Mnterhaltungsblatt des Worwärls Nr. 246. Donnerstag, den 16. Dezember. 1897. (Nachdruck verboten.) Der IsrubevliAfksn. 8] Roman von Koloman Mikszath. Und wieder maß er aufmerksam das Himmelsgewölbe. Mit einem Male richtete er sich im Wagen auf und rief zum Wagen Kristons hinüber:»Siehst Du, mein lieber Sohn, dies- seits des großen Bären die zwei kleinen Sterne, der eine ist sehr blaß, hellweiß, der andere feuriger, aber kleiner, sie be- finden sich gerade einander gegenüber?" »Ich sehe, Marczi Bacsi."*) „Nun, lenke den Wagen gegen die Seite der beiden Sterne, mein Lieber. Dort ist der Weg." Damit legte er sich wieder mit gutem Gewissen nieder, wie jemand, der alles ins Reine gebracht hat. Die Herren kletterten gleichfalls aus dem knietiefen Wasser auf die Wagen, allein bis der Oberrichter zu dem seinigen zurückgelangt war, befand sich Czinna nicht mehr dort. Ün- bemerkt war sie während der eingetretenen Verwirrung ver- schwunden, nur der große aufgelöste Zopf dunkelte aus dem Innern des Wagens hervor. Max nahm seufzend die Herr- lichen Haare in die Faust, dann begann er die Fäden in kleinen Büscheln in den Sumpf zu streuen. Die schwarzen Fäden sanken leise nieder, der Wind trug sie, so daß es schien, als flögen sie hinweg; das grünliche Wasser spielte mit ihnen und schlang sie um die Wasserlilien, um das Schilf und die buntkelchigen Erbsenblüthen.... Nachdem man endlich in Sicherheit war, hielt des Oberrichters Hand nur noch einen Faden, den er um seinen Ring wand. „Hoho!" rief er laut und dröhnend.„Wohin ist mein Mädchen gerathen? Auf welchem Wagen ist sie?* Von überall kam die Antwort:„Hier ist sie nicht! Hier auch nicht." „Gott sei Dank!" flüsterten die Senatoren erleichtert auf, „daß sie nun durchgegangen ist, die kleine Kröte!" Mit den Abenteuern hatte es nun ein Ende. Jetzt ge- langte man ohne Zwischenfall von den Tanyen zu Dörfern und von Dörfern zu Tanyen. Nur hier und dort verwischte sich der Weg, allein das that nichts, war doch Marczi da, der ihnen, so oft man ihn weckte, jederzeit den richtigen Pfad wies. „Fahrt nur geradeaus auf den blinkenden kleinen Stern zu, der dort neben dem kleinen Bären steht... VL Pintyö stellte die geladenen Böller auf dem Marktplatze auf; hier und da wurden Transparente errichtet:„Will- kommen!"„Vivat!" und dergleichen mehr. Der glänzend beredte Paul Fekcte büffelte gerade an einer Rede, welche also begann:„Wer kennt nicht den Ruf des weisen und achtungs- werthen Seneca?"(Selbstverständlich kannte ihn jedermann, denn Herr Paul Fekete lebte von den Aussprüchen dieses achtungswerthen und weisen Mannes.) Die Zigeuner des Bürüs strichen die Fiedelbogen mit Kolo- phonium, kurz, es wurden große Vorbereitungen getroffen, und man hätte vielleicht sogar die großen Glocken geläutet, wenn Herr Poroßnoki nicht bei Czcgled, von seinem richtigen Verstände geleitet, Pali, den schmucken Csikos, aus ein Roß gesetzt und ihm aufgetragen hätte, daheim zu sagen, daß man keine Komödien inszeniren solle, da zur Lustbarkeit keine Ursache vorhanden sei. Der Herold rief große Verstimmung hervor, brummig und ärgerlich sah man gegen Abend aus den Fenstern und hinter den Zäunen den Einzug der Vorsteher mit an. Kein einziges„Eljcn" war zu hören, nur die Hunde bellten hinter den Wagen her. Allein es war ja auch besser so, wozu die Schmach noch mästen, da sie ohnedies groß genug war!. Noch ani selben Abende erhielten die Osner Ereignisse Flügel, man erfuhr, wie die Köröser Kccskemet, das heißt, wie Kecskemet sich selbst„abgekocht" hatte, und wie ihnen der Sultan als Entgegnung auf die vielen kostbaren Geschenke und Schätze einen Kaftan hingeworfen. Schmach und Schande! Allein wie konnten sie den Mangel an Schamgefühl haben und den Kaftan auch nach Hause bringen? Am nächsten ») Onkel, oder dem Sinne nach, Gevatter. Tage sammelten sich große Mengen vor dem Stadthause; die angeseheneren Bürger gingen in den Saal hinaus, um hier aus amtlichem Munde das Ergebniß der Reise zu vernehmen. So war es nämlich Sitte nach jeder großen Expedition. Das gewöhnlichere Volk, Weiber und Bursche spektaknlirten draußen, schrien und suchten in unmöglichen Tönen eine Melodie zu dem Verse: „Kecskemet. magst glücklich sein, StaiserS Kaftan ist ja dein!" Einige des Weges kommende Großkoröser Fuhrleute steigerten noch die Gereiztheit. Tüchtig in ihre Pferde einhauend, schrien sie der Menge höhnisch zu: „Hält der Kaftan auch warm? Und fürwahr, er heizte den Senatoren dort oben tüchtig ein. Finster saßen sie in ihren Stühlen. Einige, so Herr Jnokai, ganz weichherzig und verzagt, nur auf dem schauen Antlitze des Oberrichtcrs leuchteten noch Math und Trotz. Poroßnoki malte die Ereignisse der Reise in einer schön koniponirten Rede. Sie waren in gutem Glauben vorgegangen und sie konnten nichts dafür, daß der Plan in Trümmer ging. Was wahr ist, ist nun einmal wahr, die Auslagen waren ungeheuer, aber sie hatten gedacht: Wer wagt, gewinnt! Anfangs hörte man fein ruhig zu, und die hübsche Rede würde vielleicht gar den Magistrat gerettet haben, halte nicht bei den Details, wo Poroßnocki mit großem Pathos sagte: „Und wir erschienen am Mittwoch vor Sr. Majestät dem türkischen Kaiser, der in königlichem Ornate da saß," hätte, wie gesagt, hierbei Gaspar Permete nicht dazwischen gerufen: „Eine Pfeife hatte er nicht im Munde?" Eine unbändige Heiterkeit malte sich auf allen Gesichtern, und von da ab folgte ein ungewaschener Zwischenruf dem andern. Die Autorität sank, und kaum hatte der erste Funke im Stroh verfangen, als auch schon alles aufloderte. „Sie haben das herrliche Geld dem Teufel in den Rachen geworfen! Kleider mit Karsunkelsteinen haben sie jenen Personen nähen lassen! Amtliche Gelegenheitsmacherl Eine Peitsche mit Edelsteinen haben Sie mitgenommen! Das Geld wurde hirnlos verschleudert. Sie haben uns zum Kinderspott ge- macht! Ich komme gerade von draußen und da schreien die Köröser auf dem Platze:„Hält der Mftan auch warm?" Eine solche Schmach unserer Stadt!... Darauf mögen Sie antworten!" Der riesig gebaute Josef Berkes sprang auf und mit hervorquellenden Auge», brüllender Stimme und drohender Faust wüthete er: „Danken Sie ab! Packen Sie sich vom grünen Tische!" Und nnheildrohend, aus hundert Kehlen durchbrauste den Saal ein Schrei, welcher daherfuhr wie der Orkan durch Baum- geäste. „Danken Sie ab!" Die aufgeregten Bürger drängten sich in einem stets enger werdenden Ring um den grünen Tisch. Lestyak warf seinen Stuhl um, knöpfte von seiner Weste das Stadtfiegel los, welches dort an einer Kette hing und warf dasselbe mit der Kette zu Boden, so daß es bis in die äußerste Ecke des Saales kollerte. „Da habt Ihr eS! Ich brauch's nicht!" Und er eilte zur Thür. Allein Blasius Putnoki stellte sich ihm entgegen. „Oho! Nicht so, Gevatter! Du bleibst. Ich klage Dich vor Gott und Menschen an, daß Du mit den Feinden der Stadt unter einer Decke gespielt, daß Du die Schätze unsere» Mutterkirche verkauft hast. Du bist der Gefangene der Stadt!" „Auf ivessen Anordnung?" fragte- stolz und kalt Lcftyak. Putnoki war betroffen, wie wenn man ihm die Zunge abgeschnitten hätte, Lestyak hingegen entfernte sich, die Saal- thür hinter sich zuschlagend. Der Reihe nach standen jetzt die anderen Senatoren auf, sich dem allgemeinen Willen unter» werfend. Sie legten ihr Amt nieder. In dem entstandenen Chaos brach sich Herr Joses Berkes Bahn bis zum Präsidenten» stuhle. „Ich beantrage, daß, bis nach reiflicher Neberlegung ein neuer Beamtenkörper gewählt wird, die Angelegenheiten der Stadt eine aus drei Mitgliedern bestehende Kommission führe. Ein katholischer, ein kalvinischer und ein lutheranischer Mit- bürger."
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14 (16.12.1897) 246
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