Anterhaltungsblatt des Vorwärts
21]
Freitag, den 30. April.
Nr. 85.
( Nachdruck verboten.)
Ein alter Streik.
1897.
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fähig; was fie in diesem Augenblick fühlt, ist ihr selbst unerklärlich. Es ist ihr, als empfinge sie den Lenz mit diesem Wort, wie das Vermächtniß eines Sterbenden und Roman aus dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre als dürfe sie ihn aus dieser Hand nicht zurückweisen! Ift er denn nicht ein Sterbender, der hoffnungslose Mann, da neben ihr, wenn auch nicht dem Körper
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von Wilhelmine v. Hillern. Wiltraud springt auf. Schrecken und Scham, das von nach? Hat er nicht eben seines Lebens Leben getödtet dem Mann erleben zu müssen, den sie so in Ehren hielt, und scheidet von allem, woran sein Herz gehangen? Was rauben ihr fast die Besinnung, aber wie jede eble Natur ist's doch Großes und Heiliges um so eine Lieb und so ein instinktiv das rechte findet, ohne zu suchen, so sagt sie nichts, eh! Und sie hat's mit dem Lenz von sich gestoßen und sich als das eine Wort: Poschinger, Des seid's so lang selbst eingebildet, sie könne das nur so aus dem Herzen reißen Habermeister g'wesen!" hin und weiter sei's nichts werth.- Und jetzt, da sie sieht, wie ein anderer in sein eigenes Herzblut greift, um es ihr zu retten jetzt ermißt sie an dem Opfer des andern erst seinen Werth.
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Das ist, ohne daß sie sich Rechenschaft darüber giebt, der größte Mahuruf an seine Ehre! Was ist ein Mann, welcher einer so großen und mächtigen Genossenschaft von Sitten richtern vorstand, sich und anderen schuldig! Hätte sie ihm ins Gesicht geschleudert, daß er verheirathet sei, das hätte ihn nur erniedrigt, dieser Anruf aber giebt ihn sich selbst zurück. Tenner erhebt sich mühsam vom Boden. Wiltraud muß ihn stüßen, sonst kommt er nicht in die Höhe. Kalter Schweiß steht ihm auf der Stirn. Er wischt ihn zitternd ab. Dann sagt er in einem seltsam gefaßten Tone: Ihr habt recht, Wiltraud, wer amal Habermeister war, muß z'erst sich selber meistern können! Ihr müßt mich halt entschuldigen i bin trant!" Er setzt sich still auf einen Stuhl am Fenster und blickt hinaus auf die todte Mühl.
Freilich seid's frant, armer Mann!" sagt Wiltraud schmerzlich, die Entschuldigung, aber auch nur diese, annehmend.
Rathlos steht sie da, kämpfend zwischen Mitleid und jungfräu licher Entrüftung. Und doch, wenn man ihn ansieht, wie er so erschöpft dafißt und hoffnungslos hinausstarrt, wen sollt er denn nicht erbarmen? Er ist so schwach, die Augen liegen tief in den Höhlen, das Geficht bis zur Un tenntlichkeit abgemagert und die verbundene Seite, wo der Arm fehlt, ist ganz eingesunken und verschoben. Das gut herzige Geschöpf tann ihm nicht zürnen, es fann nur um ihn trauern! Er ist halt zerrüttet an Leib und Seel', er hat nimmer g'wußt, was er thut," denkt sie und tritt ruhig zu ihm hin. Wollt's Euch nit niederlegen, Poschinger? I mein', ' 3 wär' besser!"
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Er reicht ihr die Hand. Ihr seid so gut, Wiltraud, und ich muß mich so vor Euch schämen!" sagt er jetzt, wie ein aus einem Parorismus Erwachter.
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Da tönt vom Berg her ein Jodler durch das Schweigen. Es ist Lenz's Stimme, aber sie flingt nicht froh wie sonst, wenn er die Pferde antrieb und G'stanzeln sang. Die beiden am Fenster verstehen nur noch die letzten Strophen:
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Und' s Mühlrad ist' brochen, da drunt' in der Klamm Und im Herzen die Tren', die heilt niemand mehr z'samm'. Dös Radi, wann's g'flickt wird, kann leicht wieder gehn, Aber a Herz wann's amal stillsteht bleibt alleweil stehn!" Aber a Herz, wann's amal stillsteht L Der Gesang verhallt in der Ferne. Die Peitsche Enallt, dann ist alles wieder ruhig. Der Habermeister nicht lang sam mit dem Kopf: Jader hat recht!"
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Wiltraud hat das Gesicht an die Scheiben gedrückt und weint leise. Ihr Auge folgt den Kurven, die der Schlitten des Entschwundenen im Schnee gezogen.
" Wiltraud," sagt der Habermeister tröstend, es wird schon wieder gut werden mit Euch zwei!"
Die Sonnenlichter sind erloschen und blaue Abendschatten ziehen sich von der Schlucht herüber in die Kammer herein und lagern sich um die beiden, wie traute Geister, die alles Herbe, was der Tag gebracht, in milde Dämmerung einhüllen.
Wiltraud stützt sich aufs Fenstersims und schüttelt leise den Kopf." Dös wird niemehr gut. Er hat's ja g'sungen, daß i' 3 hören sollt!' s Mühlrad kann ma flicken, aber a Treu , die amol brochen ist, heilt niemand mehr."
" Ihr habt Euch die Treu nit brochen, Wiltraud,- Du liebst ja kein andern!"
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Aber i hab' ihm g'sagt, daß i ihn nimmer mag und nit heirathen thu', dös ist doch auch a Treubruch!"
Woll'n jetzt nimmer dran denken, Boschinger,' 3 ist vorbei und 3 bleibt vorbei, nachd' soll's sein, als wär's nit " Das haft g'sagt im ersten Schmerz um Dein' Bruder! Desg'schehen!" Sie geht ans Fenster und macht eine Spalte wegen hat er Dich doch gern! Meinst, er hätt' die G'stanzeln auf, um die frische Luft hereinzulaffen. Es ist so still g'macht, wann's ihm nimmer web that? Dös hat ma und friedlich draußen. Ein heller Wintertag. Die letzten doch g'hört an der wehmüthigen Stimm.- Dös ist schon Strahlen der Nachmittagssonne liegen golden auf den Felsen aus' ma betrübten Herzen tomma!- O mei, i tann mir's der Schlucht. so vorstellen, wann er jetzt heimkummt und d' Roß aus Hoch am Berg, der dahinter emporsteigt, hängt ein schirrt, wie's ihm sein muß, nach der harten Arbeit.- Dös Fuhrwert mit zwei Pferden so steil, daß man von unten ist' was Hart's, wann ma gar nig Liab's hat, an was ma denta meint, es müsse herunterfallen. Es ist ein Holzschlitten tann! Vielleicht hat er sich d' Händ aufgriffen an die Bäum und zwei Leute sind dabei. Voran geht der Herr und aber alle Wunden und Schrammen thun nit so weh, wie dahinter steuert der Knecht. Sie schleifen Stämme aus a Wund von der, die ei'm 3 liebste ist auf der Welt! Dös dem Windbruch herunter. Mit gewaltigem Arm lenkt der brennt glei z'tiefst ins Innere."
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Vordere das ungeschlachte Gespann. Bald es zurückſtemmend, Wiltraud zuckt zusammen, als träfe sie jedes Wort, wie daß die Rosse auf den Hinterfüßen einknicken und die Kummet ein doppelter Vorwurf. Denn der ihr das sagt, trägt ja fast über die Köpfe rutschen dann wieder umsichtig im das gleich Weh, der muß wissen, wie's einem da zu Muth Zickzack weiterführend. Eine jugendlich stolze Gestalt ist's. ist! Und zu dem faßt sie Vertrauen. Ihm kann sie ihr Dem armen schwachen Mann am Fenster tommt es wie ein Herz ausschütten demselben, der sie liebt und um sie leidet, Märchen vor, daß es noch so starte Menschen im Vollbesitz der wird sie verstehen. Und eine dunkle Empfindung giebt ihrer Kraft giebt. Er schaut ihm zu, dem jungen blühenden es ihr ein, daß dies ein schmerzender, aber auch heilsamer Stamm, wie er die todten entwurzelten Stämme meistert und Balsam auf seine Wunde sein wird. er denkt und fühlt groß genug, um es mit neidlosem Wohl- Und nun erzählt sie ihm alles, von Anbeginn. Wie gefallen anzusehen. der Lenz und sie schon als Kinder in der Schule Wiltraud ist seinem Blick gefolgt und mit einer raschen zusammengehalten und wie er später öfter zum Bruder Bewegung vom Fenster zurückgewichen. Tenner bemerkt gekommen sei. Und in der Kirche, da habe er immer es und bemerkt die heiße Röthe, die ihr Gesicht übergießt. am Weihbrunnen auf sie gewartet und Grüß Gott gesagt. Dann blickt er wieder hinauf zu dem Wagenlenter, der sich Und wie er sie einmal beim Laubsammeln gefunden und immer weiter durch die Schneemassen auf dem halsbrecherischen sie gefragt, ob sie denn kein Streutheil hätten und als ste Weg herunterkämpft und näher kommt. gesagt: Nein!" da habe er sein Holz stehen lassen und ihr Ja so!" sagt er in weichem, verständnißvollem Ton: geholfen. Und ihr sei's ganz schwindlig worden vor lauter ' s ist ja der Lenz!" Ehr und Glück der Bissinger- Lenz, der stolze, reiche Eine lange Pause entsteht. Wiltraud ist keiner Antwort| Hochbräu- Sohn, an den kein Mensch im ganzen Dorf
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