Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 179.

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Sonntag, den 12. September.

1897.

( Nachdruckt verboten.) rauschende Begleitung zu dem taktmäßigen Schmettern der Trompeten bildete.

Der Bauernführer. Einige zwanzig Schritte vor der Villa und den Gästen Roman von Franz Kahler. des Hauses machte der Zug halt. Die Theilnehmer, Männer, Hauptsächlich waren es zwei Gegner, deren Widerstand Frauen und Kinder, auf deren gefurchten oder unerfahreneu er fühlte. Steinig's Feindschaft trat immer offener hervor, Gesichtern noch ein Abglanz des Genusses wiederstrahlte, den während die Opposition des Direktor Thal mehr im geheimen ihnen Hammelbraten, Kuchen und Freibier soeben bereitet Die Musik verstummte zu bemerken war. Dem ersten gegenüber spielte Teßmer daher hatten, bildeten einen Halbkreis. nur noch den überlegenen Mann, der nach dem neidischen Ge- plöglich, und aus den Reihen der Arbeiter trat ein älterer, fläffe eines lumpigen Bauern keinen Pfifferling frug. Lang aufgeschossener Mann. Er ging zehn Schritte auf den Dr. Thal dagegen suchte er durch durch ein ein Neg von Platz zu, wo Teßmer stand, machte eine linkische Verbeugung Liebenswürdigkeiten an sich zu ziehen, indem er sich den An- und griff mit auffallender Geberde in die Brusttasche seines schein gab, dessen feindseliges Verhalten gar nicht zu merken. abgetragenen, schwarzen Rockes. Mit markirter Ueberraschung Auch war ihm die aufteimende Neigung zwischen dem Direktor zog er jedoch schnell seine Hand wieder zurück und versuchte und seiner Tochter nicht entgangen. Und so lächerlich ihm im eine Miene zu machen, als ob er sagen wollte:" Donner Ernstfalle ein solches Verhältniß auch erschienen wäre, als wetter, da habe ich wohl meine fein sauber aufgeschriebene Köder kam es ihm sehr gelegen. Rede zu Hause gelassen?"

Teßmer überhäufte Thal mit Einladungen und gab sich alle Mühe, ihn auf seine Seite zu ziehen. Thal durchschaute als scharfblickender Mann zwar klar die Taktik seines Gegners, allein bisher waren Hedwig's dringende Bitten, es nicht zu einem Bruche zwischen ihm und ihrem Vater kommen zu lassen, stärker gewesen als sein mehrmaliger Entschluß, mehrmaliger Entschluß, das Teßmer'sche Haus zu meiden. Ein wenig trug dazu auch das Verhalten Dr. Nessel's bei, der immer offener als Bewerber um die Hand Hedwigs hervortrat.

Teßmer, der majestätisch inmitten seiner Gäste stand, lächelte wohlwollend. Seine Freunde lachten, seine Töchter lachten und auch die Arbeiter mit ihren Frauen lachten. Seit zehn Jahren lachte man stets, wenn der alte Strube regel mäßig mit der gleichen verzweifelten Geberde seine leere Hand aus der Tasche zog und dann mit untröstlicher Miene hastig alle Taschen seines Anzuges durchsuchte. Schließlich, als die allgemeine Heiterkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte, richtete sich der alte Arbeiter hoch auf, stellte sich mit einer Hand­Erfolgreicher war Teßmer den kleinen Bauern gegenüber bewegung, die so viel bedeuten sollte, als Nun, es wird auch gewesen. Vor allen war Wegner vollständig in seinen so gehen!" in Positur und begann mit schwachem Pathos Dank in Verse gekleidete Lobs, und Händen. Die Spekulationsgeschäfte, die er für diesen unter- eine lange, zu leiern. Er stockte stockte zwar nommen, waren nach wenigen Wochen bereits so ungünstig Erbauungsrede herunter verlaufen, daß jener sein ganzes Hab und Gut an Teßmer häufig, aber Dank der geschickten Soufleuse, Soufleuse, Frau verpfänden mußte, der nur gegen enorme Binsen das Geld Bastor Kleinschmidt, der Verfasserin des Gedichts und der Er zur Begleichung der Börsendifferenzen vorgeschossen hatte. finderin des geistreichen Taschenabsuchens, ging der Vortrag glücklich zu Ende.

Einstweilen zog Teßmer die Schlinge aber noch nicht zu. In seiner heutigen Stellung mußte er ja doppelt vorsichtig handeln. Die Welt ist zu leicht mit Verdächtigungen bei der Hand. Ueberdies war ihm die Beute ja sicher.-

IV.

Das sprichwörtlich schöne Wetter hatte sich auch in diesem Jahre zu Teßmer's Erntefeste eingestellt. Bom wolkenlosen, zartbeblauten Himmel strömte eine Fluth herrlichen Sonnen­scheins hernieder, tausendfältig aufbligend in den kleinen Wellen des Parkreiches, an dessen wiesigem Ufer die Gäste des Hausherrn beim Kaffee saßen. Die weiten Rasenflächen, die dichten Hecken und Sträucher, die alten hochragenden Baum gruppen prangten meist noch im üppigsten Grün, nur hin und wieder mahnte ein röthlicher oder bräunlicher Schimmer an den Blättern, daß der Sommer zur Neige gehen wolle.

Die kleine Gesellschaft an den weißgedeckten Tischen war in einer lebhaften Unterhaltung begriffen, und mitten in das Gewirr der Stimmen tönte manch heiteres Lachen und das Klappern der Tassen und Löffel. Die unruhige Spannung, mit der man dem Eintreffen des Arbeiterzuges entgegensah, erhöhte die allgemeine, laute Fröhlichkeit. Besonders die jungen Gruben und Wirthschaftsbeamten machten aus ihrer Festtags­stimmung kein Hehl. Teßmer liebte und förderte durch die ungeniertesten Späße diese Ungezwungenheit; seine Leute sollten sich amüsiren und möglichst in der Weis, in der er sich zu amüsiren pflegte. Ein Vorgefühl des kommenden guten Diners und ausgelassener Tanzesfreuden lagerte auf den Gesichtern der Jugendlicheren, während Teßmer und seine älteren Freunde die zufriedenen Mienen patriarchalischer Leutseligkeit aufgesetzt hatten.

Das näherkommende Geräusch ferner Musik machte dem lebhaften Geplauder ein Ende und gab das Zeichen zu einem allgemeinen Aufbruch.

Einzeln oder in Gruppen gingen alle nach der Villa und nahmen dort an der niedrigen Freitreppe des Haupteinganges Aufstellung, gegenüber dem breiten mit hohen, schattigen Bäumen besetzten Parkwege, durch den der Zug der Arbeiter tommen mußte.

Immer lauter, vernehmlicher Klang die Musik, immer zu sammenhängender trug der leichte Wind die lustigen Weisen eines Marsches herüber.

Endlich bogen die Musikanten in den Parkweg ein, gefolgt von einem Menschentnäuel, deffen lauter, fröhlicher Lärm eine

Die Erntekränze wurden überreicht. Mit einem tiefen Kuig nahmen die Ueberbringerinnen das Erntegeschenk entgegen; der alte Strube brachte ein begeisterndes Hoch auf Teßmer, ein weiteres auf Frau Teßmer und die Fräuleins und ein ferneres auf Teßmer's Gäste aus, und die Musikanten schmetterten mit runden Backen ihren Tusch dazwischen. Dann folgte eine lange Rede Teßmer's über seine Zufriedenheit mit der letzten Ernte, die freilich noch besser hätte ausfallen tönnen; über die Genug thuung, die er empfinde, daß der Himmel so reichlich die Schale des Segens über ihn ausgegossen habe 2c. Er schloß mit einer ernsten Ermahnung an seine lieben Freunde", die Arbeiter, ihre Frauen und Kinder, auch weiter brav, fleißig und genügsam zu bleiben, damit ihnen auch im nächsten Jahre wieder eine Portion fleisch , Kuchen und einige Fäßchen Freibier bescheert seien. Ueber die wettergebräunten Gesichter der Männer und Frauen, auf denen die klare Herbstsoune rücksichtslos all' die Falten und Furchen bloßlegte, welche Sorgen und Entbehrungen hinein gegraben hatten, huschte ein dankbares Lächeln ob der versprochenen Belohnung.

Hammel

Die Musikanten sezten ihre Instrumente an den Mund, machten Kehrt, und in derselben Weise wie auf dem Herzuge wurde der Rückweg nach Hogwiz angetreten. Teßmer und ein Theil seiner Gäste schlossen sich dem Zuge an.

Der große Tanzsaal war zur Feier des Tages mit frischem Grün, Blumen und Getreidekränzen festlich geschmückt. Im Hintergrunde befand sich eine kleine Gallerie, auf der die Musikanten Platz nahmen. Für Teßmer, seine beiden Töchter, Dr. Thal und Dr. Nessel war ein Tisch und Stühle auf­gestellt; alle übrigen saßen auf den Bänken längs der Mauer oder standen im vorderen Theile des Saales, wo auch die Tonnen mit dem Freibier Platz gefunden hatten. Es war üblich, daß Teßmer mit seinen Töchtern den Tanz eröffnete. Teßmer wählte eine der Arbeiterinnen zu seiner Tänzerin, während zwei Arbeiter die Fräuleins" zum Tanze forderten.

Durch Teßmer's Gunst ausgezeichnet zu werden, galt im allgemeinen für die Frauen und Mädchen als keine Ehre. Manche junge Dirne hatte um dieses bloßen Verdachtes willen schon von ihrem Schaß den Laufpaß, und manche Frau von ihrem Manne eine Tracht Prügel bekommen. Allein am heutigen Tage machte man eine Ausnahme. Eine Aufforderung zum Tanze vor hundert Zuschauern war kein Antrag im Parl