Einzelpreis 70 Meller («ln>chli«6lkh i Haller Porto) IENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung PRAG xiupochova«r. Telefon SMP. HERAUSGEBER. SIEGFRIED TAUB . VERANTWORTLICHER REDAKTEUR- DR. EMIL STRAUSS, PRAG . 15. Jahrgang Mittwoch, 18. Dezember 1935 Nr. 294 Offizielle Verlautbarung um Mitternacht: Kandidatur Nemec zurückgezogen Dr. Benes nunmehr ohne ernsten Gegenkandidaten Prag . Dar Vortag der Präsidentenwahl brachte die entscheidenden Beratungen der politischen Parteien, denen, soweit sich einzelne Parteien nicht schon längst offen für den Kandi­daten T. G. MasarykS, für den Außenminister Dr. BeneS ausgesprochen hatten» naturgemäß eine außerordentliche Bedeutung zukam. Dementsprechend verlief auch der Tag in hochdrama­tischer Spannung. Am Abend brach sich dann langsam die Auffassung Bahn, daß der klare Wille des ersten Präsidenten und Gründers der Republik doch nicht bloß als Meinung eine-Privat­mannes" angesehen werden wird, wie am Sonntag ein Blatt schrieb» sondern ihre Wirkung auf die Oeffentlichkeit nicht verfehlen wird. Diese Auffassung wurde fast schon zur frohen Gewißheit, alS am spaten Abend bekannt wurde, daß innerhalb der Koalition noch in letzter Minute neue Verhandlungen im Gange seien, um doch noch eine einheitliche Kandidatur sicherzustellen, die nach allem nur die des Dr. Benes hätte sein können. Die Beratungen, über die Einzelheiten fehlen, müssen einen glatten Berlanf genommen Haden. Jedenfalls wurde den Blättern schon um Mitternacht folgende Meldung zur Berfügung gestellt:. Das Tschechoslowakische Preßbüro teilt de« Blätter« auf Grund einer Mitteilung von verantwortlicher Stelle der republikanische« Partei fol­gendes mitr Professor D. R i m e e, der Obmann des Tschechoslowakischen Natio­nalrates, der von de» politischen Parteien zur Kandidatur auf das Amt des Präsidenten der Republik aufgeforderr wurde, hatte die Bedingung gestellt, daß er diese Kandidatur aufrechterhatten werde, wen« er der Kandidat der Mehrheit der tschechoslowakische« politischen Parteien sein werde.Das unent­schiedene Verhallen einer politische« Partei veranlaßte Prof. B. Nemec, die verbleibenden polttischen Parteien zu ersuchen, von feiner Kan­didatur abzusehen und die nationale und staatliche Einhett nicht abzuschwächen." Das bedeutet nichts anderes, als daß Dr. Benes am Mittwoch vormittags keine« ernsthafte« Gegenkandidaten mehr haben kann und somit seine Wahl allem Ermessen nach nicht mehr als zweifelhaft angesehen werde« kann. Diese Tatsache wird sicherlich weit über die Streife seiner Parteien hinaus, die von allem Anfang an für diese Lösung ringetrete« sind» mit restloser Genugtuung ausgenommen werden. Bald am Vormittag wurde das Kommuniquee der Agrarpartei bekannt, wornach der Beschluß der Kandidatur des Prof. Nemec einstim­mig durch die zuständigen Organe der Agrar- parter zustande gekommen sei und daß alle ande­ren Nachrichten jeder Grundlage entbehren. Dazu kamen verschiedene Gerüchte, daß auch die tz l i n k a p a r t e i sich zur Gänze ins Lager des Prof. Nemec geschlagen habe. Am Nachmittag wurde dieses Gerücht jedoch wieder in Abrede gestellt. In der Fülle der vielen Gerüchte und Ver­mutungen, die über den Ausgang der entscheiden­den Parteienberatungen am späten Nachmittag kolportiert wurden, bot den einzigen festen Rück­halt dje Feststellung, daß im Lager jener Par­teien, die sich bereits offen für Dr. Benes aus­gesprochen hatten, eine absolute Ein­heitlichkeit der Auffassung bestand und gar nicht erst viel debattiert, wurde, ob außer Dr. Benes noch jemand anderer in Frage komme, wäh­rend im anderen Lager innerhalb jener Par­teien, die schon voreilig mit ihrem ganzen Besitzstand an Mandaten auf das Konto des überparteilichen". Kandidaten Prof. Nemec ge­bucht worden waren, im Laufe der Beratungen ziemlich tiefgehende Meinungsverschiedenheiten zum Ausdruck kamen, deren Bestehen allein schon für die Kandidatur des Dr. Benes sich nur günstig auswirken konnten; da es sich ja nur darum handeln konnte, daß gewisse Gruppen innerhalb dieser Parteien gegen den Wahl­zwang fürNtmec und für Wahlfreiheit für Benes einllaten. Daß im agrarischen Lager keineswegs volle Einmütigkeit herrschen kann, ging bald dar­aus hervor, daß derSlovenskh Dentk", das Blatt der slowakischen Agrarier, das auch dem Ministerpräsidenten" selbst näher stehen dürfte als dar zumeist unter anderem Einfluß stehend« Zentralorgan dieser Partei, beide Kandidaten, Prof. Nkmec sowohl wie auch Dr. Benes, ob­jektiv würdigte und ausdrücklich feststellte, daß die Empfehlung MasarykS, den Minister' BeneS zu wählen, auf die einzelnen Gruppen nicht ohne Einfluß bleiben werde. Nachdrücklich wird in dem Artikel betcnt, daß die Meinung MasarykS, wenn auch privat ausgesprochen, nie­mals die Meinung eine- x-beliebigen Privat­mannes sein könne und für die Slowakei Masa- ryks Autorität auch nach seiner Abdankung keines­wegs gesunken sei. Dort wisse man mehr a l S anderswo, was die Autorität des Präsidenten für die staatliche Tradition bedeute. Es könne daher MasarykS Ansicht Wer seinen Nachfolger auch dann, wenn es sich um eine Prwatmeinung handle, nicht außer Kalkül gelassen werden. Auf diesen Artikel stützte sich im Laufe deS späten Nachmittags die Auffassung, daß der s l o- w a k i s ch e Flügel der Agrarier an der Kandi­datur Dr. Benes festhalte. Später verlautete über die agrarischen Behauptungen noch gerücht­weise, daß sich auch die kleinbäuerlichen Elemente im agrarischen Lager dafür einsetzten, daß der Abstimmungszwang für Prof. Nemec aufgehoben werde.. Daß bei den tschechischen Agrariern damals noch die Entscheidung ausstand, ließ sich ro»hl in­direkt aus dem Verhalten der deutschen Agrarier schließen, die gegen Abend ihre Entscheidung noch auf eine für Mittwoch früh vor der Wahl anberaumte Sitzung verschoben. Offenbar woll­ten sie die Beschlüsse der tschechischen Bruderpartei erst einmal abwarten. In den Abendstunden wurde mit ziemlicher Sicherheit behauptet, daß die tschechische Gewerbepartei ebenfalls nicht starr an der Kandidatur des Prof. Nkmec festhalten, son­dern Abstimmungsfreiheit geben wolle, was sich ja ebenfalls nur für Dr. Benes auswirken könnte. Das Zentralorgan dieser Par­tei, derNärodni Stieb", gibt daxüber allerdings keine Auskunft, sondern weist lediglich darauf hin, daß nach den Wahlen wer immer gewählt werde alle verpflichtet seien, ihn als die Verkörperung der Staatshoheit und als sichtbare Autorität in her Demokratie anzuettennen. Von einem klaren Beschluß, für Nemec einzutreten, ist nirgends auch- nur eine Andeutung zu sehen, Aehnliche Meldungen wollten weiters wis­sen, daß sich auch in der slowakischen Volkspartei HlinkaS starke Tendenzen zeigen, für die Wahl Dr. BenesS zu stimmen.,. Bon den sonstigen Parteien darf angenom­men werden, daß die d e u t s ch e n C h r i st- lich sozialen, obwohl sie ihren Standpunkt gleichfalls noch nicht offiziell publiziert haben, trotz gewissen Beeinfluffungsversuchen im Laufe des Tages für Dr. Benes votieren werden. Die Henleinleute, die sich schon sicher als das Zünglein an der Waage fühlten, waren durch diese Entwicklung der Dinge augenscheinlich betroffen. Jedenfalls saßen sie noch am späten Abend beisammen, ohne daß über ihre Haltung ein Beschluß bekannt geworden wäre. DerVenkov lenkt ein Einen nicht zu unterschätzenden Wertmesser für die Stimmung in den agrarischen Kreisen gibt auch derBenko v" vom Mittwoch. Mit kei­nem Wort wird sehr im Gegensatz zur Sonn­tagsnummer desselben Blattes für oder gegen einen der beiden Kandidaten Stellung ge­nommen, sondern lediglich Svehlas Weitblick be­tont, der sich seinerzeit gegen die Wahl des Prä­sidenten durch das Volk mit der Begründung aus­gesprochen hat, daß kaum ein Präsident aus dem erbitterten Wahlkampf mit unerschütterter Auto­rität hervorgehen könnte. Der jetzige kurze Wahl­kampf zwischen den Parteien sei im ganzen im Rahmen riner wenn auch scharfen K r i t i kge- führt worben, was der»Venkov" Mit Genug- rung zur Kenntnis nimmt. Den Wahlkämpf nicht auöarten zu lassen, sei von Anbeginn das Be­streben der republikanischen Partei gewesen. Nach den Wahlen lasse sich nichts anderes machen, als von neuem zusammenzu­arbeiten; der Staat habe dies dringend nöfig. »Wer immer auch gewählt wird", schließt das Blatt,die Autorität des Staates erfordert eS, daß alle bedingungslos, ob sie nun pro oder kontra waren, die Auwrität des Staats­oberhauptes respektieren. Ueber den Parteien steht der Staat. Hier gibt eS keine Debatten. Hier gilt es, wirklichen, wahrhaften Patriotis­mus zu zeigen." Dank an Masaryk Der Zentralvollzugsausschuß der tschecho- slowakischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei hielt am Dienstag eine Sitzung ab, in der Genosse Bechynii einen ausführlichen Bericht über die Abdikation Th. G. Masaryks und ihre Bor- gcschichte sowie über die Vorbereitungen zur Neuwahl des Präsidenten Bericht erstattete. Wir danken Th. G. Masaryk, sagte Bechyne, für sein gesamtes Lebenswerk. Wir danken ihm für unsere nationale Freiheit und staatliche Selbständigkeit. Wir danken ihm für alle Hilfe, die er als Pro­fessor der Arbeiterbewegung geleistet hat, sowie dafür, daß er diesen seinen Ansichten auch als Präsident der Republik treu geblieben ist. Wir schließen uns in diesem Augenblick dem Satz an, den Ministerpräsident Hodsa öffentlich aus­gesprochen hat: T. G. Masaryk ist unser ober st es Gesetz. Die Sitzung beschloß dann einmütig, an Masaryk eine Dankkundgebung zu schicken, in der es u. a. heißt: Die Arbeiterschaft ist Ihnen unaus­sprechlich dankbar für Ihr Werk«nd für alleS, waS Sie für ihre Bildung, ihre Freiheit«nd ihren sozialen Fortschritt getan haben. Es wird nur ein Glück für Ration und Staat sein, wenn an die verwaiste Stelle die von Ihnen empfohlene Persönlichkeit tritt» welche die von Ihnen begründete Tradition zum Wohle der Republik «nd allen Volkes verbürgt. Der Vorsitzende H a m p l gab dann eine ausführliche Information über die letzten inner­politischen Ereignisse, worauf der Zentralvoll­zugsausschuß ohne Debatte und einmütig beschloß, dem Klub der Abgeordneten und Sena­toren der Partei die Wahl des Dr. Eduard Be­ nes zum Präsidenten der Republik zu emp­fehlen. Amt und Persönlichkeit Zur Wahl des Staatsoberhauptes i Der Parteivorstand der Deutschen sozial­demokratischen Arbeiterpartei trat Dienstag, den 17. Dezember» nachmittags, gemeinsam mit der parlamentarischen Fraktion der Partei zu einer Sitzung zusammen. Der Vorsitzende» Genosse Dr. C z r«b» würdigte einleitend unter allgemeinem Beifall der Versammelten die große Persönlichkeit des zurückgetretenm Präsidenten und gab sodann einen Bericht über die in den letzten Tage« geführten politischen Verhandlungen. Der Parteivorstand beschloß einstimmig, die parlamentarische Bertretnng zu beauftragen, bei der Wahl deS Präsidenten der Republik ihre Stimme für Dr. Benes abzugeben. In Demokratien, die das Oberhaupt d.S Gemeinwesens durch Wahl bestimmen, treten ein­ander seit je zwei Tendenzen gegenüber: das Streben, dem Staat eine weithin sichtbare Per­sönlichkeit großen Formats zum Führer zu ge­ben, kreuzt sich mit der Fur.cht vor dem starken Willen und dem überragenden Geist des bedeu­tenden Mannes, der leicht die Alleinherrschast anstreben könnte. Die griechischen Deinolratien haben bedeutenden Persönlichkeiten ost den Weg zur Führung freigegeben, aber sie haben ebenso ost den Ausstieg großer Männer durch das Scher­bengericht jäh in einen tiefen Fall verwandelt. Die Römer suchten der Tendenz zur Monarchie durch die kurze Amtsdauer des Konsulats und durch die Kollegialitäte des Amtes zu steuern. Sie konnten damit den Untergang der Repu­ blik nicht aufhalten, die fiel, als sie fallen mußte, als die Zeit reif war für eine neue Lebensform. Das große Musterland der modernen bür­gerlichen Demokratie, die Vereinigten S t a a t e n, hat die Angst vor dem großen Mann an der Spitze nicht empfunden. Amerika war seit Washington und ist bis heute ein» Präsi­dentschaftsrepublik, in der dem Staatsoberhaupt, das zugleich Chef der Bundes­regierung ist, sehr umfangreiche Rechte zustehen. Freilich ist der Präsident nicht nur an das Re­präsentantenhaus, sondern auch an den Senat, die sehr mächtige Kammer der Staatenvertre­tung, gebunden. Der Amerikaner weiß aber bis heute die große Persönlichkeit an der Spitze des Reiches zu schätzen und die Wähler sind mit einem gewissen Instinkt nach Intervallen farblo­ser Präsidentschaften doch immer wieder zu wage­mutigen Männern bedeutenden Formats über­gegangen. Jefferson Monroe, Lincoln, Grant, Äeveland, Theodor Roosevelt ,- Wilson, Frank­ lin Roosevelt cheben sich aus der Reihe der we­niger stark profilierten Männer im Weißen Hause heraus. Dagegen hat die. Dritte Republik in Frank­ reich , nicht zuletzt wohl auf Grund der bonapar» tistischen Erfahrungen der ersten und zweiten Re­ publik , nicht nur die Rechte des Präsidenten ein­geschränkt,. sondern auch in der Praxis dem Grundsatz gehuldigt keine starken Männer an die Spitze des Staates zu stellen. Ins Palais Elyste zogen darum sehr oft Männer recht ver­waschener Gesinnung, wenig klangvollen Namens ein und ihre größeren Gegenkandidaten unter­lagen wie Clemenceau und Briand .