Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 184.
Sonntag, den 19. September.
( Nachdruck verboten.)
14]
Der Bauernführer.
Roman von Franz Kahler.
VI.
Doktor Jonathan Weichlich, Berlin , Potsdamerstraße. Dienstag liberale Wählerversammlung in Senten. Süßmilch hält Vortrag. Bitte dringend zu kommen. Unbedingt einige tausend Flugblätter noch heute senden. Rechne bestimmt auf Sie. Drahtet dringend. Teßmer."
Teßmer, Senten. Dienstag unmöglich; ganze Woche be sett außer Freitag. Honorar zweihundert Mart, Retourbillet erster Klasse, Souper und fünfzig Mark für zwei Gehilfen. Flugblätter abgesandt. Drahtet, ob Freitag recht. Weichlich." „ Dringend. Doktor Jonathan Weichlich, Berlin , Potsdamerstraße. Zahle doppeltes Honorar für Sie und Gehilfen, wenn Dienstag. Erwarte bestimmt Busage. Freund schaftlichst Teßmer."
Teßmer, Senten. Afzeptire. Weichlich."
1897.
neue, konservative dort abhalten zu können. Die heutige Bu fage Dr. Jonathan Weichlich's bestärkte ihn in seinem Vers trauen, daß die liberale Sache in Senten eine gründliche Abfuhr erhalten würde.
Das Geräusch näher kommender Schritte riß ihn aus seinen Gedanken.
„ Hallo, Doktor! Sie kommen wie gerufen. Weichlich hat zugesagt!"
Dr. Nefsel trat näher und setzte sich ohne weitere Umstände auf die Bant.
" Dann heißt es also flott an die Arbeit gehen. Heute haben wir Freitag; die Zeit ist kurz."
Wozu arbeiten?" entgegnete Teßmer erstaunt. Mit dem Häuschen Süßmilcher werden wir schon fertig. Die Majorität steht doch zu mir."
Ich bin nicht so optimistisch. Die Bauern können Ihnen die Niederlage in der Fabrik noch nicht vergessen; sie stehen geschlossen zu den Liberalen. Die Arbeiter der Grube und Ihre Tagelöhner müssen allerdings für Sie sein, aber ich fürchte, der Rest neigt zu den Liberalen. Auch Sozialdemo fraten soll es inaffenweise geben. Also denken Sie sich die Sache nicht so leicht. Die fonservative Majorität war nie eine große im Wahlbezirk und einige hundert Stimmen mehr oder weniger können den Ausschlag geben."
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" So ein Gauner!" war alles, was Teßmer nach dem Lesen der letzten Depesche herausstieß. Dennoch war er froh, Weichlich's Zusage erhalten zu haben, denn er wäre sonst in eine schöne Verlegenheit gekommen. Nun sollte es dem Sie sind ein Angstmeier, Doktor! Ich glaube nicht an Dr. Süßmilch, seinem liberalen Gegenkandidaten, der Ihre liberalen Arbeiter, am wenigsten an die vielen Sozial feit Wochen schon im Wahlkreise herumzog, doch demokraten, von denen Sie träumen; mit denen würde ich noch theuer zu stehen kommen, sich schließlich in die Höhle des kurzen Prozeß machen. Das letzte Mal hatten sie ganze sechs Löwen gewagt zu haben. Allein hätte es Teßmer, der offizielle Stimmen, und zwei Dugend Kerle habe ich seit der Zeit mit Kandidat der Konservativen, allerdings nicht riskirt, diesem ge- Weib und Kind, mit Sack und Pack aus meinem Amtswiegten Parlamentarier entgegenzutreten. Lieber hätte er sich bezirk gejagt, unter denen die sechs bestimmt gewesen sind. am Wahltage sterbenskraut gestellt, um im Bett bleiben zu Ich habe jedem vor allen Leuten gefagt:" Du gehst Deiner dürfen, als daß er Süßmilch's gefürchteten Angriffen Troß ge- Wege, weil Du sozialdemokratisch gewählt haft, weil ich nur boten hätte. Dieser Mensch besaß geradezu ein Genie, seine Leute gebrauchen kann, die ehrlich, patriotisch und christlich, Gegner unter einem Hagel von Lächerlichkeiten kampfunfähig d. h. konservativ sind." Und glauben Sie mir, Doktor, diese zu machen. Hier half nur Dr. Jonathan Weichlich's Schandmaul. Exempel haben gewirkt. Außerdem haben unsere Stimmzettel Dem Süßmilch sollten seine faulen Wize noch im Halse diesmal eine hübsche, weiße Farbe, eine konservative Nüance, stecken bleiben. Das mußte ein Hauptspaß werden, der die und wehe dem Kerl, der diese Farbe am Wahltage nicht tausend Mark Unkosten immerhin werth war. lieb hat!"
Ich bin überzeugt," dachte Teßmer,„ daß dieser Erzlump von Weichlich Freitag so wenig oder eben so viel Zeit hat, wie am Dienstag; aber ohne Erpressung geht es bei ihm einmal nicht. Im Grunde hat der Kerl aber ganz recht, daß er seine Leute rapft: Geschäft ist Geschäft, und er versteht das seinige; das muß ihm der Neid lassen."
Nachdem Teßmer sich so mit seinem ersten Aerger abgefunden hatte, zündete er sich eine Zigarre an und setzte sich auf eine Bank am Ufer des Parkteiches.
Wie ein goldig flimmernder Staubregen fiel das Sonnenlicht auf die kaum bewegte. Wasserfläche, die weißen Kieswege und das satte, üppige Grün der Rasenflächen hernieder. Kein Lüftchen bewegte die dichten Laubmassen des Parkes, die einen würzigen Duft ausbauchten. In den Kronen der Bäume Lärmte ein Spaßeuschivarm, zeitweise übertönt von einem langgezogenen, melodischen Vogeltriller
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Sie müssen mir schon gestatten, Herr Teßmer, daß ich dieses Verfahren nicht für flug und auch nicht für durchaus probat halte. Das bloße Rausschmeißen hat keinen Zweck, wird auch illusorisch, wenn die Zahl der räudigen Schafe zu groß wird. Arbeiter müssen wir doch haben, und dann, wissen Sie, ob Sie anstatt der rändigen Schafe nicht Wölfe als Ersatz bekommen? Ich bin mehr für ein diplomatisches Vorgehen, meinetwegen tönnen Sie es auch demagogisch nennen. Mein Plan ist, die Leute da, wo sie am empfindlichsten sind, an ihrer sogenannten Ehre und am Geldbeutel titeln, um sie gegen die Liberalen aufzuheten. Morgen ist Bahltag. Legen Sie Ihren Leuten ein paar Groschen Lohn zu; nach der Wahl werden sich schon Mittel finden, die Sache rückgängig zu machen. Gleichzeitig lassen wir verbreiten und zwar eifrig verbreiten, der Süßmilch hätte gesagt, ein Arbeiter brauche nur Kartoffeln zu fressen und könne Unbekümmert um die Reize des Maiabends, mit halb bei fünf Mark Wochenlohn noch drei sparen, wenn geschlossenen Augen starrte Teßmer finster vor sich hin. Die er fein Säufer sei. Ich garantire Ihnen für den ErThatsache, daß Süßmilch überhaupt in die Lage gekommen folg dieser Propaganda, wenn wir am Versammlungsabende war, in dem Sentener Amtsbezirk ein Versammlungslokal zu und am Wahltage mit dem Freibier nicht geizen. Der Süßfinden, hatte sein konservatives Empfinden, das mit der Nähe milch und seine Bagage werden dem Schöpfer danken, wenn des Wahltages immer ausgeprägter wurde, aufs schwerste sie mit gesunden Gliedern nach Hause kommen. Mag sich das verlegt. Er hatte so sicher geglaubt, die liberalen Gesindel für uns untereinander die Köpfe blutig hauen; was Ideen in seinem Machtbezirke ausgemerzt zu haben, daß ihn brauchen wir uns hineinzumischen? Wir, die wir die Partei die Mittheilung, für Dienstag sei eine liberale Wähler- der Ordnung vertreten, haben das Recht, die vaterlandslose versammlung im Bahnhofs- Wirthshause zu Wiesenau angesagt, Sippe mit dem Knüppel zur Vernunft zu bringen. Wenn die außer sich gebracht hatte. Sein sofortiger Versuch, den Wirth Feinde von Religion, Sitte und Ordnung ungerufen unseren zu veranlassen, die Hergabe seines Lokales zurückzuziehen, war Frieden stören, müssen wir uns unserer Haut wehren. Ich bin erfolglos. Sie wissen, ich fümmere mich nicht um Politik; für starke Mittel, damit ihnen das Wiederkommen gründlich aber meine Gäste sind liberal, sie wünschen die Hergabe des verleidet wird!" Lokals, und ich kann sie ihnen nicht abschlagen."
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Da hätte ich den Weichlich ja eigentlich gar nicht
Teßmer war wüthend und ließ den Gendarm rufen. Ich nöthig!" lege Ihnen aus Herz: bei dem geringsten Lärm schließen Sie Wenn Sie mehr Vertrauen in mich gesezt hätten, Herr die Versammlung."" Für Lärm will ich schon sorgen laffen", Teßmer, würden Sie mir die alleinige Durchführung der dachte Teßmer. Außerdem hatte er bei dem anderen Gaft- Wahlkampagne überlassen haben. Es scheint aber, als wirthe zu Wiesenau den Saal für denselben Abend bestellt, ob ich bald zu jenen Möhren gehören dürfte, die ihre Schuldig um sofort nach der Auflösung der liberalen Versammlung eine teit gethan haben."