Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 127.
6
9]
Cefarine.
Donnerstag, den 1. Juli.
( Nachdruck verboten.)
Bon Jean Richepin . Uebersetzt von H. 2.
Der Kapitän hatte sich erhoben und hielt sich den Kopf mit beiden Händen, er erstickte fast vor Wuth. Er goß sich Rognal in ein Bordeauxglas und trank, oder vielmehr schüttete ihn durch die Kehle.
" Und wie Sie sehen, hat er es nicht daran fehlen lassen dieses Schwein! Jetzt will er diese Cesarine heirathen! Und indem er darauf wartet, läßt er sich von ihr aushalten, aushalten, noch einmal, aushalten! Und das gerade in dem Augenblicke, wo ich wieder in Dienst getreten bin! Absichtlich, sage ich Ihnen, absichtlich, um mich zu reizen, absichtlich, um meine Epauletten zu entehren!"
Bei diesem Worte protestirte ich von neuem, wie ich es eben inmitten des Gedränges gethan hatte.
" Rapitän!" schrie ich, das kann ich in der That nicht glauben."
" Jch auch nicht," erwiderte er, ich konnte es nicht glauben, als ich es erfuhr. So sehr ich auf alles vorbereitet gewesen bin, so sehr mich die arme Verstorbene gewarnt hatte, eine derartige Niederträchtigkeit hätte ich doch nie erwartet."
"
"
Aber haben Sie denn auch Gewißheit, Kapitän?" Ob ich Gewißheit habe? Leider!"
Aber wer hat Ihnen so etwas gesagt?" Wer?"
1897.
Und er las mir, indem er auf jedes Wort Nachdruck legte, die folgenden Säße vor, die sich tief in mein Gedächtniß eingegraben haben:
" Ich besaß noch vierzig Franken als Paris belagert wurde. Mit diesen vierzig Franken habe ich einen Monat lang gereicht. Dann war ich vollständig blank. Der Geschäftsmann, der unsere Familie kannte und mir auf meinen Namen einen Vorschuß gegeben hatte, war abgereist. Ich wurde krank. Da hat sich dieses wunderbare Weib an meinem Bette eingefunden, sie hat mich gepflegt, sie hat mich ernährt. Wenn ich noch lebe, so danke ich es nur ihr."
„ Ich erfinde nichts," schrie der Kapitän, da, da unten, auf der Seite, lesen Sie selbst, lesen Sie laut, Donnerwetter!" Und während ich die Wahrheit seiner Worte konstatirte, indem ich, wie er es gewollt, laut las, unterstrich er die einzelnen Worte mit dem lauten Grollen seiner Wuth:
" Krauf! Ei, ei!... Wunderbares Weib, Donnerwetter! Diese alte Schlampe!... Ernährt! Hat sich was, ernährt!... Seht, seht! Ernährt! Wenn er lebt, dankt er es nur ihr!.. Welchen Schmutz! Weg damit!" „ Sie begreifen," fügte Paul hinzu, daß ich jetzt, und sei es nur aus einfacher Dankbarkeit, da ich eine Ehrenschuld abzutragen habe
"
Ehrenschuld!" nahm der Kapitän wieder auf. ,, Er wagt von Ehre" zu sprechen! Glauben Sie denn, daß er eine hat? Keine Spur! Weiß denn der überhaupt, was Ehre ist? Aber nur zum Schein, im übrigen ein ganz unwürdiger Schein. Oder vielmehr Spott, jawohl Spott, reine
Der Kapitän brach in konvulsivisches Lachen aus, das in Niedertracht..." einem seltsamen Widerspruch zu seinem Leider" des vorhergehenden Augenblickes stand.
" Wer? Ah! ah! Wenn Sie das errathen könnten! Wer? Ah, man sieht wohl, daß Sie diesen erbärmlichen Schuft noch nicht von Grund aus kennen. Wer? Nun wohl! Er selbst, Donnerwetter! Er selbst. Er hat mir das zum Nachtisch aufgehoben!"
Fieberhaft griff der Kapitän in die innere Tasche seines Waffenrockes und zog daraus eine kleine längliche Mappe aus haarigem Leder heraus, die wie ein Fuhrmannsportefeuille aussah und mit einem Lederriemen zusammengeschnürt war. Er machte, wie wenn es ihm dabei ckelte, mit den Fingerspitzen den Riemen auf.
„ Das sind seine Wische", sagte er. Seine sämmtlichen Briefe. Ich nenne das meine Schmuhmappe. Warten Sie! Das ist sein letzter Brief, von dem ich Ihnen spreche. Er ist mit der Ballon- Post gekommen. Ich habe ihn vor etwa zehn Tagen empfangen. Ihre Ballons befördern saubere Sachen! Lesen Sie!"
Das war Paul's Schrift. Sie hatte sich seit diesen vier Jahren nicht verändert. Immer noch diese gekrigelten Krähenfüße, die Schrift eines Mathematikers. Ich erinnerte mich seiner Briefe von früher. Nur das zwiebelfarbene Papier war heut etwas dünner und die früher schon dicht gedrängten Zeilen liefen jetzt beinahe ineinander. Ich war bewegt und fühlte mich durch den wilden Blick des Kapitäns genirt. Nur mit Mühe konnte ich die Schrift entzifferu. Als er das bemerkte, entriß er mir heftig den Brief.
" Ich werde ihn Ihnen verlesen," sagte er, das geht schneller. Ich kenne ihn auswendig."
Und er begann. Seine rauhe, brutale Stimme gab den ohnehin schon bestimmten und kategorischen Säßen Paul's einen hochmüthigen Anstrich, der mich in Erstaunen setzte. Unter diesem rauhen, bestimmten, herrischen Anschein erkannte ich den so milden, zärtlichen Burschen garnicht mehr wieder. Er sprach in der That den festen Willen aus, Cesarine zu heirathen und forderte Abrechnung über sein Erbtheil, sobald er großjährig wäre. Hart warf er seinem Vater vor, daß dieser ihn niemals geliebt habe, daß er ihn den Verfolgungen einer bassenswerthen Stiefmutter preisgegeben, daß er ihn in Paris auf das Pflaster gesetzt habe, ohne einen Sou, so daß er gezwungen war, Schulden zu machen."
Sie fehen," unterbrach sich der Kapitän, ich bin der schuldige Theil. Er flagt mich an. Und worauf sollte diese ganze Auseinandersetzung hinauslaufen? Um mir zu gestehen, daß Cesarine ihn erhalte. Um es mir zu gestehen? Nein. Um sich dessen zu rühmen. Hören Sie nur.
Ich hatte die Seite umgewandt, um den Schluß des Gazzes zu lesen. Aber sofort, und noch ungestümer als bisUnd indem er her, entriß mir der Kapitän den Brief. ihn hastig in sein Portefeuille steckte, sagte er mit kurzem Ton: Es lohnt sich nicht, den Rest zu lesen. Geschäftsangelegenheiten. Intime Dinge zwischen ihm und mir. Das geht niemanden etwas an."
"
Judessen hatte ich im Fluge noch die Worte erhascht: Meine Mutter, meine arme Mutter", die sich auf der letzten Seite mehrmals wiederholten. Ohne Zweifel argwöhnte der Kapitän, daß ich das gesehen habe, denn lebhaft sagte er, wie um das Vorhandensein dieser Worte zu erklären:
"
Es handelt sich um die Abrechnung über seine Erbschaft, ja um das und nichts anderes. Darum allein. Er reklamirt das Vern: ögen seiner Mutter. Geschäftsangelegenheiten, wie Sie sehen. Geschäftliches, nur Geschäftliches. Sonst nichts."
Aber offenbar sagte mir der Kapitän nicht die Wahrheit, während er so sprach. Das bewies mir sein ganzes Benehmen: seine Haft, mir den Brief zu entreißen und ihn beinahe zu verbergen, sein beunruhigter Blick, der meinem auswich, und vor allem diese eigenthümliche Hartnäckigkeit, mir Er flärungen zu geben, die ich von ihm gar nicht gefordert hatte.
Daraus ergab sich bei mir wieder eine Wendung zu gunsten Bauls.... Ich konnte mich nicht enthalten, ihn zu vertheidigen.
"
-
Sind Sie davon überzeugt, Herr Kapitän, daß das Be nehmen Ihres Sohnes auch in der That so wie soll ich mich ausdrücken so beabsichtigt schlecht ist, wie Sie an nehmen?" Wie meinen Sie das?" entgegnete er mit unruhiger
Miene.
" Ich meine, daß es in seinem Falle doch Umstände, nun ja, mildernde Umstände giebt. Oder anders ausgedrückt: Ich denke mir, ich wenigstens, daß er nach und nach durch die Macht der Verhältnisse bis zu der gegenwärtigen Situation hinabgesunken ist, die gewiß unwürdig und dem ist. Anscheine nach verurtheilenswürdig Aber ich kann mich doch nicht entschließen, in alledem diese Art von Vorbedacht, von Absichtlichkeit zu erblicken, die Sie ihm unter: schieben und wofür ich keinen einleuchtenden Grund sehe."
Ich sprach zögernd und vorsichtig, da ich fürchtete, den Kapitän zu verlegen; aber gleichzeitig war ich doch erstaunt darüber, daß ich von ihm nicht unterbrochen wurde. Er hörte mir sehr aufmerksam zu, ohne daß sich jetzt sein Blick dem meinen entzog. Im Gegentheil, er bemühte sich, in meinen Augen und auch zwischen meinen Worten zu