Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 70. and ind
Donnerstag, den 8. April.
( Nachdruck verboten.)
Ein alter Streik. Roman aus dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre
von Wilhelmine v. Hillern.g Omei," sagt diese verlegen; i hab' ja nix thuen dürfen, was bei christliche Leut der Brauch ist mit'm Guldenstückt bin i z'frieden da will i Euk noch derfür bet'n!"
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1897.
die Gruberin, die sich berufen fühlt, bei solchen Gelegenheiten den Herrn Pfarrer zu vertreten.
Sebald holt alles herbei. Wiltraud fann kaum den Fuß
entgegen.
rühren. Von Sebald unterstützt, schleppt sie sich den Leuten " Mir scheint, die kriegst au bald," wispert eine der Frauen dem Leichenweib ins Dhr. Diese nickt ihr be deutsam zu.
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Sie tragt's gar zu schwer!" meint eine andere. " O mei, dös sind Leut', die hab'n tei Religion, die schicken sich halt nit drein!" zischelt die Gruberin. " Jesus , wie schaut die aus!" sagt eine dritte, nachdem sie's Weihwasser gegeben hat. - Gar a so arg muß mer doch au nit thuen, mei, der ist gut aufg'hebt." " Ja, ja, dös ist g'wiß", bestätigt der Chor der Weiber. Jetzt fahren fie alle auseinander-„ der Herr Pfarrer timmt."
Der Fremde giebt ihr den Gulden. Bet Du für Dich selber, daß Dir unser Herrgott die Bosheit verzeiht! Und hörst weg'n dem Vogel halt'st Dei Goschen oder' s giebt amal' n Strohwisch aufs Dach!" Und damit ist der Manu verschwunden.
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Jesus Maria," schreit das Weib. A Haberer! Sind die wieder um d' Weg? No da können s'heut' in der Kirche was' hören krieg'n! Also mit die Haberer haben's die da drinn?" sagt sie nach einigem Befinnen leise zu dem vertrauten Schreiner. Dös ist gut, daß man's weiß. Dös steck' i aber der Pfarrersföchin wann i auch dös von dem Vogel verschweigen muß!"
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" Ah, der Baldl, der ein'zog'ne Bua ist bei die Haberer? Ja, ja, stille Wasserlu san tief!" sagt bedeutsam Ser Schreiner, steckt sein Geld ein und fährt mit seinem Karren davon. Die Gruberin aber bleibt noch da. Sie muß doch sehen, was aus der Traudl geworden ist, und sich wieder ein bißl wohl dran bei ihr machen, denn wer mit den Haberern gut Freund ist, der ist zu fürchten.
Wiltraud sist, von den Armen des Bruders umschlungen, auf der Bank neben dem Sarg. Ihr Haupt ruht kraftlos an Sebalds Schulter, ihr Athem geht furz und bang. Sie ist völlig zusammengebrochen.
Die Gruberin zeigt jetzt, was für ein christliches Weib sie ist und nimmt sich um sie an." Ja, Du arm's Lent, Du bist ja ganz vom Verstand. Haft noch nit amal' n Kaffee trunkent?" Und als Wiltraud mechanisch mit dem Kopf schüttelt, jammert sie voll Mitgefühl:" Ja, was ist dös! Wie kann ma denn dös alles aushalten, wenu ma nig im Leib hat!"
Wiltrand dentet mit einem bittenden Blick auf den Bruder.
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„ Ja, ja, i versteh schon! I mach Ent jetzt' n guet'n Kaffee. Wo haft ihn denn, in der Tischschubladen? Brot hast tein's im Haus und g'wiß au kein Zucker?" Traudl verneint. hab's ganz vergessen!"
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, O mein Gott! Ja no, dann müßt's ihn halt bitter trinken." Traudl", sagt Baldl, als die Gruberin in der Küche ist, ,, i spring noch g'schwind ins Dorf' nunter und hol' Dir was 3'effen!"
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Das geht nit, wir haben kein' Kreuzer mehr im Haus!" flüstert Wiltraud ihm zu. Er aber flüstert ebenso leise: Dös thuet nix. I hab' a Geld!"
Um Gotteswillen! Woher?"
" A Fremder, a ganz a fremder Mann hat mir's grad, eh der Schreiner kommen ist, in d' Hand druckt und g'sagt: Für's Nöthigste! und vor i ihm danken könnt hab', war er weg." Wer kann denn dös g'wesen sein?" sagt Wiltraud mißtrauisch: Baldl i hoff' nit, daß Du mit die Haberer im Einverständniß bist? Sag' mir's ehrlich!"
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" Ich? Nein g'wiß nit, aber der Lenz
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" Sei still!" sagt Wiltraud erschrocken. Die Gruberin kommt mit dem Kaffee und für die brennenden Lippen der beiden Verschmachteten ist der bittere Trank doch ein Labsal.
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Mit so eiligen Schritten, als es die Würde seines Amtes nur irgend erlaubt, kommt der geistliche Herr im Geleite zweier Ministranten daher. Er muß es heute schnell machen, denn er hat wichtigere Dinge vor. Ist es doch heute ein großer, ein seltener Tag, der ganz besonders gefeiert werden muß der Tag, wo endlich einmal wieder eine kirchliche Manifestation stattfindet. Der Hirtenbrief ist eingetroffen! Jedermann weiß, was das heißt. Was ist so eine arme, kleine Leiche für einen Mann, der sich in diesem Augenblick als den Vertreter der höchsten Kirchengewalt empfindet! Solche niedere Dienste thut man eben in vorschriftsgemäßer, christlicher Demuth, aber der Geist weilt bei Wichtigerem. Die Gruberin hätte das von dem Vogel nicht einmal anbringen können, wenn sie auch gewollt hätte, so zerstreut und unnahbar war der Herr Pfarrer heut.- Rasch war der Sarg eingesegnet, und eben so rasch, ohne Wiltraud und ihren Bruder eines Blickes zu würdigen, ging es nun dem Sarg voran, den Berg hinunter. Die Träger müssen sich schleunen, daß sie mit ihrer Laft nachkommen. Zum Glück ist das arme Manndle nit schwer,' s war scho schier nig mehr au ihm, als Haut und Beiner!" sagen die Leute. Aber Wiltraud kann so schnell nicht folgen, ihre Knie zittern, und sie strebt, von ihrem Bruder geführt, vergebens vorwärts, so daß eine weite Lücke zwischen ihr und dem Zug entsteht. Auch Gemming geht mit den Leidtragenden, wie er's gestern versprochen hat. Dann folgen die Männer, die Lehrer mit den Schulbuben und zuletzt die Weiber, alle betend, wie sich's gehört.
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Endlich gelangt man auf den Kirchhof. Der Herr Pfarrer und die Träger mit dem Sarg sind schon lang da, und der Herr Pfarrer richtet einen strengen Blick auf Wiltraud, die das ganze Trauergeleit aufhält.
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Sagt mir nur," brummt Gemming leise, was ist denn das für a G'läut, wie mit der Armensünderglock?"
"' s ist halt ein Begräbniß dritter Klass'" erklärt Sebald, da läut't man nicht mit der großen Glock,- sonst wär' ja kein Unterschied zwischen die Armen und Reichen!"
" So?" murmelt Gemming zwischen den Zähnen, für den braven Mann nix als das Zügenglöckl? No wartet, Euch will ich helfen!" Und mit drei Schritten ist er im Glockenthurm und befiehlt den Buben, den großen Strang zu ziehen. Diese schauen ihn erschrocken an. Dös dürf'n wir nit!"
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Dös woll'n wir sehen, ob ihr das nit dürft, ös Lakel! Da an dem Strang wird g'litten und wann der Herr Pfarrer fragt, na sagt nur: Ich hätt's gethan, der Gemming! Marsch vorwärts!" Dann eilt er wieder zurück und als Wiltraud ans Grab tritt, läutet schön und feierlich die große Glocke.- Der Geistliche sieht erstaunt den Mesner an dieser schüttelt den Kopf, als könne er es nicht erklären. Es ist eben ein Frrthum von den Buben- und im Augenblick nichts zu machen. Man kann nicht das ganze Begräbniß aufhalten, daß die Sache noch mehr verzögert wird, als sie ohnehin durch die Langsamkeit der Tochter ist. Unter den üblichen Formeln wird nun der Todte ohne weiteres ins Grab gesenkt. Der Geistliche verliest die PerSie hilft Wiltraud sich aufrichten. Es geht,-es fonalien und betet das Vaterunser. Etwas Weihrauch wird muß gehen," sagt diese schwach und hält sich standhaft gespendet. Der Lehrer singt mit den Schulkindern das aufrecht. Benediktus. Die Erde rollt auf den Sarg und die Leich " Jesus' s Weihwasser
So, jetzt tönnt's es wenigstens aushalten!" sagt das Weib und schlürft den Rest, den Wiltraud ihr aufnöthigt. „ Kannst jetzt wieder stehen? probir's amal! Grad fangen fie's Läuten an, und da kommen auch scho Weiber und Männer den Berg' rauf."
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- bring's Weihwasser!" erinnert ist vorbei!"