Anterhaltungsblatt des Vorwärts
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Nr. 46.
Jakob der Lehte.
Freitag, den 5. März.
Auch die letzten ziehen fort. Stirbt gach da liabsti Mensch hinaus. 3'erst schreit ma laut, daß's gellt in Haus Aft woant ma still, sa long as lind Da tüahli Brunn von Augnan riunt. Aft geht ma starr und stumm daher Und woant nit mehr und locht nit mehr. Und' s Herz is g'spirt mit G'schloß und Bond -Da Schlüssel ligt in Gotteshond.
Co war's wohl auch bei unserem Jakob. Der Schlüssel, der in Gottes Hand liegt, war ihm die Arbeit. Und als er wieder auf seiner Scholle altete und der fühle Erdgeruch um ihn emporthaute, da ward ihm leichter und er gewann neuen Muth und neue Kraft.
Eines Tages, als er in der Wasserstube seiner Kornmühle saß, um das schadhaft gewordene Rad auszubessern, schante ihm dabei der Pfarrer von Sandeben zu, ohne daß er es merkte. Im Rauschen des vom Floße niederstürzenden Waffers hatte er die Schritte des Nahenden nicht gehört.
Der Pfarrer von Sandeben pflegte in Häuser zu gehen, wo das Unglück eingekehrt war, falls mau von ihm Trost oder Rath heischte. Bei den Glücklichen ist der Priester nicht immer willkommen, aber in der Betrübniß thut ein milder Spruch, sei es nun Gottes- oder Menschenwort, wie Balsam wohl. Mit befriedigtem Kopfnicken schante der Priester dem Jakob zu, welcher voller Ruhe und Behaglichkeit damit beschäftigt war, ein paar locker gewordene Taufeln des Wasserrades festzunageln.
Gott grüß' Euch, Reuthofer!" sprach ihn der Pfarrer endlich an. Ihr seid halt immer recht fleißig."
Als der Bauer sah, wer dastand, richtete er sich auf und zog den Hut vom Kopf. Der Herr Pfarrer!" sagte er, das ist was Seltsames. Wir friegen den Herrn nicht gar oft zu sehen in Altenmoos."
" Wäre gerade kein schlechtes Zeichen," entgegnete der Pfarrer lächelnd. Wenu Arzt und Priester viel in der Gegend umgehen, so bedeutet das nicht viel Gutes."
it so, ist so," sagte der Jakob.
Und fann man wohl einmal eine Ausnahme machen und auf einen kleinen Plausch zusammen kommen." „ Es gefreut mich," sagte der Jakob.„ Ein wenig ab raften!"
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1897.
Das kann man just nicht sagen," antwortete der Jakob, zu theil tragen wir sie hinaus und zu theil gehen sie auf den Füßen davon."
ft gescheiter, man geht auf den Füßen davon, als man wartet auf das Hinausgetragenwerden," so der Pfarrer. Der Jakob starrte in die Luft und paffte viel Rauch von sich.
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Meint Ihr nicht, Reuthofer?" fragte der Pfarrer.
" Ich meine," sagte der Bauer, ich werde wohl auf das Hinausgetragenwerden warten."
Der Pfarrer legte seine Hand, die Zigarre zwischen den Fingern, aufs Knie. So viel ich sehe," sagte er, wird Euch der Wald bald über den Kopf zusammenwachsen."
" Ist schier nicht anders," versetzte der Jakob mit einem trüben Auflachen.
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" Das ließe ich mir nicht gefallen, wenn ich Bauer wäre, sagte der Pfarrer. Der Kornhalm braucht Sonnenlicht und der Mensch muß in den freien Himmel aufschauen tönnen." " Wir Altenmooser sind nicht schuld daran, wenn's finster wird um uns."
" Jakob Steinreuter," sprach jetzt der Pfarrer und schaute dem Bauer freundlich ins Gesicht, jedes Menschen Recht, ja Pflicht ist es, sein Dasein zu verbessern, wie er fann. Die meisten Eurer Nachbarn haben das auch eingesehen. Man tann nicht sagen, daß es ihnen gut gehe draußen in den fruchtbaren Gegenden, aber es geht den meisten von ihnen doch erträglich und jedenfalls besser, als wenn sie in Altenmoos geblieben wären. Die Zeit hat einen anderen Lauf genommen. Die entlegenen Berggegenden müssen wieder Wildniß werden. Altenmoos wird's auch."
" Und so gelaffen, jo gleichgiltig kann der Herr das sagen?" versetzte der Jakob.
Wenn man es seit Jahren kommen sah, mein lieber Nenthofer!"
Hört man immer, daß der Leute zu viel würden in unseren Ländern, daß sie auswandern müßten nach Amerika , nach Bosnien , was weiß ich wohin, und mit harter Plag Wildnisse ausrotten. Und die alte Heimath lassen sie zur Wildniß werden. Ich verstehe das nicht, ich verstehe es nicht." So der Jakob.
" Offen gesagt, ich verstehe es auch nicht," versetzte hierauf der Pfarrer. Im Menschengeschlechte vollziehen sich die Aenderungen mit elementarer Gewalt, gleichsam wie der Wechsel der Jahreszeiten, wie Ebbe und Fluth auf dem Meere, wie das Vorwärts- oder Rückwärtsgehen der Alpengletscher, wie das Beben der Erde und wie die Bulkanausbrüche. Mau taun wohl fragen, ob es zum Guten oder zum Schlechten sei, aber mai muß es geschehen lassen, weil man es nicht hindern kann."
" Nicht hindern können!" murmelte der Jakob vor sich hin. So ist aller gute Willen umsonst und alle Lehr'. Mein Vater hat oft gesagt: Was die Leute nie und nimmer wollen, das geschieht nicht unter ihnen. Es geschieht nicht."
Vor der Mühle war eine Bank, auf welcher, wenn drinnen die Räder dröhnten und das Brünnlein des Kornes gleichmäßig in den Hals des Mühlsteines rann, der Jakob gerne saß und hinausschaute über die grüne Wiese und hinan" Ja, wenn alle denselben unwandelbaren Willen hätten! 31 seinem still und behäbig auf der Anhöhe liegenden Hof, sprach der Priester." Manchmal jedoch heben Menschen, entSer sein Stolz und seine Freude war. Auf diese Bank setzten gegen ihren eigentlichen Absichten, aus Vorwih und Ueberfie sich nun zusammen. Der Pfarrer brannte sich eine Zigarre muth etwas an, worunter sie hernach zu grunde gehen an und wartete auch dem Bauer eine auf. Obwohl der müssen." Jakob kein Raucher war, so paffte er sie aus Häflichkeit an dem Streichholze an, das ihn der Pfarrer entzündet hatte. Er nebelte sehr heftig, weil er glaubte, sonst gehe das Feuer aus. Der Pfarrer blies nur von Zeit zu Zeit bedächtig ein Wölklein los und man hätte wohl merten mögen, daß er mehr an etwas anderes, denn ans Rauchen dente.
,, Wird Euch nicht die Zeit lang, Reuthofer!" fragte der Pfarrer.
„ Eher zu kurz, Herr Pfarrer. Nur bei der Nacht geht's mir zu langsam und freue ich mich schon allemal aufs Licht werden, daß ich zur Arbeit komme.
Fehlt Euch nach des Tages Last denn der Schlaf?" Manchmal ist er geschwind da, kaum ich ins Bett falle," fagte der Jakob. Wenn er aber die ersten fünf Minuten nicht kommt, dann gerathe ich ins Nachdenken über Allerlei, und aus ist's."
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,, Davor müßte beständig gewarnt werden," sagte der Jakob. Was jetzt geschieht: Dem Herrn Pfarrer kann's doch unmöglich recht sein, daß Altenmoos zu grund' geht. Es ist ja ein großer Schaden für die Pfarre, für die Pfründe, für Sandeben, wenn Altenmoos erstickt wird."
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Mein lieber Reuthofer, sagte der Pfarrer, wie sehr habt Ihr da Recht, wie sehr habt Ihr Recht! Ja, ich sehe noch mehr Schaden. Ich sehe den Schaden, den die Leute nehmen, wenn sie ihre Heimständigkeit aufgeben, gleichsam vom Schiffe hinausspringen ins hohe Meer. In der Fremde werden fie Werkzeug, Waare, man müßt sie aus und wirft sie dann weg. Ich sehe den Schaden für die Religion, die nur in dem festgeschlossenen Bauernthum ihren sicheren Hort hat. Ich sehe den Schaden für den geschichtlichen Staat. Wenn im Bolke das Patriarchenthum zu grunde gerichtet wird, wie soll es im Staate sich halten?"
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" Ich kann mir's denken, daß Ihr Euere Sorgen haben Und doch ist ein in unserem Lande vor kurzem answerdet, da herinnen," entgegnete der Pfarrer, und doch gearbeitetes Jagdgesetz zum Schutze des Bauernstandes vom stemmen sich die Reuthoferleute immer noch fest in Altenmoos." Landesvater nicht unterschrieben worden," bemerkte der Jakob.