Mnterhaltungsblatt des Forivärts Nr. 48. Dienstag, den 9. März. 1897. 2si Fakob der Letzte. Eine Waldbauerngeschichte aus unseren Tagen. Von Peter Rosegge r. Jakob besucht seine Kinder. Die jungen Pächtersleute in der Gemeinau hatten ein Kind bekommen. Als ob das Töchterlein mit großer Absicht keine geborene Altenmooserin sein wollte, war es gerade drei Tage nach der Auswanderung ans Licht der Welt gegangen. In der Gmeinau, wo weit und breit kein Waldbaum stand, schien dieses Licht der Welt auch viel Heller und wärmer, als in den Waldschatten der Sandach. Die Angerl schrieb dem Vater Jakob, er möchte kommen und seine kleine Enkelin ansehen.„Ist er nur erst einmal da/ sagte sie zu ihrem Florian,„dann wollen wir es ihm hier so lieb und gut machen, daß er auf sein Altenmoos vergessen soll." „Dazu wirst Du ein großes Glück von Nöthen haben," sagte der Florian. „Wenn ich's auch nicht so auslegen kann, wie gern wir ihn haben, so meine ich doch, er müßt' es verspüren, wie man beim Ofen die Wärme verspürt, ohne daß man Feuer zu sehen braucht." Der Florian schaute seinem Weib ins Auge und war stolz darauf, daß sie so feine und gescheite Gedanken hatte.„Wenn die kleine Mirl auch so wird!" „Die wird noch gescheiter," sagte sie,„in der ist auch Deine Gescheitheit dabei. Die wird erst einen Buckelkorb haben müssen, daß sie ihren Verstand ertragen kann." So neckten sich die beiden. Dann richteten sie dem Vater Jakob das gute Stübel ein nnd sie selbst zogen mit dem Kinde in die Nebenkammer. Sie ordneten alles so an, wie sie wußten, daß es der Vater ge- wohnt war, nur daß sie es viel feiner und behaglicher zu machen wußten, als es im Reuthofe je gewesen. Ter Jakob machte sich im nächsten Frühjahre denn auch wirklich auf nnd reiste nach der Gemeinau. Als er in das weite Thal hinaus kam, wunderte er sich, wie da alles schon so schön sommerlich war, während in Altenmoos noch überall der Schnee lag, der schmutzige, mit Fichtennadeln und Zapfen- schuppen durchsetzte Schnee. Auf den schlechten Wegen waren noch die Eiskrusten oder rann das trübe Wasser. Hier im Thale der Gemeinau lagen die Straßen blendend weiß und trocken, und der Maiwind fächelte Staub empor. Auf den Feldern grünte die junge Saat, Apfebänme blühten und auf den Wiesenraine» schnitten die Häuslerinnen schon junges Futter. Der Jakob freute sich an der schönen Welt nnd gönnte es den Leuten der Gemeinau, daß sie eine solche Heimath hatten. Das Hans seiner Kinder war schwer zu erfragen. Uebcrall stattliche Gehöfte, überall vielwissende Leute, aber von den aus dem Gebirge Eingewanderten wollte keiner gehört haben. Endlich erinnerte sich ein Weib, daß im Steinhäusel seit einem Jahre fremde Pächtersleute hauseten. Man sehe sie fast nie, sie wären immer daheim auf dem Anwesen und sehr fleißig. aber sie verstünden nicht recht zu wirthschaften, sie machten alles so, wie sie es im Gebirge, aus dem sie gekommen, ge- macht hätten, nnd das tauge hier nicht und sie würden tüchtig zu thun haben, um sich aufrecht zu halten. Draußen hinter dem Dorfe war ein dürrrer steiniger Bühel, fast der einzige Steingrund in diesem fruchtbaren Thale . Und dahinter duckte sich das Häusel, in welchem die Altenmooserleute lebten. Ein alter halbverdorrter Birnbaum ragte mit seinen starren Besen über den Dachgiebel auf, ab- seits war noch einiges Buschwerk und dann Ingen die Aecker- lein, auf deren fahlen Erdgrunde das Korn emporsprießte in röthlichen Spitzen. Das Häusel war viel kleiner, als der akob nach dem breiten, zu allen Seiten weit hinausstehenden trohdach vermuthet hatte, aber um dasselbe war Brennholz nnd Gerathe in guter Ordnung geschichtet und gerichtet. Die Angerl war vor der Hausthüre eben damit beschäftigt, weißen Federflaum auf ein Brett zu streuen und in der Sonne zu lockern. „Schau, schau, was in der Gemeinau die Schafe für eine feine Wolle geben!" Mit diesen Worten trat der Jakob vor und begrüßte seine Tochter. Diese sprang ihm mit einem Freudenschrei an den Hals. So heftig war sie ihn in Altenmoos nie angesprungen. „Ja," lachte sie hernach,„das ist aber keine Schafwolle, das sind Bettfedern." „So, Bettfedern! Hoch hinaus! Gefreut mich, daß Euch schon die Federn wachsen. Hoch hinaus „Ist nicht so vornehm, wie es ausschaut," sagte die Angerl.„Fliegen thun wir noch alleweil nicht. Nein, wirkliche Federn, so weit haben wir es noch nicht gebracht, beileib nicht. Das da ist nur der weiße Flaum, der im Herbst auf den Disteln wachst. Disteln haben wir genug ans unserem Grund, so nutzen wir sie und habe ich im vorigen Herbst den Flaum gesammelt, man liegt just so gut darauf, wie auf Federn.— Aber Vater, so kommt doch in die Stube, ihr müßt ja die kleine Mirl anschauen.— Mirl! Mirl!" rief sie in die Stube voraus,„der Aehndl(Großvater) kommt! der Aehndl ist da!" Das kleine Mädchen hockte im Nest, guckte mit seinen blauen Auglein ein wenig befremdet auf den großen Mann, der jetzt eintrat, den es im Leben nie gesehen hatte, von dem jetzt so viel Aufhebens war und dem es gar das Händel und einen Kuß geben sollte! „Ganz dem Friede! seine Augen hat sie," sagte Jakob mit Befriedigung,„und das ist brav von Euch, daß Ihr der Kleinen den Namen von der Groß...utter gegeben habt. Nur solltet Ihr aus dem schönen Namen Maria nicht das Mirl machen." „Mirl!" rief die Angerl lachend,„gefällt Euch das nicht! Da in der Gemeinau ist es halt so der Brauch und jede Maria heißen sie Mirl." „Nun ja," niurmelte der Jakob halb für sich hin,„wenn's so der Brauch ist in der Gemeinau, nachyer ist's freilich was anderes." „Ich will sie Euch zu Lieb' aber gerne Maria heißen," sagte die Augerl.„Was ich doch kindisch bin! Da schwatzen und Ihr habt nichts Warmes im Magen. Zuerst muß ich noch den Florian rufen, der thut auf dem Felde draußen Steine graben." „Steine graben!' sagte der Jakob,„auch hier müsset Ihr reuten!" Sie war schon fort und er saß im Stübel allein bei seiner Enkelin. Da wurde ihm ganz warm ums Herz. Und als er das weiche Händchen festhielt und als ihn das schöne blondlockige Kind so klug und treuherzig anblickte, da war ihm schier, als wäre er nach langem Irren in der Fremde heim« gekommen. So blieb der Jakob nun ein Weilchen im Steinhäusel. Am ersten Tage that er nichts, als mit der kleinen Maria spielen und scherzen und in der kleinen Wirthschaft des Schwiegersohnes sowie im Dorfe herumgehen. Da sah er allerhand Neues. Manches gefiel ihm nicht übel, aber zu dem meisten schüttelte er den Kopf. —„Viel Schale und wenig Kern!" sagte er. Am zweiten Tage that er sich nach einer Be- schästignng um, aber es gab nichts Rechtes und die Werkzeuge waren ihn» unhandlich. Der Florian ging ins Tagwerk aus, das war sein Haupterwerb und er mußte bisweilen viel herum- fragen, bis er Tagwerk fand.„Ist auch wieder was Neues," bemerkte der Jakob einmal,„zu Altenmoos betteln arme Leute blos ums Essen, dahier auch um Arbeit." Die Kost, welche die Angerl ihrem Vater vorsetzte, wollte ihm nicht recht schmecken. Gut war sie freilich und mit Fleiß gekocht; sogar Kaffee. Butter und Honig gab's. Aber der Jakob dachte bei jedem Bissen daran, daß er um theures Geld gekauft werden müsse, und ein richtiger Ge- birgsbauer sieht in solcher Gebarung den Untergang, selbst wenn die gekaufte Kost mit den Einnahmen im Verhältniß stünde. An seiner Tochter sah er jetzt eine Art Leichtsinn, den er daheim nicht an ihr bemerkt hatte. Nur heiter sein und den Tag loben, es wird sich schon geben. Nicht beständig das Leben sich mit Sorgen und Grämen verkümmern. Klopft die Roth an und man macht nicht aus, so geht sie wieder voriiber.— Das war so das Denken der Angerl. Dem Jakob gefiel, das durchaus nicht. Die Weltlente trösten sich alle ähnlich, bevor
Ausgabe
14 (9.3.1897) 48
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten