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Sozialdemokrat

Zentralorgan der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik Erscheint mit Ausnahme des Montag täglich früh Einzelpreis 70 Heller

Redaktion und Verwaltung: Prag XII., Fochova 62- Telephon 53077 Telephon 53077- Herausgeber: Siegfried Taub - Verantwortlicher Redakteur: Karl Kern, Prag

Donnerstag, 7. Oktober 1937

Aus dem Inhalt:

Der zweite Velgo- Prozeß

Wie lange wird

die Weltkonjunktur dauern?

Flugunfall Hubermanns

Zwölf Jahre für Militärverrat

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17. Jahrgang

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Präsident Beneš an die Delegierten der IAA

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Die Lehren der Krise­

keine fatatalistische Passivität mehr!

,, Die Internationale Arbeitsorganisation

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sagte Präsident Dr. Beneš in seiner Rede an die Delegierten des Internationalen Arbeitsamtes, die er Mittwoch auf der Prager Burg empfing. führt gegenwärtig einen organisierten Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Es ist z. B. not­wendig, die Frage der Herabsetzung der Zahl der Arbeitsstunden im Weltmaßstab zu lösen. Wir wiffen auch, welche Schwierigkeiten sich der Verwirklichung dieser Reform in den Weg gestellt haben. Die Rationalisierung und Mechanisierung der Produktion, die sich in einem ständigen Vor­marsch befindet, zwingen alle Regierungen, zu erwägen, wie die Arbeiter und Beamten, welche durch die modernen automatischen Maschinen ihrer Arbeit beraubt werden, beschäftigt werden fönnen."

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Nr. 236

Die Stimme von Washington

Vor zwanzig Jahren sind die Vereinigten Staaten in den europäischen Krieg eingetreten, ihn damit erst zum Weltkrieg" weitend. Sie haben ihn faktisch entschieden, sowohl durch ihre materielle und militärische Hilfe wie vor allem durch die moralische Belebung, die das Auftreten

gerade jetzt durchleben, sind wir sicher, daß wir der amerikanischen Hilfe den Alliierten brachte. diese Schwierigkeiten meistern werden."

Direktor Harald Butler

hatte in seiner Ansprache an den Präsidenten der Republik daran erinnert, daß Dr. Beneš im Jahre 1925 Borjizender der VII. Tagung der Inter­nationalen Arbeitskonferenz war. Er sagte u. a.: Das Vorwort unseres Statuts verkündet den Grundsatz, daß es keinen Frieden ohne soziale

Die Eröffnung der Tagung

Nach dem Siege aber sind den Amerikanern die Bügel entglitten. Der Frieden sah ganz anders aus, als Wilson sich ihn ursprünglich vorgestellt hatte. Der amerikanische Senat veriveigerte die Ratifikation des Friedens von Versailles und den Beitritt zum Völkerbund. Wilsons Schöpfung, die Liga der Nationen, tam ohne die USA und tam als Krüppel zur Welt. Die Enttäuschungen von 1919/20 haben Amerika in die Politik der Isolierung zurückgetrieben, zu einer sehr stren­

Einleitend hatte Präsident Dr. Beneš die sozial ruhig und gesund, da er durch keine extre­Wichtigkeit des Umstandes betont, daß gerade mistischen Bewegungen bedroht wird. Unser Re- Gerechtigkeit geben kann. Das Hauptergebnis die- gen Auffassung der Monroe- Doktrin , die nicht nur während der letzten Wirtschaftskrise die Vereinig- gime funktioniert regelmäßig und ohne große fer großen Wirtschaftskrise war vielleicht die die fremde Einmischung in Amerika , sondern auch ten Staaten und Sowjetrußland der internatio- Schwierigkeiten. In den kommenden Jahren wird Festigung dieses Grundsayes. Ebenso wie die Amerikas Intervention in Europa ablehnt. Sieb­nalen Arbeitsorganisation beigetreten sind. es bei uns keine Veränderungen geben. Wir haben Eintracht innerhalb der Nation von der Teilnahme zehn Jahre hat unter den republikanischen Prä­Diese Krise, die wir gerade jetzt überwin- selbstverständlich eigene Schwierigkeiten, wie sie aller Volksschichten an dem ständig wachsenden sidenten wie unter Roosevelt diese Politik vor­ben" fuhr der Präsident dann fort ,, war die ganze Welt hat, Schwierigkeiten, welche viel Lebensniveau abhängt, so hängt auch die Ein­eine große Lehre für uns und für alle gehalten. wir Arbeit, Anstrengung und Energie erfordern, aber tracht unter den Nationen von der Ausschaltung werden eine Wirtschaftskrise nicht mehr mit der die moralischen Krä! te dieses Landes find bemer- des Elends und der Förderung eines höheren gleichen fatalistischen Passivität hinnehmen, wie tenswert und trotz der schwierigen Zeit, die wir Lebensniveaus in der ganzen Welt ab." das früher der Fall war. Die Menschen unseres Jahrhunderts sind überzeugt, daß die Staaten und die Regierungen durch eine geeignete Zusammen­arbeit wenn auch nicht alle Nebel im Wirtschafts­leben, so doch wenigstens viele von ihnen und Der Verwaltungsrat des J. A A. trat Mitts ihr Werk fortsetzen und es durch eine vernünf­jedenfalls die allerschlimmsten verhindern fön- och nachmittags im Fürsorgeministerium in tige und aufrichtige Zusammenarbeit der Regie­nen. In dieser Hinsicht stimme ich damit überein, Prag unter dem Vorsiz des Ministers Ing. rungen, der Arbeitgeber und Arbeitnehmer wei­was Herr Butler in seinem diesjährigen Berichte čas zusammen. Nach einer einleitenden terführen kann. sagt, daß die Sozialpolitik die erste Sorge und Kundgebung des Direktors des J. A. A., Harald Pflichten des modernen Staatsmannes einnimmt; Butler , ergriff im Namen der Regierungs­regelmäßige Eingriffe der Regierungsgewalt in delegierten der Vertreter Großbritanniens , Leg­Wirtschaftsangelegenheiten werden also ohne gett, das Wort zu einer Huldigung für den ver­Zweifel ein charakteristisches Kennzeichen der neuen storbenen Präsidenten T. G. Masaryk . Jou sozialen Ordnung bilden." haux im Namen der Arbeitnehmergruppe und Oerstedt im Namen der Arbeitgebergruppe schlossen sich dieser Ehrung an.

Präsident Dr. Beneš hob dann aus der Tä­tigkeit der internationalen Arbeitsorganisation hervor, auf welchen Gebieten sie sich eben in der Krisenzeit als das soziale Gewissen der heutigen Welt" erwiesen hat. Er schloß mit den Säßen: " Sie befinden sich gegenwärtig in einem Lande, welches sich im Bewußtsein dieser Wahr­heiten bemüht, mit allen Mitteln und ehrlich für die Erhaltung des allgemeinen Friedens in Europa und des sozialen Friedens auf seinem Territorium zu wirken. Wir glauben und hoffen, daß im Einvernehmen und unter Mithilfe der übrigen Völker dieses Bestreben von Erfolg ge­frönt sein wird. Wir glauben in der Tat, daß der Friede in Europa gerettet werden kann und geret­tet werden wird.

Fürsorgeminister Ing. Nečas dankte den Rednern und begrüßte die Delegierten. In seiner Ansprache gab er eine Uebersicht über die Tätigkeit des J. A. A in der letzten Zeit. Er sagte:

Ich glaube, daß die internationale Orga­nisation der Arbeit sich auf dem richtigen Wege befindet, wenn sie ausdauernd und systematisch eine soziale Reform anstrebt, welche den Arbeit nehmern einen immer größeren Anteil an den Vorteilen des sozialen Fortschrittes und an der Zunahme der Produktionskapazität gewährt und hiebei die Notwendigkeit nicht aus dem Auge ver Was den sozialen Frieden betrifft, kann ich liert, über die reguläre Entwicklung des Wirt­mit Befriedigung erklären, daß unser Staat das schaftslebens zu wachen. Ich würde wünschen, Beispiel eines gesellschaftlich sehr ausbalanzierten daß die internationale Organisation der Arbeit Staates ist. Die Partei- und Klassenunterschiede sind bei uns nicht allzu groß. Das Lebensniveau ist hinreichend hoch, die Landwirtschaft sehr ent­wickelt, die Industrie sehr stark und steht auf europäischem und internationalem Niveau, die Arbeiterklasse ist gut organisiert und hat Anteil an der Regierungsgewalt. Sie hat auch Sinn für Verantwortung, der jede Prüfung bestanden hat. Unser Staat ist durch eine ungewöhnlich heftige Krise hindurchgegangen. Heute prosperiert er, ist

Wichtige Parteiberatung

Der Vollzugsausschus des Bar teivorstandes der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei hielt Mittwoch, den 6. Oktober, eine Sigung ab, an der auch Vertreter der ein zelnen Partei- Kreisorganisationen teilnahmen.

Ueberraschung

aus

Interesse Amerikas an der europäi Seit einiger Zeit wird ein stärkeres ichen Politik erkennbar. Zum zweiteninal müssen die Amerikaner erkennen, daß man Europa nicht schlechthin sich selbst und seinen Leiden, Krämpfen und Tollheiten überlassen kann, daß die europäische Politik noch immer soweit West­politik oder ein Bestandteil der Weltpolitik ist. daß aus europäischen Krisen Weltkrisen, europäischen Kriegen Weltkriege werden können. In den Reden der führenden amerikanischen Neuwahlen Staatsmänner kommt dieser Wandel der An­Bevor der Verwaltungsrat zu den Neu- schauungen zum Ausdruck. In keiner Rede war wahlen schritt, dankten die Vertreter aller drei dies bisher so vernehmbar der Fall wie in der Gruppen dem Fürsorgeminister für seine Tätigede Roosevelt 3, die am Dienstag einen teit als Präsident des Verwaltungsrates. Diesen so radikalen Umschwung der Meinungen im Gen­Kundgebungen schloß sich auch Direktor Butler an. fer Völkerbundspalais bewirkt hat. Zum Vorsitzenden für das Verwaltungsjahr Amerika ist 1917 nicht nur aus idealen und 1937/38 wurde sodann der englische Regie ideologischen Motiven in den Krieg eingetrete. rungsdelegierte F. W. Leggett gewählt. Bu wie eine heroische Geschichtslegende es darstellen Bizepräsidenten wurden Mertens( Belgien ) will. Die amerikanische Industrie war an den für die Arbeitergruppe und Oerstedt( Däne- Lieferungen, die amerikanische Finanz an den mark) für die Arbeitgebergruppe gewählt. Anleihen interessiert, die amerikanische Politik sab Der neue Vorsißende F. W. Leggett( geboren in der Gefährdung des British empire und der Gewerbe und beteiligte sich an der Organisation der unter preußisch- deutscher Führung auch eine Be­1884) wirfte zuerst im Ministerium für Handel und Möglichkeit einer kontinentalen Einigung Europas öffentlichen Arbeitsvermittlung und führung der Arbeitslosenversicherung. Im Jahre Europa selbst, in Asien und in Lateinamerika. der Durch drohung amerikanischer Interessen in Afrika , in 1920 wurde ihm im Arbeitsministerium die Ab­teilung für die Beziehungen mit den Fachorganisa- Aber die USA sind auch nicht nur aus macht­tragen. In England ist F. W. Leggett hauptsächlich Strieg gegangen. Bei Wilson und seinen Rat­tionen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber über- und wirtschaftspolitischen Erwägungen in den durch sein Wirken auf dem Gebiet verfahren bei Arbeitskonflikten in der Industrie spielte der Gedanke der Verteidigung der der Schiedsgebern, bei den Massen des amerikanischen Volfes bekannt. Demokratie und der Ideen der großen heute vormittags aufgenommen. Die Arbeitssigungen der Tagung werden amerikanischen und der französischen Revolution

eine entscheidende Rolle. Man wollte eine fried: liche, zivilisatorische Entwicklung, keine Verwand­lung der Welt in eine preußische Kaserne.

Linke in die Exekutive gewählt bene, idealistische und sehr ma­

auf dem Labour- Kongreẞ

Das Wahlprogramm der Labour Party

Auch heute sind es wieder verschie= terielle Motive, die Amerika auf den Plan rufen und zum Eingreifen drängen. Der japanische Angriff auf Schanghai und Südchina ( nicht so sehr der Angriff auf die Nordprovin zen) bedeutet eine ungeheure finanzielle Schädi­

London.( Eigenbericht.) Am Mittwoch wählte erklärt, die Partei werde nie die Mehrheit erlangung der USA . In weiterer Sicht aber droht ein der Parteitag der Labour Party die Partei- gen können. Solche fatalistische An- japanisches Imperium auch die ganze pazifische exekutive. Die Wahl brachte insofern eine große fichten müßten bekämpft werden. Für die Stellung der USA , damit nicht zuletzt auch ihren Ueberraschung, als sieben Vertreter der Lokal- Wahlpropaganda wurde eine Summe von 100.000 Einfluß in Merifo, in Chile , in den mittelameri­organisationen, welche die Wortführer der Linken Pfund veranschlagt, die zum Teil schon durch Bei- tanischen Republiken zu erschüttern. Der chine­waren, troß der schweren Niederlage, die ihre träge der Gewerkschaften gedeckt ist. Weitere Einheitsfrontpolitik auf dem Parteitag erlitten Finanzfragen der Partei wurden in einer Geheim­hatte, in die Parteierekutive gewählt wurden. Das fihung des Barteitages erörtert. hängt damit zusammen, daß die Lokalorganisatio­Vor Eingang in die Tagesordnung hielt der nen die Wahl ihrer Vertreter ohne die Einfluß­Parteivorsitzende Minister Dr. C z e ch dem vor nahme der Gewerkschaften vollziehen, andererseits kurzem verstorbenen Redakteur Adolf Palme aber damit, daß die Linke erklärte, die Einheits­einen Nachruf. Sodann befaßte sich die Sit- frontkampagne aufzugeben. Auch wollte man eine zung mit den Vorbereitungen zu den versöhnliche Geste machen. Andeutungen von Sir Gemeindewahlen, wozu die notwendi- Stafford Trip 3 ist zu entnehmen, daß diese gen Beschlüsse gefaßt wurden. Es wurde festge Geste auch aewürdigt wird. Unter den Gewählten stellt, daß die Parteiorganisationen vorbereitet befinden sich neben Stafford Crips Prof. Noel und die Vertrauensmänner der Partei bereit sind, a te r, der große Jurist Trett und Prof. den Wahlkampf tatkräftig und entschloffen zu führen.

Zum Schluß berichtete der Vorsitzende noch über die mit dem Budget für das Jahr 1938 zu sammenhängenden Arbeiten.

Harold Las fi.

Herbert Morrisson berichtete über die nächsten Wahlen. Er sagte. die Labour Party müsse eine wahre Volkspartei werden. Man habe

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che konflikt hat aber auch bewiesen, daß man die asiatische Politik von der europäischen nicht zu trennen vermag. Denn wenn Großbritannien sich in China zu zurückhaltend zeigt, so liegt es an den In den programmatischen Forderungen der Partei, die für den Fall eines Sieges der Arbei- Berwicklungen im Mittelmeer und an der Achse terpartei verwirklicht werden sollen, befindet sichtige Anstrengungen, die Krise und Kraftprobe zu Rom Berlin ". Das britische Reich macht gewal= die Nationalisierung der Bank von England , fer- bestehen, der es seit 1935 unterworfen und die Krafterzeugung und des Transportwesens. die Nationalisierung der Kohle und der noch nicht beendet ist. Eine Niederlage Großbri­ tanniens würde die USA vielleicht zum Erben der Franco kapert französisches Schiff ben schwerer Lasten, einer verhängnisvollen Kon­angelsächsischen Weltstellung, aber auch zum Ers Tanger wurden SOS- Rufe eines Schiffes auf vorzubeugen und den jetzigen Zustand eines London.( Eigenbericht.) In fursmasse machen. Amerika hat allen Grund dem gefangen, das von Francoschiffen gezwungen Gleichgewichts der Kräfte in der angelsächsischen wurde, Kurs auf Mallorca zu nehmen. Man Welt, einer Art großen Familien- A.- G. zwischen vermutet, daß es sich um ein franzöfifches Schiff dem Pfund- und dem Dollar- Reich zu erhalten. handelt. Neben diesen Motiven spielen aber, vielleicht noch