Anterhaltungsblatt des Vorwärts
9]
Nr. 73.
Dienstag, den 13. April.
( Nachdruck verboten.)
Ein alfer Streit. Roman aus dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre von Wilhelmine v. Hillern.
Es dauert lang, bis der Wirth zurückkommt. Er bringt eine Feuerleiter mit, die noch einmal so lang ist, als der Hausgang hoch.
" Da kann man ja nicht aufstellen-!" brummt der
Kommandant.
" 1
-
1897.
damit jeder Verdacht beseitigt ist, soust sind wir hier nimmer sicher." sfid
" Ja, aber wie kommt's denn Ihr nacher' nans?"
"
Wann der Ofen abg'rissen ist, steigen wir andern durch die Fallthür' runter und der Sepp- der ist ja ein Schieferdecker, der riegelt hinter uns zu, legt die Trümmer auf die Thür und steigt dann über's Dach. Ans Werk, Kameraden! Sind die schlaufind wir's auch. Die foll'n uns nit friegen! Jetzt erst recht nit und wenn sie oder wir auf'm Platz bleiben müßten!"
' s thut mir leid aber i hab' kei andre!" entschuldigt o sich der Wirth.
-
-
Ein lachender Pessimist.
Also schnell' n Tisch her und' n Stuhl drauf das das Herrnstübl find so überfüllt, daß im Hausgang lange fangt bei der niedern Decke!" lla
"
Rasch ist der Bau gemacht und geräuschvoll steigt der hochgewachsene Mann hinauf. Es langt gerade, er kann die Klappe erreichen. Aber sie geht nicht auf er mag drücken und schieben wie er will sie giebt nicht nach." Ja, was ist denn das- die ist ja verrammelt."
"
-
-
-
-
-
Ah bei Leib nit sie wird nur verquollen sein und dann ja so, jetzt fallt's mir erst ein an alter Ofen steht droben und der ist vorig's Jahr' sammg'fallen und liegt scheint's grad' auf der Thür."
Der Gendarm stemmt gewaltig die Schulter gegen die Fallthür, als müsse er die Welt aus ihren Angeln heben- der Stuhl fracht unter seinen Füßen und droht zu brechen unter dem starken Druck.
Der Kommandant muß es aufgeben. Er klopft mit dem Finger, ob das Holz hohl flingt. Neines muß also wirt lich eine Last darauf liegen. Er giebt die weiteren Versuche auf und horcht scharf. Drinnen hebt der Habermeister die Hand auf alles hält den Athem an, die leblose Materie fann nicht stiller sein.
" Go jetzt steigen wir von außen hinauf und schauen hinein."
„ Ganz wie S' wünschen!" sagt der Wirth heimlich lächelnd und trägt bereitwillig die Leiter herbei.
-
Judessen geht's beim Hochbräu luftig zu. Der Saal und Bänke und Tische aufgestellt werden müssen, an denen die Leute sitzen, die nicht auf Mittag" essen, sondern nur ihr Bier zu einer mitgebrachten Wurst oder einem Stück! Käs trinken. Das wissen die Schenkmädeln geschickt einzurichten. Wenn die Gäste unter der Hausthür erscheinen, werden sie furz gefragt: Wünschen S' zu speisen?" Wer ja sagt, kommt Bitt' schön ins Zimmer, wer nein sagt, bleibt draußen. da drin ist schon alles voll!" dirigirt die gewandte Kellnerin, und die schüchternen Armen Leut" sehen sich pflichtschuldigst und seelenvergnügt zu ihrem kalten Imbiß in den zugigen Hausgang, froh, noch einen Platz bekommen zu haben.
"
=
Auch hier schlägt's und läutet's zwölf Uhr, aber fein Mensch achtet darauf. Eine so große Gesellschaft schwatzt und fummit, lacht, ißt und trinkt und denkt nicht aus Beten.
-
-
-
Und der Mittelpunkt von der ganzen Luftbarkeit ist heute Gemming, der schwarze Gustl! Nein, was dem nicht alles einfällt, grab todtlachen muß man sich. Wie auf dem Corbinimarkt beim" Billigen Jakob", so drängt sich alles um den Tisch herum, wo der Gemming sitt und seine Waare fo nennt er seine Wize feilbietet. Wieherndes Gelächter belohnt jeden nenen Einfall, und er ist darin geradezu unerschöpflich. Bald setzt er die Leute durch seine Kartenkunststücke in Staunen, bald taucht er den Ballen der geschlossenen Faust in Mehl und drückt ihn auf einer Schiefer platte ab, daß es eine deutliche Gems giebt, zu der er dann noch mit dem Griffel die Berge hinzeichnet. Oder er neckt die Mädels mit Räthseln, indem er aus vier Streichhölzern ein Viereck bildetwas ein Streichquartett bes beutet. Und so anständig ist heute die Unterhaltung, wahrscheinlich der auserlesenen Gesellschaft zu Ehren, daß " Mei', bei mir ist halt alles morsch und alt- wie i jogar die Damen, Schloß-, Beamten, Inspektors- und Hoffelber, Herr Kommandant! I bitt' tausendmal um Verzeihung stallersgattinnen aus Tegernsee , Hohenburg und daherum → dös ist mir aber so arg!"
Sie wird angelegt und ragt weit über die Dachfirst hinans. Doch als der Gendarm hinaufsteigt,- bricht sie in der Mitte durch, gerade, daß der Wirth mit vieler Gewandtheit noch den Stürzenden auffangen kann:" Der Teufel hol' Eure Lotterwirthschaft was ist denn das für eine Leiter?" schilt der Kommandant.
-
" Ja, das hätt' schlecht ablaufen können" brummt der Gendarm zwischen den Zähnen und untersucht genau die Bruchstellen der Leiter. Aber nichts ergibt sich, als daß es eben wirklich altes wurmstichiges Holz gewesen ist, was das Gewicht eines so starken Manues nicht mehr trug.
Soll i's Jhna z'samm'binden?" frägt der Wirth mit größtem Diensteifer.
-
-
sich mit den Fräulein Töchtern zu nähern wagen, was man sonst bei dem wilden Guftl"- tann. Denn es reizt ihn oft genug, wie alle Feinde des Philisterthums, den Frivolen zu spielen und durch allzugroße Natürlichkeit Opposition gegen die künstliche Tünche der Halbbildung zu machen. Heute ist er aber ganz unschuldig. Das Vertrauen wächst immer mehr und man kann sich der harm lofen Unterhaltung des bildschönen gewaltigen Mannes doch Aber der Kommandant trant nicht mehr eine so elende auch einmal hingeben. Und wenn's ihn gelegentlich ankommt, Leiter und auch zusammenbinden!" Für heut ist's g'nug und feine Kraft gegenüber den Schwachen zu bethätigen, so läßt er das Ergebniß meiner Recherchen eine tüchtige Brellung das übermüthige Gelüft an einem Binnteller aus, den er zuwonicht gar Prellerei!" setzt er für sich hinzu, grüßt militärisch fammenrollt oder schlägt mit den Knöcheln der Hand, und geht weiter. nachdem er es zuvor gesagt, damit die Damen nicht erIn einiger Entfernung bleibt er stehen und sieht sich schrecken, eine Dalle in die Tischplatte oder zerbeißt mit um: Das Nest muß man sich doch genauer ins Auge fassen! seinen weißen Zähnen ein Glas. Kurz er be Der leere Raum da droben, der so fest verschlossen ist, der zaubert heute Mann, Weib und Kind. Der Hochbräu merkwürdige Zufall mit der Leiter da muß man sich bringt ihm immer wieder Halbekrügeln, und er trinkt den Sukkurs holen. Der Wirth ist ein schlauer Fuchs, dem nicht Leuten zu, mit einem so verführerischen Lächeln, daß kein zu trauen ist," Und eilenden Schrittes geht er weiter.
"
Jetzt ertönt der Schrei einer Wildente, was so viel heißt, als die Gefahr ist vorüber.
Die Haberer lösen sich aus ihrer Erstarrung und öffnen die Fallthür.
Wirth, hast Tei' Sach gut g'macht! Was kost' Dei' Ofen?" frägt der Habermeister. Warum?"
Weil wir jetzt nig anders zu thun haben, als den Ofen abz'tragen und auf die Fallthür 3' wälzen. Denn der Kommandant geht jetzt nur und holt ein paar mit Werkzeug und Leitern. Dann soll er's so finden, wie's Du g'sagt haft
-
-
-
Mensch widerstehen kann, ihm nachzukommen, wenn man auch schon übergenug hatte. Die Kellnerinnen fliegen nur so mit den leeren Gläsern zum Füllen herum. Es wird unmenschlich viel getrunken und die ganze G'sellschaft wird bald unterm Tische liegen," brummt Gemming verguügt in den Bart, denn das G'söff" tann nur sein ausgepichter Magen ertragen. bil
"
#
-
Ihr seid's ein Mann, Herr Gemming," der Hochbrän klopft ihm auf di Schulter, so ein'n sollten wir immer hab'n, da gehet a G'schäft!" Er lächelt gönnerhaft dem Gemming zu und deutet nach den strozzenden Geldtaschen der Schantmädels.