Anterhaltungsblatt des Vorwär's

Nr. 178.

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Freitag, den 10. September.

( Nachdruck verboten.)

Der Bauernführer.

Roman von Franz Kahler. Bedienen Sie sich, Doktor!" Teßmer reichte ihm die Bigarrentiste hin. Und Du, Heda, mach, daß Du nun fort­tommst; wir haben noch viel zu thun."

Als Hedwig das Zimmer verlassen hatte, wandte sich Teßmer wieder an Nessel. Haben Sie die Arbeit mitgebracht? Schön! Nun lesen Sie einmal vor!"

Dr. Nefsel blätterte in dem Papierstoß, auf den das volle Licht der Lampe fiel. Teßmer hatte sich gemächlich in das weiche Polster des langen Wandsophas zurückgelegt. Durch die Stille des Zimmers tönte laut das Klatschen des Regens gegen die Scheiben, zeitweise vermischt mit dem näher kommen­den Grollen des Gewitters.

Deutsche Bauern, Landwirthe und Gesinnungsgenoffen!" begann Nessel mit klarer Stimme. ,, Eine Zeit der schwersten Noth ist hereingebrochen über die deutsche Landwirthschaft. Der deutsche Bauer, das Mark des ganzen Volkes, der Träger deutscher Kultur, Sittlichkeit und Ordnung, die fefteste Stüße von Thron und Altar, ist auf das schrecklichste in seiner Existenz bedroht. Im Schweiße seines Angesichts bebaut er seine Felder, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht quält er sich mit Weib und Kind bei harter Arbeit, aber seine Felder werfen ihm kaum noch das tägliche Brot ab, und Weib und Kind drohen Hungers zu sterben. Das Getreide gilt nichts mehr, Butter und Fleisch gelten nichts mehr, kurz alles, was seine Wirthschaft hervor­bringt, wird so schlecht bezahlt, daß es sich kaum noch lohnt, zu wirthschaften. Seine Schulden wachsen täglich und hunderttausende fleißiger deutscher Bauern zittern vor dem Augenblicke, wo sie Haus und Hof verlassen müssen.

1897.

Es hat mir auch wirklich Mühe gekostet, mich in diese mir so fremde Ideenwelt hineinzuleben."

" So was lernt man schon mit der Zeit, lieber Freund. Durch Fleiß und Arbeit habe auch ich mir all' diese Ünmasse von Kenntnissen erworben, ohne die man heutzutage eben teine wirklich bedeutende Rolle mehr spielen kann. Glücklicher weise unterstützen mich meine praktischen Erfahrungen sehr, denn in der Landwirthschaft habe ich, wie man so sagt, von der Pife auf gedient... Doch dies nebenbei. Morgen besorge ich die Unterschriften. Wegner, Mundt und ein Dutzend dieser Kerls unterschreiben ihr Todesurtheil, wenn ich es verlange. Schulze, Berger und andere machen auch keine Schwierigkeiten, und den Rest kann ich missen."

,,, alle werden sich drängen, ihren Namen unter diesen Aufruf zu setzen," entgegnete Nessel, ich verspreche mir einen großen Erfolg. Das Unternehmen macht Ihrem Eifer für das Wohl Ihrer Standesgenossen alle Ehre."

Larifari, Doktor, machen Sie teine Redensarten! Ich weiß, daß ich Feinde genug habe, die nicht für hundert Thaler ihre Unterschrift hergäben und auch dieses Unternehmen als ein auf eigensüchtige Zwecke berechnetes verschreien werden. Das soll mich aber nicht hindern, meinen Plan auszuführen." Arme verfolgte Unschuld!" dachte Nessel. Du und und selbstsüchtige Zwecke verfolgen? Hallunke, wie ich Dich durchschaue!"

Es war schon spät, als Dr. Nessel seinen Heimweg an­trat. Er wohnte in Wiesenau, wo er im Gasthofe zwei Zimmer gemiethet hatte.

Bor zwei Jahren war er als Chemiker der Zucker­fabrit Senten hierher gekommen. Er merkte bald, daß dieser ungebildete, eitle, von rasendem Ehrgeiz zerfressene Teßmer hier zu Lande alles galt. Langsam hatte er sich an ihn heran­Landwirthe! Das kann nicht so weiter gehen. Es muß gedrängt; geschickt hatte er es verstanden, sich dem alten Streber uns geholfen werden, wenn das ganze Reich nicht in Stücke werthvoll, fast unentbehrlich zu machen, und heute betrachtete gehen soll. Der Staat, für den unsere Väter und wir alle er sich im Geifte bereits als dessen Schwiegersohn. Die reizende, geblutet haben, muß uns helfen! Der König, zu dem wir blonde Hedwig wollte allerdings nichts von ihm wissen. Wie ftets in deutscher Treue gestanden haben, muß sein er längst bemerkt hatte, schwärmte sie für den Tugendbold Machtwort sprechen zu unsern gunsten. So lange von Dr. Thal, den neugebackenen Direktor der neuen Zucker­wir freilich nicht laut unsere Stimme erheben, werden fabrik; allein, was hatte das zu bedeuten, wenn Teßmer eines uns der Staat, die Regierung und unser geliebter König Tages zu ihr sagte: Hier, Hedwig, steht Dein zukünftiger und Kaiser nicht hören. Die Stimme des einzelnen ist aber Mann, mein Freund und Gehilfe, Dr. Nefsel!" Gab's zu schwach. Darum, liebe Freunde, schart Euch zusammen und da wohl einen Widerspruch? Einstweilen also war er garnicht tretet laut und vernehmlich an die Deffentlichkeit! Einigkeit eifersüchtig auf diesen Spießbürger Thal. Der wurde ihm macht start. Ein Beispiel dafür können Euch die Unter sicher nicht gefährlich. Den Alten hatte er bereits fest in der zeichneten dieses Aufrufs bieten. Sie alle sind echte Hand. Er wußte, wohin deffen Streben ging: ins Parlament deutsche Bauern, die durch festen Zusammenschluß ihre und nach dem Wörtchen von" vor seinem bürgerlichen Namen. traurige Lage wenigstens einigermaßen erträglich gemacht Mit Fräulein Hedwigs kleiner weißer Hand als Gegenleistung haben. Vor zwölf und fünfzehn Jahren ging es uns noch wollte er ihm schon zu beiden verhelfen. sehr, sehr traurig, aber dem thatkräftigen Eingreifen unseres Die Gründung eines großen Bauernvereins hatte er ihm Vorsitzenden, Alexander Teßmer, eines echten deutschen Bauern zugeflüstert. Er mußte den Mann in den Vordergrund von altem Schrot und Korn, haben wir es zu verdanken, daß schieven, auf eine Stelle, wo er ohne eine Intelligenz als dies heute auders geworden ist. Besonders die Lage der kleinen Stüße sich nicht einen Tag behaupten tonnte. Der alte Narr Landwirthe ist in unserem Bezirke eine geradezu glänzende zu sollte eines Tages noch von Glück reden dürfen, wenn der nennen. Bei uns giebt es keine jüdischen Wucherer, die den Bauer Dr. Nessel sein Schwiegersohn wurde. um sein bischen Hab und Gut bringen.". Wie Dr. Nefsel ganz richtig vorausgesagt hatte, machte der Aufruf Teßmer's an die deutschen Bauern ein gewaltiges Aufsehen.

An dieser Stelle konnte sich Teßmer nicht enthalten, dem Lesenden ein lautes" Bravo , Doktor!" zuzurufen. Das haben Sie vortrefflich gemacht, Doktor! Doch nun weiter!"

Von neuem leierte Nessel seine demagogische Litanei herunter. Eine schwulstige Redensart jagte die andere. Bekannte Thatsachen, erlogene, erdichtete, durch nichts begründete Behauptungen folgten wie Kraut und Rüben durch

einander.

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Das Unternehmen war auch mit allem Geschic, ungeheueren Kosten und viel Reklame in Szene gesetzt worden. Die 25 Unter­schriften größerer und kleinerer Bauern hatte Teßmer mit Leichtigkeit erhalten. Der Aufruf wurde in 500 000 Exem­plaren über ganz Deutschland verbreitet. Dr. Nefsel hatte fich acht Tage in Berlin aufgehalten, wo es ihm gelang, Zum Schluß tam ein neuer dringender Appell an den einige einflußreiche Persönlichkeiten und die konservativen edlen deutschen Bauernstand, sich zusammenzuschließen zu einem Blätter für die Sache zu gewinnen. Kein Tag großen Bunde und sein Schicksal dem echten deutschen verging, ohne daß er eine längere Notiz über den Bauer", Alexander Teßmer, anzuvertrauen, der, wie er es begeisterten Widerhall, den die Flugschrift bei den Land­als Vorsitzender des Sentener Bauernbundes bewiesen habe, wirthen aller Gegenden gefunden habe, in die Presse ein­die Fähigkeiten besize, der Noth der Landwirthschaft Einhalt schmuggelte. Vor allen Dingen konnte er mit einigen ange zu thun und das Glück des deutschen Bauernstandes zu sehenen Namen des deutschen Adels aufwarten, die sofort begründen. ihren Beitritt zu dem neuen Bunde erklärt hatten. Herr Doktor, ich mache Ihnen mein Rompliment! Sie Das war auch das einzig Wahre an den Berichten, haben mich richtig verstanden und meine Anschauungen klar denn wirkliche Bauern hatten sich anfangs nur sehr wiedergegeben. Sie sind mein Mann!" wenige gemeldet. Um so fieberhafter bearbeitete Nessel die

Dr. Nefsel machte eine leichte Verbeugung. Um seine maßgebenden politischen Persönlichkeiten, die an der Lippen spielte unwillkürlich ein flüchtiges, malitiöses Bächeln. Gründung Interesse genommen hatten. Die Beschickung