Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 7.
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Alltagsleute.
Dienstag, den 11. Januar.
Roman von Wilhelm Meyer- Förster.
lod asid nad 1898.
( Nachdruck verboten.) es sich aus, wenn sie kunstlos schilderte, wie das Atelier in der Jägerstraße hatte geräumt werden müssen und die Noth immer härter fam. Sie blühte in wenigen Tagen prächtig auf, trug die älteren Kleider Eva's mit einer naiven Koketterie und wurde Der ingeniöse Kopf des Agenten ersaun jetzt einen hervor- von dem ganzen Hause wie ein zugelaufenes Hündchen verhätschelt. ragenden Plan. Bei seinem Glück und seinen Erfahrungen Alles in allem war sie ein famoses Mädchen mit runden Formen, in Sachen des Roulettespiels mußte es ein leichtes sein, ein- niedlichen flatternden Locken und einem freundlichen hübschen Gemal einen wirklich großen Schlag auszuführen, und zwar war sicht. Ueber die einfachsten Dinge hatte sie eine findliche Freude, das nur möglich, wenn er sein Glück in dem Wallfahrtsort und ihre Dankbarkeit, vor allem gegen den Justizrath, war an dem Ufer des Mittelländischen Meeres erproben fonnte. unbegrenzt und aufrichtig. Am wenigften gut fam sie mit Mit den sechshundert Mark, die er allmälig der Tante Abraham aus, der nun einmal das Mißgeschick hatte, mit abgeschröpft hatte, war das natürlich nicht durchzusehen, seinen bizarr häßlichen Zügen und seinem ewig schweigenden und nur wenn das Trauermagazin für diesen Feldzug ge- Ernst keine Freunde zu erwerben. Auch er war freundlich wonnen wurde, stand ein Erfolg in Aussicht. Als er mit großer zu ihr, aber in einer Weise, die sie nicht verstand. Bis Zungenfertigteit und einem erstaunlichen Maß von Ünver- weilen, namentlich in der ersten Zeit, sprach er mit ihr über frorenheit der Tante seinen Plan auseinandersetzte, war diese das Eleud armer Lente, aber sie mochte daran nicht mehr zunächst ganz starr. Der Agent hatte indessen Beweise zur erinnert sein und antwortete schen und verlegen. Sie hatte Hand. Das Roulette wurde aufgestellt und das mathematisch ja nun alles so schön wie nie; der Justizrath, der sie gern fein ersonnene System mit Streichhölzeru( die je hundert Mark mochte und ihr am zweiten Tage sogar einen feierlichen Kuß bedeuteten) dargelegt. Der Tante nicht nur, sondern auch auf die Stirn gedrückt hatte, versprach ihr, sie solle immer Christians und der Mutter bemächtigte fich bei diesem Er- bleiben, was war da noch groß zu reden von den alten periment eine enorme Aufregung. Christian drehte, der Agent häßlichen Tagen! setzte, und ehe eine halbe Stunde vorüber war, hatte der legtere zwölftausend Mark in Streichhölzern gewonnen. Die Tante ließ sich ein Glas Wasser geben, und die Sache nahm ihren Fortgang. Jetzt kam der große Schlag. Auf Roth standen sechstausend Mark, und Roth gewann. Aber der Agent zuckte mit keiner Wimper, sondern ließ den verdoppelten Betrag stehen. Und noch einmal und zum drittenmal. Er hatte in Zeit von drei Minuten ein Vermögen von hundert tausend Mark eingejackt. Es sollte sofort weiter probirt werden, aber der Agent erklärte, er habe genug. Die Tante verlangte fategorisch, er sollte noch einmal sehen, er that es jedoch nicht.
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Dieses fast leichtsinnige Vergessen der kümmerlichen Vergangenheit befremdete auch Eva, auch den Justizrath. Uebrigens war Eva dem Mädchen von Anfang an nicht richtig begegnet. In dem jungen Glück der Braut und der Angst um den kranken Liebsten hatte sie das Kommen der Fremden wie eine Schicksalssendung betrachtet und sie mit so stürmischer Liebe überhäuft, daß bald eine leise Abkühlung eintreten mußte. Ein Schüßling" soll immer recht behutsam angefaßt werden. Er ist ja kein Spielzeug, deffen man müde werden darf. Alle Menschen haben wohl irgendwann einmal eine solche Schützerlaune, dann wird das arme Geschöpf am ersten Tage mit Leckerbissen überhäuft, am zweiten allen Befannten gezeigt, es begeht am dritten Tage eine fleine Unart, wird am vierten Tag bereits läftig und sieht am fünften Tage die Thür von außen.d
So wurde denn an diesem Abend der große Plan aus gearbeitet und in allen Grundzügen festgestellt. Alles in allem wurde die Kriegskaffe nach langem Handeln und Feilschen auf zweitausendfünfhundert Mark bemessen: zweitausend Mart So entdeckte auch Eva an ihrem Schüßling bald bedenk seitens der Tante, vierhundertsiebzig Mark von Albert, zehnliche Untugenden. Mit der Wahrheit nahm es das gute Mart von seiner Mutter und zwanzig Mark von Christian, Aennchen nie recht genau, und ein hervorragender Fleiß der neuerdings als lateinischer Lehrer eines jungen Adeligen war ihr keineswegs eigenthümlich. Sie schlief so lange, bedeutende Summen verdiente. Von dem Gewinn sollten zu- daß sie immer energisch geweckt werden mußte, und sie hatte nächst die Reisekosten und drei Mark Tagesspesen für Albert plebejische Angewohnheiten, namentlich ein bärenmäßiges abgezogen werden, ferner fünfhundert Mark für die Noth- Lachen, das verschiedene junge Damen aus Eva's Bekannt leidenden in Weißensee ein zarter Wink für höhere Mächte schaft peinlich berührte. Aber sie hing doch auch an Eva mit - und tausend Mark als Reservefonds für fünftige Fälle. so großer Dankbarkeit, daß diese über die Mängel sich hinwegs Der Rest sollte gleichmäßig je nach der Höhe der Einlagen sette. Und dann war ja das Schicksal des Mädchens unter die vier vertheilt werden. Allerdings lag ein leifer Ver- lediglich von des Justizraths Ermessen abhängig, der von seiner dacht nahe, daß Albert unkontrollirbar und durch den Gewinn neuen Hausgenossin fast zu sehr eingenommen schien. Er geblendet den Löwenantheil für sich behalten würde, und die scherzte mit ihr, gab ihr aus seiner Bibliothek Bücher, die sie Tante, die fein Blatt vor den Mund nahm, gab dieser Ver- lesen sollte, und war froh, bei Eva's nicht gerade rosiger muthung auch ohne weiteres Ausdruck. Arme Schlucker lassen Stimmung ein immer munteres Mädchen um sich zu haben. fich derlei Verdächtigungen eventuell gefallen, nicht aber Lente, Schließlich war er auch ein zu lebenslustiger Mann und der die sechshundert Mark in der Tasche tragen und soeben, Anziehungskraft weiblicher Wesen seit alters zu sehr unterthan, wenigftens mit Streichhölzeln, ein Vermögen verdient haben. um nicht auch an ihrer ganzen Erscheinung Gefallen zu finden. Der Agent zog mithin Saiten auf, wie sie die Tante noch nicht Sie blühte bei dem vortrefflichen Leben auf, wie eine tennen gelernt hatte, und nur Christians zitatenreicher Ver- Pfingstrose", und der enge häusliche Verkehr zeigte dem An söhnungsrede und wahrhaft frommer Milde gelang es, das walt seinen hübschen Schüzling bisweilen in höchst reizenden Einvernehmen wiederherzustellen. Situationen. Er war dann tapfer genug, sofort einen energischen Kampf mit seinem weniger guten Jch aufzunehmen, aber ganz allmälig kam es ihm doch zum Bewußtsein, daß er das muntere Ding verteufelt gern um sich sah, und zwar nicht einzig dieser Munterfeit wegen.
Jettchen mußte aus der Weinhandlung nebenan den Fahrplan holen, die Tante entnahm dem eisernen Geldfchrante zwei große grane Scheine, und begleitet von den Segenswünschen aller nahm der Agent Abschied, um in der Frühe des nächsten Morgens, dritter Klasse natürlich, gen Süden zu fahren.
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Die Tage schlichen nur langsam dahin. Es waren jett mehr als drei Wochen vergangen seit jenem Abend, da Klaus Christian war zu aufgeregt, um schon schlafen zu können, mit seinen Angehörigen hier gewesen war, und Eva hatte ihn und so begleitete er den Bruder, der davon wenig erbaut war, nicht wieder gesehen. Von seinem Krankenlager tamen täglich bis vor dessen Thür. Es war erst elf Uhr, und mit großem Briefe, die von dem liebevollsten Herzen als zärtlich gedeutet Jugrimm mußte der Agent die dunkle Treppe hinauf- und stürmisch erwidert wurden, und der Bursche hatte bei steigen. Aber oben befann er sich eines besseren, trottete wieder seinen Botengängen herrliche Tage. Die Familie Simon hinunter und verlebte einen wirklich hübschen Abend. machte einen feierlichen Besuch bei der Geheimräthin, und
VII.
Eva hatte den fremden Schüßling wie eine Schwester auf genommen. Der Justizrath fonnte leicht ermitteln, daß die Angaben Alennchen's auf Wahrheit beruhten, und sehr traurig nahm
Klara, Klaus' älteste Schwester, ließ sich bisweilen bei Eva sehen. Sie war ein verschüchtertes Ding von sechsundzwanzig Jahren, schmal, schlank, eines von den armen Menschenkindern, die all ihr Leben neben der großen Heerstraße marschiren und nie den rechten Weg wissen. Kein seltsamerer Kontrast, als