Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 173.

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Freitag, den 3. September.

tannt

1897.

Eins

( Nachdruck verboten.) letzten Besuche, der allerdings Jahre zurücklag, noch bes Der Bauernführer. war. Es war die alte, bürgerliche richtung von damals, fein Stück mehr und tein Roman von Franz Kahler. Stück weniger; teine Spur von Luxus, aber auch Dem regnerischen Tage war rasch die Dämmerung gefolgt. feine von der Einfachheit eines bloßen Bauernhauses. Ein dunkler Schatten färbte das einförmige Grau der Land- Sein Bruder, Waldemar Teßmer, war auch kein Bauer. Er schaft noch ausdrucksloser. Zwei finsteren, hohen Mauern war nicht einmal von Hause aus Landwirth, sondern hatte gleich standen die fahlen Pappelbäume zu beiden Seiten als Direktor der Zuckerfabrik Senten den großen Bauernhof der Chaussee und liefen gerade da zusammen, wo die gekauft und überließ die Ackerwirthschaft in der Hauptsache schwachen Umrisse des Dorfes Senten durch den Nebel bemert seinen Beamten. Er war stark verschuldet, hielt sich aber, da bar wurden. er seinen Einfluß sehr zu seinem Vortheile zu benutzen verstand, ganz leidlich über Wasser, lebte gut und hatte in seiner Frau, mit der er in finderloser Ehe lebte, eine vortreffliche Stüße. Sie hielt auf strenge Zucht und Ordnung in der Wirthschaft. Ihre durch­aus praktische Lebensauffassung war für das Ganze von um so größerem Werth, als ihr Mann mit einem Fuße immer im Reiche der Projekte stand. Nachdem jedoch Teßmer's vielfache Versuche, seine eigene Wirthschaft als Objekt für überspannte Neuerungen zn benutzen, stets gründlich fehl geschlagen waren, hatten sich die beiden Gatten schließlich dahin geeinigt, daß er die Fabrik und sie die Wirthschaft zum Felde ihrer Thätigkeit wähle.

Als Teßmer Senten erreichte, begann es schon start zu dunkeln, während ein feiner Regen herniederrieselte. Kein Mensch begegnete ihm auf der Dorfstraße; nur das taktmäßige Klappern der Dresch flegel, das bald lauter, bald leiser durch den Abend schallte, mahnte an ihre Nähe.

Das große Gehöft seines Bruders Waldemar lag mitten im Dorfe, gegenüber der alten Kirche mit dem abgeſtumpften Thurm. Langgestreckte, nur zum kleinen Theil massiv gebaute Ställe und Scheunen umschlossen den weiten Hof, an dessen der Kirche zugekehrten Seite das alte Wohnhaus lag. Dahinter dehnte sich ein stattlicher Obstgarten. Hohe Mauern, welche zwischen den Wirthschaftsgebäuden und rings um den Garten gezogen waren, versperrten jeden Ausblick und gaben dem Bauernhofe ein vornehmes, abgeschlossenes Gepräge.

In der Hausflur stieß Teßmer auf das erste lebende Wesen, eine junge Magd, die ihm auf seine Fragen erzählte, daß der gnädige Herr" in der Fabrit und die gnädige Frau" verreist sei.

Da der Ankömmling nach diesem Bescheide keine Miene machte, umzukehren, sondern nach der Küche zuschritt, rief sie rasch: Muhme! S'is einer da!"

Die Gerufene, eine ältere, wohlbeleibte und bäuerlich ge­kleidete Person, erschien auf der Küchenschwelle. Bei dem vollen Licht, das durch die Küchenthür auf Teßmer fiel, er­tannte sie den Antömmling sofort.

Herrjeh! Der Herr Alexander! Schön' guten Abend! Der gnädige Herr sein aber auf der Fabrik und die gnädige Frau

" Ich weiß das bereits," unterbrach sie Teßmer, eben falls einen schönen guten Abend, und dann, liebe Muhme, bringen Sie mich einstweilen nach der Stube; ich werde dort

warten."

In der Fabrik hatte Waldemar Teßmer keinen schweren Stand. Das Etablissement war nur ein kleines und zum größten Theil Eigenthum der von Mohler'schen Erben, deren Bevollmächtigter der Direktor selbst war. Einige Großbauern aus Senten und den umliegenden Dörfern nannten den Reſt der Fabrikantheile ihr Eigen. Das Unternehmen prosperirte trop Teßmer's ewigen, unrationellen Verbesserungsversuchen ganz leidlich, ohne indessen einen sonderlichen Aufschwung nehmen zu tönnen.

Alexander Teßmer hatte inzwischen sein Mahl beendet. Der volle Magen stimmte ihn nach der langen Fastenzeit äußerst zuversichtlich und behaglich. Als die Alte hereinkam, den Tisch abzuräumen, war er in der besten Laune.

Nachdem er sie durch ein Kreuzfeuer liebenswürdiger An­reden und Komplimente aus ihrer Zurückhaltung gerissen, meine liebe Frau Steiner" sogar dazu bewogen hatte, ihm die Zigarrentiste seines Bruders zu präsentiren, war das Eis gebrochen, und der Redestrom der Ver­söhnten kannte keine Grenzen. Teßmer war nach Verlauf einer Stunde, während er gemüthlich auf dem Sopha aus­gestreckt mit vollem Behagen seine Bigarre rauchte, bereits sehr genau über die Verhältnisse seines Bruders unterrichtet. Die wirthschaftlichen Schwierigkeiten des Gutes waren Teßmer errieth an dem unschlüssigen Benehmen der Alten im Zunehmen; seines Bruders Stellung als uns deren Gedankengang. Die alte Muhme war sich offenbar umschränkter Herrscher in der Fabrit nach mehreren nicht ganz klar darüber, ob sie ihn nach der neuerdings erschweren Mißerfolgen in der letzten Zeit start erschüttert; folgten Aussöhnung mit seinem Bruder als wieder ganz zur er selbst vom Rheumatismus sehr geplagt, und seine Familie gehörig behandeln durfte. Schwägerin so habgierig und herrschsüchtig wie früher.

" Wollen der Herr Alexander nicht vielleicht nach der Fabrik gehen? Der gnädige Herr kommt doch gewiß nicht so bald zurück."

" Ich bleibe hier!", erklärte Teßmer kurz. Und nun Er erfuhr, daß sein lieber Bruder großes" mit ihm vor. bringen Sie Licht, ein paar Pantoffeln und etwas zu essen!" hatte. Er brauchte eine Stüße, was nach Alexander Teßmer's Dabei machte er Miene, nach dem gegenüberliegenden Wohn- Ansicht so viel hieß, wie einen Menschen, der Pech gehabt zimmer zu gehen. hatte und den man in seiner gedrückten Lage bequem auss Die Alte stand rathlos da. Das bestimmte Auftreten beuten fonnte. Der alte Haß gegen seinen Bruder, den Teßmer's blieb zwar nicht ohne Eindruck auf sie, aber die herrschsüchtigen, rücksichtslosen Gewaltmenschen erwachte so­bange Frage, was wohl der gnädige Herr" dazu sagen fort wieder in ihm, nicht aus Motiven einer könne, lähmte noch immer ihre Entschließungen.

" Vielleicht nehmen der Herr Alexander ein bissel in der Küche Platz? Es ist hübsch warm d'rin und Sie werden bei dem Wetter draußen..

Lassen Sie Ihre Redensarten," fiel ihr Teßmer ins Wort. Thun Sie, was ich Ihnen geheißen habe, oder ich rufe mir jemand anderen."

Dieser entschiedenen Sprechweise gegenüber hielt es die Alte doch für gerathener, die Sache nicht auf die Spitze zu treiben.

Wie Sie befehlen, Herr Alexander!" stotterte sie, huschte rasch in die Küche, aus der sie gleich darauf mit einer brennen­den Lampe zurückkam.

Zehn Minuten später und nach einem zähen, versteckten Kampfe mit der störrischen Alten saß Teßmer behaglich in der Sophaecke, während jene den Tisch deckte und das Abendbrot auftrug.

Teßmer musterte das Zimmer, das ihm von seinem

lauteren Sinnesart, sondern aus der Charaktergleichheit beider, die ihn instinktiv fühlen ließ, daß für beide nicht Blah nebeneinander sei. Teßmer's Plan war daher schnell gefaßt. Dem Bruder gegenüber wollte er einstweilen die Hand in der Tasche ballen, der Schwägerin möglichst aus dem Wege gehen.

Alten.

Wagengeraffel unterbrach plötzlich den Wortschwall der " Der gnädige Herr!" war alles, was fie, vom Stuhl auf­springend, noch sagen konnte. Zeßmer erhob sich langsam aus leiner liegenden Stellung. Bringen Sie die Zigarrenkifte wieder an Ort und Stelle und werfen Sie die Reste und die Asche in's Küchenfeuer!" herrschte er die noch immer verblüfft Dastehende an. Die Alte gehorchte und schlüpfte hinaus.

Eine Minute später trat Waldemar Teßmer in's Zimmer. Die Anwesenheit seines Bruders, der ihn kurz begrüßte, setzte ihn wenig in Erstaunen.