Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 59.

Donnerstag, den 24. März.

( Nachdruck rerboten.)

18 Am häuslichen Herd.

Roman von Jwan Franko.

Was war mir, was ist geschehen?" fragte er, ohne sich von der plötzlichen, sonderbaren Katastrophe so recht Rechen­schaft ablegen zu können. Gestern bin ich doch aus Bosnien heimgekehrt! Gestern, gestern noch, war ich ja glücklich, so glücklich wie noch nie in meinem Leben! Ich fragte sogar den Herrgott, warum er mir so viel Glück bescheerte! Ich Dumm Topf, ich Dummtopf! Wie tonnte ich ahnen, wie voraussehen, daß mein ganzes Glück nur Täuschung, nur Fata morgana, nur eine Seifenblase war? Und die Seifenblase zerftob. Was nun?" uduside

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Der Hauptmann war warm gekleidet, auch ziemlich ab­gehärtet; doch fühlte er, daß in diesem Augenblicke eine schreck liche Kälte sein ganzes Wesen durchdrang, ihm bis ins Herz und ins Gehirn stieg und ihm große Schmerzen bereitete. Und er begann wieder, wie ein verfolgtes Wild, eilig weiter zu gehen, bei dem Landtagsgebäude vorbei auf die Mickiewicz Gaffe, dann hinauf zur ruthenischen Jur- Kirche. Erst auf dem Jur- Blah blieb er stehen und holte tief Athem. Dann be­gannen seine Gedanken wieder zu arbeiten. Er rief sich die vor furzem im Kasino durchlebte Szene ins Gedächtniß.

1898.

ertappt, der gewissenhafte Mann, der so fürchterliche Ver­dächtigungen nicht in die Luft hinein schleudern würde, der Mann, der sein Schulfollege und treuester Freund war. So mußte es also wahr sein? O, dann fluche ich dem Tag, an dem ich geboren, der Stunde, in der man mich zum ersten mal ein menschliches Wesen nannte! Dann giebt es keine größere Schande in der Welt, als Mensch zu sein!

Der Hauptmann zitterte wie im Fieber. Nach einem halbstündigen planlosen Herumlaufen fand er sich plötzlich auf der Bäckergasse gegenüber dem Hause, in dem seine Wohnung war.

Im Fenster des Schlafzimmers brannte Licht; der Haupt­mann stand auf der entgegengesetzten Seite der Straße am Trottoir und schaute in das Licht hinein.

Sie wartet auf mich"- flog's ihm durch den Sinn. Die Gedanken eilten ihm chaotisch, wie welte, vom Herbstwind getriebene Blätter durch den Kopf.

Und die Kinder, meine Kinder nennen sie Tante diese... diese..."

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Nein! Nicht um alle Schäße der Welt fonnte er jetzt in seine Wohnung treten! In der Gemüthsverfassung, in der er sich befand, hätte er sicher Angela oder sich selber getödtet.

Er fuirschte mit den Zähnen. Von furchtbarem Zorn übermannt stürzte er auf das Hausthor zu. Er riß heftig an der Glocke, um den Hausmeister zu wecken und eiligst in's Schlafzimmer zu dringen; dort wollte er sie zwingen, ihre Schuld einzugestehen und dann sie erwürgen, mit seinen Zähnen in Stücke reißen, und zwar sogleich, an Ort und Stelle! Das Was wollen sie denn von mir? Wofür strafen sie war seine Idee. Kaum jedoch hatte er sie bis zu Ende ge mich? Ich habe ihnen doch nichts Schlechtes angethan! dacht, als er selbst vor ihr erschrat, vom Hausthor auf Die Niederträchtigen, die Elenden! Mich so ins Herz die andere Seite des Trottoirs wegsprang und wie ein Feig zu treffen, mich erst moralisch und dann physisch zu vernichten! ling eilig davonlief, daß der Hausmeister ihn nicht erblicken, Denn offenbar ist es das, wonach sie streben. Sie verleumden erkennen und zum Eintreten zwingen follte. meine Frau, bewerfen mit Schmuh, was mir am heiligsten ift. Sie haben ja eine wahre Verschwörung gegen mich an gezettelt. Wenn Du, Redlich, es nicht übernehmen willst, so ist jeder von uns bereit es zu thun." Das waren doch ihre Glücklicherweise hatte die Glocke nach Lemberger Art den Worte. Man hatte mir eine Falle gestellt, mich umringt, um Dienst versagt, oder der Hausmeister vielleicht das einmalige ganz sicher zu sein, daß ich nicht entkomme. Diesen Dumm Läuten überhört, furz das Thor blieb verschlossen. Nach kopf, den Redlich, schichte man mir mit Absicht ins Haus, daß einigen Augenblicken tödtlicher Angst, die der Hauptmann ver er mich provozirt, beleidigt, und so in die Falle lockt. D, die steckt an der Straßenecke zugebracht, zitternd und wie ein Dieb Elenden, die Elenden, die Judassöhne! Aber wartet nur, so nach allen Seiten herumspähend, begann er ruhiger zu werden leicht laß ich mich nicht vernichten. Ich werde fämpfen, mit und über sein Verhältniß zu Angela fühler nachzudenken. den Zähnen mich wehren, so leicht werdet ihr nicht und sie erwartet mich!" segte er den unterbrochenen Ge­triumphiren!" dankenlauf fort sie ist unruhig, sie wundert sich, warum Er richtete fich hoch auf, warf einen haßerfüllten Blick ich nicht fomme. In früheren Zeiten weinte sie, wenn ich sie auf das Häusermeer, das mir hie und da von flackernden so spät allein ließ. Jezt muß sie daran gewöhnt sein. Und fleinen Lichtern und entferntem Wagengeraffel belebt zu seinen noch an manches andere hat sie sich gewöhnt! Was Redlich Füßen sich ausbreitete, zog dann den Säbel aus der Scheide von ihr gesagt, das ist ja vollständig wahr! Ich fühle das und durchschnitt damit die Luft, daß es laut pfiff. Dann mit meiner Seele, mit meinem ganzen Wesen. Dieses Gefühl versorgte er wieder den Säbel und kehrte leichten Schrittes bringt Wahnsinn über mich! Unglück! Verzweiflung! und mit erhobenem Haupte durch die Mickiewiczgaffe vor das Er sprach doch von Beweisen! So weit hat es also Landtagsgebäude zurück. meine geliebte, vergötterte Frau, die Mutter meiner Plöglich jedoch blieb er betroffen auf halbem Wege stehen, Rinder gebracht! Nein, das tann ich unmöglich ertragen! Jezt, das graufige Ungeheuer, das ihn von dem Augenblick, da er gleich, auf der Stelle müssen wir abrechnen für das Kasino verlassen, unablässig verfolgte und von weitem immer! So, oder so, zusammenleben können wir ohnehin nicht bedrohte, versenkte ihm jetzt erst seine Krallen in die mehr."

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Brust. Es war dies ganz unmerklich, ganz unerwartet ges Und er schritt wieder auf das Hausthor zu. Raum war schehen. Er war eben ruhiger geworden, der Entschluß. sich er jedoch bis in die Mitte der Straße gekommen, als er den morgen an den gegen ihn verschworenen Offizieren zu rächen, feuchenden Athem und die schweren Tritte des Hausmeisters schien ihm Kraft und Sicherheit zu verleihen. Und in dieser zu hören glaubte, der ihm das Thor öffnen wollte. Gleich­Gemüthsverfassung kam ihm der Gedanke: Ich will nach zeitig fiel ein Lichtstrahl aus Angela's Fenster auf die Straße; Hause gehen." In diesem Augenblicke spürte er die Pranke in diesem milden, schwachen Licht, das durch das dichte be­des Ungeheuers, fühlte er einen ungeheuren Schmerz in der wegliche Netz wirbelnder Schneeflocken dringend eine blaẞrothe Brust und jah das Todtenantlig der Verzweiflung ihm grauen. Färbung erhielt, sah seine erregte Phantasie das Spiegel­haft ins Auge blicken. bild einer Blutlache und von wahnsinnigem Schreck Nach Haus? Wozu denn? Was habe ich dort zu suchen?" erfaßt, ohne ohne weitere Ueberlegung und ohne sich ums Diese Gedanken knarrten in seinem Kopfe, wie die Angeln zusehen, lief er säbelklirrend vom Hausthor fort, einer Thüre, die in den Höllenschlund führte. Die die Bäckergasse hinauf und bog in ein Seitengäßchen. Ein unterirdischen Höhlen, wo einst die Menschen unter Polizeimann, der an der Straßenecke stand, sah den davon­raffinirten Tortur- Werkzeugen Folterqualen gelitten, waren eilenden Offizier, und in der Meinung, daß etwas geschehen Orte des Vergnügens und der Erholung, im Vergleich mit dem war, was seine Intervention erforderte, begann er, ihm nach­Höllenabgrund, der jetzt seinen Rachen in der Tiefe seiner zueilen. Als der Hauptmann das merkte, bog er in die dunkle Seele öffnete. St. Antonsgasse und eilte den Berg hinauf.

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Seine Frau sollte ja ein Ungeheuer, ein Vampyr sein, Herr! Herr! warten sie doch!" rief der Polizeimann, der der sich von Menschenblut nährte. Dieses schöne, unschuldige, sah, daß er ihn nicht einholen konnte. Doch der Hauptmann liebende und geliebte Wesen ist eine Teufelin, die mit hörte sein Rufen nicht. Der Polizeimann pfiff, um die Hilfe schuldige jenes Satans in Weibsgestalt. Redlich hatte es seiner Kollegen anzurufen, doch andere Polizeimänner befanden ihm gesagt, der Mann, den er noch nie auf einer Lüge sich nicht in der Nähe, und der Pfiff verhallte ohne Echo.