18. Jahrgang

Mittwoch, 6. Mai 1938

Nr. 108

IENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEM ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSIOWAKISCHEN REPUBLIK

ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xiufochova«2. telefon 53077. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG .

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Einzug Badoglios in Addis Abeba

London . Der britische Gesandte in Addis Abeba meldet radiotele­graphisch dem britischen Außenamt, daß die italienischen Truppen am Diens­tag nachmittags in Addis Abeba einmarschiert sind. Die italienischen von Marschall Badoglio persönlich befehligten Trup­pen besetzten am späten Nachmittag die italienische Gesandtschaft, auf der unter militärischen Ehren die italienische Flagge gehißt wurde. Spater be­setzten sie die beiden kaiserlichen Paläste, den Flugplatz und die Eisenbahn, sowie die Funkstation. Bei dem Einmarsch wurde vereinzelt auf die Kolonnen geschossen. Zm übrigen hat die Bevölkerung auf fast allen Häusern Weiße Flaggen gehißt.

Mussolini :Abessinien ist italienisch!

Rom . Dir Meldung von dem Einzug Badoglios in Addis Abeba wurde von Mussolini DienStag gegen Abend bei dem angckündigten Generalappell bekanntgrgeben, zu dem die Be­völkerung in ganz Italien durch Glockengeläut und Sirenrnsignale aufgerufen wurde. In we­nigen Minuten war ganz Rom in ein Flaggen­meer gehüllt. Hunderttausende versammelten sich vor dem Palazzo Brnezia, wo Mussolini kurz vor 20 Uhr auf dem Balkon erschien. Mus­ solini erklärte u. a.: Der Krieg ist beendet. Der Friede ist wiederhergestellt. Allein es ist drin­gend notwendig hinzuzufügen, daß es sich um unseren Friede«, um den römischen Frieden handett, der in folgender einfachen, unwiderruflichen, endgültigen Losung seinen Ausdruck findet: Abessinien ist italie­nisch. Italienisch de faeto, weil es von unseren siegreichen Heeren besetzt ist; italienisch de jure, weil mit dem römi­schen Adler die Kultur über die Bar­barei triumphiert, die Gerechtigkest *

i über die grausame Willkür, die Erlö­sung über die tausendjährige Sklave­rei. Mit der Besetzung von Addis Abeba ist der Friede bereits eine vollzogene Tatsache. Die vielfältigen Rassenstämme des Exkaiserreiches des Regus haben mtt ganz klaren Zeichen bewiesen, daß sie ruhig im Sch atten der ita­ lienischen Trikolore leben und arbeiten wollen. Die Stammes­führer und die Ras', die geschlagen und geflohen find, zählen nicht mehr und keine Macht der Wett wird sie jemals wieder zur Gattung bringen könne«. Mussolini erklärte dann, er habe sein Ber - , sprechen gehalten, alles zu tun, um zu verhm- ! dern, dnü der afrikanische Konflikt zu einem ! europäischen Krieg answachse; er müsse aber sofort hinzusügrn, daß Italien bereit sei, seinen i glänzenden Siegmit der gleichen Unentwegt- | hrit und nnerbittlichen Bestimmtheit zu ver- jt e i d i g e n, mit der es ihn errungen habe." O*

USA -Gesandtschaft geräumt Tie chaotischen Verhältnisse in Addis Abeba haben sich bis zum Eintreffen der Italiener nicht viel gebessert. Die stark bedrohte amerikanische Gesandtschaft wurde auf radiotelegraphischen Be­fehl' aus New Nork«lm Dienstag geräumt, da sich der britische Gesandte außerstande erklärte, mit seiner Gesandtschaftswache auch noch die ameri­kanische Gesandtschaft zu verteidigen. Die Ame­rikaner wurden unter dem Suh britischen Mili­tärs in das britische Gesandtschaftsgebäude ge ­

bracht. Angriffe gegen die belgische Gesandtschaft wurden abgeschlagen. Verstärkung der Gesandtschaftswachen Ter französische Gesandte hat zum Schuh des Gesandtschafrsgebäudes aus Dschibuti drin­gend B e r st ä r k u.n gen für die Ge- s a n d t s ch a f t s w a ch e angefordert. Infolge­dessen ist in der Nacht auf Montag eine Kompanie französischer Kolonialtruppen mit der Eisenbahn nach Addis Abeba abgegangcn, die auch i^prräte

au Mmiition und Lebensmitteln mit sich führt. Am Laufe des Montags ist noch eine zweite Kom- panie mit demselben Ziel abgegangen. Eine dritte Kompanie wurde von Tiredaua, wo sie sich seit Monaten zur Bewachung der Eisenbahn befin­det, nach der abessinischen Hauptstadt dirigiert. An der Bewachung der Bahn wurde sie durch andere Truppen abgelöst, die Montag abends Dschebuti verlassen haben. Nach Meldungen aus Aden sind Montag zwei britische Zerstörer von Aden mtt dem Ziel Dschi­ buti in See gegangen. An Aden ist das Gerücht verbreitet, daß sich'auf den Zerstörern briti­sche Marine-Anfanterie befinde, die als Hilfstruppen für die britische Gesandtschaft nach Addis Abeba geschickt werden sollen. Das ganze Unternehmen werde äußerst geheim gehal­ten. Amtlich wird dieses, Gerücht weder bestätigt noch dementiert. Unterwegs nach Haifa Dschibuti . Tvr britische KreuzerE n t r e- prise", auf dem der Negus mit seiner Gattin und sechs Kindern, sowie mit seinem Gefolge am Diontag abends Dschibuti , verlassen hat, wird vor­aussichtlich am Freitag in Haifa eintreffen. Der Kreuzer, der zu den schnellsten Schiffen der bri­tischen Marine zählt, ist von einem Torpedoboot­zerstörer begleitet. Nach italienischen Meldungen soll der Negus z w t i Waggons Ma r i a-The r e- sienfhaler und sechs Waggons K a f f-'e e mit nach Dschibuti gebracht haben. An Dschibuti ist>nich RasNassibu mit seinem Generalftabschcf Weh'b Pascha eingetroffen, welche bis vor wenigen Tagen die letzte noch intakte Armee der Abessinier komman­dierte». Wird Mussolini einlenken? London .(Reuter) Viele Anzeichen weisen darauf hin, das; die erste Sorge der Politik Mus­solinis nach der triumphalen Feier des Einmar­sches der italienischen Truppen in Addis Abeba die Beruhigung der heutigen Spannung sein wird. Italien wünscht sehn­lich die Einstellung der Sanktionen, um seine Fi­nanzen wieder in Normalzustand zu versehen. All­gemein wird nunmehr in diplomatischen Kreisen von der Reform, des Völkerbundes gesprochen, die die Aufhebung des Artikels 18 des Nölkerbnndpaktes bedeuten würde, der die Pflicht statuiert, unter gewissen Umständen in den Krieg zu treten.

Frankreich erwartet ein Volksfront-Kabinett Entscheidung bei den Kommunisten

Paris .(Tsch. P.-B.) Das Innenmini­sterium gab am späten Abend des Montag die vollständigen Wahlergebnisse für die neue Kammer bekannt. Es haben von den 818 Sitzen erhalten:

Der Sieg der Volksfront in den Stichwah­len ist so eindrucksvoll, daß die öffentliche Mei­nung Frankreichs mit einer nicht erwarteten Ein­mütigkeit für die Uebertragung der Regierungs­gewalt an die Volksfront eintritt. Die Rechte scheint von den befürchteten Repressalien Kon- ^rminen gegen den Franc und die Staatspapiere I

Kommunisten

Sitze: . 72

Unabhängige Kommunisten.

. 10

Sozialisten

. 146

Gemäßigte Sozialisten..

. 26

Unabhängige Sozialisten..

11

Radikalsozialisten....

. 116

Unabhängige Radikale..

. 31

Linksrepublikaner....

. 84.

Bolksdemokraten.....

. 23

Rechtsrepublikaner..-.

. 88

Konservative und Unabhängige

. 11

Insgesamt:..

. 618

etc. zunächst absehen zu wollen, weil das Ma­növer zu deutlich wäre, um nicht im Augenblick die Leidenschaften der Massen zu schärfster Ab­wehr anzusporncn. Nun ist damit nicht gesagt, daß nicht sehr bald gegen ein Kabinett der Linken die Sabotageversuche der kapitalistischen Landes­verräter einsetzen würden, aber fürs erste scheint diese Gefahr gebannt. Auch die Rechtspresse be­tont, daß es unfair und unklug wäre, gegen die deutlich kundgegebene Meinung des Volkes mit parlamentarischen Jntriguen demonstrieren zu wollen. Wenn man auch in diesem Lager die Hoff­nung nicht aufgibt» daß es gelingen werde, die Radikalen von der Volksfront abzusprengen, so weiß man doch, daß es heute mindestens zu früh für ein solches Manöver ist. Interessant ist auch, daß es gegen die E i n b e z i e h u n g d e r K o m m u n i st e n in die Regierung eigentlich in weiten Kreisen keine psychologischen Wider- stände gibt. Auch die bürgerliche Presse hält eine Regierungsteilnahme der Kommunisten kür durch­aus möglich, wenn nicht für wünschenswert. Es ist nun die Frage, ob die Kommunisten selbst btreit find, ein Stuck Verantwortung zu

übernehmen. Vorläufig scheinen sie sich, wie aus einem Artikel C a ch i n S hervorgeht, zu sträu­ben. Das alte Spiel, außerhalb zu stehen und zu kibihett, erscheint ihnen gerade nach dem großen agitatorischen Erfolg der Wahlen verlockender. Andererseits wäre ein Kabinett der Sozialisten und Radikalen(zu dessen Bildung Vincent- A u r i o l oder D a l a d i e r vor allem berufen erscheinen), das auf die Hilfe der 70 Kommu­nisten angewiesen ist, ohne sie irgendwie fest ge­bunden zu haben, in einer sehr schwierigen Lage. Man wird darum, zunächst in Verhandlungen zwischen den Kommunisten und Sozialisten, alles daransehen, die KP zur aktiven Teil­nahme an der Regierung zu bewegen. Die französischen Kommunisten können jetzt zeigen, ob sie wirklich eine innere Wandlung vom demago­gischen zum staatspolitischen Denken durchgemacht haben oder ob es ihnen lediglich darum ging, agitatorische Erfolge einzuheimsen yhne ein Ge­fühl der Verantwortung dafür, was in Frank­ reich auf dem Spiele steht. Es ist anzunehmen, daß das entscheidende Wort Moskau sprechen wird,, wenn auch das Anwachsen der KPF die Tendenzen zu einer selbständigen, von Moskau weniger abhängigen Politik verstärkt haben mag. Als Kammerpräsident kommt wahr­scheinlich nicht mehr Bouisson, der die Soziali­stische Partei vor Jahren verlassen hat, sondern L e o n Blum oder de M o n z i e* in Betracht. Das Kabinett Sarraut-Flandin wird bis Ende.Mai im Amt bleiben, da auch das Man­dat der alten Kammer erst am 1. Juni erlischt.

Spaniens Kernproblem Boden für das Volkl Die Tatsache, daß Spanien und Rußland eine andere Spurweite haben, als sie das euro­päische kontinentale Schienenneh aufweist, ist ge­wissermaßen symbolhaft. Denn ebenso wie in der Sowjetunion eine Entwicklung nach eigenen Ge­setzen sich vollzieht, scheint das politische und soziale Leben Spaniens auch heute noch auf ande­ren Voraussetzungen zu beruhen, als das der an­deren europäischen Länder. Der Feudalismus bat sich jenseits der Pyrenäen in einem erstaunlichen Maß gehalten und selbst das Volksleben, mag eS sich um Prozessionen, öffentliche Feste, um das leuchtende Spiel der Srierkämpsc oder um das eigenartige abgeschlossene Verhältnis der-Geichlech- ter zueinander handeln, trägt noch ZMe. die ein lebendiges Vermächtnis des Mittelalters erkennen lassen. Trotzdem kann kein Zweifel darüber be­stehen, daß seit Beginn dieses Jahrzehntes Spa­ nien , sich in einer tiefgreifenden Wandlung be­findet. Wird sich der neue Linkskurs in Spanien halten können? Alles hängt davon ab, ob er mit. den Grundfragen, die ihm aufs neue gestellt sind, fertig zu werden vermag. Politik zu treiben ist in Spanien noch schwerer als anderswo. Denn der Spanier Ist ein ausgesprochener Individualist, und die Macht der syndikalistischen Gewerkschaften hat von dieser Eigenart, die auch innerhalb der Arbeiterbewegung sich bedeutsam zugunsten anarchistischer Tendenzen auswirkte, ein beredtes Zeugnis abgelegt. Allerdings scheinen die Syndi- , kalijten grlydNt zu haben, selbst in Barcelona , dem viclgeplagten Sitz ihres Jndividual-Terrors, scheinen sie bisher nicht aus den Reihen der Volks­front tanzen zu wollen. Die katalanische Frage, einst ein Sorgenkind der spanischen Republik, ist weitgehend geklärt. Das arbeitsame und lebens­lustige Mittclmecr-Volk der Katalanen, das sich von dem herben Ernst der Kastilier ebenso unter­scheidet, wie seine fruchtbaren Gestade von den steinernen Wüstenflächen Hochspaniens, hat jene Autonomie der Verwaltung und der Kultur er­halten, die den glänzenden Traditionen seines geistigen Lebens und dem Aufschwung seines Jn- dustriesleißes entspricht. Was also vor allem bleibt, ist der Kampf gegen die feudalen Mächte: gegen Kirche, Heer und Großgrundbesitz. Sozis-' logisch betrachtet bedeutet das den Kampf gegen die Machtbasis der kirchlichen und aristokratischen Herrenschichten, den Kampf gegen den Groß­grundbesitz. Das Agrar-Problem ist das Kernproblem Spaniens . Bon dem katastermäßig aufgenommcnen Land (22 Millionen Hektar) besitzen 1,774.104 Eigentümer mit weniger als je' 250 Hektar, insgesamt 11,368.390 Hektar, im Durchschnitt also pro Kopf 6.41 Hektar. Sie alle zusammen haben also nur 50.66 Prozent des bebauten Landes inne. Dem­gegenüber haben 12.721 Eigentümer mit mehr als je 250 Hektar insgesamt 11,068.700,. im Durch­schnitt also 870.1 l Hektar inne. Gerade der frucht« barste Boden ist in Händen der Großgrundbesitzer. So in den Provinzen Cinda Real 67.43 Prozent uud in Cadiz 68.13 Prozent. Jose German bringt hier­über nähere Angaben und stellt fest, daß etwa 30 Großgrundbesitzer, 21 Prozent der gesamten durch Kataster erfaßten Fläche ihr Eigen nennen. So besitzen: Herzog von Medinaceli 79.146 Hektar; Herzog von Penaranda 51.015 Hektar; Herzog von Villahermosa' 47.203 Hektar; Herzog von Alba 34.455 Hektar; , Herzog de la Romana 29,098 Hektar; Marquis de Comillas-23.719 Hektar; Herzog von Fernan Runez 17.732 Hektar; Herzog von Arion 17.6^6 Hektar; Herzog von.Jnfantado 17.171 Hektar; Graf von Romanones 15.132 Hektar. Diese Ziffern werden noch eindrucksvoller, wenn man ihnen di« Einkommenverhältnisse in den Zwergwirtschafien gegenüberstellt. So find beispiels­weise in der Provinz Avila 91 Prozent Bauern vor­handen, die weniger als der Durchschnitt der städti­schen Arbeiter verdienen, der schon gering genug bc» zahlt ist. In den letzten Jahren des Königreiches hatten von 1,026.412 steuerpflichtigen Landwirten 1,007,616 einen täglichen Verdienst von weniger als acht Peseten,- aber 847.548 einen Tages­verdienst von weniger al seiner P e s«t e. In der Provinz Avila hatten von 13.530 Grundsteuer-Zahlern 11.452. ein Einkommen von