Sosialdemokrat
ZENTRALORGAN
DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK
ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. REDAKTION UND VERWALTUNG PRAG XII., FOCHOVA 62. TELEFON 53077. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB . VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG .
16. Jahrgang
Der Präsident
für die deutschen Gebiete Eine Spende für die Arbeitslosen- Kinder
Pra g. Der Präsident der Repu blik Dr. Edvard Beneš hat zugunsten der Kinder derjenigen Gebiete Nordböhmens, welche von der Wirtschaftskrise besonders betroffen sind, den Be trag von 100.000 Kč gewidmet.
Feier des Präsidentengeburtstages
In allen größeren Orten der Republik ivurde am Donnerstag der Geburtstag des Präsidenten feierlich begangen. In Prag waren die Häuser beflaggt, im Stadion fand eine große Militärparade statt, an der sich ein bedeutender Teil der Prager Garnison beteiligte und der an 100.000 Zuschauer beiwohnten. Im Rundfunk hielten der Gesundheitsminister Dr. Czech in deutscher und Schulminister Dr. Franke in tschechischer Sprache Festreden. Zahlreiche Gemeinden ernannten den Präsidenten zum Ehrenbürger, auch im befreundeten Auslande gedachte die Presse des Tages.
Grandi bei Eden
Freitag, 29. Mai 1936
Exposé Dr. Kroftas in den Außenausschüssen:
Einzelpreis 70 Heller
( einschließlich 5 Heller Porto)
Nr. 126
Abessinien und Rheinlandzone Schicksalsfragen der nächsten Zeit Der Außenminister für friedliche Einigung der interessierten Staaten
Prag . In den Außenausschüssen der bei den Häuser erstattete Außenminister Dr.Krofta ein eingehendes Exposé über die nicht gerade besonders erfreuliche Situation, in der sich Europa heute dank der Aggressivität des italienischen und des deutschen Faschismus befindet. Einen breiten Raum in den Darlegungen nahm die historische Darstellung der beiden Konflikte hinsichtlich Abessiniens und der demilitarisierten Zone ein, die nach Kroftas Worten eine ernste Gefährdung Europas darstellen. Der Außenminister gab wiederholt dem Wunsche Ausdruck, daß beide Konflikte durch ein Einvernehmen zwischen den interessierten Staaten friedlich gelöst werden, wobei er allerdings betonte, daß eine vorhergehende Einigung der Strefa mächte über Abessinien auch die Verhandlungen mit Deutschland rascher und erfolgreicher gestalten würden. Die Tschechoslowakei ist dabei insbesondere daran interessiert, daß im Rahmen eines neuen Sicherheitspaktes anstelle von Locarno auch die Frage der Sicherheit der Tschechoslowakei und Oesterreich s gelöst werde. Der Minister schloß das Exposé mit Worten der Zuversicht in unsere eigene Stärke und die Hilfe der Verbündeten.
Strofia erinnerte einleitend an das letzte außenpolitische Erposé Dr. Benešs vom 5. November v. J., über das der italienische Angriff gegen Abessinien drohende Schatten geworfen hatte. Heute nach der Besetzung der Rheinzone durch Deutschland und nach dem Sieg der abessinischen Expedition in Abessinien und der Errichtung des italienischen Kaiserreiches in frita hat sich die internationale Situation tei
schen.
gegangen, zu denen Dr. Krofta zählt, daß die Einigkeit zwischen England und Frankreich erhalten und die Notwendigkeit erkannt wurde, das System der Locarnoverträge durch ein neues Sicherheitssystem zu erseßen und hiebei auch die Frage der Sicherheit der Tschechoslo wakei und Desterreichs zu lösen. Wenn es auf dem Boden des Völkerbundes zu einer baldigen Einigung mit Italien käme, so könnte man hoffen, daß
gegen die Restauration einer Dynastie zu stellen, deren Anwesenheit in Mitteleuropa den ernste= sten Konflikt im Donaubeden hervor. rufen würde.
Mit der Kundgebung des Wunsches. die Vorbereitungsarbeiten der Locarnomächte mögen mit Beschleunigung abgeschlossen werden, hat die Kleine Entente mit Nachdruck betont, daß sie an der Ers haltung des Vertrages von St. Germain. Trianon und Neuilly eine Lebensinteresse hat und alles unternehmen werde, um ihren Rechten und Interessen Respekt zu verschaffen.
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Bei der Charakterisierung unserer Beziehungen zu den anderen Staaten hebt der Außenminister die Wichtigkeit unseres Pattes mit der Sowjet union hervor. Die unsinnigen Behauptungen, daß fich Sowjetmilitär in der Tschechoslowakei aufhalte, daß Flugzeughangars für Sowjetflieger erbaut würden etc., wurden seinerzeit amtlich dementiert. Die internationale Oeffentlichkeit möge sich dessen bewußt werden, woher alle derartigen unsinnigen Nachrichten kommen und welchen 3 wed sie verfolgen.
Die direkten Beziehungen zu DeutschI and sind dauernd gute. Allerdings wirft die Besetzung der Rheinlandzone Schatten ar die internationale Gesamtsituation. Wir sind an diesem Konflikt nicht direkt beteiligt, dürfen aber wohl der Hoffnung Audruck geben, daß es gelingen werde, eine für alle Staaten annehmbare Lösung
Wir dulden keine Störung des Reichsjugendtages!
Vielmehr sind in das Leben der europäischen Na tionen neue und ernste Elemente der Unruhe hineingetragen worden. Die erwähn= ten Ereignisse haben gezeigt, mas für eine gefährliche Aufgabe das le berra fchung 3= moment in der internationalen Bolitik spielen kann. Die Aussichten für die Zukunft find mit einer dunklen Wolke verdüstert. Allerdings Aus den Veröffentlichungen der Roten Der Reichsjugendtag in Bodenbach ist und darf man auch gewisse Lichtpunkte doch nicht über- Fahne" geht hervor, daß die kommunistische Par- bleibt eine Reichsveranstaltung der sozialdemo= tei den sozialdemokratischen Reichsjugendtag in kratischen Jugend, verbunden mit einer KreisBodenbach für ihre agitatorischen Zwecke auszu- veranstaltung der sozialdemokratischen Arbeiterbeuten beabsichtigt. Sie kündigt die geschlossene schaft Nordböhmens. Sollte die kommunistische Teilnahme eines kommunistischen Demonstra- Partei gegen den klar bekundeten Willen der veranstaltenden Organisationen den Reichsjugendtag tionszuges mit Fahnen und Standarten an. Der Vollzugsausschuß der Deutschen sozial- für ihre agitatorischen Manöver mißbrauchen demokrtischen Arbeiterpartei hat sich in seiner wollen, dann trägt sie vor der ganzen ArbeiterSitzung vom 28. Mai mit der geplanten Stö- öffentlichkeit die ausschließliche Verantwortung rungsaktion der kommunistischen Partei beschäf- für die Folgen. tigt und beschloffen, öffentlich zu erklären:
Sanktionen
い
Wunsch Italiens nach einer Annäherung London. ( Tsch. P.-B.) Der italienische neswegsgebessert. Botschafter Grandi stattete Donnerstag im Außenamt einen Besuch ab und hatte eine Unterredung mit Minister E d e n. Nach den Informationen des Reuterbüros soll dieser Besuch mit dem Bestreben Italiens zusammenhängen, die ge= genwärtige Spannung zu mil= dern. Grandi hat wahrscheinlich den Wunsch Italiens nach einer Annäherung zum Ausdruck gebracht und die Ansichten Mussolinis in der gleichen Form, wie sie in der Unterredung des Duce mit dem Berichterstatter des " Daily Telegraph " ausgesprochen wurden, mitge= Die Tschechoslowakei ist in der Frage der Santteilt, insbesondere über die Unmöglichkeit, daß tionen ihren Verpflichtungen nach Italien irgend eine Anregung zu Verhandlungen gekommen, die sich aus der Mitgliedschaft im Völkerbund ergeben. Sie erfüllt diese Verpflichtun= über den Mittelmeerpakt gebe, solange die Sant- gen in dem Bestreben, ein absolut nicht nur forrettes. tionen in Kraft sind, sowie über die dringende sondern sogar ein freundschaftliches VerFrage, ob Italien im Völkerbunde verbleiben oder hältnis zu Italien zu wahren. Als Staat, welcher ihn mit Rücksicht auf die Sanktionen verlassen auf die ihm aus der Mitgliedschaft im Völkerbunde erwachsenden Vorteile nicht verzichten will und fann, fonnten wir durch unsere Handlungen die Grundsäße der follettiven Sicherheit und Hilfe nicht desavonieren, deren Geltendmachung wir eines Tages für uns selbst reflamieren könnten. Rom.( Stefani.) Aus autorisierten Krei- Auch wenn der Völkerbund nicht imstande ist, alle fen wird erklärt: Die im Ausland veröffentlichten Aufgaben zu erfüllen, wie wir es wünschen würden, Nachrichten, daß die italienische Regierung die so ist er doch eine politische Realität, mit Dr. Krofta wendet sich dann der wirtschaftlichen deutsche Regierung vergeblich um die Anerkennung welcher die Großmächte zur Verteidigung ihrer Zusammenarbeit in Mitteleuropa zu und erder italienischen Souveränität über Abessinien er- Interessen rechnen und mit welcher auch wir rechnen flärt u. a.: Die Wirtschaftskrise hat start den Gedanken in sucht habe, find völlig erfunden. Die italienische müssen. Regierung hat überhaupt keinen derartigen Schritt In der heutigen Situation haben wir keinen den Vordergrund gestellt, daß durch die wirtschaftanderen Wunsch, als daß England und Frankreich liche Zusammenarbeit in Mitteleuropa viel gewonunternommen. Ebenso werden die Gerüchte von fich bald mit Italien verständigen mögen, ohne nen werden und dadurch eine der Ursachen der ergeheimen Ahmachungen zwischen Italien und allerdings das Schicksal des Völkerbundes außer höhten Schärfe dieser Krise in Mitteleuropa beseitigt Deutschlands dementiert. acht zu lassen. Wir wollen unterdessen eine ge= werden könnte. Die Tschechoslowakei war immer meinsame Entscheidung in Genf für eine derartige Zusammenarbeit, hatte aber den abwarten und werden uns dann loyal nach ihr richten.
werde.
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Das Rheinlandproblem
Wunsch, daß diese Zusammenarbeit eine rein wirtschaftliche fei, frei von allen besonderen politischen Einflüssen, mögen sie von welcher Seite immer kommen, ferner, daß an ihr auch Jugoslawien und Rumänien teilnehmen und daß sie schon im vorhinein die Zustimmung aller Lands, finden möge. Das Mißlingen der verschie Deutsch Großmächte, einschließlich benen bisher aufgetauchten Pläne zeigt die beson deren Schwierigkeiten dieses Problems, das eben auch hervorragende politische Seiten besitzt.
Der Minister gibt zunächst eine Uebersicht über also eine eng die Ereignisse im Gefolge der Rheinlandbesetzung lische Agentur meldet, daß die britischen vom 7. März d. I. und bespricht ausführlich das Truppen und die Polizei die Lage vollkommen Memorandum der Locarno machte. beherrschen und daß seit Mittwoch in Jerusalem Uns interessiert vor allem, daß in dem ProRuhe ist, die Polizisten ihre Stahlhelme abgelegt gramm der internationalen Beratungen auch die haben und wieder gewöhnlicheStappen tragen, mel- Frage von Nichtangriffsbatten Ausführlich auf den römischen Block übergehend, den andere Berichte, daß die Sabotage und Aufzwischen der Tichoslowakei und fonstatierte Dr. Krofta in bezug auf die ZusakDeutschland angeführt ist. Es wird das Be- protokolle vom März 1936, daß darin keine ruhratte andauern. Von Jaffa kommende Boote streben der Tschechoslowakei sein, daß diese Ver- neuen Richtlinien für die Politik dieser bersuchten mehrfach Angriffe auf die Quaianlage handlungen, falls es zu ihnen kommt, auf euro- Staatengruppen festgelegt werden. Ms Mitglied der in Tel Aviv und auf jüdische Hafenleichter. Wiepäischer Grundlage in Verbindung mit den Kleinen Entente begrüßt die Tschechoslowakei konzender sind Dynamitanschläge auf Eisenbahnbrücken Verhandlungen über die Garantie der Grenzen trierende Bestrebungen in Mitteleuroba, welche ein und Straßen berübt worden. Pioniertruppen der westlichen Nachbarn Deutschlands erfolgen. ähnliches Riel wie die Kleine Entente haben. Sie wurden eingesetzt. Zehntausende von Nußbäumen Dieses Bestreben stützt sich auf die Ueberzeugung, kann deshalb ihren Blick nicht misgünstig auf und Weinstöcken in dem baumarmen Land wurdaß der Friede in Europa unteilbar ist, das die Annäherung dieser Staaten richien, auch wenn den in den letzten Wochen vernichtet. Die Araberheißt, durch die Gefährdung der Grenzen irgend sie sich die Tatsache nicht verhehlt, daß sich diese eines europäischen Staates der Frieden in ganz Gruppe von der Kleinen Entenie dadurch unterpresse beschloß amtliche Verlautbarungen nicht Europa ernsthaft bedroht ist. scheidet, daß ein Mitglied der römischen Gruppe eine mehr zu veröffentlichen und erwägt einen PresseGroßmacht ist. Streif.
Die Gesamtverluste beziffern sich seit dem 19. Mai bei den Europäern auf einen Toten und 17 Verletzte, und zwar 7 Polizisten, 2 britische Soldaten und acht Zivilisten. Unter der nicht europäischen Bevölkerung wurden 48 Tote, und zivar 24 Juden, 22 Araber und zwvei Christen, gezählt.
Die Großmächte sind in der Behandlung des Strittes mit Deutschland nicht weiter gekommen als zu einem vorbereitenden Gedankenaustausch. wäre ein großer Optimismus, behaupten zu wollen, daß dieses Ergebnis ein glänzendes sei, aber in der Außenpolitik ist mehr als anderswo Geduld bon nöten.
Trotzdem sind aus den bisherigen Verhandlungen auch einige positive Punkte hervor:
ernstester Konflikt
zu finden, welche die auf Europa so schwer lastende Spannung beseitigen würde.
Im Verhältnis zu Polen konstatiert der Minister eine leichte Besserung. Was Oesterreich betrifft, so weist der Minister auf den gemeinsamen Schritt der Kleinen Entente in Sachen der Einführung der Militärpflicht hin. Das Verhalten zu Ungarn hat sich nicht geändert, doch hofft der Minister auf eine allmähliche Besserung.
neuer
Abschließend verweist der Minister dings auf die beiden ungelösten Probleme hin, die die heutige internationale Unruhe verursachen: auf die Annexion Abessiniens und auf die Rheinland befeßung. Die Lösung beider Fragen interessiert alle Staaten, denen an der Aufrechterhaltung der internationalen Ordnung und Sicherheit gelegen ist. Im italienischabessinischen Konflikt wahren wir Neutralität und werden unser Vorgehen immer gemäß den Entscheidungen des Völkerbundes einrichten.
In der Frage der demilitarisierten Zone haben wir klar und offen gefagt, daß wir dieses Vorgehen nicht gutheißen. Wir werden die Entwicklung abwarten und, falls es zu Verhandlungen mit Deutschland kommt, uns an ihnen im vollen Einverständnis mit der Kleinen Entente und den übrigen befreundeten Mächten beteiligen. Wir sind uns des Ernstes der Situation und der Gefahr für den europäischen Frieden bewußt, wenn es nicht in naher Zeit gelingen sollte, diese beiden Fragen einvernehmlich zu lösen, und wir sprechen deshalb unseren aufrichtigen Wunsch dahin aus, es möge auf dem Boden des Völkerbundes ehestens zu einer Einigung der beteiligten Staaten kommen. Gestüßt auf unsere Verbündeten, militärisch vorbereitet und wirtschaftlich konfolidiert, brauchen wir keine Befürch tungen für unsere Zukunft zu haben.
Im Außenausschuß des Abgeordnetenhauses wurde die Debatte auf die nächste Sizung vertagt, Die Kleine Entente will, wie in der Ver- im Senat wurde die Debatte noch am Nachmittag gangenheit, gemeinsam mit den westlichen Großmächten für die Wahrung der Unabhängigkeit abgeführt. Von unserer Seite sprach hiebei Ge= Desterreichs arbeiten und ist entschlossen, fich nosse Dr. Heller, dessen Ausführungen wir in ebenso entschieden gegen den Revisionismus, wie Auszug noch nachtragen werden.