreiche Gegen­überstellung.

In der nun veröffentlichten Resolution des Moskauer Kongresses ist zu lesen:

Indem die Kommunisten vor den Massen den Sinn der demagogischen Argumente der rechten sozialdemokratischen Führer gegen die Einheitsfront aufdecken und den Kampf gegen den reaktionären Teil der Sozialdemokratie verstärken, müssen sie die eng ste Zusammenarbeit mit den linken sozialdemokratische it Arbeitern und Funktionären und Organisationen herstellen, die gegen die reformistische Politik kämpfen und für die Einheitsfront mit der kommunisti­ schen Partei eintreten.

Je stärker unser Kampf gegen den reaktionären Teil der Sozialdemokratie, der sich in einem Block mit der Bourgeoisie befindet, sein wird, umso wirksamer wird unsere Hilfe für denjenigen Teil der Sozial­demokratie sein, der sich revolutioniert. Auch innerhalb des linken Lagers wird der Klärungsprozeß seiner einzelnen Elemente umso rascher vor sich gehen, ie entschiedener die Kommunisten für die Einheitsfront mit den fozialdemokratischen Parteien fämpfen werden."

Auch im einleitenden Referat Dimitroffs war mehrfach davon die Rede, daß der Kampf gegen die Antifommunisten in den sozialdemokratischen Parteien zu führen ist, und zwar von Kommunisten und linken Sozialdemokraten gemeinsam. Im genauen Wortlaut des Schlußwortes Dimitroffs( Deutsche Zentral- Zeitung, Mosfau, vom 22. August) finden wir folgenden Passus:

In unseren Reihen kann für Fraktionen, fraktionsmäßige Neigungen kein Plak sein. Derjenige, der es versucht, die eiserne Einheit unserer Reihen durch irgendwelche Fraktions­macherei zu verlesen, wird am eigenen Leibe ver= spüren, was die bolfche wistische Disziplin bedeutet, in der uns Lenin und Stalin immer unterwiesen haben.( Be if a I I.) Möge dies eine Warnung für die vereinzelten Elemente in den einzelnen Parteien sein, welche glauben, daß sie die Schwierigkeiten ihrer Partei, die Wunden einer Nie­derlage und die Schläge des rasenden Feindes zur Durchführung ihrer Fra k= tionspläne zur Verwirklichung ihrer Gruppeninteressen ausnüzen können.( Beifall.) Die Partei über alles!( Stürmischer Beifall.) Die bolfchewistische Einheit der Partei wie einen Augapfel behüten das ist das erste und oberste Gefe des Bolschewis mus."

Ernste Konsequenzen? Paris . Der Nürnberger Sonderberichter statter des ,, Journal" meldet, daß die scharf anti­sowjetistisch eingestellte Rede Goebbels am Bar­teifongreß der NSDAP das Vorwort zum baldi- Kongresses gewesen ist. gen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwi­

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Das heißt also: den Antisozialdemokraten in den kommunistischen Parteien wird erhöhte Tätigkeit auferlegt. Angeblich im Dienste der sozialistischen Einheit soll innerhalb der sozial­demokratischen Parteien die Fraktionsbildung mit allen Mitteln gefördert werden. Wer aber als und Kommunist mit dieſer famoſen Auslegung der Einheitsfrontparole nicht einverstanden ist un in seiner Partei eine Fraktion zur Bekämpfung der Antifozialdemokraten bilden wollte, der wird ,, am eigenen Leibe verspüren, was bolschewistische Disziplin bedeutet". Der wiederholte Beifall nach diesen Worten Dimitroffs besagt, daß dies die einmütige Auffassung des ganzen Moskauer Es wird gut sein, wenn die sozialdemokratischen Arbeiter die Losungen Dimitroffs im alles!, werden auch wir Sozialdemokraten die Einheit unserer Bewegung wie einen Augapfel behüten müssen. Denn die neue Einheit der Arbeiterklasse wird erst kommen, wenn nicht mehr die Partei über alles gesetzt wird, sondern die sozia Auch an sowjetdiplomatischen Stellen Ber mehr die Partei über alles gefekt wird, sondern die sozia listische Einigung selbst lins fei man der gleichen Ansicht,

fchen Deutschland und Sowjetrußland gebildet bollenllm fange zur Kenntnis nehmen. Solange die Bolschewisten rufen: die Partei über

hat.

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Nr. 216

Der Friedensblock

Die Rede, die der französische Außenminister 2aval Freitag in der Völkerbundversammlung gehalten hat, leitet eine neue Aera der Völker­bundpolitik und der europäischen Politik im all­gemeinen ein.

Das letzte Halbjahr in der internationalen Politik war gekennzeichnet durch die Aktivi= tät der Außenpolitik der fascis Deutschland über die Bestimmungen des stischen Staaten. Zunächst hat sich Versailler Vertrages hinweggesezt und den euro päischen Mächten bekanntgegeben, daß es die all­gemeine Wehrpflicht einführt und aufrüstet. Die Welt hat die Kundgebung der deutschen Regie­rung ruhig hingenommen, eine einheitliche Stei­lungnahme der Großmächte scheiterte an dem Widerspruch der anderen fascistischen Macht in Europa , Italien , aber auch an der Politik der englischen Regierung. England hatte sich jahre= lang bemüht, im Wege eines allseitigen( multi­lateralen) Abkommens zu einer Beschränkung der Rüstungen zu gelangen. Nachdem dies nicht ge= lungen war, hat England versucht, durch ein Ab­kommen mit Deutschland ( bilateral) die See­rüstungen dieses Landes in ein bestimmtes Ver­hältnis zu den englischen zu bringen. Es bestand die Absicht, ähnliche Seeabrüstungsabkommen auch mit anderen Ländern abzuschließen. Dadurch ver­half England dem fascistischen Deutschland zu einem bedeutenden internationalen Erfolg.

Die Attivität der zweiten fascistischen Groß­macht in Europa , Italien 3, ist nach zwei Rich­tungen gegangen. Zunächst hat Stalien erfolg reich- daran ist Frankreich schuld- seine Stels lung in Mitteleuropa außerordentlich verstärkt und den entscheidenden Einfluß in Oesterreich gewonnen und hat Oesterreich zu einer italienis schen Kolonie gemacht. Frankreich hatte im Feber 1934 nicht die Kraft gefunden, den Angriff auf die österreichische Demokratie abzuschlagen, hat

sich dadurch um allen Einfluß in Wien gebracht und Italien zur entscheidenden Großmacht im Donaubecken gemacht. Aber damit hat sich Ita lien nicht zufrieden gegeben, es hat koloniale Ausdehnung und Kriegsruhm in Abessinien ge= sucht, um auch da seinen Einfluß zu erweitern und neben den alten Kolonialmächten in Erschei nung zu treten.

Das hat nun England auf den Plan gerufen. Man weiß, welche Bedeutung insbeson­dere der Westen Abessiniens für England hat, das britische Imperium fann es sich nicht gefallen lassen, daß Italien die Herrschaft über die Nils quellen und damit über den Wohlstand Aegyp­ tens erlange. Es hat im Laufe der Verhandlun gen Italien bedeutende Konzessionen angeboten, die dieses aber abgelehnt hat. Das konnte sich England nicht gefallen lassen und an den Lebens­interessen des britischen Imperiums ist der dogs matische Pazifismus der Engländer zerbrochen. Die Rechte und die Linke sehen nun in England ein, daß das Reich aktiv in die europäische Politik eingreifen und dem Vordringen des fascistischen Imperialismus ein Halt zurufen müsse.

Die Entscheidung in Genf wurde durch Frankreich herbeigeführt. Frankreich hat lange geschwanft, an wessen Stelle es in dent großen diplomatischen Ringen treter. soll, es wollte es sich weder mit Italien noch mit England verderben. Nun, da alle Vermittlungsversuche Lavals gescheitert sind, tritt Frankreich an die Seite Englands und die europäische Politik, die Politik des Völkerbundes bekommen mit einem Male wieder eine feste Linie. Mit England gehen die nordischen Staaten, Schweden , Norivegen, Finnland , Dänemark , aber auch Holland und Bel gien, an der Seite Frankreichs ist die Sowjets union, die Kleine und die Balfan- Entente. Ein großer europäischer Friedensblock ist im Werden, der sich quer über jene Straße legt, auf der die fascistischen Staaten marschieren wollen, um Kriegsruhm und Landgewinn einzuheimsen.

Das Zusammengehen Frankreichs und Engs lands, von dem im Grunde genommen der Fries den Europas abhängt, hat das Dunkel zerrissen, in dem in den letzten Monaten die diplomatischen Verhandlungen sich bewegt haben. Wenn der Völa terbund, geführt durch den Block England- Franks reich- Sowjetunion und die mit diesen Ländern verbündeten Staaten zielbewußt die Sache des europäischen Friedens vertreten wird, dann wird es keiner der beiden fascistischen Staaten, weder Italien noch Deutschland versuchen, die Brands fadel des Krieges in das von der Krise geschwächte