Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 8.

8]

Dienstag, den 12. Januar.

( Nachdruck untersagt.)

Bei den Schneidemaschinen.

Roman von M. A. Šimáček.

Autorisirte Uebersetzung aus dem Czechischen.

Ueber diese Vermuthung freilich mußte Wenzel sofort lächeln. Was fallen einem manchmal doch für dumme Sachen Und was schert er sich überhaupt um all' die Ge­schichten? Er ist so weit mit der Dirit, wie weit er hat tommen wollen. Jetzt trägt sie keinen Hammer bei sich, mit der Wehrlosen würde er schon fertig werden. Uebrigens, wer weiß, ob die Dirn sich nicht schrecklicher macht, damit er sich fürchtet, sie zu verlassen...? Diese Vermuthung schien ihm sehr zutreffend und beruhigte ihn.

1897.

Neugierig näherte sich Wenzel dem offenen Fenster und grüßte hinein. Der Oberheizer dankte, gleich darauf zeigte sich sein bärtiges Gesicht zwischen den Blumentöpfen.

" Ich hab' keinen Schlaf, bin ein bischen ins Freie," er­klärte Wenzel sein ungewohntes Erscheinen.

Kommen S' nur weiter' rein, Hradil, wir sind schon auf," meinte Springer, und Wenzel ließ sich's nicht zweimal sagen.

Er nahm in dem traulichen Zimmer den ihm angebotenen Stuhl an und rieb sich zunächst die Hände. Der Oberheizer schwieg ebenfalls, und so tönte ganz deutlich das Wiegenlied herüber.

Na, zu' ner Sängerin hätten wir's jetzt gebracht," nahm Springer das Wort. Fast die ganze Nacht hört man sie. Und wissen Sie, wer's ist?" Doch er wartete garnicht Wenzels Aut­wort ab, sondern fuhr unverzüglich fort: Die Steinbruchdirn, die vorgestern' kommen ist. Heut hat fie die ganze Nacht mit dem kleinen Mädel der Chivatalta) vertrödelt. Das Kleine ist nichtsnuß schon von Geburt, immer frank. Die Chwatalka war schon ganz hin von dem Rangen. Jetzt friegten sie dort ins Zimmer die Dirn mit ihrem Alten und haben ein Kinds­mädel."

Ein durchtriebener Teufel," dachte Wenzel bei sich und Iachte auf. Uebrigens, wenn etwas Wahres dran ist, beweist es nur, daß sie nicht für jedermann zu haben ist. Umso mehr also mag er mit dem, was er erreicht hat, zufrieden sein. Be­denkt er aber andererseits die Thatsache, daß Lena sich schon ziem lich in der Welt umgesehen hat, so fann er nur schiver annehmen, fie hätte wegen einer Umarmung und wegen eines Kusses gleich Lärm geschlagen. Eine, die schon im Steinbruch, in der Fabrik und weiß Gott wo gearbeitet hat, läßt sich schon" Halt ja, eine gutherzige Dirn," mischte sich jetzt etwas gefallen und bieten.. Springer's Frau, die aus der Küche getreten war, ins Mit solchen und ähnlichen Gedanken beschäftigt, wiegte Gespräch; das hätt' ihr keiner angesehen, ich selbst fich Wenzel in Sorglosigkeit und Schlafmüdigkeit ein und ver- hab' fie für ganz wild gehalten. Aber da sollten fiel bald darauf in festen Schlaf, der erst in den Morgen- Sie aufpassen, wie sie ihren Alten betreut! stunden unruhig wurde. der Chwatalka hat sie schon vom ersten Tag einen Stein im Brett. Ich bitt' Sie auch, wo finden Sie leicht eine, die sich um ein fremdes Kind annimmt, geschweige denn, daß sie's die ganze Nacht hutscht und im Zimmer' rum­Und die trägt. So täuscht halt manchmal' s Aeußere..." gesprächige Frau verschränkte die Arme, sichtlich zu einem Disput mit den Männern aufgelegt.

Er sah im Traum eine mondbeglänzte Landstraße. Kein Mensch weit und breit. Jnmitten der Straße ein zwei­räderiger, mit weißem Staub bedeckter Karren... Neben dem Karren Lena mit ausgestrecktem Arm, wilden Ausdruck im Gesicht; die Augen schossen unter den zusammengewachsenen Augenbrauen hervor Blige, und zu ihren Füßen lag er, nicht fähig, sich zu rühren, zu rufen oder um Erbarmen zu flehen - völlig ohnmächtig. Auf der Stirn eine brennende Wunde, ans der das Blut langsam sickerte. Die Kehle trampfte sich ihm immer mehr und mehr zusammen, schon ging ihm der Athem aus... Da im Augenblicke höchster Angst strengte er all' seine Kräfte an und stieß einen langgezogenen, gellenden Ruf aus und rührte sich gleichzeitig.

Er wurde wach und sah sich entsegt nach allen Seiten um. Es dämmerte bereits... Nun, das ist ja seine Stube, und alles war nur ein häßlicher Traum... er wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich aufs Bett. Er fonnte eine peinliche Empfindung nicht los werden. Vielleicht be­deutete dieser Traum eine Warnung Wenzel begann zu erwägen, ob sein Unternehmen wirklich fündhaft und straf würdig sei. Zugleich aber war er unmuthig darüber, daß ihm wegen der Dirn' so viel Zweifel aufstiegen. Eine innere Stimme raunte ihm zu, das käme daher, weil er fic fürchtete, doch das wollte Wenzel nicht zugeben; gleicherweise sträubte er fich gegen den sich ihm aufdrängenden Gedanken an Lena's Anständigkeit und Solidität.

Ein Fabriksmädel, basta, und wegen so' ner Land­streicherdirn zerbrech' ich mir den Kopf. Bin ich ein Ejel! Da will ich doch lieber schlafen."

Er legte sich auf die andere Seite und bemühte sich, ein­zuschlafen. Bergeblich. Plötzlich verspürte er Hunger und erinnerte sich, daß er gestern eigentlich ohne Abendbrot zu Bett gegangen war. Er stand auf und schnitt sich eine Stulle; fie verzehrend, trat er vors Haus.

Die eben aufgehende Sonne verhieß einen schönen Tag. Wenzel lockte es in die Felder. Auf der Gartenseite des Dorfes schritt er in der Richtung der Fabrik aus. Auf dem Feldrain gehend, kam er auf die Landstraße und hielt in der Nähe der Arbeiterkaserne inne. Er bemerkte, wie zu ebener Erde, dort wo der Oberheizer Springer Zimmer und Küche bewohnte, ein Fenster geöffnet wurde, und entschloß sich, näher zu treten. Er schlug also die Richtung ein, und da trug ihm eine Brise das Weinen eines Kindes und die Melodie eines Wiegenliedes zu. Er erkannte Lena's Stimme und machte wieder Halt. Ja, das war derselbe Klang wie vor gestern im Walde. Wenzel fühlte sich ergriffen, denn das Lied war ungemein rührend. Was ist das für ein Kind, das sie in Schlaf fingt

"

"

Und bei

Ich will Dir was fagen, lob' nur nicht viel zu früh," fand Springer für nöthig zu bemerken, wer weiß, was für Untugenden sie sonst hat. Bei solchen Dirnen muß man sich vorsehen."

Eine Weile tauschten die beiden so ihre Meinungen aus; dann ging die Springerin wieder in die Küche zurück, und der Oberheizer gab dem Gespräch eine andere Wendung. Bald darauf war's schon sechs, und die Männer brachen zur Arbeit auf.

Noch lange flang Lena's Wiegenlied Wenzel in den Ohren nach und auch das, was er bei den Springer'schen ge­hört hatte. Zu dem Bilde der Dirn' mit dem emporgehobenen Hammer gesellte sich jetzt ein zweites: Lena mit dem Kind im Arm, und dies zweite verdrängte das erste. Allerhand Ge­danken wirbelten Wenzel durch den Kopf; sowie er jedoch Lena wieder erblickte, vertrieb das Verlangen nach ihr alle Grübeleien und begehrte stürmisch sein Recht... Der heutige Tag verlief beiden ähnlich rasch wie der gestrige und wie einige nachfolgende Tage.

Bis jetzt wußte niemand um Wenzel's Zusammenkünfte, darum fanden sie nach wie vor ungestört und unverändert statt, mit der Abweichung höchstens, daß die Dirn' manchmal später heimkehrte als in den ersten Tagen. Beider Leiden­schaft wuchs in dieser Zeit und äußerte sich immer stürmischer. Der Eindruck der Erzählung und des Traumes war verwischt, in der Liebesgluth zerflossen. Lena's Nachgiebigkeit und Er­gebenheit verscheuchte den letzten Schatten einer Befürchtung aus seiner Seele. Er hatte die Steinbruchdirn', wie er sich selbst mit einem Gefühl stolzer Befriedigung einbekannte, vollends in der Tasche, er beherrschte sie, und sie folgte ihn blindlings. So weit wollte er sie haben. Seine Wünsche waren erfüllt.

Was Lena's Ruf in der Fabrit anlangt, so verlautete bald, Kruschina wäre ein anständiger Mensch, aber mit der Tochter gebe er sich nicht viel ab und lasse ihr volle Freiheit. Die Dirn' wäre gutherzig über die Maßen, aber zuweilen wie nicht recht beieinander. Die Abende hindurch so trug fich's herum treibt sie sich im Wald umher und kommt erst Nachts heim, giebt nicht viel auf ihr Aeußeres und läßt niemanden an sich herankommen. Jüngst erst ist Nesbeda verdammt

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*) Das Weib des Chwatal; czechische Endung im Dialekt.