Wnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 23. Dienstag, den 2. Februar. 1897. kNachdruck virboten.) ») Fakobl dev Vekzke. Eine Waldbauerngeschichte aus unseren Tagen. Von Peter Rosegge r. Erster Thcil. Ein seltsames Pfiugstfcst. TaZ war am heiligen Pstugstsonntag nach der Mahl« zeit. Jakob, der Hausvater, saß in der wohl durch- wärmten Stnbe und las in einem alten Buche. In weißen Hemdärmeln, wie er war der durchnäßte Lodenrock trocknete am großen Kachelofen stützte er seine Arme breit auf den Escheutisch, und die Finger über dem Buche ineinander- geschlungen, las er dasBesetzel" vom heiligen Geiste. Er­las vielleicht nicht mit voller Andacht, wie sie sich für einen so hohen Festtag wohl geziemte, denn bisweilen hob er sein Haupt und blickte zuni Fenster hinaus in das Schneegestöber. Tie Flocken wirbelten so dicht, daß die Linde, die dort an der Wcgthorschranke stand, nur als dunkle, verschwommene Blasse durch das trübe Grau schattete. Die hohen Fichtenbänme vor dem Hause, welche kaum über die Hälfte hinauf sichtbar ivaren, beugten ihre verknorrten Aeste unter den Schneelasten, die jungen Lärchen aus dem Anger standen ivie Zucker- hüte, und dort, wo gestern die»laienhaft blühenden, duftenden Hollunderfträucher gestanden, waren eitel Schnceberge. Die Säulen der Thorschrauke hatten hohe Hauben auf,>vie der Bischof, wenn er draußen zu Sandebeu die Firmung hält. Die Zaunstecken hatten spitze und stumpfe Hütlein, Helme, Schnäbel, Kissen nild Bänder voii Schnee. Wenn das Pfingststaat sein soll! Jetzt kam der Wind und fegte den Schneestaub voir den Bäumen, Sträuchern und Dächern des Hofes und ließ ihn tanzen und wehte ihn an die Fenster, wo er sich in die Ecken, Ritzen und au die Rahmen schmiegte. .Gott sei Dank, daß der Wind kommt!" sagte der Jakob, .sonst wollt's bald Fetzen geben in den Kirschbäumen und Linden. Die Elcssen-(Traubenkirschen-) Stauden hat's schon zerrissen. Ist ein schlimmer Kamerad, der Schnee, wenn er zu solcher Jahreszeit komint/ Auf den Dachgiebeln und unter den Vorsprüngen der Dächer hüpften und schwirrten Vögel umher; die Finken und Drosseln waren vom Walde, die Zeischen und Lerchen von dein Felde hergekommen und mußten sich bei den Schwalben zu Gaste laden, Schutz und Unterstand suchen im Reuthofe. Alis dem Hause war ein wilder Knabe gestürmt, um mit Echnccballcu nach ihnen zu werfen. Der Jakob beobachtete den Knaben, der mit glühenden Wangen und Augen im Schneegestöber umlief, von jungen Bäumen den üppigen Flaum aus sich niederschüttelte und mit Geschrei und Gcschlcuoer das rathlose Geflügel verfolgte. Schier mit Wohlgefallen schaute der Jakob daraus hin, als dächte er: das wird auch einmal ein rechter Altenmooser Jodel! Daiin öffnete er das Fenster und rief scharf hinaus: .Jackerl! Laß mir die Vögel in Ruh' und geh' herein, es ist zum Beten!" Jetzt stand der Hausvater aufrecht. Was er i« seiner Gebirgscracht für ein strammer stattlicher Mann war! Das frische, jugendliche Gesicht glatt rasirt bis auf den Schnurrbart; die Nase scharf und kühn gebogen, die Augen unter dunklen Brauen etwas tief liegend und freundlich blau voii Farbe. Bart und Haar waren lichtblond und schimmerten schier ein wenig golden; letzteres war rückwärts kurz ge- schnitten und vorne quer und locker über die Stirne gelegt. An der Stirne waren, wer genau sehen wollte, einige Blatternarben. So aufrecht der Mann dastand, der Kopf war leicht vorgeneigt, das ist kein Wunder bei einem hochgewachsenen Haus- und Familienvater, der auf die Seinen immer herab- schauen muß, der auch das kleinste zu seinen Füßen kniende oder au seinen Knien krabbelnde Wesen nicht übersehen darf, der seine Kraft und seine Sorge und seine Liebe aus dem Boden zieht, auf dem er steht, und von seinem Haupte wieder nieder spendet auf diesen Boden und auf alles, was darauf ivächst und ihn umgicbt. Er ist immer der Säeuiann und der Criuende zugleich. Nun spitzte der Jakob die Lippen nnd that einen hellen Pfiff. Alsbald kamen die Hausleutc aus den Kammern, aus der Küche, aus den Stallungen herbei und versammelten sich in der großen Stube zur Pfingstaudacht am Nachmittage, die heute nicht wie sonst draußen in der Kapelle abgehalten werden konnte. Es waren derbe, eckige Knechte und schäkernde Mägde; es war ein buckliches Mänulein dabei und es ivaren halb- erwachsene Jungen, gleichsam eine niedergehende und eine auf- gehende Zeit. Alles harmlos munter. Es kam auch die Haus- muttcr herein, ein etwas schmächtiges blasses Weib, welches, so jung an Jahren es noch sein mochte, allen Uebermuth und alle Bausbäckigkeit den Kindern abgetreten zn haben schien. Nur ein Knäblein hing an des Weibes Kittelsalte, das noch bläfser als die Mutter war und seltsam große kreisrunde, ganz Vergißmeinnicht blaue Augen hatte. Auch der Knabe Jackerl war zur Thür hereingetollt, über und über voller Schnee, wurde aber in solcher Gestalt vom Vater zurück in die Küche gewiesen, wo er den Hut ausschlenkernd der alten am Herde kauernden Einlegerin Schnee und Wasser ans Gewand warf. Weil die Alte sich dagegen auflehnte, so sprang er an die Hühuersteige, die unterhalb des Herdes war, sprengte Wasser hinein und trällerte: Hendl bi bi, Hendl bo bo, Wannst ma loa» Orl(Eierchen) giebst. Stich ih dih oh!" In der Stube gingen die Leute zu den Sitzbäuken, die rings an den Wänden sich hinzogen und knieten davor auf dem Fußboden nieder, so daß sie bei gefalteten Händen ihre Ellbogen auf die Bänke stützen konnten. Der Jakob nahm vom Hausaltare, der hoch in der Wandccke augebracht war, das kleine hölzerne Crncifix herab, stellte es mitten auf den Tisch und zündete davor eine aus dem Wachsftock abgewickelte Kerze an. Daun laugte er vom Wandnagel die große Rosen- krauzschuur, kniete damit auf einen Schemel au dem Tisch, machte unter lautem Ausruf der Worte mit dem Daumen über Stiril, Mitud und Brust die Kreuzzeichen und begaun zu beten. Jetzt wollen wir", Hub er an,zum heilige» Geist rufen, daß er uns erleuchte rn Glück und Unglück zrnn rechten Thun und Lassen. Und ivollen Gott bitten um ein gesegnetes Jahr iu Feld und Stall für uns, unsere Nachbarn und alle Freund' und Feind'. Wollen auch beten für alle, die aus diesem Haus hinausgestorben sind christlich zu gedenken." Daun beteten sie denglorreichen Rosenkranz" zum Gedächt- nisse an die Auferstehung, Himmelfahrt des Herrn und an die Sendung des heiligen Geistes. Der Hausvater sprach stets den ersten Theil des Gebetes, das Gesinde sprach im Chor den zweiten Theil desselben, und es erscholl schier harmonisch wie gedämpfter Orgelklang. Während des Gebetes wollte zwar ein vorwitziger Knecht > einer schalkhaften Nachbarin mit dem Zeigeflnaer einBröserl den entblößten Arm kitzeln; der Hansvaler Härte das mühsam und vergebens verhaltene Kichern der Angegrisseueu, setzte einen Augenblick im Gebete ans und warf einen ernsthaften Blick auf das schäkernde Pärchen, sofort war dieses ruhig, und die Andacht nahm ihren würdigen Fortgang. Noch bevor sie zu Ende war, polterte zur Thür ein Mann herein, stampfte an der Schwelle den Schnee von den Füßen, schüttelte den Schnee von Hut und Rock, kniete dann neben einen Knecht an die Bank hin und betete mit. Er wurde weiter nicht beachtet. Als das Gebet unter nochmaliger Anrufung des göttlichen Geistesum Weisheit und Beständigkeit" zn Ende war, und der Hausvater das Kreuz gemacht hatte, sagte dieser, sich von seinem Schemel erhebend:Schau, der Kuatschel! Wir haben Dich ein wenig zum Beten gebraucht." Schadet mir eh nit," antwortete der früher Eingetretene, während auch er steif und unbehilflich aus der knienden Stellung aufstand. Der Nachbar Knatschel war's, der auf dem Heimweg aus Sandeben im Reuthofe zusprach, um sich ein wenig von der Unbill des Wetters zu erholen. Er war ein untersetzter Mann mit kurzem Halse und breitem, stets gutmüthig lachemdem Gesicht, das heute vom Frost und vielleicht auch von etwas anderem geröthet war. Ein sauberes Pfiugstfonntagswetter, das!" sagte der Kuatschel.