Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 118. Freiwg, den 18. Juni. 1897. (Nachdruck verboten.) Gokklieb Adler und Sohn. Von Boleslnv P r n?. Böbme ließ den Direktor der Fabrik holen und erzählte ihm. daß sein Chef, halb irrsinnig, auf den Feldern herum- laufe.„Ach, das macht nichts," sagte dieser;„er wird bis zur Ermüdung herumlaufen und dann ruhiger zurückkehren; er macht das immer so, wenn er ein Herzleid hat". Es vergingen mehrere Stunden; es wurde schon dunkel; aber Adler war noch nicht zurückgekehrt. In allen Werkstätten sprach man nur von den letzten Ereignissen. Niemals noch wurde so lebhaft diskutirt. sogar nicht nach dem Tode Gostowski's. Auch der To» der Ee- spräche war ein anderer. Die Kunde vom Tode Ferdinand's hatte das Gefühl des Schreckens und Staunens erweckt. Es war den Arbeitern zu Mnthe, als wäre ein Blitz aus blauem Himmel herniedergcznckt, als wäre die Fabrik stille stehen geblieben, wäre die Sonne in ihrem Laufe umgekehrt. Niemand konnte begreisen, daß Ferdinand auf einmal zu leben aufgehört hatte, er, so jung, so stark, so lebensfroh und reich! Er, der garnichts gearbeitet, der nie bei einer Maschine gestanden hatte, er, der Sohn Gottlieb Adler's, lebt nicht mehr, ist früher gestorben wie ein elender Arbeiter. Von einer Kugel fiel er wie ein erlegter Hase! Diese einfältigen, armen, von Adler ab- hängigen Leute, für die er ein Gott war, stärker als alle Mächte, der größte Magnat, der stärkste Mann: diese Leute erschraken. Es schien ihnen, als ob Zapora einen Raub am Heiligthum begangen hätte. Wie hätte er es wagen können, auf Ferdinand zu schießen, ans ihn, vor dem die rüdesten Arbeiter dieAugcu niederschlugen, die'stärksten kraftlosfivaren?! Und so geschah das Seltsame, dieselben Leute, die früher tagtäglich den Fabrikanleu und seinen Sohn verwünscht hatten; dieselben fluchte» jetzt dem Zapora, drohten, ihn zu ermorden! Nach dieser ersten Bestürzung kam ein Augenblick der Besinnung. Tie Obermeister erklärten den Leuten, daß Zapora auf Ferdinand nicht schoß wie ein Jäger aufs Wild, sondern daß Ferdinand selbst dazu die Erlaubuiß gegeben hatte, daß er auch zuerst geschossen hatte und das ganze also ein Kampf gewesen wäre. Ja, aber warum mußte in diesem Kampfe Ferdinand unterliegen? Da erzählte einer, daß der Kampf eigentlich der Arbeiter wegen gewesen wäre, daß Zapora den jungen Adler getödtet hätte, weil er das von seinem Vater den Arbeitern erpreßte Geld verfchwendele; manche erzählten, es sei eine Strafe Gottes. „Was wird jetzt nun werden?" fragten die Leute einander. „Ja, wißt Ihr. daß der Alte verrückt wurde?" „Was? Wann?" „Natürlich; den Fuhrmann hat er an die Erde geworfen, dann ließ er alle Arbeiter vors Hans kommen und sie dann wieder zur Arbeit zurückschicken; jetzt läuft er auf den Feldern herum." „Ach, er macht es immer so, wenn er wüthend ist." „Auf wen kann er jetzt wütheud sein? Höchstens auf'» Herrgott." „Was er jetzt nur beginnen wird?!" „Im Komptoir meint mau, er werde gewiß die Fabrik verkaufen." So sprach man in der Fabrik. Man arbeitete nicht viel, die Werkführer selbst waren nicht an ihrer Arbeit, sie liefen in einem fort ins Komptoir. Man meinte, zum Zeichen der Treue müßte alles die Arbeit einstellen; aber der Direktor er- laubte es nicht. „Alles soll so fortgehen wie bisher; wozu denn den alten Adler noch mehr reizen?!" Mich selbst berührte es unangenehm, als heut Morgen die Maschinen stehen blieben und alle vors Haus hinausgingen. Wenn die Maschinen klappern, da ist es einem leichter, es scheint, als ob nichts vorgefallen wäre... »Ja, ja," stimmten alle bei. Gegen sechs Uhr erschien Adler im Komptoir. Seine Kleider waren beschmutzt, als hätte er sich auf der Erde gewälzt, sein kurzes Haar stand ihm zu Berge wie einem Igel; er war verschwitzt, fast athemlos; die Augen geröthct, die Pupillen ungleichmäßig erweitert. Vom Komptoir aus ging er in die Fabrik, lief in allen Sälen umher und schnalzte mit den Fingern dabei. Die Be- amten zitterten vor Angst. Ein junger Korrespondent las eine Depesche. Adler kam auf ihn zu und fragte mit veränderter, aber ruhiger Stimme: „Was ist das?" „Die Baumwolle stieg wiederum," versetzte der Beamte, „wir verdienten heute 6000 daran..." Er kam nicht zu Ende. Adler riß ihm die Depesche aus der Hand und schleuderte sie ihm ins Gesicht:„Elender Schurke, wie kannst Du mir so was sagen!" Er begann wieder in den Sälen herumzulaufen und brummte:„Der Mensch ist doch das elendeste Vieh! Hunde, die mir begegneten, haben mein Weh begriffen und liefen fort mit eingezogenen Schwänzen..... er spricht mir da von L000 Rubeln..." Wieder blieb er vor dem erschrockenen Beamten stehen:„Mache mir, daß die Zeit um eine Woche... um einen Tag um- kehrt, und ich gebe Dir all mein Vermögen.... Fort werde ich gehen von hier... nackt und barfuß... Steine werde ich auf der Straße klopfen.... und glücklich werde ich sein! Na... Du.. kannst Du die Zeit um einen Tag zurückschrauben? Man verständigte Böhme, daß Adler endlich angekommen wäre. Schnell rannle er ins Komptoir:„Gottlieb," sprach er, „der Wagen steht bereit; fahren wir zu mir." „Ter Fabrikant schaute ihn ironisch an:„Mein heiliger Martin, ich werde zu Dir nicht fahren!... Ich will Dir noch etwas sagen: Ich werde weder Dir, noch Deiner Anna, noch Deinem Joseph auch nur einen Groschen vermachen!... Hörst Du?... Ich weiß. Du bist ein Diener Gottes , und durch Deinen Mund spricht Gottes Weisheit.... Aber Du bekommst doch keinen rothcn Heller! Mein Vermögen gehört meinem Sohn und ist nicht zur Unterftützuilg tugendhafter Pastorenbrüder bestimmt.... Geh, geh, Du biederer Böhme.... Geh zu Deiner Frau und Deiner Anna und er- zähle ihnen, daß Du einen gefunden hast, der sich weder durch Thräneu noch) durch eine einfältige Miene betrügen läßt.... Geh, geh, Böhme... dort zum Leichnam... murmele über ihm Deine Gebete... Aber ich sage Dir, eher wird ihm von Deinem Gebete übel werden, als daß Tu mit Deiner schein- heiligen Fürsorge mich einfangen könntest." „Gottlieb, was sprichst Du zusammen!" rief der bestürzte Pastor. „Na, ich spreche doch ganz deutlich!... Ihr habt ja alle Euch verschworen, mir mein Vermögen abzuschwindeln, damit Dein Josef da in der Fabrik den Herrn spielen kann... Ihr habt mir meinen Sohn gemordet... Ihr wollt mich ermorden... Aber daraus wird nichts... Ich gehöre nicht zu den Narren, die sich ihr Heil für Millionen bei Pfaffen erkaufen!... „Gottlieb", unterbrach ihn Böhme,„für meine Handlungen schiebst Du mir solche Beweggründe unter? So verdächtigst Du mich?... Mich?.." Adler packle ihn bei den Händen und schaute ihm drohend ins Gesicht.„Erinnerst Tu Dich, Böhme, wie oft Dn mich mit einer Gottesstrafe einzuschüchtern versuchtest? Früher machten es die Jesuiten mit dummen Leuten also und schnorrten ihnen auf diese Weise ihr ganzes Vermögen ab.... Aber ich lasse mich nicht beschwindeln... O, ich halte mein Ver- mögen fest... Ich habe nichts an Kirchen verschenkt. Und dafür hat mich Dein Gott gestraft, was?... Du hast doch immer gedroht:„Böse Thaten gebären Böses"— nichts ist geboren, aber mein Sohn ist gestorben. Verreist ist er auf eine Reise, wo er viel, viel Geld und nicht Deinen Segen braucht.... Geh' doch, Böhme, geh'."... Nie pflegte Adler so viel hinter einander zu sprechen. Er packte den Pastor am Arme und führte ihn zum Zimmer hinaus. Dann ging er eine Weile noch im Komptoir umher und plötzlich war er verschwunden. Die Beamten waren bestürzt; niemand zweifelte daran, daß Adler, momentan wenigstens, verrückt sei. Mau dachte aber au keine Aufsicht; alle verloren den Kopf. Sie konnten ihre Arbeiten gut ausführen; aber ein selbständiges Vorgehen dem Chef gegenüber hätte keiner gewagt.
Ausgabe
14 (18.6.1897) 118
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