Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 177.

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Donnerstag, den 9. September.

( Nachdruck verboten.)

Der Bauernführer.

Roman von Franz Kahler.

1897.

gegen damals sehr verändert. Zu beiden Seiten der alten Zuckerfabrik Senten, die einstmals einsam zwischen den Feldern lag, waren die gewaltigen Anlagen der Kohlengrube, der neuen Zuckerfabrik und sein stattlicher Herrschaftssit emporgeschossen, die, fast zwei Kilometer weit, von Senten nach dem Bahnhofe Wiesenau die Chauffee entlang liefen.

Dieser war auffallend stark geworden. Sein imponirender Bauch, den er mit einer geschickt zur Schau getragenen Feier­lichkeit gewichtig vorwärts schob, gab ihm ein sehr würde und fast all' das gehörte ihm. Seine kühnsten Träume volles Aussehen. Die elegante Kleidung, im Schnitte eines waren übertroffen durch die Wirklichkeit. Sein Vermögen vornehmen Landedelmannes, bewies, daß er die Rolle des zählte nach Millionen; dreitausend Morgen fruchtbarsten reichen Grundbesizers bereits mit allem Geschid spielte. Sein Landes waren sein eigen; in den beiden Fabriken war sein fabelhaftes Glück war auch auf sein ganzes Benehmen nicht Wille maßgebend; die Grube war sein ungetheilter Besitz; ohne Einfluß geblieben. Mit vornehmer Unnahbarkeit hielt zweihundert Arbeiterfamilien standen in seinem Brot, eine er sich die Leute vom Halfe und glaubte den Gipfel der große Anzahl von Existenzen, Direttoren, Techniker, Chemiker, Höflichkeit erklommen zu haben, wenn er die respektvollen Inspektoren, Handwerker und Kommis lebten von seinem Grüße der ihm Begegnenden mit einem leichten Kopfuicken er- Glücke. Unumschränkt wie ein Fürst gebot er in diesem wirth­widerte. schaftlichen und gesellschaftlichen Machtkreise.

Um so erstaunter war Wegner, als ihm Teßmer mit Und sein Regiment war in der That ein willkürliches einem liebenswürdigen guten Abend" seine fette Rechte ent- nicht nur auf ökonomischem, sondern auch auf geistigem Ges gegenhielt. A biete. Er kontrollirte nicht nur die Arbeiten, sondern auch Nun, alter Freund, was macht der Roggen? Prächtige die Ueberzeugungen seiner Lohndiener. Er hatte es ver Ernte? Wie?" standen, direkt oder indirekt alle, die Wohlhabenden, wie die Armen seines Amtsbezirkes, von sich abhängig zu machen. Er war die Verkörperung des modernen Systems, das er im gewerblichen und geschäftlichen Verkehr hier eingepflanzt hatte, und in dessen Banne allmälig alle standen, vom Großbauer bis zum Tagelöhner.

Sie könnte beffer sein, Herr Teßmer. Der gar nicht mehr richtig. Es fehlt an Dünger, allem."

Boden will an Arbeit, an dr ,, Es liegt ja nur an Euch, Wegner, aus diesem Sumpfe herauszukommen. Geld ist der beste Dung. Weshalb probirt Ihr nicht ein bischen. Ein kleines Spielchen, sage ich Euch, hat schon manchen auf gesunde Beine gestellt. Na, ich habe Euch die Hand geboten; wenn Ihr nicht wollt, zwingen kann ich Euch nicht."

Trotz alledem fühlte sich Teßmer nicht befriedigt. Sein Ehrgeiz strebte hinaus über die Grenzen seines winzigen Amts­bezirkes. Er träumte immer ernstlicher von einem Land- und Reichstagsmandat, von einer politischen Rolle, die ihn hinaus­" D, o, Herr Teßmer, ich weiß, Sie meinen's gut; aber heben sollte über das Niveau gewöhnlicher Dorf- oder Stadt­feh'n Sie, ich verstehe nichts von der Sache und möchte mein potentaten. Nicht nur sein Wahlbezirk sollte zu ihm empor bischen Hab und Gut nicht ganz aufs Spiel sezen!" fchauen; die ganze Nation, der König und die höchsten Diener Wer spricht von Hab und Gut. Versucht's mit ein paar des Staates sollten ihre Augen auf ihn richten, womöglich gar hundert Thalern. Und was das Verstehen anbelangt, das um seinen Einfluß werben. Ein reiflich überlegter, liftig an faßt nur meine Sache sein. Wer nicht wagt, gewinnt nicht. gelegter Plan stand bei ihm feft, die allgemeine Aufmerksam Und bedenkt, Ihr habt Weib und Kind, die Larifariwirthschaft feit auf sich zu lenten. muß also aufhören."

Zwar zog von Zeit zu Zeit ein Schatten über dieses " Na denn, Herr Teßmer, wenn Sie so gut sein wollen, glänzende Bild: seine geringe Bildung, was ihn bei all' seiner ich vertraue Ihnen, denn Sie haben es mit den armen Leuten Rücksichtslosigkeit und Keckheit oftmals in zaghafte Zweifel doch immer so gut gemeint." angdongan das Gelingen seines Unternehmens stürzte. Allein er ver traute seinem Glück, seinem Wollen, seiner eisernen Stirn und seinem Gelde.

Das laß ich mir gefallen. So ist's recht, Wegner, den Kopf oben! Kommen Sie in mein Romptoir, wenn Sie mit der Erute fertig sind; wir besprechen die Sache dann weiter. Guten Abend!"

Guten Abend, Herr Teßmer!"

Einige Sekunden starrte Weguer dem sich langsam Ent­fernenden nach; dann schlug er unbekümmert um die Schwüle, die ihm dicke Schweißtropfen auf die Stirne trieb, hastig den Weg nach Hogwig ein.

Noch immer regte sich kein Lüftchen. Nur am fernen Horizont lag ein langer, dunkler Schatten: heraufziehendes Gewölk, hinter dem die Sonne zur Rüste gehen wollte. Auf der staubigen Dorfstraße lärmte eine Schaar schmutziger und zerlumpter Rinder, während die Eltern aus dem zu Teig gefneteten Braunkohlenstaube Ziegel, Brennmaterial für den Winter, formten oder in den armseligen Gärtchen längs der einen Seite des Weges mit Hacken und Jäten beschäftigt waren. Das Wasser des Teiches hatte ein schmutzig graues Aussehen; das Laub der Sträucher und Bäume bedeckte eine feine Staubschicht, die alle Farben und alles Leben weg­wischte. Einige schwer beladene Erntewagen, halb in Staub­wolfen verborgen, wankten knarrend über das holperige Stein­pflafter.

Teßmer hatte langsam seinen Spaziergang fortgetzt. Auch er war in Gedanken versunken, die aber sehr angenehmer Natur

Für Geld find auch Intelligenzen zu haben; wie seine Handarbeiter würden auch die Gehirntagelöhner für ihn schaffen. Die Gebildeten waren in seinen Augen ja genau der ver achtenswerthe Pöbel, wie die große Schaar aller menschlichen Habenichtse, die sich feige und bettelnd um den Mann des Er­folges drängt... feige

Ein Windstoß, der plötzlich das weite Aehrenmeer durch­wühlte und in die glatte Fläche tiefe Furchen zog, schreckte Teßmer aus seinen Gedanken. Der ferne dunkle Wolkenstreifen war rasch näher gekommen und lagerte finster über den Gebäuden der Fabriken. Am Horizonte zuckte hastig ein grelier Schein. Die Windstöße wiederholten sich rasch hintereinander; die Getreidefelder glichen einem aufgeregten See, aus dem ein ungeheures Rauschen drang.

Als Teßmer in den weiten schattigen Laubengang des Partes trat, fielen die ersten Tropfen, während immer lauter und lauter das Rollen des Donners ertönte.

Im Wohnzimmer der Teßmer'schen Villa wartete zur selben Zeit ungeduldig ein junger Mann von etwa sechsund­zwanzig Jahren auf die Rückkehr des Hausherrn. Dr. Frizz Neffel, Chemiker der Zuckerfabrik Senten und nebenbei Privat sekretär Teßmer's, ein schlankgewachsener Herr mit furz ge schorenen, schwarzen Haaren, verschmitt blickenden Augen, fnochigen Backen und einem dünnen Schnurrbärtchen über Jmmer, wenn er diesen schmalen Fußweg entlang ging, den fest zusammengebissenen Lippen, ging mit großen den er einst so oft in trüben, bangen und auch hoffnungsfrohen Schritten im Zimmer auf und ab. Von Zeit zu Zeit Stunden gewandelt war, umfing ihn ein wohliges Gefühl fatter blickte er ärgerlich durch das große Fenster, das nach der Park­Zufriedenheit. Hier, von der erhöhten Stelle des welligen Terrains seite führte, und schimpfte halblaut über die Rücksichtslosigkeit, aus, hatte man einen hübschen Ausblick in das weite, flache mit der man ihn warten ließ.

waren,

Land mit den unabsehbaren Getreides und Rübenfeldern," Wahrhaftig eine Schande, was man sich von einem den baumbesetzten Chausseen und den zwischenhin verstreuten solchen Barvenü alles bieten lassen muß! Erst treibt er und Dörfern. quält er einen, daß man sich eine ganze Nacht um die Ohren

Einige hundert Meter vor ihm aber hatte sich das Bild schlägt, um die verdammte Arbeit fertig zu bekommen, und