Sosialdemokrat

ZENTRALORGAN

DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK

ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TAGLICH FRUH. REDAKTION UND VERWALTUNG PRAG XII., FOCHOVA 62. TELEFON 53077, HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB . VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: KARL KERN, PRAG .

16. Jahrgang

Mittwoch. 4. November 1936

Einzelpreis 70 Heller

( einschließlich 5 Heller Porto)

Nr. 256

Fester Kurs der Aussenpolitik Außenpolitische Einkehr

Gemeinsame Erklärung aller Koalitionspartelen Krofta über die Mussolini - Rede

Pra g. Im Außenausschuß des Abgeordnetenhauses wurde am Dienstag die außenpolitische Debatte durch eine gemeinsame Erklärung der Koalitionsparteien, die der Agrarier Ing. Zilka abgab, sowie durch ein Schlußwort des Außenministers abgeschlossen.

das komme sicher auch in allen andern Ressorts der Staatsverwaltung vor.

Die Beziehungen zu Ungarn

Nach der Rede, die Mussolini am vergan genen Sonntag in Mailand gehalten hat, ist es wohl zweckmäßig, die seinerzeitige Konzeption des rechten Flügels der tschechischen Agrarier noch einmal zu untersuchen und die wahren Bedürf= nisse der tschechoslowakischen Außenpolitik mit ihr zu fonfrontieren.

Es sind vor allem zwei Aeußerungen Musso­Zu den Bemerkungen der Gewerbeparteilers linis, die in unmittelbare Beziehung zur tsche= Beneš über die Außenhandelspolitit

In der Erklärung heißt es: Die koalierten Bar-| Sakungen des Völkerbundes übereinstimmt, ist teien baben das Exposé des Außenministers zur gegen teinen Staat gerichtet, sondern be- erklärte der Miniſter, daß er selbst bei der Vorberei- choslowakischen Politik zu bringen sind: der Kenntnis genommen, das den Standpunkt der gemüht sich im Gegenteil eine für die Erhaltung des tung der Wirtschaftsverhandlungen mit Frankreich Wunsch, daß Rom - Berlin zur Achse der euro­famten Regierung zu den heutigen Fragen der Friedens zwischen den Völkern und innerhalb der den hiesigen französischen Gesandten und in Genf päischen Politik werde und die Zustimmung zu den Außenpolitik zum Ausdruck gebracht hat, wie auch Völker günstige Atmosphäre zu schaffen. Die Auße:- auch den französischen Außenminister wiederholt ungarischen Reviſionsforderungen. der Ministerpräsident Dr. Hodža es in seiner Kund- politik ist eine Angelegenheit des ganzen Volkes und darauf hingewieſen habe, daß in den Wirtschaftsbe= Das Zustandekommen einer festen Achse nebung vor den Auslandsjournalisten betonte. Die aller Bewohner des Staates, der nach unserer ge- zichungen zwischen Frankreich und uns eine durch Rom - Berlin würde allerdings voraussetzen, Koalitionsparteien stimmen mit dem Vorgehen der meinsamen Ueberzeugung im Geiſte feiner natio- a reifende Aenderung eintreten müſſe. daß sich Rom und Berlin wirklich auf einer soli­Dem ungarischen Abgeordneten Szüllö. der Außenpolitik, die sich in erster Neibe auf die eigene nalen Tradition und der Zusammensetzung seiner erklärt hatte, daß die Bündnisverträge der Kleinen den Grundlage verſtändigen. Davon kann jedoch verwaltet Entente immer ein Hindernis für eine Annäherunn angesichts der deutsch - italienischen Rivalität im higungs- und moralische Kraft stützt und verbündete werden kann. Wir stimmen mit Beziehungen mit den Staaten aufrecht erhält, mit Sleine Entente awar seinerzeit gegründet worden Der Preis, den Italien für eine andauernde Ver­denen und Freundschaftsverträge verbinden, wobei fet, um einen eventuellen Angriff Ungarns abzuweh ſtändigung zu zahlen hätte, wäre wohl 11. a. auch fie fich bemüht, daß auch unfere Verbindungen mit ren, daß aber seither die Kleine Entente schon weit eine Anerkennung gewisser deutscher Wünsche, die allen anderen Staaten bester Art feien, überein. Wir über dieſen ursprünglichen Rahmen hinausgewachſen ſich auf die tschechoslowakische Innenpolitik bezie= flimmen insbesondere mit dem Bemühen des Außen­geleitet werde. Es liege nur an Ungarn , daß das. fei und jetzt von gesamteuropäischen Gesichtspunkten hen, etwa ein ebenfalls von Mussolini patroni­minifters überein, möglichst gute Beziehun was einst den Anlaß zur Gründung der Kleinen nen zu den Nachbarstaaten und zu Entente gab, nun auch formal als unpraktisch aus allen Staaten zu erzielen, die territorial in das dem Verzeichnis der politischen Fragen gestrichen Donaugebiet und nach Mitteleuropa reichen, Staa­werde, welche die Staaten der Kleinen Entente ge­ten, mit denen wir viele gemeinsame Wirtschafts­meinsam tangieren. intereffen haben. Diese unsere Politik, die mit den

Kraft der Republik , auf ihre wirtschaftliche, Vertei- Bevölkerung nur demokraer Erklärung des an Ungarn sein würden, sagte der Minister, daß die Donauraum auf die Dauer nicht die Rede sein.

Kroftas Schlußwort

Im Schlußwort nahm Außenminister Doktor Krofta u. a. auch zu der Tezten Rede Musso Iinis in Mailand Stellung, wobei er allerdings einschränkend betonte, daß der genaue Text der Rede noch nicht bekannt und auch deren Auslegung bisher nicht einheitlich sei. Die Kundgebung enthalte immer­vin viele Dinge, die si von unserem Standpunkt sehr unterscheiden oder eine direkt umgekehrte Rich­fung berfolgen. Es ist dies namentlich die Einleitung über den Völterbund, über die Abrüstung und über die kollektive Sicherheit.

Direkt berührt uns die entschiedene Kundgebung zugunsten des ungarischen Revisionismus. Aber leine berartige Kundgebung Tann uns dazu verhal ten, irgendetwas an unserer bisherigen Politik zu ändern, die den Nevifionismus auf das entschiedenste ablehnt.

Der Hinweis, daß Italien fich Jugosla. wien annähert und mit ihm gemeinsam arbeiten könne, werde zum Teil so ausgelegt, als ob es um die Spaltung der Kleinen Entente ginge. Aber unfere rumänischen und jugoslawischen

Verbündeten wissen gut, daß ie de Revision, die auf Soften eines von uns durchgeführt würde, früher ober fpäter ihre Fortsetzung in einer Revision auf Kosten der übrigen zwei finden würde. Ein durch eine Revfion auf Kosten der Tschechoslowakei erstarktes Ungarn würde sicher nicht an den Grenzen Rumäniens oder Jugoslawiens Halt machen und würde auch eine Revision auf deren Kosten betreiben. Die Tatsache, daß Muffolini die Tschechoslo­ wakei und Rumänien nicht erwähnt hat, wird an einigen Stellen so ausgelegt, daß Italien nicht be­reit sei, mit diesen Staaten über die Regelung der mitteleuropäischen Wirtschaftsverhältnisse zu verhan

deln.

Nach dem, was wir von amtlichen italienischen Faktoren wissen, können wir jedoch annehmen, daß Italien tatsächlich die Absicht hat, zu einem Ever. nehmen über die Regelung der Wirtschaftsverhält niffe in Mitteleuropa beizutragen.

Der Minister wies dann auf die große Bedeus tung des Besuches des rumänischen Königs hin und unterstrich, daß in den Beratungen aufs neue feier lich und entschieden die Ginheit der kleinen Entente bestätigt und dadurch die unwahrheit aller Tendenznachrichten über ihren Rerfall dargetan wurde. Die Unterredungen hätten aufs neue bewies fen, daß wir unter allen Umständen ein heitlich vorgehen wollen und daß es nicht die geringste Differenz, zwischen uns gibt.

Polemik mit Žilka

Herrn Ministers überein, daß unsere Außenpolitik nicht in geiftlofer Starrheit die Renberungen in Leben der Staaten und Völker sowie in ihren gegen­feitigen Beziehungen außer Acht lassen durfte und darf." Indem sie die Außenpolitik der Regierung billigen, erklären die koalierten Parteien ihren ein­trächtigen Willen, fie mit allen Kräften durch den Ausbau der Verteidigung des Staates und die Vervollkommnung der wirt­fchaftlichen und moralischen Kraft der Republit zu unterstützen.

Bufammenarbeit mit den

ſierter 11. Juli für die Tschechoslowakei . Die von Mussolini gewünschte deutsch - italienische Hege= monie hätte jedenfalls die Aufteilung Mittel­ europas in Interessengebiete dieser beiden Groß­mächte zur Folge, von welcher Regelung" des Der Minster verweist auf die fürzliche Erflä- mitteleuropäischen Problems die Tschechoslowakei rung des ungarischen Außenministers Kanya, daß unter keinen Umständen unberührt bleiben könnte. einer wirtschaftlichen lange. Die Bemerkung des Ministers, daß die Dis- politischen Ben my mit der Zeit ten bericht mit Unrecht bemerkt eine ernste tschechische Beitung, daß die Achse London - Paris - Prag­fuffion über unsere Außenpolitit nicht immer alüd leinen Entente nichts im Wege stehe, fofern nur lich alle Klippen umschifft hahe, habe sich nicht auf belt und seine bescheidenen und naturgemäßen For. bessere Friedenssicherung ist. Und von diesem Ge­Ungarn als völlig gleichberechtigter Partner behan- Mostau eine ernſtere Realität und vor allem eine die Rede Biltas, sondern auf einige Presseartikel be- berungen berücksichtigt werden. In dieser Erklärung ſichtspunkt aus hat jener Teil der Mussolini - Rede zogen. Er müsse sein Ressort regen Beschuldigungen, sieht Dr. Strofta ein gutes Vorzeichen für die fünf- bewiesen, daß das Abirren von dem bisherigen als ob es aus Staatsgeldern die Propaganda gegen tigen internationalen Verhandlungen namentlich Wege der tschechischen Außenpolitik, der sich auf gewiffe Regierungsparteien unterſtüze, zurückweisen: handelspolitischer Natur. Die Vorausfeßungen, von der Linie der Friedensbündnisse im Rahmen des Die weitere Forderung Billas, daß die Leute für benen Stanya spreche, feien feitens der Staaten der Völkerbunds bewegt, ein Unglück für unser Land unseren Außendienst sorgfältig ausgesucht werden, kleinen Entente von vornherein gegeben. könne er nur unterschreiben. Gewiß bewähren sich und seine Sicherheit und eine Bedrohung seiner nicht alle Beamte des Außenrefforts gleich gut, aber[ Existenz wäre.

( Fortsetzung auf Seite 2.)

Roosevelt gewählt?

Vorsprung auch im Staate des Gegners

New York. ( Neuter.) Die Präsidentenwahlen vom Dienstag brachten, wie aus den bisher vorliegenden Meldungen ersichtlich ist, eine Rekordbeteiligung. Die Südstaaten stimmten sozu­fagen kollektiv für Roosevelt , und zwar, wie es heißt, mit einem Verhältnis von 8 zu 1. In der Stadt New York fand sich bis 12 Uhr mitta ys etwa die Hälfte der eingetragenen Wähler neuer ist, hat Roosevelt bisher gleichfalls einen großen Vorsprung. Zwei Zwischenfälle wer­bei der Wahlurne ein. Im Staate Kansas , wo der republikanische Kandidat Landon Gouver den gemeldet: In der Stadt Boonville im Staate Indiana wurde ein Neger erschlagen und ein anderer verletzt und in der Stadt Whitesburg im Staate Kentucky wurde ein Wahlbeamter durch einen Revolverschuß verletzt.

New York . Präsident Roosevelt und| Partei einen Vorsprung hatte. Riesige laufende Gouverneur and on haben ihre Wahltam- Lichtbänder an den Häuserfronten meldeten die pagne beendet, und jeder von ihnen hat im Mund- leßten Ergebnisse. funt eine Rede gehalten, die 15 Minuten dauerte und aus ihrer Privatwohnung übertragen wurde.

Roosevelt erklärte u. a.: Stimmet ohne Bitterkeit und Haß ab, nur geleitet von dem Wunsche, den Wohlstand der Vereinigten Staaten zu erhöhen. In einigen Teilen der Welt scheint es, daß die Meeresfiut gegen die Demokratie an­stürmt, wir aber glauben hier an die Demokratie."

Landon erklärte: Gebt Guere Stim­men wie Wähler ab, die keine andere Autorität als ihr eigenes Gewissen anerkennen. Die Welt braucht ein freies Amerita. Wir verteidigen die Fronten der Weltdemokratie."

Außer den Präsidenten-, Vizepräsidenten und Gouvernerswahlen wird das gesamte Abge­ordnetenhaus und ein Drittel des Senates neu ge­wählt. Die Neuwahl der Abgeordneten findet alle zwei Jahre statt, während die Senatoren auf sechs Jahre gewählt werden. New York verzeichnete Dienstag früh den ausgelassensten Wahltag seiner Geschichte. Hunderttausende von Menschen, all: Ru Beginn seiner Rede beschäftigte sich der mit Ratschen, Pfeifen und Trompeten ausgerüstet. Außenminister mit der Kundgebung des Agrariers vollführten einen Höllenlärm. Hunderttausende Bilta und nahm dessen Konstatierung, daß die schoben und drängten sich auf dem Times Square Agrarpartei mit dem Exposé vollkommen überein­stimme, mut Befriedigung zur Kenntnis. Dadurch und in den Nebenstraßen des New- Porter Theater­feien allerhand Gerüchte zerstreut worden, als ob die distrikts. Auf der Spipe des Times Quare- Turm Anrarpartei oder wenigstens ein Teil von ihr eine lechteten rote, blaue und grüne Lichtſignale auf. grundlegende Aenderung unserer Außenpolitit ver- Je nachdem im Augenblick die eine oder die andere

Roosevelt .

Nicht anders ist es mit den Revisions wünschen bestellt, deren erfolgreiche Abwehr nur im Rahmen des Völkerbundes und vor allem durch den Einigkeitswillen der unmittelbar be troffenen Länder, also der kleinen Entente, möglich ist. Mussolini ist sich wohl selber darüber im Klaren, daß der Ruf nach Revision eine ge kehren kann: die Revisionsforderung treibt den fährliche Waffe ist, die sich gegen den Rufer selbst deutschen Revisionsbestrebungen, die auf eine Aenderung des Status in Mitteleuropa und im Osten gerichtet sind von der Forderung nach Kolonien gar nicht zu reden Wasser auf die Mühlen.

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Immerhin: Mussolini spielt den Freund Deutschlands ! Und die vorläufig vorhandene poli­tische Konzeption dieser beiden Staaten ist gegen Umtleidung mit antivolschewistischen Nedensarten die Interessen der Tschechoslowakei gerichtet. Die entspricht zwar der Terminologie des Venkov" und seiner Hintermänner obwohl Mussolini lug genug ist, zwischen der Sowjetunion und dem Bolschewismus flar zu unterscheiden- aber sie ist nichts weniger als eine Verlockung zum Ein­schwenken in die antirussische Front, die, nach den tlaren Feststellungen unseres Ministerpräsiden ten, auch eine antifranzösische Front wäre.

Es ist erfreulich, daß die Drohrede Mussos linis dazu beigetragen hat, den unerquicklichen Bustand zu beseitigen, der sich in unserer Innens politik durch die von dem rechten Flügel der tsche= chischen Agrarier vom Zaune gebrochene außen­politische Diskussion entwickelt hatte. Niemand anderer als eben jener Ing. 3 i Ika, der eine Ne­vision unserer Außenpolitik gefordert hatte, gab gestern im Abgeordnetenhaus nach den Schlußbe­mertungen Dr. Kroft as die außenpolitische Erklärung aller Koalitionsparteien ab, welche die außenpolitische Linie Beneš- Krofta gutheißt und also auch über die Extratouren der Leute oom " Venkov" den Stab bricht.

Uns dünft, daß der Worte genug gewechselt sind und daß die tschechische Agrarpartei nunmehr die Pflicht hat, aus den Feststellungen ihrer füh­renden Männer im Parlament auch die Konses quenzen für die politische Alltagsarbeit zu ziehen. Das heißt, daß ihr Sotettieren mit dem tschechis schen und dem sudetendeutschen Faschismus ein Ende haben muß, denn diese beiden Gruppen sind