Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 141. Donnerstag, den 21. Juli. 1898 (Nachdruck verboten.) 37J Htm die Iseeiherk. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1523. Von Robert Schweichs l. Jeder einzelne wurde bei seinem Namen aufgerufen und von dem ersten Bürgermeister bei Pflicht und Gewissen be fragt, ob der Rath auf seinen Beistand zählen dürfe, um die Empörung der Bauern zu ersticken? Schon waren 25 Bürger auf die Seite des Rathes getreten, als Stephan laut seine Stimme erhob:Wo denket Ihr hin? Seid Ihr Knechte oder Bürger? Wollet Ihr ohn' Bedacht und Ueberlegung in Euer Verderben rennen, an Euren Brüdern zu Mördern werden? Tretet ab, überlegt erst!" Die Bürger wurden stutzig, so ohne war die Mahnung nicht. Herr Stephan fuhr fort zu rufen:Raus! Raus!" Bald war niemand mehr ini Saale als die fünfundzwanzig und von diesen bat der alte Lienhart Stock:Ihr Herren, ich bin ein alter, kranker und tauber Mann, ich kann zu solchen Sachen nichts thun, ich bitt' um Urlaub." Damit folgte er den anderen, die Ritter Stephan in den Ring führte, in dem das Blutgcricht gehalten wurde. Es war dieses ein großer hoher Saal mit einer kunst- voll geschnitzten Holzdecke, der durch viele hoch angebrachte quadratische Fenster vom Westen her sein Licht empfing. Eine steinerne Schranke von zierlicher Arbeit schied das Tribunal von dem übrigen Theil des Saales. Von Stein waren auch der Hochsitz des Richters und auf beiden Seiten die Bänke für die Schöffen. Die Wand dahinter schmückte ein kolossaler Reichsadler, und über einer Seitenthür las man auf einer Steintafel in altdeutschen Buchstaben den Spruch: Ains. ManneS. red. ein. halbe. red. Recht. ist. man. sol. sie. verhören. bed. Seht. eins. mans. red. ein. halbe. ist. So. sol. man. merken. ir. beder. list. An derselben Wand befand sich in einem verschließbaren Schrein aus Stein gehauen und reich gefärbt eine Darstellung des jüngsten Gerichts. Auf Menzingen's Vorschlag wurde der Rath von den Versammelten ersucht, ihnen sein Begehren zur reiflichen Erwägung schriftlich zuzustellen. Unterdessen füllte sich der Saal mehr und mehr; die Anhänger Menzingen's in den sechs Wachen sorgten dafür, daß die beiden Räthe in ihrer Stube einsam blieben. Eine unabsehbare Menge staute sich vor dem Rathhause auf der Hcrrengasse und dem Marktplatze, und auf dem letzteren stand der blinde Mönch und mahnte zur Brüder- lichkeit mit den Bauern. Gearbeitet wurde an diesem Tage in keiner Werkstatt, und so befanden sich auch viele Gesellen in der Menge. Am zahlreichsten waren die von der Zunft der Tucher, welche nicht nur die Weber, sondern auch die Woll- kränipler, Spinner, Scheerer und'Färber umfaßte. Sie hatten ihre Degen angehängt und schienen gar guter Dinge zu sein. Ursache dessen war Kaspar Etschlich, dessen Bemerkungen ihre Heiterkeit erregten. Unterdessen sprach Stephan von Menzingen im Saal zu den Meisten! und Bürgern.Wollet Ihr," fragte er sie,dem Rathc zu Lieb gegen Euch selbst sein, der uns bisher so ge- drückt hat und Euch bald noch härter, unerträglich drücken wird? Folget mir, ich will Euch den Weg zur Freiheit führen! Ich will es verantworten vor Kaiser und Reich!" Die stolze Haltung seiner großen, zur Fülle neigenden Gestalt, das Rollen seiner dunklen Augen unter den breiten Lidern, seine kühne Sprache rissen die Versammlung fort. Mit einhelliger Zustimmung begrüßte sie seinen Vorschlag, einen Gemeinde- Ausschuß zu wählen, der dem Rathe zur Seite stehen und ihm gegenüber das Volk wahrhaft vertreten sollte.Nicht mir Beschiverden führen soll er," verfolgte er sich.Er hat inehr zu thun; denn wann hätte der Rath den Beschwerden der Bürgerschaft ein geneigtes Ohr geliehen? An die Spitze muß er sich stellen, die Gewalt mit dem Rathe theilcn, die Streitig- leiten zwischen ihm und der Bürgerschaft entscheiden, seine Schritte überwachen, die Rechnungen kontrolliren und die Hut der Stadt übernehmen." Noch mancher ergriff nach ihm das Wort, um seinen Vor- schlag zu unterstützen und die Nothwendigkeit-der Aufgaben des Ausschusses in seiner Weise durch Beispiele aus seiner eigenen Erfahrung zu erhärten. Es war für viele eine will- kommene Gelegenheit, das erlittene Unrecht, das sie bisher stumm hatten tragen müssen, offen auszusprechen. Es goß Oel in das Feuer. Ueber die Wahl des Ausschusses, der aus zweiundvierzig Mitgliedern bestehen sollte, der gleichen Zahl, wie der äußere Rath, drang die Nachricht in den Ring, daß ein Bote des Markgrafen Kasimir mit einem Schreiben an den Rath eingeritten sei. Ha," rief der Ritter von Menzingen mit mächtiger Stimme,der bringt die Zusage, daß Herr Kasimir kommen und die Stadt einnehmen will. Der Rath hat an ihn um Hilfe geschrieben. Gebet acht, die Reiter sind schon im An- zuge?" Zu den Thoren! Zu den Thoren I" riefen Jos Schad, der Gerber, und Lorenz Knobloch. Die Schlüssel dem Ausschuß!" rief von Monzingen den Davoneilenden nach, denen ein Theil der Versammlung folgte. Unter den Zurückbleibenden schlug die augenblickliche Be- stürzung über die Nachricht in heftigen Zorn um.Verrath!" riefen die einen.Da sieht man, was die Bürger- schaft sich von dem Rath zu versehen hat," die anderen.Verräther sind sie alle," knarrte Melchior Mader, der Schuhmacher. Hans Krätzer forderte, daß man sie aus dem Rathhaus jage und Hans Leupold der Beck rief in den wachsenden Tumult:Schmeißt sie aus den Fenstern!" Fritz Dalk der Metzger Lberdröhnte ihn mit dem Ruf:Stecht sie ab l Schlagt sie todt!" Schon machte man Miene, nach dem Sitzungszimmer des Raths zu stürmen, als ans dessen Bitten, der den Tumult vernahm, der Altbürgermeister Ehrenfried Kumps in den Saal sich wagte. Georg Bermeter begleitete ihn. Herr Ehrenfried sprang auf die nächste Schöffenbank und bei dem Anblick des wegen seiner Redlichkeit und protestantischen Gesinnung all- gemein beliebten Mannes beruhigte sich die Aufregung so weit, daß er sprechen konnte. Er berichtete kurz, daß Markgraf Ltasimir wie schon einmal so auch jetzt wieder dem Rathe seine Hilfe gegen die Bauern angeboten, der Rath sie aber ab- gelehnt habe.Narrengeschwätz, Fabeln," rief ihm von Menzingen entgegen.Lasset uns den Brief des Markgrafen sehen und die Antwort des Rathes!" Herr Ehrenfried reichte beide Schreiben hin. Sie bestätigten seine Angaben.Wohl," sprach Stephan von Menzingen,will der Rath ernstlich in Güte mit den Bauern handeln, so saget ihm, daß wir, der Ausschuß, die Hand dazu bieten." Es wurde ihm laut bei- gestimmt und Ehrenfricd Kumps entfernte sich mit der Be- merkung, daß er es dem Rathe berichten werde. Während die Versammlung nun weiter in der Wahl des Ausschusses fortfuhr, waren von der bei dem Rathhausc der- sammelten Menge, die auf den Ruf Krätzer's und Knobloch's nach den vier Stadtthoren gestoben war, diese geschlossen worden. Kasper war mit seinen Zunftgenossen nach dem Röder Thor geeilt, dort aber mit ihnen links an der Stadt- mauer entlang nach dem Weiberthurm gestürmt, vor dem sie Halt machten. Mit Fäusten und Schwertknäufen hämmerten sie an die Pforte. Das graubärtigc Gesicht des Gefangenwärters erschien an einem vergitterten Fensterlein in mittlerer Höhe und Kaspar rief ihm zu, daß er öffnen sollte.Was soll's? Was giebt's?" fragte jener herunter.Sperr' die Thür auf," wiederholte Kaspar seine Ausfordenmg.Eil Dich, in drei Teufels Namen I" Der Alte maß ihn und seine Gefährten mißtrauisch und ver- schwand. Die Pforte aber blieb geschlossen.Wartet einen Augenblick," rief Kaspar und lief nach dem nur wenige Schritte entfernten Hause seines Vaters, von wo er mit einer Axt zurückkehrte, und sogleich hieb er auf die eichene Pforte ein, so daß die Späne flogen. Wieder zeigte sich der Grau- bart am Fenster.Was ist denn los? Was wollt Ihr?" fragte er mit starker Stimme.Gieb die Käthe heraus, die Käthe Neufser," riefen die jungen Gesellen im Chor, während Kaspar's Axt wuchtig gegen die Pforte zu schmettern fortfuhr, und von den Leuten, die inzwischen vom Röder Thor auf den Lärm herbeigekommen waren, riefen viele:Heraus mit der Käthe!" Der Kerkernicister blieb stumm. Er drückte sein Gesicht so nah als möglich an das Gitter und schaute hinunter und