Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 100.
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Freitag, den 21. Mai.
( Nachdruck verboten.)
Ein alfer Streit. Roman aus dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre von Wilhelmine v. Hillern.
Wiltraud schnellt empor. Sie ist wie verwandelt. Ein eiferner Trotz liegt auf ihrer Stirn. Ihre Brauen find drohend zusammengezogen. Eine gewaltige Bewegung verräth sich in ihrem Wesen
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1897.
Wirth' n schönen Gruß von sei'm Augentrost, der sich bal' selber nimmer z' trösten und 3' helfen weiß!"
Also i geh', aber heut' abends tomm' i doch wieder!" " Nein, dös darf nimmer sei. Dadrin hat der Pfarrer scho recht es schickt sich nit, daß a lediger Bursch bei' n ledigen Madl im Haus schlaft."
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Dös braucht's auch gar nit. 13 ist ja der schönste Sommer. I hab' scho oft weg'n ra Habererfach' im Winter gauze Nächt' im Freien zubracht, warum nit wegen Deiner?" Ohne eine Antwort abzuwarten, geht er in den Stall, " Ich muß mir wiederholt jedes exzessive Benehmen als spannt ein und fährt lustig mit der Beitsche knallend davon. unftatthaft verbitten!" sagt der Pfarrer, einen Schritt zurück Denn solch ein junges Blut trauert nicht lang und mitten tretend und richtet sich zu seiner vollen Höhe auf." Ich thue in der Umgebung von Tod und Schmerz freut es sich seines meine Pflicht, wie sie mein Amt vorschreibt, nicht mehr und Lebens. nicht weniger das könnte man nachgerade von mir wissen. Wiltraud ist nun allein sich selbst überlassen. UnUnd nun aber ernstlich: Adieu!" ablässig arbeitet ihr empörter Geist, eine Möglichkeit zu Wiltraud verläßt das Zimmer. finden, das Furchtbare abzuwenden, das nicht geschehen „ Das hat amal lang gedauert der arme Herr darf. Tausenderlei Pläne gehen ihr durch den Kopf. Pfarrer sagt Fräulein Louis', als sie die Versicherung Aber nach und nach gewinnt ein Gedanke Gestalt, ein am Schloß der Hausthür öffnet. Wiltraud würdigt sie feines düsterer, wunderlicher Gedanke! Manchmal prüft sie sich Blickes. selbst, ob sie nicht wahnsinnig ist, daß ihr so etwas einAuf der Straße rennt sie an jemand an- eine breite fällt? Dann wiederholt sie alles, was sie in der Schule Brust hält ihrem Anlauf stand ein unbegreifliches Gefühl gelernt und in der Christenlehre. Und was ihr Vater mit überströmt sie dabei aber so schnell läuft sie, daß feine ihr gesprochen und wie dies und jenes war,- nur um Zeit für ein Wort ist. Erst in einiger Entfernung fommt es sich zu überzeugen, daß ihr Gedächtniß noch in Ordnung ihr zum Bewußtsein, daß es Lenz war, daß er ihr nun staunend sei. Es versagt ihr nicht den Dienst, also ist auch dieser nachblickt. Einfall keine Ausgeburt eines erhigten Geblüts! Nein, nur Liebe für den Bruder ist's, und Troß gegen den, der ein hartes Gesetz unbarmherzig ausübt! Aber fremdartig schaut der Plan sie an, wie die Augen des unglücklichen Teuner fie heute Nacht anstarrten. Tenner gehörte bereits dem Tod und deshalb graute ihr vor ihm, wie vor etwas Unnatürlichem. Ebenso gespenstisch erscheint ihr auch der Entschluß, der in ihr reift. Ehrwürdige Geister steigen vor ihr auf und rufen ihr zu:„ Wiitraud, was willst Du thun? Heilig ist der Friede des Grabes!"
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So erreicht sie die Mühle, und als sie ins Zimmer tritt, wo die friedliche Leiche und der treue Kamerad Steub ihrer harrt, sinkt sie schluchzend zusammen.
Lange kann sie nicht zu Athem kommen, ihr Herz hämmert, daß man's von weitem hört. Und als sie endlich wieder ruhiger geworden, verfällt sie in ein tiefes Brüten.
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Erst gegen Mittag erzählt sie dem Freund, was ihr widerfahren. Der ballt die Faust nach dem Pfarrhof 31. Aber, was kann das alles helfen: Sebald, der Heilige, Reine, dessen Seele im Himmel ist, wie der Himmel vorher Sie schauert zusammen, wie eine Verbrecherin vor sich in ihr war, wird hinter der Kirchhofsmauer, auf dem selbst. Stunden gehen hin in schwerem Kampf. Aber die Wasen" liegen, dem Tummelplatz der Hunde. Und i Liebe fiegt. Und gilt sie auch einem Todten die Liebe fag' Dir, Steub, es g'ichieht uit- es kann und darf uit ist lebendig, vor ihr weichen alle Gespenster." Nein, nein, g'schehn!" Dei Traudl laßt Dich nit in nug'weihter Erd' liegen, Du guter Engel Du! Werd' draus, was will!" ruft sie entschloffen.
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Arme. Traudl, was willst denn machen?"
Dös weiß i nit i weiß nur, daß i's nit duld', nie und nimmer und wenn's mich mei Leben kost!"
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Geh, sei g'scheit, gegen die G'walt laßt sich nix thun!" Wer weiß! I bin nit umsonst in der Habererschul g'wejen ' s wird mir schon was einfallen." Und wieder versinkt das gefolterte Geschöpf in ein stummes Grübeln, das dem Stenb unbegreiflich und beängstigend ist. Der Doktor war da, derweil Du fort warst."
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So, was hat er g'jagt?"
Den Todtenschein hat er ansg'stellt, und dadrüber könnt Dich beruhigen, der Sebald hätt' doch nicht länger g'lebt, wann er auch nit im G'fängniß g'wesen wär'."
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Wirklich? Gott , doch wenigstens e in Trost, daß dös nit d' Schuld ist!" sagte sie erleichtert aufathmend. Du, Steub, Du mußt jetzt auf d' Wasserscheid', der Wirth braucht's Pferd. Du hast's g'sehen, was für a Unglück d'raus entstanden ist, daß sie's nit g'habt haben, um dem Tenner nach ' fahren."
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Gönnen wir ihm die Ruh'," sucht Steub sie zu trösten. ,, Nein, Steub, die Ruh', die sich a Selbstmörder erkauft, tönnen wir nit unserm Feind gönnen. I weiß wohl, der Tod ift's größte Unglüd uit aber so a Tod- der ist's. Jede audre Sünd kann ma büaß'n, weil ma noch lebt, aber die uit, denn mit der ist alles aus!"
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„ Trandl, er hat's im Jrrsinn' than, der Doktor hat's g'jagt, der hat'u sefzirt da fannst's ihm verzeihen." " Und nachd' müss'n ma noch erst' n Herrn Pfarrer frag'u, ob ma dös dürfen!" murmelt Wiltraud mit bitterem Hohn.
Traudl, jetzt werd' mir nur nit Du auch noch tiefsinnig," sagt Steub besorgt.
Sei ruhig!' n Augenblick war's mir beim Pfarrer dadrin, als wär' alles brochen in mir, aber nacher hab' i g'spürt, daß es doch nit so ist. Geh' jetzt, spann ein und sag' dem
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Da flopft es an die Thür und ein paar alte, arme Verwandte kommen, dem Todten' 3 Weihwasser zu geben, soust traut sich niemand heraus weil er nicht chriftlich begraben wird und wegen dem Herrn Pfarrer!
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Als am Abend Steub zurückkommt, findet er Wiltraud auffallend verändert. Du kannst auch droben schlafen, es ist mir alles eins," sagt sie, als wäre sie mit ganz anderen Dingen beschäftigt, gegen die alle kleinlichen Rücksichten verschwinden. Stenb betrachtet fie verwundert.
weiß nit, Du kommst mir heut Abend so groß vor, macht's die Dunkelheit da im Hausgang? Grad als wärst noch g'wachsen. Bist doch a g'waltige Diru!"
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Ja, ja,' s gibt au g'waltige Arbeit im Leben, wo nit a jed's thun tönnt." Sie spricht es mit einem so seltsamen Ausdruck und geht so langsam und schleppend vor Steub her ins Zimmer, daß der Bursch topfschüttelnd sagt:„ Du machst ja a G'sicht, als hätt'st wieder' n Geist g'sehu, oder als wär Dir's nit wohl?"
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" Doch, doch's wird alles recht werden, der liebe Gott wird mir beistehen, mei'm unschuldigen Bruder z lieb, daß i's vollbring."
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Wiltraud, was haft im Simm?" " Frag' mich nit.
ob's recht ist?"
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Ich muß noch mit mir zu Hath gehen,
Sie stützt den Kopf in die Hand und bleibt wieder in Nachdenken versunken.
Darf i Dir nit helfen?"
Nein, wenn i's thu, dann thu' i's allein. I will kein Mitschuldigen haben!"
,, Da weiß ma gar nit, was ma denken soll. Wiltraud- mir ist angst um Dich!"
,, Geh jetzt in Dei Kammer und red' nimmer es hilft Dich doch nix!"