Sosialdemokra

ZENTRALORGAN

DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK

ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG. TÄGLICH FRUH. REDAKTION UND VERWALTUNG PRAG XII., FOCHOVA 62. TELEFON 53077. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG .

16. Jahrgang

Freitag, 1. Mai 1936 19

Einzelpreis 70 Heller

( einschließlich 5 Heller Porto)

Nr. 103

Und dennoch roter Mai!

Aus Tiefen urgewaltis gen Sehnens wuchs der Mai­gedanke. Aus dem Sehnen der durch den Kapitalismus bergewaltigten ausgebeuteten Massen nach menschenwürdi gem Dasein, nach Freiheit, nach Wissen und nach Schön­heit und Lebensfreude. Wie anders hätte der Beschluß des Pariser Sozialistenton gresses im Jahre 1889, am kommenden ersten Mai durch Arbeitsruhe für den Acht­stundentag zu demonstrie ren, den ersten Mai des Jahres 1890 zu einem in­ternationalen Kampftag für den achtstündigen Normalar­beitstag zu machen, so unge= ahnte Energien im Proleta­riat entfesseln, so revolutio­nierend wirken können! Denn sofort formte der Wille der diesen ersten Mai feiernden Arbeiter ihn aus einem Tag des Kampfes für eine damals bielen noch utopisch erschei nende Herabjeßung der Ar­beifszeit auf acht Stunden um in einen Festtag, an dem es sich selbst und sein großes Ziel, den Sozialismus, fei­erte, Größeren und erhabe neren Inhalt, als die Füh rer der sozialistischen Bewe­gung dem ersten Mai zuge­dacht hatten, gaben ihm die proletarischen Massen. In­dem sie alle ihre Hoffnungen und Sehnsüchte, aber auch ihre durch die Mai- Parole, durch den Aufruf zur allge= meinen Arbeitsruhe an die= jem Tage erivedte Zuversicht und ihr Kraftbewußtsein mit der Maifeier verbanden, er hoben sie den ersten Mai zum Fest- und Kampftag des revolutionären, des seine ge schichtliche Aufgabe erkennen­den, für den Sozialismus fämpfenden Proletariats, machten sie ihn zu einem Feiertag ohnegleichen, zum einzigen unter allen je von Menschen gefeierten Tag, an dem nicht der Vergangenheit, sondern der Zukunft, des Werdenden, des zu gestal tenden Neuen gedacht wird.

Jener erste Mai war in Wahrheit der Tag, an dem die Arbeiterklasse sich ihrer selbst bewußt wurde!

Die großen Inhalte aber, die sie der Maifeier gegeben, sind geblieben. Kämpfende Arbeitergenerationen ſanten ins Grab, aber die nachrik­fenden übernahmen ihren Bufunftsglauben und ihre Kampfaufgaben, denn diese sind nicht die des Geschlechtes einer Zeit, sondern bedingt durch das Schicksal, durch die besondere

gesellschaftliche

Die Idee lebt!

Funktion der Arbeiterklasse. Die Kampfparolen, die notwendig waren am ersten Mai bestimmter Jahre, wechſelien, aber wie ihre Väter und wet- ter, die stürmend den ersten Mai des Jahres 1890 sich eroberten, demonstrieren heute die Arbeiter und Arbeiterinnen für die unvergängliche Idee des Sozialismus und die untrennbar mit ihr verbundenen erhabenen Ideen der Menschlich­teit, der Freiheit und des Friedens. Und damit befunden, wie in all den Jahrzehnten seit der Ge­burt des Maigedankens, die sozialistischen Arbeiter und Arbeiterinnen ihren Willen zum Kampf um die große, längst zu europäischen Schicksalsfrage gewordene Neugestaltung der Gesell­schaft, die allein auch die Verwirklichung ihrer menschheitlichen Ideale ermöglicht.

Stolz erinnern sich alte Arbeiter an die schweren und opferreichen Stämpfe, die ste zu beste= hen harten, um die Arbeitsruhe am ersten Mai durchzusetzen, um ihn zu einem würdigen Feiertag achen zu können. Entlassungen und Aussperrungen, schivarze Listen und Ausweisungen und auch

talen und tückischen Kampf­mittel der Bourgeoisie ver mochten nicht die Maifeier zu verhindern, nicht den Mai­gedanken aus den Gehirnen der Arbeiter zu tilgen. So versucht denn die Bour­geoisie jetzt dort, wo staats­gestaltender Wille der Ar­beiter den ersten Mai zum gejeßlichen Feiertag gemacht hat, ihn umzudeuten und umzulügen. Tag der na tionalen Arbeit" soll der erste Mai in Deutschland sein, schlichter Tag der Ar­ beit " ist er urplötzlich dem iudetendeutschen gleichgeschal­teten Bürgertum geworden. Tag der Arbeit "! Wie ver­engt und verkleinert und ber­flacht wird doch jeder große Gedanke, wenn das Bürger­tum sich seiner zu bemächfi­gen versucht!

"

Ehrung der Arbeit"

wie lächerlich in einer Zeit, da die Produktionsord­nung Millionen Arbeitshun­grigen die Arbeit verweigert!

,, Ehrung der Arbeit was soll sie dem Arbeiter, diese zu nichts verpflichtende schönrednerische ,, Ehrung" einer Arbeit, deren Erträg­nisse der die Arbeit ,, ehren­de" Nichtarbeiter, der Volks­genosse Aktionär einheimst! Ehrung der Arbeit? Dann nur in jenem Sinne, in dem unsere proletarische Hymne, das ,, Lied der Arbeit, sie feiert: als die revolutionäre Gewalt! Als von den Arbei­tern sinnvoll gebrauchte ge­sellschaftserneuernde Gewalt!

Nein! Keine heuchlerische ,, Ehrung der Arbeit"! Und der erste Mai kein ,, Tag der Arbeit ", an dem der Ausbeu ter sich gemein macht mit sei nen Opfern! Tag der Arbei­ter, Tag der Sozialisten, ro­ter Tag ist uns der erste Mai geblieben und er wird es blei­ben! Welche Entwürdigung des 1. Mai dort, wo die Ar­beiter ihre Freiheit verloren haben! Demonstration fämp ferischer Massen, die sich ih­ren Feiertag erzwungen hat­ten, freiwillige Feier eines selbstgewählten Festtages war in Deutschland den sozialisti­ schen Arbeitern der erste Mai. Seit der Vergewaltigung des deutschen Volkes durch den Hakenkreuzfaschismus werden die Arbeiter kommandiert zur Feier der nationalen Ar­beit"! 3wang an Stelle der Freiheit, Kommando alt Stelle des eigenen Wollens, und nationalistische Verhet­zung an dem Tage, dessen Feier beschlossen wurde von internationalen Sozialisten

und den der Menschheitswille der Arbeiter zu einem Weihetag der Völkerverbrüderung geformt hat! Aber in den Hirnen der Kommandierten lebt die Erinnerung an das, was sie verloren, lebt just am ersten Mai mahnend und Troß weckend, und in den Herzen der Vergewaltigten brennt die Schmach, die Schändung des ersten Mai erdulden zu müssen. Tröstend mag ihnen an diesem Tage das Wissen um die Vergänglichkeit der Diktaturen und die Unzerstörbarkeit der Arbeiterklasse sagen und der über die Pyrenäen fliegende und bis in die deutschen Konzentrationslager drin gende Jubel der befreiten spanischen Arbeiter verstärkt diesen Trost daß so wenig wie alle Mär­zen alle Maientage vorbei sind und diesen Maientagen der Demütigung ein strahlender Maitag des Triumphes felgen wird. Denn der Faschismus kann nur vorübergehend, durch Anwendung feiner Gewaltmittel, die tämpferische Austragung der Klassengegensäße verhindern, aber er fann nicht und darf es seinem ganzen Wesen nach nicht die sozialen Spannungen in der Ge­

die Einterferung der am ersten Mai demonstrierenden Arbeiter, alle die kleinen und großen, brusellschaft überwinden. Die Ursachen der Auferstehung der Arbeiter, jene Ursachen, die die sozialistische