Anlerhaltungsblatt des Worwärls Nr. 149. Sonntag, den I. August. 1897. 31] Cessvino. Vo» Jean Richepin . Uebeesetzt von H. L. (Nachdruck verbalen.) Ich zweifelte ebenfalls nicht daran, wir hatten während dieser sechs Tage Paul schon ein wenig auf diesen Gedailken vorbereitet. Wenn wir ini Luxembourg unsere Spaziergänge wachten, die ihn immer mehr kräftigten, warfen wir einen Köder aus: „Dieser wunderbare Frühling, wie herrlich würde es sein, ihn auf dem Lande zu verbringen!" Und er biß leicht darauf an. Cesariue schmeichelte sich sogar mit der Hoffnung, ihn fortführen zu können ohne ge- zwungen zu sein, ihm den Brief zeigen zu müssen. Indessen mußte sie darauf verzichten, als er uns eines Abends entschieden erklärte: „Alles in allem, daS Land wiegt für mich nicht diesen Garten aus, wo ich bei Euch meine Gesundheit wiedergefunden, wo wir uns geliebt haben, wo endlich daS Glück meinem elenden Dasein geblüht hat. Ihn jetzt zu verlassen, irgendeinem anderen Orte vor ihm den Vorzug zu geben, erschiene mir wie eine Undankbarkeit." Um ihn völlig zu überzeugen, hätten wir mehr Muße haben müssen. Aber die Zeit fehlte uns dazu. Der Passir schein hatte nur bis zum 8. Mai Giltigkeit und wir hatten schon deil ö. Wir mußten also zu dem Staatsstreich mit dem Briefe, wie Cesarine es nannte, unsere Zuflucht nehmen; gewiß ein verzweifeltes, aber, wie wir glaubten, wirksames Mittel, das den Willen Paul's unfehlbar erweichen mußte. Cesarine war von dem Gelingen so überzeugt, daß sie bereits die Anordnungen für die letzten Details der Abreise getroffen hatte. Als ich am 7. Mai frühzeitig ankam, fand ich unten im literarischen Kabinet den Vater Miklos, wie er gerade Gavarot die Sachen auseinandersetzte, indem er dabei auf zwei geschnürte Koffer und ein Packet Decken zeigte. „Aber, lieber Gott, das ist doch nicht zu glauben", seufzte Gavarot.„Sie wollen gleich abreisen, positiv gleich? Und um mir das mitzuheilen, hat mich Cesarine aus dem Schlaf klingeln lassen?" „Ja, dazu", antwortete der General, und um Ihnen die Schlüssel anzuvertrauen." Gavarot hatte mich gar nicht eintreten gehört, so bestürzt war er. Als er mich bemerkte, rief er: „Das ist nicht der Fall, nicht wahr? Cesarine geht nicht weg, um... um sich so zu retten? Und mit... mit..." „Gehen Sie rasch hinauf," sagte mir Miklos, ihn unter- brechend.„Cesarine hat mir aufgetragen, Sie sogleich hinaus- zusenden, sowie Sie ankämen. Alles ist bereit, wie Sie sehen. Ich brauche nur noch einen Wagen holen zu lassen. Kommen Sie mit mir, Herr Gavarot." „Aber," wandte der gute Mann ein,„Sie haben nicht nachgedacht... Ich kann nicht annehmen, daß Sie zu- gestimmt haben..." „Da Cesarine es will...," antwortete sanft der General, indeni er seinen wilden Schnurrbart zauste. Und während er den ganz fassungslosen Gavarot nach dem Pantheon mit sich zog, sprang ich eilends die Treppen hinauf und bewunderte wieder, wie sich alles vor diesem energischen Mädchen beugte, dem zu gehorchen ich mich selbst beeilte, und dem gewiß auch Paul keinen Widerstand ent- gegensetzen würde. „Das Geschäft ist halb besorgt," sagte sie mir beim Oeffnen der Thür.„Ich habe soeben Paul mitgethcilt, daß wir einen Passirschein und Geld haben. Er weiß auch, daß wir, nur von Mitgefühl für ihn geleitet, von dem Briefe Kenntniß genommen haben und welchen Schrecken dieser Brief in mir hervorgerufen hat. Denn ich habe ihn seinen Inhalt ahnen lassen. Die so gehässigen, so drohenden Ausdrücke werden ihn vollends zum Entschlüsse bringen. Es scheint mir sogar, als ob er, nachdem ich ihn so vorbereitet habe, den Schlag besser anshalten wird, als ich geglaubt hatte. Er ist nicht außer sich gerathen. Er hat eine fast ruhige Miene." Das flüsterte sie mir alles rasch in das Ohr, als ich ein- trat. Paul schien mir in der That außerordentlich ruhig. So ruhig, daß mich seine Ruhe beunruhigte. Seine Augen schienen noch größer und sie sahen matt und zugleich verstört aus. Um seinen Mund hatten sich bittere Falten gelegt, der ganze Körper schien gespannt. Sein Gesicht war von erschreckender Starrheit und Härte. Es sah aus. als sei es von Wachs. Es hatte nicht blos dessen weiße Todtenblässe, sondern auch dessen trockene, starre, geronnene Linien. Ich ließ mich durch diese, anscheinend nur äußerliche und oberflächliche Ruhe nicht täuschen. Offenbar raffte sich sein ganzes Wesen zusammen, konzentrirte sich auf einen Punkt. Ich hatte die deutliche Empfindung von jener schweigenden, geladenen und schlafenden Windstille, in der der Ecwittersturm brütet und sich sammelt, ehe er losbricht, „Gieb mir diesen Brief!" sagte er mir sofort und mit heftigem Tone, ohne auch nur meinen Gruß zu erwidern. Nur an der Art, wie er ihn ergriffund mit fiebernder, nervöser Hand entfaltete, fühlte ich seine innere Aufregung. Ein wilder Blick schoß aus seinen Augen und deutete an, daß der Sturm sich entseffel» wollte. Cesarine verstand ihn, ebenso wie ich. Sie sah mich an; ihr Herz pochte, und sie war zu Tode er- schrocken. Sie hatte Lust mir zu sagen: „Was haben wir gethau?" Aber es war zu spät, schon las er. Eine Blutwelle schoß ihm ins Gesicht. Die Muskeln seiner Stirn, seiner Wangen, seiner Lippen krampften sich zusammen, kurze Nervenzuckungen durchzogen sie. Seine Augenlider zwinkerten, obwohl er mit hoch gezogenen Augenbrauen diese ruckweisen Zuckungen auf- zuhalten suchte. Seine Finger zitterten so stark, daß es aus- sah, als ob sie das Blatt nicht hielten, sondern es rieben, als ob sie sich nicht enthalten könnten, es zu zerreißen. Und plötzlich rief er mit einer gewaltigen, donnernden Stinime, die ich an ihm nicht kannte, und die ihm die Brust zu zerreißen schien: „Nein, nein, ich werde nicht gehen, ich werde nicht ge- horchen! Nein!" Cesarine wollte ihn um den Hals fassen und ihn flehentlich küssen. Er stieß sie beinahe heftig zurück. Er ging mit großen Schritten auf und ab, schwenkte den Brief und rief fortwährend: „Nein, nein, niemals! Er hält mich also für einen Feigling? Nun wohl! Ich werde sehen, ob er den Muth hat, mich zu tobten! Auch mich...!" Mehrere Male wiederholte er mit Schrecken dieses„Auch mich!" Wir selbst waren von Schrecken ersaßt und wagten nicht, ihn zu unterbrechen. Er war außer sich, schäumte vor Wuth, er schien wahnsinnig. Er warf plötzlich den Brief auf den Tisch und schlug ihn mit der Faust, wie wenn dieses leblose Ding ein Wesen wäre, dem er seinen Haß ins Gesicht spie, er beugte sich über ihn und rief ihm mit heiserer, pfeifender Stimme zu: „Mörder! Mörder!" Daun waren seine Kräfte erschöpft, und er brach mit lautem Schluchzen zusammen. Wir hatten kaum Zeit, ihn in unseren Armen aufzufangen, ich führte ihn, trug ihn beinahe zu seinen« Fauteuil, wo er schaudernd in sich zusammensank. Cesarine streichelte ihm leise die Haare, küßte sein Gesicht, als ob es«in ohnmächtiges Kind sei und flüsterte ihm zu: „Paul, Paul, sprich zu uns! Sprich zu Deinen beiden einzigen Freuden, die Dich lieben. Wir wollen die Qualen mit Dir theilen, die Du leidest. Wir haben ein Recht darauf. Es wird Dich beruhigen, wenn Du uns Dein schreck- liches Geheimniß anvertraust. Was es auch immer sei. Du kannst nicht unrecht haben. Wir geben Dir im Voraus recht. Sprich, sprich, mein armer Geliebter. Sprich, Du mußt! Und weine! Du brauchst Thränen!" Und unter den liebenden und zugleich mütterlichen Lieb- kosungen, unter der Wärme ihrer langen Küsse unter der um- schmeichelnden, magnetischen Suggestion dieser zarten, ein- dringlichen Worte, die sie heiß, fast Mund an Mund lüsterte, begann der Krampf, der seineu Körper zusammenzog, ich wieder zu löse». Eine weiche Hingabe breitete sich über eine entkräfteten Glieder aus. Tiefe Seufzer entrangen sich einer Kehle und zerrissen seine Brust. Und endlich ergoß sich ein bedrücktes Herz in einem Thränenstrom, und mit den Thränen kam zugleich sein Geheimniß heraus, wie mit dem Blute und dem Eiter einer alten geschlossenen Wunde, die plötzlich aufbricht, das Stück Eisen herauskommt, das in der Wunde eingerostet war. Zuerst unter Schluckseu, aber dann unter heftigem Auf-
Ausgabe
14 (1.8.1897) 149
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