16. Jahrgang Dienstag, 14. Jänner 1936 Nr. 11 Einzelpreis 70 Heller («Intchli.filich S H.ll.r Porto} ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH,»waktion und Verwaltung PRAG xil- FOCHOVA a. Telefon»077. HERAUSGEBER. SIEGFRIED TAUS. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR. DR. EMIL STRAUSS, PRAG . IENTRALORGAN DER DEUTSCHEM SOZIALDEMOKRATISCHEN ARB E1TE RPARTEl IM DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK Der Staatspräsident im Präser Deutschen Theater Festvorstellung derZauberflöte ** In Anwesenheit des Presidenten Vr. BeneS, des Ministerpräsidenten und des Grollteils des Kabinetts Gestern abends empfing die Staatspräsidentschast, in Person und An­wesenheit des neue« Oberhaupts Dr. Eduard Benes , Ehrung durch unseren Kulturwillen und unsere Kunst im Prager Deutschen Theater als der haupt­sächlichsten«nd repräsentativen Bühne der zweitgrößten Staatsnation. And umgekehrt war der Besuch des Deutschen Theaters durch de» Präsidenten und andere hervorragendste staatliche Würdenträger, vor allem durch de» Ministerpräsidenten, mehr als erfreuliche Verbeugung vor der Kunst der Deutsche « dieses Staates, war vielmehr sichtlich und fühlbar Zeichen hocher­freulichen Willens festerer internationaler Annäherung im Staate, Symbol einer dem völkerversöhnenden, völkerverbrüdernden Fortschrittsgedanke» geweihte« Demokratie auf ihrem vielleicht hehrsten Boden, dem der Kunst. Präsident Benei:Ich bin hier nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mall** Einige Minuten vor dem Beginn der Fest­dorstellung im Deutschen Theater, an dessen Front die Staatsflagge wehte, betrat Präsident Dr. Benes mit seiner Gattin das mit Pflanzengrün und einem prachtvollen Blumenarrangement ge­schmückten und mit Teppichen ausgelegte Foyer Les Theaters, wo ihn der Vorstand des Theater­vereins, der Theäterdireltor Dr. Eger, sein Stell­vertreter und der erste Vertreter der Bühnenan­gehörigen empfingen. Der Präsident des Thea- tervereineS, Dr. Wolf-Zdetauer, hielt an den Präsidenten eine kurze Ansprache, in der er die hohe Auszeichnung würdigte, die dieser Präsidentenbesuch für das Haus bedeutet. Präsi­dent Dr. Benes dankte mit einem einzigen deutschen Satz, der aber in seiner Einfachheit und Programmhastigkeit ungemein sympathisch und herzlich wirkte: Ich danke Ihnen ich bin hier nicht zum ersten»nd auch nicht zum letzen Mall" Nach diesen Präsidentenworten brachen die Zeugen dieses Empfanges in s p o n t a n e n Beifall aus. Direktor Dr. Eger begrüßte sodann die Gat­tin des Präsidenten, überreichte ihr einen,Orchi­deenstrauß und begleitete nun das Paar und dessen Suite in die Bräsidentenloge. Vom Außen­balkon des Theaters ertönten Fanfaren­klänge. Da der Präsident und seine Gattin ihre Loge betreten, erhebt sich alles in dem bis auf das letzte Plätzchen gefüllten Haus und- be­reitet dem Präsidenten minutenlang Ovationen. Per Ministerpräsident und die Minister Knapp vor der Ankunft des Präsidenten war Ministerpräsident H o d za im Theater cingetroffen der erste tschechoslowakische Mi­nisterpräsident, der dieses Haus festlich offiziell besuchte. Bon den Mitgliedern des Kabinetts waren neben den beiden deutschen Ministern Dr. T z e ch und Dr. Spin« anwesend: Innen­minister Dr.§ e in y. Nnterrichtsminister Dr. K r i m d t, Finanzminister Dr. Trapl, Für­sorgeminister Ang. N e t a s, Nationalverteidi­gungsminister M a ch n t k. Außerdem wohnten der Vorstellung offiziell unter anderem bei: Mi­nister Dr. K r o f t a, Vertreter der Präsidien des Abgeordnetenhauses(Taub), des Senates und der Landesverwaltung, weiter der englische, der österreichische und der portugiesische Gesandte und ein Vertreter der USA -Gesandtschaft, ferner Sek­tionschef Schießl und der Chef des Protokolls Strimpl, viele hohe Militärs und andere Würden­träger. vle Staatshymnen in Feierlichkeit stehend angehört und mit großem Beifall ausgenommen, gingen der Vorstellung voran. Dann erklang die Zauberflöte** Die Wahl der.Zauberf.löte" zur FestvörsteUung war durchaus glücklich. Nicht nur, weil die deutsche Kunst der Gesamtmenschheit durch die internationale Sprache der Musik nebst Beethoven mit Mw z a rk das göttlichste Geschenk gemacht hatte mit Mozart , dessen Wett gerade in Prag eine seiner bedeutungsvollsten Schöp­fungsstätten hat sondern auch, weil gerade in der-Zauberflöte " einerseits der reinste Quell entzückendster Heiterkeit für festlichen Anlaß sich erschließt,' anderfests hier die erhabensten Mensch­heitsgedanken dem Spiel tiefste Bedeutung geben. Es ist ohne Belang, ob man die Verbindung zwischen der^Zauberflöte " und unserer Zeit auf diesem Boden hier der demokratischen Abwehr und Besinnlichkeit mit dem Geist der Freimaurer oder des Josephinismus oder jenseits der Kirchen freier erblühender Religiosität herstellen mag; vielmehr stellt sich die Bindung, die Zeiten, Na- , tionen und Weltanschauungen überbrückt und. die aus dem Zeitalter Goethes und Mozarts zu dem Masaryks führt, ohne jede solche Betrachtung als natürlich und sinnvoll dar im Hinblick auf die ewigen Ideen, die zu verbreiten heut« mehr denn tausende Zauberflöten gebraucht würden: der Bil­dung freien, ernsten, sittlichen, wahrhaft religiö­sen Geists, der Menschenfreundlichkeit, der Hilfs­bereitschaft, der Selbsthingabe» der Kraft und Ausdauer für die Prüfungen, die uns aufer­legt sind. Das Deutsche Theater durfte also gerade einen Dr. Benes sehr wohl mit solchem Zau­berflötenklang empfangen. Die vielmals gerühmte-Zauberslöte"-Auf- führung des Deutschen Theaters: in Max Liebls einfach-vornehmer, bis in die zarteste .Nuance stilvoller Ltz.szenierung. und unter der fein ausgewogenen musikalischen Leitung Professor Sztlls, heran diesem Abend besonders die sakralen Teile ungemein tonschön und feierlich zelebrierte, erzielte durchaus die heiter-ernste Wirkung, die ihr innewohnt und die es an diesem Abend besonders zu verlebendigen gatt. Wie symbolhaft, Wechselbefruchtung deutscher und tschechischer Kunst andeutend, war zum eigenen ausgezeichneten Ensemble(aus dem vor allem nochmals der prächtige Sarastto Andersens, die liebreizende Pamjüa des Fräulein Anders, der. sympathisch ansprechende Tenor des Herrn Baum (Tammo),.der fidele Papageno Hagens und der vorbildliche Sprecher Scheid! hervorzuheben sind) in Vertretung der derzeit pragfernen eigenen Ko­loratursängerin als Gast vom Tschechischen Na- tionaltheater Mila Kokovä getreten, deren Königin der Nacht durch stimmlichen Wohllaut und völlige Registerausgeglichenheit in der Kan- tilene für sich einnahm. Ganz ausgezeichnet ge­langen diesmal auch die Chöre und auch das Or­chester hatte seinen Ehrentag. Ansprache des Präsidenten Während der großen Pause empfing Prä­sident Dr. Benes im festlich geschmückten Salon, seiner Loge gegenüber, die Ausschußmitglieder des Theatervereins, den Theaterdirektor und seinen Stellvertreter, die Verstände des Hauses und eine Abordnung der Künstler. Theaterdirektor Dr. Eger hielt an den Prä­sidenten eine Ansprache, in welcher er betonte, eS sei eine gute Tradition geworden, daß das deut­sche Theater nicht ausschließlich aus dem Born der deutschen Musik schöpfe, sondern sich auch dem Kunst­schaffen deS tschechoslowakischen Volles in immer steigendem Maße widme. Der. Präsident erwiderte auf diese An­sprache in deutscher Sprache u. a.: Mein Besuch im tschechischen Theater und jetzt bei Ihnen, will ein Faktum unterstreichen: Daß un­sere Republik unter Masaryks Führung 17 Jahre«in Staat war, in welchem die moralischen und geistigen Wette kochgehalten wurden, und daß ich selbst in derselben Tradi­tion gehen werde. Besonders i» der jetzigen Zeit müssen wir einander offen sagen, dass wir alle, Tschechoslowa­ken«nd Deutsche , zur loyalen»nd freundschaft­lichen Mitarbeit auf politischem, sozialem, ökono­mischem«nd kulturellem Gebiete bereit sein müssen und daß durch diese Mitarbeit in der jetzigen mate­rialistischen Zett immer der Geist über die Materie, der F r i e d e n über die Gewalt siegen muß. Die Kunst pflegt häufig rin Bindeglied dort zu fei», wo dir Politik nicht zureicht. Das gilt insbesondere vom Theater. Die Theater in einer Stadt können sich nicht mit einer chinesischen Mauer umgeben, auch wenn jedes den direkten Be­dürfnissen einer anderen Nation dient. Wir befinden uns in einem gemeinsamen Staate und ein jeder muß auf das geistige Schaffen des anderen Bedacht nehmen. Es ist mir nicht entgangen, daß Sie bei der Gestaltung Ihres Repertoires in Oper und Schauspiel verheißungsvolle Schritte in dieser Richtung eingeleitet haben. Ich lobe das und emp­fehle darin fortzufahren, ebenso wie ich es für selbst-' verständlich halte, daß unsere großen tschecho­slowakischen Bühnen auch das deutsche Kulturgut in Oper und Schauspiel pflegen. Den Erwachsenen wie der Jugend wird da beiderseittg Gelegenheit geboten, den Nachbarn kennenzulernen und manches von ihm zu lernen. Ich habe mich schon früher und systematisch für das deutsche Theater inter­essiert. Seien Sie versichert, daß Sie bei mir stets Verständnis für Ihr« kulturellen und künstlerischen Bestrebungen finden werden. Die Vorstellung wurde mit viel Beifall nach allen Bildschlüssen und oftmals auch mit Szenen­applaus ausgenommen. Der Präsident, seine Gattin, der Ministerpräsident, alle Minister und die übttgen offiziellen Persönlichketten wohnten der Vorstellung bis zum Schluffe bei. L. G. Die Weltwirtschaft und wir Wirtschaftliche Forschungsstellen in den ein­zelnen Ländern und auch die Wirtschaftssektion des Völkerbundes sehen in der Weltwirtschaft viele Anzeichen, die ihnen zu einer recht günstigen Be­urteilung-der nahen Entwicklung Anlaß geben. In den Dezembermitteilungen der Wirtschaftssektion des Völkerbundes heißt es in dem Gesamtüber­blick über die ökonomische Weltlage:»Große Fort­schritte sind schon bemerkbar. Wenn nicht alle An­zeichen trügen, haben wir für das Jahr 1936 mit einer ganz wesentlichen Besserung der Wirtschafts­lage zu rechnen." Welches sind diese Anzeichen? Zuerst die Lage auf den Rohstoffmärkten. Sie war in den schwersten Krisenjahren gekenn­zeichnet durch einen starken Preissturz, durch ein Verharren auf dem tiefen Preisstand und durch ein rasches Anwachsen der Vorräte. Getreide, Zuk- ker, Kaffee, Baumwolle, Wolle, Kautschuk, Stein­kohle und verschiedene industrielle Rohstoffe lagen Jahre hi.-urch in den Vorratslägern aufgestapelt und fanden keine Käufer. Obwohl die Herren der Waren zu einer rücksichtslosen Vernichtung über­gingen, obwohl Millionen Sack Kaffee, Millionen Zentner Weizen und Mais ins Meer geschüttet oder verbrannt und die Baumwollernte auf den Feldern dem Verderben preisgegeben wurde es war kaum eine geringe Erleichterung zu ver­spüren. Im vorigen Jahre hat sich endlich doch eine Besserung der Lage durchgesetzt. Für die mei­sten Rohstoffe ist ein seit Monaten andauernder ^Preisanstieg festzustellen, dxr zwar gele« ! gentlich einige Korrekturen erfährt» die aber an der Tendenz nichts zu ändern vermögen. Anfang ! Jänner 1936 waren die Preise gegen Jahresan- i fang 1935 an den Weltmärkten höher bei: Wei- ! zen um 78 Prozent, Zucker um 26 Prozent, But- I ter um 8 Prozent, Reis um 12 Prozent, Soja- ! bohnen um 12 Prozent, Leinsaat um 22 Prozent, ! Leinöl um 43 Prozent, Häute um 34 Prozent, Hanf um 87 Prozent, Jute um 13 Prozent, Seide um 50 Prozent, Kupfer um 22 Prozent, Blei um 48 Prozent. Mit dieser Preiserhöhung, die ihren Antrieb von der gesteigerten Nachfrage ; erhält, geht parallel eine Verminderung ^derRohstoffvorräte;im Oktober 1935 > ergaben die Berechnungen durchwegs wesentlich ! geringere Vorratsbestände als zwei Jahre früher. Die Entwicklung hat besonders die gro­ßen agrarischen Rohstoffländer gekräftigt: die südamerikanischen Republi­ken, Kanada , Australien und auch die Bereinigten Staaten, an deren Wirtschaft die Farmer der Süd- und Weststaaten starken Anteil haben. Die i Kräftigung hat sich auf die industtielle Produk­tion, auf den inländischen und auf den Welthan­del belebend ausgewirkt. Der Index der i n d u- striellenWeltproduktion liegt für 1935 schätzungsweise 12 bis 15 Prozent über den deS Jahres 1928l Der Welthandel bleibt noch weit hinter dem Stand seines günstigsten Jahres 1929 zurück, aber er hat 1935 eine wert­mäßige und mengenmäßige Steigerung erfahren. Die Produktion wurde und wird noch in den mei­sten Ländern von polittschen Faktoren Kriegs- rüstung und Verteidigungsmaßnahmen her­vorragend beeinflußt. Die Entwicklung des Welt­handels stößt sich noch immer an den', massenhaf­ten Hemmnissen, die überall die Handels- und Devisenpolitik in den letzten Jahren aufgerich­tet hat. Der Opttsmus, mit dem die Wirtschafts­beurteiler der nahen Entwicklung entgegensetzen, schöpft seine Berechttgung aus der vollen Wieder­einschaltung der großen Agrarländer in die Welt­wirtschaft und dann auf den wirtschaftlichen Auf­schwung der Vereinigten Staaten von Nordame- rika, Englands und anderer Staaten und auf das Fortwirken bestimmter politischer Einflüsse. Zahl­reiche Zweige der Jndusttte der Vereinig- tenStaaten befinden sich zurzeit im Zustand einer guten Konjunktur. Die Produktion hat neue Höchstrekorde aufgestellt imd die Ergänzung und Erweiterung des industriellen Prodüktionsappa- rates geht immer weiter. Zwar ist die Massen­arbeitslosigkeit noch sehr groß, aber da die Un­terstützung aus öffentlichen Mitteln nicht gekürzt werden soll, da außerdem die Kaufkraft der Far­mer in Nordamerika und den übrigen Ländern sich gehoben hat, hält man die Voraussetzungen für, eine, wettere günstige Entwicklung der indu- Auf den Spuren der Lessing -Mörder Wie uns a«S T a ch a u gemeldet wird, hat die Gendarmerie dort Material zustandege- bracht, das einiges Licht in die Vorgänge beim Mord an Professor Lessing bttngt «nd auch wich­tige Boranssetzungen zur Ermittlung der Schuldigen bietet. Eine Verhaftung wurde bereits vorgenommen und der Verhaftete dem Kreisgericht in Eger eingeliefert. Eine H a« S s« ch» n g bei dem Betreffenden förderte auch»ine Bestätigung über den Empfang von 2 0 0 Mark zutage, die ihm als Kopfprämie Po« einem deutschen Hauptmann in Selb ausbezahlt wurden.'* Rach den Angaben des Verhafteten war zwei Tage vor der Ermordung eine Entfüh­rung geplant, welche misslungen ist. Ma n wollt« sich dazu der Kellnerin eines Gast­hauses bodienrn, in welchem Professor Lessing zu verkehren pftegte. Die Kellnerin sollte mft ihm eine Liebelei versuchen«nd ihn inö Freie an eine schon vorher bezeichnete Stelle bringen,'m» ein Aut», bereit stand, mit welchem er nach Deutschland gebracht worden wäre. Professor Lessing erwies sich aber alS unzugänglich, so daß der Plan nicht ausgeführt werden konnte. Zwei Tage später wurde er in seiner Wohnung erschossen. Es kann als dokumentarisch erwiesen angenommen werden, daß reichsdeutsche Nazi- Organe ihreHände im Spule hatten!.................; k_.