Mittwoch, 18. September 1935

Nr. 218

15. Jahrgang

Binirrii7Uiwim (!nMMt.ench S H«ll«r Partei

1ENTRALORGAN_ DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg»ufochova«r. Telefon s»77. HERAUSGEBERi SIEGFRIED TAUB . CHEFREDAKTEUR ! WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR! DR. EMIL STRAUSS, PRAG ,

SA-Kurse für Henleinfunktionäre

Verhaftungen in Teplitz und Aussig

in Ostpreußen

Decknamen für die tschechoslowakischen Teilnehmer an den Nazikursen

Neber die Verhaftungen von Hen- lcinfunktionären in Teplitz und Umge­bung, welche schon vor einigen Tagen gemeldet wurden, können wir heute sensationelle Einzelheiten mitteilen. Die verhafteten Personen, welche durchwegs AnhLngerderSude- tendeutschen Partei sind es ist bezeichnend, daß einige von ihnen nominell auch dem Bund der deutschen Landjugend angehörten waren in Ostpreußen und haben dort Kurse besucht, die von SA-Instruk­toren und drei nationalsozialistischen Professoren geleitet wurden. Die Kurse fanden in Tirstige und Groß-Dammer im Kreise Messeritz in Ostpreußen statt. Es wurde über Deutschtum und Polentum, die Stellung des Bauern zum Staate, über Siedlung im deutschen Gebiete und an­

dere wichtige Dinge«ach den Prinzi­pien des deutschen Nationalsozialismus vorgetragen. Der Kurs in Tirstige diente der Heranbildung von ausfüh­renden Organen, der zwette Kurs war allgemein. Nach der Beendigung der Kurse wurden die Leute mst der Pra­xis des Landdienstes bei Dauern vertraut gemacht. Aus der Tschechoflowakei nahmen zehn Personen daran teil. Diese zehn hiesigen Teilnehmer wurden alle unter Deck« am e« geführt, aber trotzdem kam die Sache an das Tageslicht. Die Namen der Verhafteten sind: Ing. Walter Appell, Prag (SdP) Neuhäusl, Wisterschan(D. d. L. I.) Franz Kerl, Settenz(SdP) Egon Geier, WeiSkirchlitz(SdP)

Franz Manfred, Aussig (D. d. L. I.) Zug. Domaschek, Aussig (SdP) Josef G i r s ch i k, Hohenstein(D. d. L. Z. und SdP) Im Zusammenhang mll dieser Affäre wurde schon vor einiger Zell Franz Hofmann in Aussig verhaf­tet, so daß also insgesamt acht Personen festgenommen und dem Kreisgericht in Lellmeritz überstellt worden sind. Die Aktion der Teplitzer Gendarmerie in dieser Angelegenhett ist noch nicht ab- geschloffen. Offenbar im Zusammenhang mll dieser Affäre stand auch die Haus­suchung, die Montag morgens i m A u s- siger Sekretariat der SdP st a t t f a n d. Die Polizei fahndete nach Schriften des nach Deutschland geflüch­teten Ing. Reumann.

Ministerielle Beratungen über die Teuerung Ausreichende Lebensmittelversorgung zu angemessenen Preisen Prag . Amtlich wird gemeldet: Dienstag Vormittag wurde« die Regierungsarberten im Ko­mitee der politischen und wirtschaftliche« Minister ausgenommen, in dem die Minister für soziale Fürsorge und für Inneres über die Verhandlungen in den sozialpolitischen Ausschüssen der bei­den Kammer« Bericht erstatteten. Diese Berichte wurden einmütig genehmigt und ebenso ein- mutig anerkannt» daß dir beiden Ministerien und ihre Organe in den von den erwähnten Aus­schüssen behandelten Fragen im Rahmen ihrer Befugnisse ihre Pflichten voll und gewissenhaft erfüllten. In der Sitzung wurde weiter vor allem über die Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit den wichtig st en Lebensbedarfsartikeln in hinreichendem Maße und bet angemes­senen Preisen verhandelt. Die Ministerien fürsozialeFürsorge, für Landwirtschaft, für Inneres und für Handel wurden angewiesen, in der kürzesten Zeit die notwendigen Daten und entsprechenden Vorschläge zu unterbrellen. Ju weiteren Sitzungen drs politischen und wirtschaftlichr« Ministerkomiters wird übrr den Komplex aller wichtigen wirtschaftlichen Fragen, insbesondere mit Rücksicht auf die Arbeits­beschaffung r d i«Arbeitslosen, verhandelt werden.

Flottendemonstrationen Gibraltar ? Dienstag abends wurde a«ch die Nordrinfahrt in den hiesigen Hafen durch Netze und Ketten gesperrt. Die SchlachtkreuzerH o o b" undR e, na««", die KreuzerOrio n",Neptun" undA ch i l l e s" sowie drei Torpedobootzerstö- rrr sind aus England in Gibraltar eingetroffen. Man erwartet noch die Ankunft weiterer Marine­einheiten. Wie alljährlich, wird auch heuer elnr aus 26 Panzerkreuzern und drei Torpedobootszer- störereskadrillrn bestehende Division der britischen Mittelmeerflotte, und zwar vom 25. September bis 15. Oktober, die griechischen Häfen A r g o» st o l i, Korfu und N a v a r in besuchen. Ein Teil der in Alexandrien stationierten englischen Flotte ist nach Port Said und in das Rote Meer abkommandiert worden. Die Kanalzone ist stark überwacht. Den Bewohnern ist das Betreten bestimmter Plätze am Kanal verboten. Malta wird evakuiert London . Etwa 100 englische Frauen und Kinder» größtenteils Familienangehörige eng­lischer Soldaten und Beamten» haben Dienstag von Malta die Reise nach England angetrcten. Kriegsrat in London ? London . Premierminister Baldwin führte am Dienstag in der Sitzung des Ministerkomitres in Downingstreet den Borsitz. An der Sitzung nähme» die Minister des Aeußerrn» des Krieges, der Kriegsmarine, der Luftschiffahrt, des Handels und der Kolonien teil. lieber die Sitzung wurde kein Komunique ausgegeben und es sind auch keine Informationen zu erhalten. Die Beratung dauerte anderthalb Stunde«.

Aegyptische Vorsichsmaßnahmen Kairo . Die hiesigen Blätter befassen sich mit den Vorsichtsmaßnahmen Aegyptens . Das eng­lische Hauptquartier bemühe sich, genaue Infor­mationen über die Wegverhältnisse in den west­lichen Wüstengegenden zwecks Schaffung von Telephon- und Telegraphenverbindungen zu er­halten. Die ägyptischen Behörden hätten bereits die dort vorhandenen Streitkräfte verteilt und v e r st ä r k t. Die Italiener hätten an mehreren Stellen bereits Drahtverhaue errichtet.

Der sozialistische Investitionsplan Gegenstand parlamentarischer Verhandlungen Prag . Dienstag vormittags befaßte sich das Subkomitee des sozialpolitischen Ausschusses unter dem Vorsitz des Genossen Dr. Meißner mit dem gemeinsamen Antrag der drei sozialistischen Parteien und der Volkspartei zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit i)nd der Teuerung. Zum Re­ferenten wurde der Nationalsozialist TuLny bestellt. Das Subkomitee befaßte sich vor allem mit jenem Teil des Antrages, der öffentliche Investitionen für zwei bis drei Milliar­den XL vorsieht, die durch eine Inlandsan­leihe aufgebracht werden sollen. Der anwesende Vertreter des Finanzministe­riums erklärte, daß das Finanzministerium erst gewisse Maßnahmen auf dem Markt der Anlage­papiere durchgeführt wissen wolle, bevor es dem Gedanken einer Anleihe nähertretcn könne..

Namens des Subkomitees hielten dann Dr. Meißner und T u L n y eine Rücksprache mit dem Finanzminister, der sich seine endgültige Stel­lungnahme zu dem Problem einer Anleihe noch vorbchielt. Parallel mit den Verhandlungen im Sub­komitee laufen auch Besprechungen innerhalb der Koalitionsparteien, die noch nicht abgeschlossen sind. Das Subkomitee tritt Mittwoch vormittags neuerdings zusammen.

Die Forderungen der Staatsangeftellte«. Das Präsidium der Arbeitsgemeinschaft des Staatsangestellten-Zwölferausschuffes und der Exekutive der öffentlichen Angestellten hielt am Dienstag eine Sitzung ab, in der der Vorsitzende Abgeordneter Dr. Suchy Bericht erstattete. Die Erklärungen des FinanzniinistcrS Dr. Trapl über vier der Regierung vor den Ferien unterbreiteten Forderungen wurden znrKenntnis genommen und beschlossen» beim Präsidium der parlamentarischen Ersparungskommission zu intervenieren und mit der Personallommission des Ministerrates zu ver­handeln,'

Eindeutig sozial... Wer, wo, was? Wer stellt sich so vor? Wer beteuert» allen Zweifeln entgegeneindeutig so­zial" zu sein? Niemand anderer als die SdP Henleins. Und der Anlaß, daß dieRundschau"" dies unter kiloweiser Verwendung von Drucker­schwärze an der Sitze ihrer letzten Ausgabe hin­austrompetet, sind diesozialpolitischen" Eier­tänze, welche die Herren Sandner und Dr. Köll- ner letzthin im sozialpolitischen Ausschuß des Ab­geordnetenhauses aufgeführt haben. Auslassungen, dürftig und nichtssagend» die aber nach dry Rundschau" den Beweis dereindeutigen" so­zialen Gesinnung der SdP darstellcn. Es geht eben darum, diejenigen Arbeiter, die sich am 19. Mai hinters Licht führen ließen, bei der Stange zu halten und die Illusion» von der Henleinpartei werde ihre Rettung und Erlösung von allen Uebeln kommen» neu zu bestärken. Zu diesem Zwecke will die SdP sozial» sogareindeutig so­zial" erscheinen» das heißt den Schein einer sol­chen Gesinnung erwecken. Henleinfascisten hassen den Sozialismus wie Tod und Teufel» aber wenn sie auf den politischen Strich gehen» verschmähen sie es durchaus nicht, sichsozialistisch" aufzu­schminken, um kurzsichtige Kundschaft anzulocken. Der Ungeduldigen wie der Leichtgläubigen» die auf die-.Sofort"-Rettung durch Henlein hoff­ten, waren in den Maitagen viele, seither wird diese Vertrauensseligkeit in die Sendung des su­ detendeutschen Talmi-MessiaS einige höchst be­denkliche Riffe bekommen haben. Vier Monate sind im Zeitgeschehen keine allzu lange Frist, aber für eine Partei, die etwas ganz besonderes zu sein vorgab und die nicht mit alten Maßstäben gemes­sen sein wollte» müßten die vixr Monate, die seit demErwachen des Sudetendeutschtums" ver­flossen sind, ausreichend sein» um außer Worten wenigstens etwas an Taten zu sehen. Siebenund­sechzig Parlamentssitze sind der Henleinpartei zu­gefallen, nie gab es noch eine deutsche Partei» auf der daher ein solches Maß der Verantwortung lastete» wie auf der Sudetendeutschen Partei und sie selber ist sich dessen wohl bewußt, denn sie läßt keine Gelegenheit vorübergckhcn, ohne allen ande­ren deutschen Parteien das Recht abzusprechcn, im Namen der sudetendeutschen Bevölkerung zu spre­chen. Sie betont es sebber, daß die Hauptlast» ja die alleinige Last der Verantwortung für die Gestaltung der Geschicke der sudetendeutschen Bevölkerung s i e und nur sie zu tragen hat. Wie aber hat die SdP das ihr anvertraute kost­bare Pfand verwaltet, was darf die deutsche Wäh­lerschaft als Gewinn dafür buchen, daß sie in ihrer großen Mehrheit dem henleinfascistischen Firle­fanz nachgelaufen ist? Nichts, nichts und abermals n i ch t s. Es ist seither nicht besser, son­dern nur schlechter geworden. Schon heute nach vier Monaten steht fest, daß ein großer Kraft­aufwand nutzlos, ja zum eigenen Schaden vertan wurde und je mehr Zeit vergeht, um so deutlicher selbst für den Blindesten wird dies werden. Schon jetzt von der SdP Leistungen zu ver­langen» kann niemand, auch der Objektivste nicht, als ungerecht ansehen, denn monatelang schrie sie es in aller Ohren, vierzehn Jahre sei geredet wor­den, nunmehr werde gehandelt werden. Da nach eigenen Beteuerungen die sudctendeutsche Not un­erträglich sei, so heißthandeln" doch so viel wie sofort und ungesäumt. Aber was hat man von der so mächtig aufgeschwollenen SdP zu sehen bekommen? IhrHandeln" hat in einigen Parlaments reden bestanden, von denen zwölf auf ein Dutzend gehen, in etlichenKreis- und Bezirksvertretungen", auf denen wieder nur ge­redet und geredet wurde und sonst waren es nur F e st e und Paraden ganz im Hitler« schen Stile gehalten, mit denen die Rettung des Sudetendeutschtums betrieben wurde. Das war alles. Dabei hätte es doch die SdP sehr leicht, gegen die bittere Not in der deutschen arbeiten­den Bevölkerung anzukämpfen und etwas zu tun, um das Prädikateindeutig sozial" mit Berech­tigung zu tragen. In ihren Reihen stehen als Förderer und Gönner die gesamten deutscharischen Industriellen und sonstigen Unternehmer, die ein vollgerüttelt Maß von Schuld an der Elendslage der sudetendeutschen Arbeiterschaft haben. Wie der Fürsürgeminister in seiner Rede feststelle« mußte, sind es jährlich viele Milliarden, die in­folge der gezahlten Hungerlöhne von der Bevöl­kerung weniger in Umlauf gebracht werden kön­nen. Die SdP verbiete doch auf Grund der bei ihr üblichen Kasernhofdisziplin den Ausbeutern in ihren Reihen das Zahlen von Löhnen, die unter