Samstag, 9. Mai 1936

16. Jahrgang

Nr. 109

Einzelpreis 70 Heller (einschließlich{ Heller Forte)

1ENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung frag xiufochova a. Telefon«77. HERAUSGEBER » SIEGFRIED TAUB . VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, FRAG.

Das Programm der Kleinen Entente

Das Verhörbeginnt

Zwölf Fragen Englands an Hitler

avs- ihrcr

Auch Harrar In Flammen Dschibuti . Aufständische abessinische Solda ten haben Harrar in Brand gesteckt. Die italieni schen Truppen sind von Harrar IS Kilometer ent> fernt.

Badogllo setzt den Gesandten den Stuhl vor die TUr

Die Staaten der Kleinen Entente betonen das Lebensinteresse, das sie an der Respektierung der Friedensverträge von Saint Germain, Tria­ non und Neuilly haben. Die Staaten der Kleinen Entente haben auf ihren gegenwärtigen Bera­tungen ihren praktischen Standpunkt für die Zu­kunft durchberaten, damij ihre Interessen und Rechte absolut gewahrt werden, und erklären mit aller Festigkeit, daß sie im gegebenen Augenblicke alles tun werden, was zur Sicherstellung der Respektierung dieser Rechte und dieser Lebens­interessen notwendig sein. wird. Sie behalten sich daher für die Zukunft jegliche Handlungs­freiheit vor, indem sie außerdem und ein für alle Mal konstatieren, daß sie. niemals, ihre Zu-, stimmung zu einer legalisierten Aenderung in-

Der seit langem angekündigte britische Fragebogen ist Freitag von dem englischen Bot- schafter Sir Eric Phips in Berlin überreicht worden. Entgegen den Versionen der letzten Zeit ist er in der entschiedenen Form und in dem sehr konkreten Inhalt der Fragen keineswegs ein Zugeständnis an Berlin , sondern eher eines an die französische Auffassung. Er schafft f ü r d i e deutsche Politik schwere Ver­legenheiten und kann für sie nur von dem einen Standpunkt aus als Positivum ange­sprochen werden, daß er die Frist für die Auf» rüstung Deutschlands verlängert, denn zweifel­los werden sich an den Fragebogen sehr lang, wierige Verhandlungen anschließen. Bisher sind nur von deutscher Sefte Nach­richten über den Inhalt des Memoires ausgege­ben worden. Demnach enthält es zwölf An- fr a g e ij, von denen die wichtigsten folgende Punkte betreffen: England will wiffen, ob Deutschland sich nunmehr nach der Aufhebung der ehrver­letzenden Rheinland -Demilitarisierung in der Lage befindet,wirkliche Verträge" a b- schließen zn können, also Verträge, die es zu halten bereit ist. Es wird eine deutsche Erklärung darüber gefordert, wie das Reich sich zu den noch gültigen Bestimmungende's Vertrages von Versailles stellt und ob es die ltt> ritoriale Ordnung des heutigen Europa also sämtliche Grenzen aner­kennt und zu respektieren beabsichtigt,soweit sie nicht später im Wege freier Verhandlungen und Ueberrinkunft abgeändert werden sollten". Deutschlands Stellung zum Luftpakt und zur Luftabrüstung soll im Hinblick auf die ein-

vle tschechoslowakische Kolonie wohlbehalten Die französische Gesandtschaft in Prag teilte dem Außenministerium mit, daß nach einer Infor­mation, welche das französische Außenministerium von seinem Gesandten aus Addis Abeba erhalten hat, die dortige tschechoslowakische Kolonie gesund und in Sicherheit.ist..-..- j

ternationaler Bestimmungen geben werden, durch die sie gemeinsam mit allen Signataren gebunden sind, falls diese Aenderung nicht mit ihnen durch beraten werden wird und falls sie dazu gemäß den Prinzipien des internationalen Programms nicht ihre Zustim­mung geben. Dieser die Respektierung der gültigen in- ternationalen Verträge betrefsende Standpunkt verwehrt den Staaten der Kleinen Entente nicht energisch die Versuche fortzusetzen, die wirtschaft­liche Zusammenarbeit unter den Donaustaaten zu erreichen. Die Staaten der Kleinen Entente wollen sogar durch eine wirkliche Tat offensichtliche Beweise ihres guten Willens für die Erzielung eines tatsächlichen Ein­vernehmens in dieser Angelegenheit geben. Sie haben bereits oftmals angedeutet, bereit zu sein, die prinzipielle Zustimmung zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem römischen. Block oder mit Deutschland zu geben.

ander widersprechenden verschiedenen Erklärungen Hitlers eindeutig formuliert werden. Deutschland soll sich dazu äußern, ob eS in die seinen Rachbarn angebotcnrn Nichtan­griffspakte auch Abmachungen über ge­genseitige Unter st ützung(also kollektive Sicherheit") aufzunehmrn bereit ist. England will ferner wiffen, ob Deutschland bereit ist, Nichtangriffspakte auch mit Lettland , Estland und der Sowjetunion abznschliesien. Deutschland möge erklären, wir es sich künf­tig zum Internationalen Gerichtshof, zur Schiedsgerichtsbarkeit überhaupt und zu den verschiedenen aus den Verträgen er­wachsenden völkerrechtlichen Prozeduren verhalten wird. Es wäre natürlich eine gefährliche Illusion, wollte man das Problem nunmehr darin sehen, daß Deutschland durch die Antwort" auf den Fragebogen wirklich in ein friedliches Europa eing ordnet werden kann- Die deutsche Diploma­tie steht lediglich vor der Aufgabe, eine Form der Antwort zu suchen, die ihr die Eröffnung des nächsten Krieges bei strikter Einhaltung der Verträge" ermöglicht oder Vorsicht, daß Hitler nach dem Exempel Mussolinis für den Fall eines Eroberungskrieges rechtzeitig dafür sorgt, daß der Nachbar ein Auge zudrückt. Sollten England und Rußland z. B. in Asien stark beschäftigt sein, so werden sie vielleicht geneigt sein, eine deutsche Extratour mit* ähnlichem Wohlwollen zu be­trachten wie güvisse Mächte den Spaziergang des Giftgas-Duce nach Afrika . Wirklich gesichert k an n der europäische Frieden weder durch Verträge noch durch Fragebogen werden, sondern nur durch den Sturz Hitlers und Mussolinis.

im wesentlichen unverändert Der Rat der Meinen Entente hat über die Ergebnisse der Belgrader Tagung ein Kommunique ausgegeben, dessen wesentliche Punkte wir im folgenden wiedergeben. Wir ; würdigen die Belgrader Tagung politisch an > anderer Stelle. Das Kommuniqe selbst bringt , wenig Neues, obwohl seit der letzten Tagung Dinge geschehen find, die immerhin geeignet schienen und noch scheinen, die europäische Poli­tik auf den Kopf zu stellen. Die Kleine Entente j' erweist sich hier als ein Element der.Beharrung. Der Zusammenbruch des Systems der kollektiven Sicherheit wiro in dem Kommunique offiziell so . wenig zugegeben wie die faktische Aufhebung der , allseitigen Verbindlichkeit der Pariser Verträge. In der Frage der Organisation des Do­nauraums findet sich ein Anlauf zu einer posi- tivcn Formulierung. In der Habsburger­frage hält die Kleine Entente an der, vor allem von Jugoslawien vertretenen Politik der Intransigenz fest, fteilich ohne diesmal so entschieden wie noch in Bled mitdem Krieg als einzig möglicher Antwort zu drohen. Di« . Erwägung, daß es heute genug Kriegsgefahren und Kriegsdrohungen gibt und daß die Pulver­fässer gerade im Donauraum sehr dicht geschich­tet liegen, mag dazu geführt haben, daß man mit keiner zu großen Fackel ap sie herantreten will. In dem Wunsche nach der Erhaltung des Friedens der größten Wohltat aller Völker haben sich die Staaten der Kleinen Entente auf das entschiedenste gegen alles gestellt, was den gegenwärtigen Stand der Dinge in Mittel- Europa gewaltsam Umstürzen könnte. Aus diesem Grunde haben sie stets die Politik der westeuro­päischen Mächte, welche auf die Erhaltung der Unabhängigkeit Oesterreichs abzielte, vertreten und unterstützt. Sie haben sich g e g e n G r e n z- änderungen durch den Revisio­nismus sowie gegen die Restaurie­rung der Habsburger -Dynastie gestellt, deren Anwesenheit auf dem Thron un­ausweichlich den ernstesten Konflikt im Donau - rauin Hervorrufen würde. Wir erklären heute in einem für die euro­päische Politik außerordentlich schwierigen Augen­blick feierlich, daß die Staaten der Kleinen Entente keinen Grund haben, diese ihre Politik in irgendetwas zu ändern. Sie beharren auf ihr heute mehr denn je und werden sie demnach mit der gleichen Energie und bis zu den letzten Konsequenzen, und zwar im Jntereffe des europäischen Friedens fortsctzen, Sie heben die Tiefe und vollkommene Einheit­lichkeit ihrer gesamten internationalen Politik hervor, mag es sich um ihren Standpunkt gegen­über dem Völkerbunde oder gegenüber der Un­abhängigkeit Oesterreichs oder der Rückkehr der Habsburger -Dynastie, um die Respektierung der Grenzen und der Bestimmungen der Friedensver- träge, betreffend die militärischen Verpflichtun­gen und die allgemeine Respektierung der inter­nationalen Verpflichtungen überhaupt oder um ihr Verhältnis zu Frankreich , England, Italien , Deutschland , Ungarn , Bulgarien , Oesterreich oder Polen , zu den Staaten der Balkan-Entente und zur Sowjetunion handeln. Ihre Polittk bleibt vollkommen identisch, auf den gleichen Prinzipien, auf den gleichen Gefühlen und auf den gleichen gemeinschaftlichen Interessen gegründet. Die Staaten der Kleinen Entente werden die Politik des Völkerbundes mit. der größten Treue in der festen Hoffnung fortsetzen, daß es dem Völkerbünde gelingen wird, die gegenwärtige ernste Krise zu überwinden. Die Staaten der Kleinen Entente sind Anhänger des Grundsatzes der wirksamen Sicherheit und sind bereit, sich an ihr zu beteiligen und diesen Grundsatz in der Praxis tatsächlich zur Geltung zu bringen. In der Frage der Locarnoverträge und der Folge ihrer Kündigung wünschen die Staaten der Kleinen Entente , daß der vorbereitende Gedan­kenaustausch zwischen den Locarnomächten in der Frage der kollektiven Sicherheit Europas rasch be­endet werde, damit die Kleine Entente mit ihrem Anteil zur Befestigung des'allgemeinen Friedens sowohl in West- wie in Mittel- und Osteuropa beitragen, könne:

Rom . Wie von zuständiger italienischer Seite verlautet, hat Marschall B a d o g l i o den ausländischen Gesandten und Geschäftsträgern in Addis Abeba mitgrteilt, daß ihre diplomatische Tätigkeit zwecklos geworden fei, da die Regierung, bei der sie akkreditiert wären, nicht mehr bestehe. Aus Höflichkeit stelle es jedoch das italienische Oberkommando den ländischen Gesandten frei, den Schutz Staatsbürger weiter wahrzunehmrn. Ras Seium ergibt sich D e s s i e. Im Gebiet von Sokota meldete sich am Freitag Ras Sejum, der Kommandant einer abessinischen Armee an der Nordfront, beim ! Kommando des III. italienischen Armeekorps

! Das Ergebnis von Belgrad In dem Chaos der internationalen Bezie­hungen, angesichts der friedensstörenden Tat Hit­ lers vom 7. März, des Zusanimenbruches der Sankttonspolitik des Völkerbundes, wie er in der italienischen Eroberung Abessiniens sich offenbart hat, bedeutet die erfolgreich verlaufene Tagung der Kleinen Entente nicht viel aber immerhin die Stärkung des Friedens und der Ordnung in Mitteleuropa . Der Beobachter der Zeitereignisse hat nich! ohne Sorge in der letzten Zeit nach Belgrad ge­blickt. Jugoslawien ist vom Ausgang des italie­nisch-abessinischen Krieges in anderer Weise be­rührt als die beiden übrigen Staaten der Klei­ nen Entente . In Belgrad befürchtet man, daß Mussolinis Sieg über den Negus das Selbstbe­wußtsein der Italiener stärken und obendrein den Schwerpunkt der italienischen Polittk wieder nach Europa , an die Ufer der Adria und ins Donau­becken, verlegen wird. Da Mussolini durch die all­mähliche Liquidierung' des Kolonialkrieges in Afrika wieder die Hände freibekommen wird» dürfte der italienische Ausdehnungsdrang nach Osten und Norden zielen. Diese Erwägungen haben gewisse Kreise in Jugoslawien aller­dings nicht Regierungsfaktoren dazu geneigt gemacht, nach Bundesgenossen Ausschau zu halten und als solcher Verbündeter erscheint Italiens Gegner an der Donau : das Dritte Reich. Diese Bestrebungen nach Annäherung Jugoslawiens und Deutschlands finden eine Stärkung durch die In­tensivierung der wirtschaftlichen Beziehungen der beiden Länder. Deutschland ist ein Abnehmer jugoflawischer Agrarprodukte und Jugoslawien bezieht in steigendem Maße Lndustriewaren in Deutschland einschließlich Rüstungsmaterial. Die von unseren Agrariern zu stark beeinflußte Handelspolitik hat die Verdichtung unserer wirt­schaftlichen Beziehungen zu Jugoslawien verhin­dert zum Schaden unserer Exportindustrie und wie man nun sieht zum wirtschaftlichen und politischen Nutzen Deutschlands . Sv haben nun alle Freunde des Dritten Reiches und alle För­derer der magyarischen Revisionswünsche ein Ab­schwenken Belgrads von den beiden anderen Part­nern der Kleinen Entente vorausgesagt, was die Lage in Mitteleuropa geradezu bedrohlich gestal­tet hätte.-» Die Belgrader Zusammenkunft der drei Außenminister hat nun zwar nicht alle Fragen, die für Mitteleuropa heute brennend sind, berei­nigt, aber doch den Rebel, der in der letzten Zeit über dem Donaubecken lag, einigermaßen zer­streut. Die Kleine Entente ist gegen jede Revi­sion der Grenzen in Mitteleuropa , das hat nic- mand anders erwartet, aber die Belgrader Ver­lautbarung spricht sich nach wie vor auch gegen die Rückkehr der Habsburger auf den Thron aus, was die Spekulation mancher Kreise und Ge­rüchtemacher zerstören wird, welche die jüngste Reise Austen Chamberlains nach Wien , Prag und Budapest mit irgendwelchen Restaurationsplänen der Engländer in Verbindung gebracht haben. In dieser Beziehung besteht nun die geschlossene Front der Kleinen Ententestaaten weiter. Keine Erwäh­nung findet in dem Kommunique das Verhältnis zur Sowjetunion , in welchem Falle Jugoslawien eine etwas andere Stellung einnimmt als die Tschechoslowakei und Rumänien . Während früher die Tschechoslowakei mit ihrem Wunsche nach Fe­stigung des Verhältnisses zu den Sowjets inner­halb der Kleinen Entente allein stand, besteht (nach der Bereinigung der besiarabischen Frage) auch eine Freundschaft zwischen der Sowjetunion und Rumänien . Es ist nun anzunehmen, daß die Jugoslawen, wenn sie auch der Polittk der Tsche­ choslowakei und RumäiKens gegenüber der Groß­macht im Osten nicht so rasch folgen werden, die Tatsachen zur Kenntnis nehmen werden. Ebenso dürfte zwischen Jugoslawien und Rumänien Ein­mütigkeit in bezug auf den Wünsch der" Türkei nach Befestigung der Dardanellen erzielt worden sein, da sich die Mitglieder der Bälkanentente vor wenigen Tagen gleichfalls in Belgrad über alle sie gemeinsam berührenden internationalen Fra­gen geeinigt haben. So kann in der Mitteilung über die Tagung der Kleinen Entente gesagt werden, daß die drei Staaken unzertrennlich verbunden" sind und einetiefe' und vollkom­mene Einigkeit in ihrer ganzen internationalen Polittk" bestehe. Die neuerliche Festigung der Kleinen Entente ist-zweifellos der erste große Erfolg des