2]
Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 20.
Donnerstag, den 28. Januar.
Das Gasthaus gum hungrigen Lamm.
Von Hans Röder.
1897.
( Nachdruck untersagt.) am Altar ja gesagt, hat er nie mehr gethan, was ich will. Zwar verdankte der Amtsrath den Grundstein zu seinem Glück in der Hauptsache dem Vermögen seiner Frau; indessen das war kein Grund für ihn, seiner Gattin dankbar zu sein. Das Wort Dankbarkeit tam überhaupt in seiner Grammatik nicht vor. Nichtsdestoweniger war die Frau Amtsrath ihrem Gatten mit wahrhaftiger Liebe zugethan; sie blickte mit Bewunderung zu ihm empor, denn sie fühlte, daß er ihr und den anderen Menschen, die sie kannte, geistig weit überlegen war.
Die Damen hingegen schienen von dem Eindruck, den der neue Volontär auf sie machte, durchaus befriedigt, jedenfalls war es ihnen anzumerken, daß sie sich frenten, in ihm einen gewandten Unterhalter zu finden und einen Mann, der überdies von der Welt schon manches gesehen hatte. Die Frau Amtsrath bat den jungen Mann, das Mittagbrot Der Amtsrath Reck war einen halben Kopf kleiner als mit ihnen einzunehmen. Judessen Nauck lehnte dankend seine Frau. In jungen Tagen hatte er deshalb sehr hohe ab und empfahl sich bald bis auf den ersten Oktober, da er Absätze an seinen Stiefeln getragen; jetzt war er über solche noch mehrere Geschäfte zu erledigen und deshalb mit dem Thorheiten längst hinaus. Seine Eitelkeit war vollständig nächsten Zuge nach Berlin zurückfahren wollte. befriedigt, wenn er am Ende des Quartals die „ Ein interessanter junger Mann," sagte die Frau Amts- Contocurrentrechnung seines Bankiers in Berlin nachrechnete rath zu ihrem Gatten, nachdem sich Nauck empfohlen hatte. vor seinen Geldschrank trat und die Scheine seiner
Der Mensch, Willy, der Dir gefällt und etwas recht machen kann, soll auch noch erfunden werden," gab die Frau Amtsrath zurück.
Ein richtiges Berliner Revolvermundwerk hat er," ant- Depofiten durchging. Er war auch erhaben darüber, wortete der Amtsrath etwas unwirsch, außerdem ist er mir wenn sein Haus gelegentlich wohl in der Nachbarschaft das auch zu selbstüberzogen, aber man wird ja bald sehen, wes Hotel Keck genannt wurde. Das war ja doch nur der blasse Neid, Geistes Kind er sonst noch ist." weil er es verstand, auch aus seinen Volontären ein schönes Stück Geld heraus zu schlagen. Er blieb trotzdem der königliche Amtsrath, der er war, und außerdem ein gemachter Mann, der jedes Jahr seine 30 000 Märtchen auf die hohe Kante legte und nebenbei noch ein heidenmäßiges Geld für sich selbst verpulvern konnte, wenn er so allein in Berlin war und den lieben Gott einen guten Mann sein ließ. Mochten also die andern über ihn deuken und auch reden, was sie wollten, das ließ ihn falt.
"
„ Ach was, das verstehst Du nicht," sagte der Amtsrath ärgerlich und abweisend, wie er meist zu seiner Frau sprach, wenn keine Fremden zugegen waren. Die Menschen sind nicht so, wie sie sich geben, man muß fie erst näher kennen lernen, wenn man darüber urtheilen will. Du weißt doch, was wir schon alles mit unseren Volontären durchgemacht haben."
Uebrigens ist es auch mein Wille, daß dem Dr. Nauck von unserer Seite in jeder Beziehung freundlich entgegen gekommen wird. Unsere Käthe ist achtzehn Jahr, es wird nun Zeit, daß wir uns allmälig nach einem passenden Mann für das Mädel umsehen."
"
Woran Du auch immer gleich denkst", wandte die Frau Amtsrath ein, das hat doch noch Zeit."
So, die gebratenen Tauben fliegen nicht in dieser Welt herum; man muß bei Zeiten Anstalten treffen, wenn man etwas erreichen will im Leben," fuhr der Amtsrath fort. Wozu plagen wir uns denn mit den Volontären herum, doch nicht etwa zu unserm Vergnügen? Du weißt doch, wie anspruchsvoll und unverschämt diese Menschen mitunter werden?"
„ Ach, Willy, Du hast doch den wenigsten Merger mit Ihnen," wandte die Frau Amtsrath ein. Wie oft bist Du denn zu Hause? Du fährst dann nach Berlin , und ich muß alles allein ausbaden und in Gang halten."
Der Amtsrath lachte:" Ja, und wenn Du die Karre festgefahren hast, muß ich kommen und sie wieder' rausschieben. Das kennen wir doch, liebe Amalie. Es ist mir übrigens vollkommen ernst damit, daß wir die Käthe bald verheirathen; fie ist groß und stark und ihre ganze Natur ist so beschaffen, daß es besser ist, wenn sie einen Mann hat. Das ist nie gut, wenn die jungen Mädchen lange allein bleiben, da kommen sie blos auf dumme Gedanken; man sieht es ja an den Frauentongressen und was die Frauensleute jetzt sonst noch für verrückte Geschichten aufstellen."
Mit seiner langen, spißen Nase, seinen listigen Augen, sowie den unruhigen, sprunghaften Bewegungen seines Körpers erinnerte der Amtsrath lebhaft an den Meifter Reinicke, der den furchtsamen Hasen nachstellt und jeder Gans, der er nur irgend habhaft werden kann, rücksichtslos die Gurgel durchbeißt. Herr Keck war ein hervorragender Rechenkünstler; aber neben der schneidenden Kälte des rücksichtslosesten Egoismus besaß er ein großes theatralisches Talent und die Fähigkeit, im Umgange mit seinen Mitmenschen ganz nach Belieben eine geradezu bezaubernde Liebenswürdigkeit zu entwickeln. Er war wie ein Schlangenmensch biegsam und glatt. Mit seiner liebenswürdigen Schmiegsamkeit wickelte er sich um die Menschen, diejenigen aber, denen gegenüber er sich stark genug fühlte, erdrückte er erbarmungslos, wie die boa constrictor ihre Opfer erdrückt.
Die Geriebenheit des Amtsraths Keck in Schmertow war so groß, daß sämmtliche Handelsleute der Neumark sich fürchteten, mit ihm ein Geschäft zu machen. Aber auch bei seinen näheren Nachbarn war er nicht sonderlich beliebt, weil er diese ebenfalls in früheren Jahren, als sie ihn noch nicht so genau kannten, bei Viehkäufen und anderen Geschäften oft schwer hineingelegt hatte. Trotzdem wagte niemand offen gegen ihn aufzutreten, vielmehr gingen alle mit einer gewissen scheuen Hochachtung um ihn herum; hatte er doch verstanden, sich mit den Jahren in den Ruf eines großen Landwirths vor dem Herrn, einer Zierde und Leuchte seines Berufs zu bringen. Seine Meinung galt etwas bei den maßgebenden Persönlichteiten des Kreises. Außer in Geschäften war er ein bequemer und umgänglicher Mann und auch in Berlin unterhielt er einflußreiche Beziehungen. Das rieb er seinen Freunden „ Und dann," fuhr der Amtsrath fort, habe ich Dir doch und Feinden mit einer ftaunenswerthen Unverfrorenheit von jeher gesagt, daß mein letzter Gedanke bei der ganzen Ge- gelegentlich immer wieder unter die Nase, und deshalb schichte mit den Volontären immer der war, daß wir auf diese hüteten sich alle, es offen mit ihm zu verderben. Freilich Weise unsere Töchter am besten versorgen können. Du kannst heimlich zischelte man oft über ihn und hatte ihm doch nicht verlangen, daß ich mit Euch auf den Heirathsmarkt den Spitznamen der Bruder Geheimrath" beigelegt, weil nach Berlin ziehe. Erstens wird das zu theuer und zweitens, die Worte, mein Bruder, der Geheimrath in Berlin " wenn ich nach Berlin fahre und meinen Kopf voller Geschäfte schließlich zu einer stehenden Redensart in seinem Munde geund Sorgen habe, dann kann ich mir nicht noch die Nächte worden waren. Einer der Keck's, ein verstorbener Onkel, hatte mit Euch auf Gesellschaften um die Ohren schlagen, dann muß es als Paragraphenschieber sogar bis zur Exzellenz gebracht, und ich meine Ruhe haben und allein sein. Du weißt nun, was ich auch diese bedeutsame Thatsache verfehlte der Herr Amtsrath denke und was ich will und so wird es gemacht." Er drehte nicht, unermüdlich wie er war, dem Gedächtniß der Mitwelt sich um und ging. zu erhalten.
Die Frau Amtsrath schwieg, sie hatte in ihrer zwanzig- Wenn nun auch der Amtsrath Keck in Schmerkow weit jährigen Ehe Schweigen gelernt. Pflegte sie doch in naiver und breit für einen hervorragenden Landwirth galt, und jahr Offenheit gelegentlich selbst zu sagen: Als wir Brautleute ein, jahraus zahlreiche Volontäre und und Lehrlinge nach waren, hat mein Willy alles gethan, was er mir nur an den Schmertow wallfahrteten, um sich daselbst in die GeheimAugen absehen konnte; aber von dem Augenblick an, wo ich nisse der Landwirthschaft einweihen zu Lassen, als