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IE NTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEM ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK
ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xii., fochova er. Telefon sxn. HERAUSGEBER, SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR , WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR, DR. EMIL STRAUSS» PRAG .
15 Jahrgang
Freitag, 4. Oktober 1935
Nr. 231
Der Raubkrieg hat begonnen
Der Krieg in Abessinien ist Wirklichkeit geworden. Die italienischen Truppen dringen an einigen Stellen der abessinischen Grenze vor. Obzwar bis in die späten Nachtstunden des Donnerstag immer wieder gemeldet wird, daß von Seite der Abessinier gegen die vordringenden italienischen Soldatenmassen keine Waffengewalt in Anspruch genommen wurde, nimmt Mussolinis Soldateska alles vor sich unter Feuer. Bombenwerfer und großkalibrige Geschütze setzen Ortschaften in Brand und richten unter der Bevölkerung, soweit sie noch nicht flüchten konnte, ein gräßliches Blutbad an. Trotz alledem wird von Seite Italiens in einer Kundgebung, die an das Ausland gerichtet und von Suvich unterzeichnet wurde, die Behauptung aufgestellt, daß die Kriegshandlungen der italienischen Truppen durch das Verhalten der Abessinier erzwungen seien. Die Auslandspreffe ist, soweit ein Urteil über ihre Haltung zur Zeit möglich ist, mit ihrer Meinung noch sehr zurückhaltend. Aber in keinem Lande findet sich eine Zeitung, die das Vorgehen Italiens gutheißcn würde. Das Interesse der Welt richtet sich vor allem nach Genf , wo kommenden Samstag der Bölkerbundrat und Dienstag oder Mittwoch nächster Woche das Plenum des Völkerbundes zu entscheidenden, Beratungen zusammentrcten wird. Ob in Genf die Mittel gefunden werden, die dem Neberfall auf Abessinien ein Ende bereiten, läßt sich nicht Voraussagen, aber selbst dann, wenn durch entsprechende Maßnahmen durch den Völkerbund, Italien von seinem Mord- und Raubzug zurückgehalten werden kann, wird ein Teil Abessiniens von der Kriegsfurie bereits zerstört und tausende unschuldiger Menschen, darunter Frauen und Kinder, getötet worden sein. Fliegerbomben auf Adua
AddisAbeba.(Havas.) Nach! hier eingetroffenen Meldungen haben italienische Flugzeuge Adua und A d l» grat bombardiert. In der Provinz A g a m a und auch in O g a d e« solle« ernste Kämpfe im Gange sein. Der Negus sandte«ach Genf eine Protestnote, in der es heißt, daß italienische Flugzeuge Adua und die nordöstlich davon gelegene Siedlung Adi- grat bombardierten und daß das Bombardement zahlreiche Opfer an Menschenleben und Sachschäden forderte. Die italienische Regierung sandte demgegenüber nach Genf ein Kommunique des Inhaltes, daß sie im Hinblick auf die allgemeine, Mobilmachung in Abessinien gezwungen(I) gewesen sei, dem Oberbefehlshaber' in Ostafrika anzuweisen, alle notwendigen Vorkehrungen gegen einen möglichen Angriff zu ergreifen. Unter diesem könne auch die Okkupation b e- stimmter strategisch wichtiger Punkte fallen. Rom leugnet Fliegerangriffe Nom. Die Agenzia Stefani meldet: Das Telegramm, das der Kaiser von Abessinien an den Völkerbund geschickt hat, spricht davon, daß italienische Flugzeuge Zentren der Bevölkerung bombardiert haben und daß das Bombardement unter Frauen und Kindern Opfer gefordert hat. Es handelt sich hiebei um ein altes und abgenutztes Mittel, dessen tendenziöse und böswillige Ziele offensichtlich sind. Bomben auf Spitäler Addis Abeba. (Reuter.) In einer dem Sonderberichterstatter des Reutcrbüros gewährten Unterredung erklärte der Negus:„Soeben habe ich erfahren, daß die ersten Bomben bei dem Fliegerbombardement von Adua auf das Spital deS Roten Kreuzes, gefallen sind und einige Kranke verletzt haben."
In weiteren über das Bombardement Aduas in Addis Abeba eingegangrnen Nachrichten heißt es, daß die italienischen Flugzeuge 78 Bomben auf die Stadt abgeworfrn haben. Addis Abeba. (Reuter.) Ras Sejum meldet ein scharfes Artilleriefeuer nördlich von Adua. Addis Abeba. (Reuter.) Nach den letzten Meldungen gehen die Italiener weiter in der Ebene in der Nähe des Berges Mousia Ali vor, ohne auf Widerstand zu stoßen. Die abessinischen Truppen warten am Fuße, des Vollogebirges. Es
Addis Abeba . Die amtliche Kundmachung über die allgemeinr Mobilisierung in Abessinien wurde Dannerstag um elf Uhr veröffentlicht. In der Mobilisierungsproklamation heißt es u. a.: Italien hqt ein zweites Mal unser Gebiet verletzt. Die Stunde ist schwer. Ein feder erhebe sich, nehme seine Waffen und halte sich bereit, um das Vaterland zu verteidigen. Soldaten l Söhäret Euch um Eure Führer, gehorcht ihnen wie mit einem Herzen und weist die Eindringlinge zurück! Diejenigen, die auf Grund ihrer Schwäche oder anderer Unfähigkeiten nicht in der Lage sind, für die hdilige Sache zu kämpfen, mögen die Verwundeten, pflegen. Die Weltmeinung steht hinter unserer Sache und gegen den Angreifer. Gott sei mit uns! Alles für den Kaiser, alles für das Vaterland! Die Generalmobilisierung ist im vollen Gange. Die aus 580.000(?) Mann bestehende Kerntruppe„Mahel Scfard" hat sich am Donnerstag nach der Front in Marsch gesetzt. Sie ist eine Spezialtruppe des Kaisers und ihm upW dingt ergeben. Eine weitere. Truppe von 100.000 Kaisertreuen ist in Bildung begriffen. In Addis Abeba haben italienfeiydliche Kundgebungen stattgefunden, die ihren Höhepunkt erreichten, als der. Negus den Balkon des Kaiserpalastes betrat und von einer riesigen Mcn-
wird hier behauptet, daß sich an den heutigen Operationen 40 italienische Flugzeuge beteiligten. Freitag werden an allen Fronten italienische Angriffe erwartet. (Anmerkung der Redaktion: Das Volloge- birge bildet einen Teil des in der Mitte Abessiniens liegenden Gebirgsmassivs, das allgemein in nordsüdlicher Richtung mit steilen Abhängen gegen Osten verläuft. Das Vollogebirge liegt nordöstlich von Addis Abecha. Es schließt im Westen die Ebene von Danakil ab, die zwischen ihm und dem Südzipfel von talienisch-Erythräa liegt. Die Entfernung zwischen dem Berge Mousia Ali und dem Vollogebirge beträgt etwa 300 Kilometer.) Trotz Widerstandslosigkeit Artilleriefeuer Rom. Die italienischen Trupven haben den Grenzfluß Mareb überschritten. Der Vormarsch erfolgt unter starkem Artilleriefeuer weittragender achtzölliger Geschütze,hie die Umgebimg nördlich von Adua und Adigrat bombardierten. Gleichzeitig starteten neun italienische Bombardierungsflugzeuge des Typs Caproni, unter dem Kommando des Grafen Ciano, die sogenannte„Desperat«" zu einem Fliegerangriff. Die italienischen Truppen sind bisher auf keinen Widerstand seitens der Abessinier gestoßen. Oer erste Zusammenstoß? Addis Abeba. (Reuter.) Im Nordteil der Provinz Tigre hat sich ein erbitterter Kampf abgespielt. Abessinischen Meldungen zufolge haben sich die Italiener unter der Deckung von Flugzeugen zurückgezogen. Bereitschaft in Aegypten Alexandria.(Reuter.) Gleich nach Eingang der ersten Nachrichten über die Eröffnung des Krieges in Abesiinien wurde die Polizei angewiesen, alle strategischen Punkte zu besetzen und insbesondere die Stellen an der Küste, wo die Seetelegraphenkabel das Festland erreichen, zu bewachen.
schenmenge, aus der Tausende von Leuten mit Schwertern und Revolvern schwenkten, mit unsäglichem Gejubel begrüßt wurde. Der Negus ordnete die Konzentrierung der abessinischen Truppen in D e s s i e für den 12. Oktober an. Dessie wird das abessinische Hauptquartier sein. Bon der Generalmobilisierung werden 1.1 Millrvnen Abessinier erfaßt. Ole abessinischen Heerführer Der Führer der Nordarmee ist der Ras Kassa. Er hat sein Hauptquartier in Gondar und befehligt 250.000 Mann, für die Munition und Verpflegung für zwei Jahre sichergestelli kein sollen. Oestlich des Takaseeflusies steht der Ras S e y e u m als Befehlshaber von 200.000 Mann. Ihm schließen sich der Gouverneur der Provinz Malaie, Haile Selassie Gugsa mit 150.000 Mann an. Seyeum ist Chefkommandant von Adua und Malaie. Der Kriegsminister Ras Moulougeta ist dem Kronprinzen, der zugleich Gouverneur der Provinz W a l l o ist, zur Unterstützung beigege« bcn worden. Die letzte Provinz ist durch den italienischen Angriff besonders gefährdet. Der Ras Kebhe de Mergrseha, der Gouverneur der Provinz Geden, hat Befehl erhalten, den Kronprinzen gleichfalls mit 100.000 Mann zu unterstützen, der die Front im Gebiet der Aussa- und den Danakil-Prövinzen sichern soll.
Was nach Mussolinis Brandrede und dem mit allen Mitteln des fascistischen Macht- und Propaganda-Apparates inszenierten Volkssturm vom Mittwoch unausweichlich geworden war, ist eingetreten: der Krieg in Afrika hat begonnen. Ohne die Beschlüsse des Dreizehnerausschusses abzuwarten, ohne Genf nochmals anzuhören, hat Mussolini seine Armee abessinisches Gebiet betreten und seine Luftgeschwader die abesiinische Siedlung Adua bombardieren lassen. Nichts könnte so deutlich wie diese Art der Kriegseröffnung blitzartig die Gründe beleuchten, die für Mussolini maßgebend waren, als er das Verbrechen dieses Krieges kalten Blutes anstiftete. Der Name A d u a ist durch die Schlacht vom 1. März 1896 in die Geschichte eingegangen. Die italienische Expeditionstruppe des Generals Ba- ratieri wurde von den Aethiopiern des Negus Menelik vernichtend geschlagen. Niederlagen ähnlicher Art habe auch andere Kolonialmächte gelegentlich erlitten. Sie haben später die Scharte ausgewetzt, aber sit haben es ohne Lärm getan und lediglich, um ihr sachliches Ziel zu erreichen. Keiner ist es eingefallen, wegen solch einer Schlappe nach 40 Jahren gegen einen farbigen Stamm einen„R e v a n ch e k r i e g" zu führen. Es blieb dem italienischen Fascismus Vorbehalten, sich für eine Niederlage, seines Landes nach 39 Jahren mit dem Bombardement der Stadt zu rächen, die jene Niederlage, sah, Frauen und Kinder zu töten, um den nationalen Ehrenschild mit dem Blute unschuldiger Opfer von dem Fleck zu reinigen, den er seit Adua angeblich trägt. Was Italien jetzt getan hat, wer r ä u b e r i s ch e U e b e r f a ll auf einen f r i e d l i ch e n N a ch b a r st a a t, der Auf- lvand modernster technischer Mordinstrumente gegen unzivilisierte Eingeborene, das ist ein Fleck auf der Ehre der Nation, den sie erst austilgen wird, wenn eines Tages sie die Urheber dieser Schande und dieses Verbrechens davonjagt. Kein anderes Interesse hatte Mussolini an dem Krieg als die Prestige-Sorgen, die ihn zu der bezeichnenden Ouvertüre des Bombardements von Adua bestimmt haben. Man lasie sich endlich in dieser Stunde, da die Masken fallen, nicht weiter von den bezahlten und den noch kläglicheren freiwilligen Helfern Mussolinis belügen, lasie sich nicht erzählen, daß Mussolini und Italien den Krieg aus wirtschaftlichen Gründen brauchen, daß sie kolonisieren, siedeln, Kapital exportieren wollen! Siedeln könnte Italien , wenn es nur wollte, in seinem eigenen Lande, wo noch heut: 12.490 Großgrundbesitzer— 0.6 Prozent der Bodeneigentümer des Landes— genau soviel Boden besitzen wie die übrigen 2,465.322 bäuerlich produzierenden Italiener zusammen:(Die eben erschienene Folge der „Europäischen Hefte" wirft diese Ziffern zur rechten Zeit in die DiSkusiion). Ein Land, das nichts als Schulden besitzt, braucht auch keine Kolonien zum Kapitalexport. Aber eben weil seine Schulden unter dem glorreichen fascistischen Regime ins Phantastische gestiegen und über die Höhe des geschätzten Volksvermögens weit hinausgewachsen sind, will es diesen Krieg führen. Gold, Kaffee, Petroleum, Erze und was sonst in Abessinien locken, spielen nicht die entscheidende Rolle. Italien , das selbst nur mit fremdem Kapital arbeitet, könnte mit den Schätzen Abessiniens nichts anfangen> und ist auf die weitgehenden Angebote wirtschaftlicher Konzesiionen darum gar nicht eingegangen. Mer weil das Land arm ist, weil die Krise deS FgsciSmus im Innern unabwendbar heranreift, weil die Arbeitslosen, die Pächter und. Kleinbauern, die, fascistisch erzogene und gedrillte Jugend die Einlösung der Versprechen fordern, mit denen Mussolini sie. seit 13 Jahren füttert, und weil er ihnen nichts zu bieten hat als Not und Hunger, Steuern und Phrase«/marschiert er in den Krieg, der d a s V e n?
Abessinien schreitet zur Gegenwehr