Anterhattungsblatt des Horwürls Nr. 150. Dienstag, den 3. August. 1897. (Nachdruck vsrbotsu.) 32] Eesstvine« Von Jean Nichepin. Uebersetzt von H. L. Oh! Ich fand in der That nicht den Muth, Paul zu widersprechen, als er sich gegen die Grausamkeit dieses Rechts- Vollstreckers empörte, als er ihn einen Abscheu erregenden Henker nannte, als er mit seiner ganzen Sohnes- liebe für dieses Opfer, für das unschuldige, gewißlich UN- schuldige Opfer, wie er ausrief, eintrat. Und ich fand es ganz natürlich, daß er trotz allem, trotz des Wahrspruches der Geschworenen hartnäckig an die Unschuld seiner Mutter glaubte. Und doch konnte ich im Grunde meiner Seele den Mörder billigerweise nicht verdammen. Ich erklärte mir, ich entschuldigte das Verhalten dieses Soldaten, dieses wilden Hüters seiner Ehre, der, um sie zu rächen, auch sein eigenes Leben gebrochen hatte, indem er aus den Militärdienst, den er über alles liebte, verzichtete, indem er seine Epauletten abriß, indem er sich darauf beschränkte, nur" ein Zivilist zu sein. Ich stellte mir vor, was dieser heftige Mensch mit dem ungestümen Blute während dieser drei langen Wochen gelitten haben mußte, während der er über seine Schmach grübelte, seine Scham und seine Wuth aus Achtung vor der nnlitärischen Disziplin hinunterschluckte. Und in vollster Unparteilichkeit mußte ich mir sagen: Die Qualen, die er erlitten hatte, waren noch grausamer als die Strafe, die er vollzog. Und ich gebe zu, daß er mitleidslos gehandelt hatte und daß er ohne Gewissensbisse blieb. Gleichzeitig erfaßte mich heißes Mitleid für Paul. Ich sah seine jammervolle Jugend wieder, von der er mir auf der Schule mit solcherBitterkeit gesprochen hatte. Ich stellte mir vor, wie Herr von Roncieux nicht sanft zu diesem kleinen Wesen sein konnte, dessen Mutter er getödtet hatte, und das ihn allein durch seine Gegenwart schon an die Schuldige erinnern mußte. Daraus war zwischen ihnen die unaufhörliche und unbezwingbare Ab- neigung entstanden. Ein Wort des Kapitäns, das er zu mir in Besangon sprach, kam mir in Erinnerung und erklärte mir diese weit zurückliegenden, für die verabscheute Waise so peinvollen Jahre: Wie dieser Schuft seiner Mutter ähnlich ist!" Offenbar um diese Aehnlichkeit zu zerstören, hatte der rauhe'Krautjunker versucht, das Kind nach seinem Bilde um- zumodeln, ihm eine Soldatenseele und einen Soldatenleib zu geben. Er wurde immer mehr darüber aufgebracht, als ihm dies nicht gelang. Wer weiß? Vielleicht hatte er sich auch mit der Zeit eingebildet, daß dieser Sohn die Frucht eines ersten Fehltrittes der Mutter sei und von den Roncieux' nur den Namen hätte'. Und seine Abneigung hatte sich dann in wirklichen Haß verwandelt. Da erst begann für mich das eigentliche Verbrechen des Kapitäns. Er hatte nicht das Recht, ein Kind unglücklich zu machen, es von einem Scheusal von Stiefmutter martern zu lassen, seine Rache an diesem Unschuldigen, der sich nicht vertheidigen konnte, fort- zusetzen. Und ich begriff, daß Paul, bei der Erinnerung an all die ungerechten Qualen, die er erduldet hatte, sich allmälig gegen diesen Menschen erbitterte und wie er gegen ihn von Schrecken und Abscheu ersaßt wurde, als er eines Tages erfuhr, daß sein Henker auch der Henker seiner Mutter sei. Ich sprach Paul wegen seines Hasses frei. Ich konnte also Paul nur zustimmen, als er schluchzend schloß: Ihr seht wohl, daß ich kein Ungeheuer bin, und daß ich recht habe, ihn zu hassen, ihn, der mich haßt, obwohl er mein Vater ist, leider! Dieser Mörder!" Und immer dieses Wort, dieser quälende Refrain! Und schließlich fügte er hinzu: So soll er mich denn tödten, mich gleichfalls! Das wünscht er ja. Danach trachtet er seit langem. Nun wohl, die Gelegenheit wird sich ihm bieten. Er soll mich tödten, mich gleichfalls! Mich gleichfalls!" Vergebens sagten ihm Cesarine und ich, daß er rase, daß er gerade diese Gelegenheit den Drohungen des Kapitäns nicht darbieten dürfe, daß diese Drohungen selbst ihm zu sagen scheinen: Entferne Dich! Ich will nicht in Versuchung kommen, meinen Sohn als Feind zu behandeln." Ich", erwiderte Paul,ich will im Gegentheil, daß er in diese Versuchung kommt. Das soll seine Strafe sein. Nein, nein, ich werde nicht weggehen." Welche Gründe sollte man dieser Ueberspanntheit entgegen setzen? Wir wußten nichts auszudenken. Cesarine verlor sich in Schmeicheleien, zarten und kosenden Worten, sie be« deckte ihn vor mir mit leidenschaftlichen Küssen. Aber er bestand wie ein krankes Kind auf seinem Kopf und legte die ganze Energie, die ihm noch übrig geblieben war, in die Worte: Nein, ich gehe nicht weg! Ich will sehen, ob er mich gleichfalls tödten wird!" Bei dieser Entschlossenheit hätte man ihn nur mit Gewalt entführen können. Dieser Gedanke blitzte einen Augenblick in Cesarinen's Augen auf. Aber sie wagte nicht, den Versuch z« machen. Es wäre übrigens auch unmöglich gewesen, denn er war in Schweiß gebadet, er glühte im Fieber und er war außer Stande, der frischen Lust ausgesetzt zu werden. Morgen, morgen!" sagte sie mir.Er wird morgen vernünftiger sein." Weder morgen, noch irgend wann", antwortete er. Aber", erwiderte ich, indem ich noch einen letzten Ver» such machte, ihn zu überzeugen.Du mußt Dich morgen ent« schließen. Der Passirschein gilt nur bis morgen." Ich zeigte ihm das Datum. Heftig entriß er mir de» Schein und zerfetzte ihn in kleine Stücke, Was thust Du?" schrie Cesarine. Ich thue meine Pflicht", antwortete er. Das war die Antwort und die Handlung eines Wahn« sinnigen. Und er schien in der That plötzlich sein Bewußtsein verloren zu haben. Er sank wieder in die unbewegliche Haltung eines Irren zurück, in der ich ihn beim Eintritt gefunden hatte. Sein Gesicht hatte wieder die Todtenbläffe und die harten Züge eines Wachsgesichtes angenommen. Die müden und verstörten Augen blickten starr aus den Brief des Kapitäns, der auf dem Tisch geblieben war. Er schien wie hypnotisirt. Anders hätte er auch die Mündung einer auf ihn gerichteten Pistole nicht ansehen können, mit der auch er mitten in die Brust geschossen werden sollte. XVUL Am folgenden Tage erkundigte ich mich nach seinem Be« finden. Er war sehr schlecht. Er hatte eine schreckliche Nacht im Fieber und im Delirium zugebracht. Um das Unglück voll zu machen, hatten sich was übrigens vorauszusehen war seine Hustenansälle wieder eingestellt. Sehen Sie," sagte mir tapfer Cesarine,wir dürfen nicht zögern; wir müssen ihn gegen seinen Willen entführen. Mehr als je will ich, daß er abreist, seitdem ich jetzt weiß, was zwischen ihm und seinem Vater liegt. Nur die Landluft allein kann ihn noch eine Zeit lang erhalten." Aber wie werden Sie das thun?" fragte ich.Wie können Sie ihn wider seinen Willen entführen?" Ich weiß es nicht," erwiderte sie.Aber was ich genau weiß, ist, daß ich dazu entschlossen bin, und daß es mir ge- lingen wird, koste es, was es wolle. Wir brauchen nur eine» anderen Passirschein. Sorgen Sie dafür zusammen mit Vater Heurtault. Für das übrige werde ich sorgen." Wie wollte sie dafür sorgen? Von welchem Hirn- gespinstc träumte sie? Aber ich wagte nicht, auch nur mit einer Miene meinen Zweifel auszudrücken, so sehr imponirte mir ihr Wille und ihr Glaube. Ich dachte nur daran, ihr zu gehorchen, und schnell machte ich mich auf die Suche nach Vater Heurtault. Unsere neuen Bemühungen auf der Präfektur waren er- folglos. Was würde Cesarine sagen? Ich schämte mich, nicht er« langen zu können, was sie wollte. Der Gedanke kam mir, zu dem Stabsoffizier, zu meinem alten Freunde, dem Leibgardiste» zu eilen. Wer weiß, ob der uns nicht aus der Verlegenheit ziehen kann. Er ist vielleicht jetzt Oberst! Leider war er nichts mehr von alledem. Man wußte sogar nicht einmal, von wem ich sprach, als ich bei dem Posten am Vendömeplatz nach ihm fragte. Es war eine neue Legion, die seit einigen Tagen den Wachtdienst versah, und von diesen