Hwterhaltmlgsblatt des Vorwärts Nr. 37. Dienstlig, de» 22. Februar. 1393. (Nachvrul! vtrbolen.) Nllkagsleuke. Roman von Wilhelm Meyer-Förster . DaS Projekt mit demHof von Preußen" brachte sie erst in Staunen, dann in lebhafte Erregung. Klara, mein lieber Richard", sagte sie,ist zur Dame geboren und zur Dame erzogen. Die innige und alles be- siegende Liebe zu Dir hat sie veranlaßt, in Verhältnisse nieder- zusteigen, die. Du wirst das nicht bestreiten, nicht korrekt für sie paßten. Nun aber muß das anders iverden. Du, lieber Richard, wirst mit Deiner edlen Erscheinung und Deiner Kenntniß der französischen Sprache in den vornehmsten Kreisen, ich will nicht sagen, eine Rolle spielen, aber gern gesehen sein. Kinder, genießt Euer Leben. Es ist kurz. Ach, es ist sehr kurz." So wurde derHof von Preußen" ad acta gelegt. Abends kamen Aennchen und ihr Bräutigam, die beide der Eeheimräthin vorgestellt und als Theilhaber der Millionen- schätze von ihr hoch geehrt wurden. Da Klara uun wirklich der Ruhe bedurfte, saß man im Nebenzimnier und junge Schoten mit Rinderzunge. Nichts ahnend nahm auch Frau Ohnesorge an dem Essen theil, aber alles was sie sagte, wurde von der Geheimräthin so scharf widerlegt, daß sie ganz verdutzt stillschwieg. Leider. Denn andernfalls hätte die Mama" ihr bündig erklären können, daß jetzt sie hier an Klara's Stelle das entscheidende Wort zu sprechen habe. Eine rechte Gemüthlichkeit wie an den letzten Abenden konnte nicht anfkonimen. und erst der fleißige Genuß des Port- weins erzengte in der Geheimräthin und damit auch in den anderen eine leidliche Stimmung. Um zehn kam Klaus, um sie abzuholen, aber sie erklärte, sie bleibe hier und kehre in ihre alte Wohnung überhaupt nicht mehr zurück. Ein unendlicher Segen, daß kein Bett für sie vorhanden war! Jedenfalls sei es aber die letzte Nacht, die sie fern von ihrer Tochter zubringe. Sie ging zu der schlafenden Klara hinein, küßte sie wach, küßte das Kind wach, duftete dabei stark nach Portwein, trank noch ein Abschiedsglas dieses für Zechgelage keineswegs be- rechneten Weines und kam so angeheitert und fidel nach Hanse, daß die Majorin, die natürlich noch wach war, jede Macht über sie verlor. Es war eine fürchterliche Rache, welche die Geheim- räthin an ihrer Peinigerin nahm. Sie hatte ihr ein Stück von der Füufzehnmarkorte mitgebracht, natürlich nicht um ihr eine Freude zu bereiten, sondern um der Majorin eine Ahnung von den lukullischen Genüssen zu geben, welche der Gehcimräthin nun täglich bevorstehen würden. Schweigend verzehrte die Majorin die Torte und hörte den ungeheuer- lichen Prahlereien zu: von einem Palast in der Thiergarten­straße, Ministem und Generalen, die zu Besuch dort kommen würden und so weiter. Schließlich aber machte sich der Port- wein allzustark geltend, und die Erzählerin brach mitten in der Rede ab, schluckte, murmelte etwas und schlief im Stuhle ei». Da nahm die Majorin die Lampe vom Tisch, steckte die Militärrangliste in ihre riesige Rocktasche, seufzte schwer ans und pilgerte hinüber in das Hinterstübchen. So endete ihr Namenstag. XXVIl. Endlich ist der Tag gekommen, an dem Papa Kreiser nach zwei Jahren Einsamkeit wieder ins Leben hinausspaziert oder richtiger: kutschiert. Eigentlich war es von Freund Albert nicht eben taktvoll und für Plötzensee sogar verletzend, daß er mit zwei silbcrgeschirrten Schimmeln vor dem Thore erschien und den Kutscher mit der Peitsche knallen ließ. Aber Papa Kreiser hatte daran seine helle Freude, und wenn ihm Koffer nachgetragen worden wären und sein Anzug dieser Fiktion entsprochen hätte, so würde ein Unbefangener vielleicht gedacht haben, es handle sich uui ein Hotel und einen begüterten Fremden, der auf Reisen gehe. Wohin befehlen der gnädige Herr?" fragte der nette kleine Grooui, und Papa Kreiser wußte nicht recht, ob der feine jtlnge Mann zu ihm spreche. Zunächst nach meiner Wohnung", sagte der Exagent, und forsch gefahren!" Zur erstell Stärkung erhielt Papa Kreiser im Wagen Lachsbrötchen mit uraltem Kognak, aber Albert bat ihn, darin mäßig zu sein, da noch ganz extraordinäre Genüsse bevorständen. Ein semmelgelber Sommerpaletot und ein Pariser Cylindcrhnt veränderten bereits in der Kalesche des Papa's äußeren Menschen vortheilhaft, und alles und jedes hatte der Exagent so nett vorgesehen(Cigarren, Parfüm, eine Nagel» scheere, Schnupftabak, sHandschuhe ec.), daß dem Alten gleich recht gemüthlich wurde und er seinen famosen Schwiegersohn noch mehr ins Herz schloß. Waren es dreißig Minuten oder fünf, die man gebraucht hatte bis zur Bülowstraße? Jedenfalls waren sie vergangen wie ein Traum. Der Groom sprang wie eine Feder vom Bock und half Herrn Kreiser beim Aussteigen, die Schimmel -- ungarische Jucker, first class ließen sich vom Papa streicheln, und Albert, der, wie der graue Mann imSchlemihl", alles zur Hand hatte, nahm aus der Tasche Zucker und gab es f apa, um die braven Schimmel danlit zu belohnen. Herr reifer hatte schon vielerlei im Leben vollführt, jedenfalls aber noch niemals Pferde gefüttert, er stellte sich deshalb etwas un- geschickt an. Aber Leute, die Pferde besitzen, müssen denselben auch Zucker geben, das ist klar, und schließlich machte das dem Alten Vergnügen. Das Handpferd," erklärte Albert,heißt Hektar, das andere Molly, es sind Kapitalgänle. Was?" Er strich den Pferden an den Vorderbeinen entlang, wie das die Pferdehändler thum, um die Sehnen zu prüfen, und Molly mußte ihr Maul aufsperren und durch ihre Zähne dokumentiren, daß sie noch jung sei. Papa verstand natürlich von allem dem gar nichts, aber es machte ihm Riesenspaß, und von den ganzen Herrlichkeiten dieses Tages gefiel ihm schließlich nichts so sehr als seine beiden Schimmel. Franz, der Kutscher , saß währenddessen wie eine Statue auf dem Bock, und da er bereits bei Silberstein und Harry Krotoschin Kutscher gewesen war, konnte sein fachmännisch ge- bildeter Verstand sich über die Gäulebewunderuug und die falschen Urtheile nicht weiter ärgern. Nun betrat man das H aus und durch eine Flucht bild- schöner Zimmer wurde Papa in seines künftigen Schwieger- sohnes Schlafgemach geleitet. Albert bat ihn, sich hier umkleiden zu wollen, und zog sich respektvoll zurück. An seiner Stelle erschien ein schwarz- gekleideter Herr mit weißer Halsbinde, verneigte sich und äußerte die Absicht, Herrn Kreiser behilflich zu sein. Der wußte nicht recht, was der fremde Herr meinte, da er aber nach den Schimmeln und den sieben luxuriösen Zimmern sich über nichts mehr wundern konnte, fand er es ganz natürlich, daß der Fremde ihm die Stiefel auszog. In den nächsten zehn Minuten schob ihn der Herr bald rechts, bald links, hüllte ihn in Seifenschaum und Parfüms, knöpfte ihm Stiefel an und Wäschestücke der merkivurdigstcu 5konstruktion, schnitt ihm Bart und Haare bis zur Unkenntlichkeit, verneigte sich dankend und verschwand. Herr Kreiser trat vor den riesigen Spiegel am Fenster und traute seinen Augen nicht. Er war ein Mann geworden in Frack und Lackftiefeln, mit steifem englischem Halskragen und blitzenden Hemdknöpfen, ein Mann mit Manschetten, und einem vor dem Bauch baumelnden runden Glas. Den Zweck des letzteren verstand er nicht, denn die Monokles waren zur Zeit seiner Freiheit noch nicht recht Mode gewesen, unangenehm aber waren die Manschetten, da sie fort- während über die Hände fielen. Dagegen war aber wohl nichts zu machen. Nun erschien auch Albert, gleichfalls im Frack, that in höflicher Weise keineswegs verwundert, reichte Papa den semmelgelben Paletot und den Pariser Zylinder und bat ihn, mit zu kommen. Wieder trabten die Schimmel, und Albert erklärte, daß man jetzt zu Papa's neuer Wohnung am Kurfürstendamm fahre, ,vo die ganze Verwandtschaft zu einem kleinen Begrüßungs- diner versammelt sei. DerUralte" wurde noch einmal zur Stärkung heran- gezogen, und der arme Herr Kreiser, an die Tracht der Plötzen- seer Leute gewöhnt, erklärte angstvoll, daß er in dem Hals- kcagen zu ersticken drohe.