1ENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK «SCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAO TÄGLICH FRÜH. REDAKTION UND VERWALTUNG PRAG XII., FOCHOVA 42. TELEFON 53077. HERAUSGEBER! SIEGFRIED TAUB . CHEFREDAKTEUR ! WILHOM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG . 15. Jahrgang Freitag, 11. Oktober 1935 Nr. 237 Völkerbundplenum einmütig Nur Oesterreich und Ungern£ im C rmLAiamam üben Stimmenthaltuns TUl jällKlIUnCll Genf. Das Plenum des Völkerbundes hat am Donnerstag die politische Debatte abge­schlossen. Die vorgeschlagene Resolution wurde mit Ausnahme Italiens , daS sich natürlich gegen sie auSsprach, und der beiden Staaten Oesterreich und Ungarn , die sich absentiertrn, von den übrigen Mitgliedstaaten genehmigt. In der Resolution wird zur Kenntnis genommen, daß der Rat am 7. Oktober Italien als Angreifer erklärt hat, und der Wunsch aus- ausgesprochen, daß die Bölkerbundmitglieder mit Ausnahme der beiden Parteien einen K o o r dinationsausschuß zur Festlegung der Sanktionen nach Artikel 16 bilden, in den jeder Staat ein Mitglied entsendet. Der Ausschuß wird bereits Freitag vormittags zusammentreten. Nach Konstituierung wird sich daS Völkerbund - Plenum vertagen. Nach Londoner Meldungen wünsche die britische Regierung so schnell wie möglich mit der praktischen Arbeit der Formulierung der anzuwendenden Sühnemaßnahmen vorwärts zu kom­men. Nach Ansicht unterrichteter Kreise werde noch vor Ablauf der nächsten Woche ein fix und fertig ausgearveitetes Sühneprogramm vorliegen. Italien derarme Prolet Baron Aloist brachte zur Sache selbst nichts wesentlich Neues vot, doch erinnerte er an zwei vorauSgegangene analoge Fälle, den Einmarsch Japans in China vor vier Jahren und den Krieg zwischen Bolivien und Paraguay , und stellte die nicht ganz unberechtigte Frage, warum der Völker­ bund in diesen Fällen nicht z u S a n k t i o n e n ge­schritten sei. Italien , erklärte Aloisi zum Schluß, sei über­zeugt, daß es den wahren Völker- b u n d g e i st(!) zum Ausdrucke bringe und daß es in diesem Falle nicht nur seinen eigenen Kampf kämpfe, sondern auch den des Völker­bundes, denn es wolle seinen Geistderle- bendigen Macht verherrlichen, gegen sei­nen Buchstaben, der töte. In voller geistiger und materieller Entwicklung, eingeschnürt durch geschicht­liche Wechselfälle und internationale Einschrän­kungen, ersticke Italien auf seinem engen Ge­biete. Italien sei das Land, das vor der Versamm­lung der Staaten seine Stimme erheben' müsse, der »große Proletarier unter den Völkern", der Gerech­tigkeit verlange. Rach der Rede deS italienischen Delegierten Aloisi stellte der Vorsitzende der Bölkerbundsver- sammlung, Dr. Benes, fest, daß keine weiteren Wortmeldungen zu der allgemeinen Sanktions - frage vorliegen. Er erklärte, daß die Versamm­lung mit Ausnahme. Oesterreichs und Ungarns , die ihren Widerspruch geäußert haben, und mit Ausnahme Italiens , dessen Erklärungen di^ Ver­sammlung würdige, einstimmig dem Be­schluß der 14 Ratsmitglicder ihre Billigung erteile. Laval bemüht sich weiter um Versöhnung Hierauf gab der französische Ministerpräsi­dent L a v a l eine kurze' Erklärung ab. Er be­tonte die Völkerbundtreue Frankreichs und zu­gleich seine Freundschaft zu Italien . Aus diesen Gründen werde Frankreich zugleich mit der Anwendung des Paktes die Bemühungen um eine Versöhnung fortsetzen, in der Hoffnung, daß dieses Bemühen der Mit­arbeit in der Versammlung nicht ermangeln werde. Eden drängt auf rasches Handeln Der englische Delegierte Minister Anthony Eden führte u. a. aus: Die Erhaltung des Friedens ist das erste Ziel der britischen auswärti­gen Politik und das ständige Ideal des englischen Volkes. Wenn die Kultur weiterbestehen soll, so müssen wir in der Praxis abschaffen, was wir im Grundsatz verurteilt haben. Der Völkerbund hat zwei Hauptaufgaben: 1. den Krieg durch gerechte und friedliche Regelung abzuwenden, 2. wenn unser erstes Ziel nicht erreicht wird, dem Kriege Einhalt zu gebieten. Mit der zweiten dieser Aufgaben sind wir als Mitglieder dieser Versammlung jetzt befaßt Nach der Leistungsfähigkeit des Völkerbundes bei der Verwirklichung dieses Zieles wird der Völker­bund beurteilt werden. Wir können unsere Pflichten und Brrant-' Wörtlichkeiten nicht vernachlässigen. Jetzt mnß zum Handel« geschritten werden. Es ist Sache der Mitglieder des Völkerbundes, gemeinsam zu bestimmen, w i e gehandelt werden soll. Im Namen der britischen Regierung erkläre ich unsere Bereitschaft, unseren vollen An­teil an einer solchen Aktion zu übernehmen. Da es unsere Pflicht ist, zu handeln, ist es wesentlich, daß schnell gehandelt wird. Das ist die Ver­antwortung des Völkerbundes. Wir streichen aber kein Jota von unserem Wunsche nach einer bal­digen und friedlichen Bei­le gung-d^es Konfliktes in Ueber- einstimmüng mit den Grundsätzen des Paktes; an dieser''Aufgabe mitzuarbeiten sind wir jederzeit von ganzem Herzen bereit. Die Rede Edens wurde mit lautem Beifall ausgenommen. Der schweizerische Delegierte Bundesrat Motta erklärte, daß die Schweiz durch ihr Schweigen dem Beschluß des Völkerbundes zu­ll estimmt habe, daß er jedoch auf die be­sondere Lage der Schweiz Hinwei­sen müsse. _ Der sowjetrussische Delegierte Potjemkin bestätigte die Entschlossenheit seines Landes, mit allen Mitgliedern des Völkerbundes die Pflichten zu erfüllen, die die Völkerbundsatzung vorschreibt. Bor Eröffnung der allgemeinen Debatte in der Nachmittagssttzung der Bölkcrbundversamm- Die Nationalversammlung hat noch am Donnerstag die Wiederaufrichtung der Monarchie beschloffen und den Mi- nisterpräsidenten bis zur Rückkehr des Königs mit der Regentschaft be­traut. Die Regierung wird die(natür­lich nur mehr eine lächerliche Farce darstellende)Volksabstimmung" für den Z. November vorbereiten, durch die König Georg offiziell eingeladen wer­den soll, nach Griechenland zurückzu­kehren. Man erwartet den Rücktritt des Präsidenten Zaimis. lang verlas Minister Dr. Benes einen R e s o- lntionsentwnrf, in dem dir Versamm­lung die in der allgemeinen Debatte zum Aus­druck gekommene Meinung der Vertreter der Mitgliedsstaaten zur Kenntnis nimmt, die Ver­pflichtungen des Artikels 16 des Bölkerbundpaktcs analysiert werden und über die Koordination aller bei der gegenwärtigen Lage notwendigen Maß­nahmen Beschluß gefaßt wird. Dieser Resolution zufolge werden alle Mitglieder der Bölkerbundversammlung auf­gefordert, an den Arbeiten des Koordinationsaus­schusses teilzunehmen. Dieser Ausschuß soll nicht rin Organ des Bölkerbundrates oder der Bölker­bundversammlung, sondern eine Konferenz aller Mitgliedstaaien sein, die nunmehr zusammentrete» wird, um über die Geltendmachung der Sanktionen Beschluß zu fassen. Der jugoslawische Gesandte in Paris , Puriö, gab im Namen der drei Staaten der Kleinen Entente , folgende Erklärung ab: Nach Ansicht der Kleinen Entente handelt es sich vor allem darum, daß der V L l k e r b u n d- pakt zur Geltung gebracht wird. Wir hoben, alle Debatten verfolgt, ohne daß wir die Einzelheiten des Konfliktes, der noch an Aus­dehnung gewonnen hat, berührt haben. Da wir bereits erklärt haben, daß wir dem Pakt treu blei­ben, werden wir seine Verpflichtun­gen gewissenhaft durchführen. Der abessinische Vertreter Hawariate forderte alle Mitgliedstaaten auf, die aus dem Pakt sich ergebenden Verpflichtungen einzuhalten. Jede Verzögerung sei imstande, das inter­nationale Verbrechen in die Länge zu ziehen, dessen sich Italien Abessinien gegenüber schuldig gemacht hat. Der Völkerbund ist verpflichtet, dem Ausrottungswerk der Ita­liener Einhalt zu gebieten. Die Kundgebung des abessinischen Delegier­ten wurde nicht nur von den Delegierten, sondern auch von dem anwesenden Publikum mit stürmischem Beifall ausgenommen. Die innerpolitischen Ereignisse haben sich am Donnerstag folgendermaßen abgespielt: Als sich Ministerpräsident Tsaldaris zum Außenmini­sterium begab, begegneten ihm die Offiziere P a p a g o s, R e p p a s und O e c o n o m u, die ihn um eine Unterredung baten. Sie kehrten zu Tsaldaris' Wohnung zurück, wo ihm die Offiziere erklärten, daß die Armee revoltiert und die Wiedereinsetzung der Monarchie proklamiert habe. Tsaldaris müßte diese Tatsache anerkennen oder demissionieren. Tsaldaris berief darauf sofort den Ministerrat, und.gab seine Rücktrittsabsicht be­kannt, weil er von seinem Grundsatz, daß die Monarchie nur durch Volksabstimmung wiede­errichtet werden könne, nicht abgehen könne. Die Sanktionen und die Arbeiter Pie Sozialistische Arbeiterinternationale und der Internationale Gewerkschaftsbund haben vom Beginn der offenen Kriegsvorbereitungen Italiens gegen Abessinien an mit aller Eindring­lichkeit an den Völkerbund appelliert, alle Kräfte einzusetzen, um das imperialistische Verbrechen Mussolinis zu verhindern. Die starken Gegensätze zwischen den Völkerbundmächten, die durch das Äuseinanderstreben der französischen und eng­lischen Politik am deutlichsten gekennzeichnet wer­den, haben die Durchführung wirksamer Maß­nahmen, die den italienischen Krieg hätten ver­hindern können, nicht ermöglicht. Mussolini hat bei seinen Kriegsvörbereitungen mit diesen Ge­gensätzen gerechnet und er durfte hoffen, daß er nach anderen Vorbildern an der Ausübung des Verbrechens kaum gehindert werden würde. Aber der Völkerbundrat hat auf das In­gangsetzen der italienischen Kriegsmaschinerie mit der einmütigen Feststellung geantwortet, daß ein Bruch des Völkerbundpaktes vorliegt und Italien der zweifelsfreie Angreifer in diesem Kriege ist. Dieser Beschluß zieht nach dem Geiste der ent­sprechenden Artikel der Völkerbundsatzung und auch nach ihrem Wortlaut automatisch Sanktio­nen gegen den festgestellten Angreifer nach sich. Jedes Land ist verpflichtet, die Sanktionen un­mittelbar wirksam werden zu lassen. Wenn diese Frage in einem Ausschuß des Völkerbundes zu­nächst weiter verhandelt wurde, so durfte es sich dabei nur darum handeln, durch ein einheitliches Vorgehen die zu ergreifenden Maßnahmen so wirksam als irgend möglich zu machen zu ver­suchen. Der Wert der Sanktionen liegt nicht etwa in ihrer moralischen Seite, also nicht darin, daß man sie als Strafe gegen Italien betrachtet. Sie sind mit den ganzen Folgen, die sie nach sich ziehen, nur dann gerechtfertigt, wenn sie das Ziel habe. die Fortsetzung deS Krieges un­möglich zu machen. Das schließt nicht ein, daß am Anfang der Sanktionen auch sofort militärische Maßnahmen ergriffen werden müssen. Aber es erfordert, daß die notwendigen wirtschaftlichen und finanziel­len Maßnahmen mit allen Kon­sequenzen durchgeführt werden. Der Völkerbund ist, sofern er sich selbst das Ziel der raschesten Beendigung des Krieges in Ost­ afrika stellt, gegenüber Italien durchaus in der viel stärkeren Position. Italien ist ein rohstoffarmes Land. Seinen Bedarf an Kohlen, Mineralölen, Baumwolle und Kupfer muß es nahezu hundertprozentig im Aus­land decken. Obgleich Mussolini in den vergan­genen JahrenGetreideschlachten" in Szene ge­setzt und auch sonst Anstrengungen zur Steige­rung der Lebensmittelerzeugung im Lande ge­macht hat, so ist Italien doch immer noch auch von der Autarkie in der Ernährungsversorgung weit entfernt. Es ist also in jeder Beziehung von der Einfuhr aus dem Auslande sehr stark abhän­gig. Dazu kommt, daß die finanziellen Schwie­rigkeiten mit jedem Tage größer werden und die Fortsetzung des Krieges unmöglich machen müssen, wenn es Mussolini nicht gelingt, auslän­dische Finanzhilfe zu erhalten.- Auf diesen Ge­bieten also liegt die Stärke der wirtschaftlichen und finanziellen Sanktionen, mit denen der Völkerbund gegen Italien vorgeht. Freilich nur dann, wenn sie nicht nur ge­schlossen, sondern auch mit dem äußer st en E r n st e durchgeführt werden. Nach dem Völker­bundstatut ist jedes Völkerbundsmitglied verpflich­tet, an den Sanktionen teilzünehmen. Wenn die Halbfascistischen Regierungen Ungarns und Oesterreichs erklären, daß sie sich daran nicht be­teiligen werden, so stellt das eine Verletzung der übernommenen Verpflichtungen durch diese Regie­rungen dar. Die führenden Mächte England und Frankreich hätten genug Mittel zur Verfügung, um die Vertragsbrüchigen Regierungen zur Er­füllung ihrer Pflichten zu zwingen. Beide sind finanziell in hohem Maße vom Ausland abhängig. Zudem reicht ihre Kraft auch nickt aus, um di, Sanktionen unwirksam zu macken. Weder Oester­reich noch Ungarn können Italien. die benötigten Rohstoffe noch die so dringend erforderliche finan­zielle Hilfe bringen. Man weiß, daß es besonders England ist, das auf die Durchführung der Sanktionen besteht^ Militärputsch in Griechenland Zur Wiederaiifrichtung der Monarchie Athen . Amtlich wird gemeldet: Die Führer der Armee haben sich an den Minister­präsidenten Tsaldaris gewandt und ihm mitgeteilt, daß die Armee die Rückkehr des Königs und die Wiedereinsetznng der Monarchie verlange. Der Ministerrat trat daraufhin sofort zu einer Sitzung zusammen, in der der Rücktritt der Regierung beschloffen wurde. Die Armeefführer haben General K o n d y l i S, den bekannten Führer der Royalisten, gebeten, die Regierung zu übernehmen. Kondy lis hat sich dazu bereit erklärt. Die neue Regierung wurde bereits definitivgebildet und setzt sich folgendermaßen zusammen: Ministerpräsident und Finanzminister General K o n d y l i s- Stellvertreter des Ministerpräsidenten und Außenminister Theotokis , Kriegsminister General P a p a g o s, bisher Kommandant des I. Armeekorps,. Marineminister D u s m a n i s, Innenminister Spinas)